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GEMEINSAMER MARKT / INTEGRATIONS-POLITIK Verwelkte Träume

aus DER SPIEGEL 5/1969

Wir müssen ein Vereinigtes Europa schaffen«, so forderte Winston Churchill auf dem Haager Kongreß 1948, »ein Europa, dessen moralische Konzeption den Respekt und die Dankbarkeit der Menschen erringt und das so stark ist, daß niemand es zu belästigen wagt.«

Einundzwanzig Jahre nach Churchills programmatischer Rede untersuchte sein Landsmann Anthony Sampson, Journalist und Autor des Bestsellers »Anatomy of Britain«, ob und wieweit die Europäer das Ziel erreicht hahen**. In seiner »Anatomie des heutigen Europa« stellt er die Diagnose: Die Träume von einem einigen und aus eigener Potenz mächtigen Kontinent sind längst verwelkt. Obwohl sich seit dem Haager Kongreß fast ein Dutzend supranationaler Gremien konstituierte, »mißtrauen die Europäer einander genauso wie zuvor«.

Jean Monnet, der Vater der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, hatte gehofft, daß die Europa-Institutionen den Nationalismus aufweichen und ein europäisches Bewußtsein wecken würden. Monnet noch 1953 zum SPIEGEL: »Europa kommt schneller, als Sie denken.«

Doch Europa kam bis heute nicht. Ohne Rücksicht aufeinander steuern die Europäer ihre Konjunktur nach wie vor national und konnten sich bisher nicht einmal auf eine gemeinsame Sozialpolitik -- »wichtigste Voraussetzung für ein europäisches Staatsbewußtsein« (Sampson) -- einigen. Und: »Die Agrarpolitik, der einzige supranational gesteuerte Bereich, schuf nur eine unattraktive Gemeinde unfähiger und verhätschelter Bauern.«

Im Grunde ist aus der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, meint Sampson. kaum mehr als ein »unbehaglicher

* Coca-Cola-Abfüllwerk in Berlin-Licherterfelde, IBM-Verwaltung in Sindelfingen.

** Anthony Sampson: »The New Europeans": Hodder and Stoughton, London 462 Seiten; 50 Shilling.

Zollverein« geworden, dessen Effekt noch dazu fragwürdig erscheint.

Denn trotz Zollabbau und Einigung über ein gemeinsames Umsatzsteuersystem (Sampson: »die einzig positive Leistung des Gemeinsamen Marktes") hat sich an den Preisdifferenzen in den europäischen Supermärkten und Kaufhäusern wenig geändert.

Wenig geändert hat sich auch am Kooperations-Unwillen der europäischen Bosse, In den letzten zwanzig Jahren fusionierten Hunderte von westeuropäischen Unternehmen. Doch die deutsch-belgische Ehe der Photowerke Agfa und Gevaert und die der Autohersteller Fiat und Citroen blieben bisher die einzigen intereuropäischen Zusammenschlüsse.

Europas Handels- und Aktienrecht ist freilich auch so bunt wie seine Landkarte. Die Franzosen beispielsweise haben für den Wertpapierhandel ein strenges Vorkaufsrecht eingefährt. die Deutschen verlangen Mitbestimmung der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat, und die Belgier beschneiden das Stimmrecht der Großaktionäre. Statt den Gesetzes-Dschungel zu bereinigen, wollen die EWG-Mitglieder ihn noch undurchdringlicher machen: Neben den nationalen Vorschriften soll noch ein besonderes Recht für »Europa-Unternehmen«, was immer das sein mag, etabliert werden. Die EWG, so hatte schon vor Jahren der Generaldirektor des französischen Staatskonzerns Renault, Pierre Dreyfus, prophezeit, »wird ein glänzendes Geschäft für General Motors«. In der Tat sind die Amerikaner heute die einzigen, die Westeuropa als einheitliches Gebiet begreifen. Die Business-Männer aus Übersee haben in eigener Regie eine Art »Vereinigter Staaten von Europa« geschaffen. In diesem »Euro-Amerika mit der Hauptstadt Frankfurt« (Sampson) jetten die Manager über die Staatsgrenzen wie daheim von Washington nach New York, disponieren in Paris über eine Anlage in Hamburg und finanzieren in Brüssel eine Investition für Genf.

»Das auffälligste gemeinsame Kennzeichen westeuropäischer Großstädte«, spottet Sampson, »ist die überall gleich blaue IBM-Reklame an den Flughafen-Zufahrten.« Die »Euro-Amerikaner« haben geschaffen, wozu die Europäer nicht in der Lage waren: einen Großwirtschaftsraum Europa mit Industrie-Giganten, die die Landesgrenzen ignorieren, mit einer gemeinsamen Technologie und einem gemeinsamen Zahlungsmittel, dem Eurodollar.

Aber es ist nicht das Europa selbstbewußter Europäer, das Churchill im Haag beschwor und auf das Jean Monnet immer noch seine Altershoffnungen setzt. »Es ist«, so der britische Europa-Kritiker, »ein fremdinszeniertes Europa der Autos, Öle, Waschmittel, Computer und einheitlich verpackten Fischfilets.«

Dennoch habe die wachsende Übermacht der amerikanischen Tochterfirmen. die steigende Flut ihres Warenausstoßes, ihr zunehmender technischer und organisatorischer Vorsprung der seit den Tagen des Kalten Krieges verblühten Europa-Idee neuen Auftrieb gegeben. Amintore Fanfani, italienischer Außenminister von 1965 bis 1968, prägte das Schlagwort, das den europäischen Willen zur Kooperation neu beflügeln sollte: »il gap tecnologico« -- die technologische Lücke zwischen Amerika und Europa.

Doch dem seither propagierten Europa der vereinigten Ingenieure, das den Vorsprung der Supermächte einholen soll, fehlt laut Sampson »jeder politische Sex-Appeal«.

So ist Euratom, der Kernenergie-Pool der sechs EWG-Staaten, faktisch bereits 1967 geplatzt, die Europarakete bisher noch bei jedem Teststart verunglückt. Und europäische Bemühungen, eine gemeinsame Computer-Industrie aufzubauen, hat es nie gegeben.

Das technologische Fiasko erregt die politischen Spitzen in Europas Hauptstädten. Doch der durchschnittliche Franzose, Engländer oder Westdeutsche, der sich morgens naß mit Gillette-Klingen oder elektrisch mit einem Braun-Gerät rasiert, zum Frühstück Maxwell-Kaffee trinkt, dazu Kraft-Knäckebrot ißt, sich hernach eine Overstolz anzündet, den Tiger in den Opel-Tank packt, in einem mit Adler-Schreibmaschinen und IBM-Computern ausgerüsteten Büro arbeitet, während seine Frau die Wohnung »hoovert« und bei Schwab einkauft -- so fand Sampson heraus -, schert sich nicht darum, daß seine gesamte Ausstattung von US-Firmen geliefert wird. Er weiß es meist gar nicht.

Sampson notiert diese Ignoranz gegenüber der »amerikanischen Herausforderung« ("Express«-Herausgeber Servan-Schreiber) und dem drohenden »industriellen Helotismus« (Britenpremier Wilson) mit Genugtuung.« Denn was macht es schon aus, wenn Europa eine Art von Kanada würde, abhängig von amerikanischem Kapital und amerikanischem Know-how?«

Das imperialistische Flair der amerikanischen Industrie-Satrapen werde schließlich, prophezeit Sampson, von selbst verschwinden und damit auch der eigentliche Grund für die Inferioritätsgefühle der Europäer. Denn die Tochterfirmen der US-Giganten werden sich in Zukunft emanzipieren und europäisieren« weil sie einfach für die Zentralen in Chicago, Detroit und New York nicht mehr überschaubar sind. Und bei einer europäischen Niederlassung von IBM, in der das Management aus Einheimischen rekrutiert wird und selbständig wirtschaften darf, ist es unerheblich, wem die Aktien letztlich gehören.

Die Europäer sollten daher ohne Wehmut und Störung ihres Selbstbewußtseins schon jetzt die Technologie den Amerikanern überlassen, die sowieso nicht mehr einzuholen seien. Die große Aufgabe der Zukunft sei ohnedies nicht die Weiterentwicklung der Technik, sondern die Humanisierung der technologischen Strukturen, deren mechanistische Ordnungsprinzipien die Erde in einen unbewohnbaren Planeten zu verwandeln drohten.

Europa in seiner Vielgestaltigkeit und mit seiner noch immer lebendigen anarchistischen Tradition sei dafür viel besser gerüstet als die USA, die schon sehr bald über den Atlantik blicken werden, um für ihre gesellschaftlichen Probleme Lösungen zu finden.

Europäer Sampson selbstbewußt: »Europa kann der Herausforderung Amerikas nicht begegnen, indem es die USA kopiert, sondern indem es sie anzweifelt.«

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