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Spanien Verwirrte Männer

Bei den Kommunalwahlen in Spanien bringen Frauen der Konservativen die sozialistischen Hochburgen von Andalusien ins Wanken.
aus DER SPIEGEL 21/1995

Seit 16 Jahren regiert in der Hafenstadt Cadiz an der andalusischen Atlantikküste die Sozialistische Arbeiterpartei Spaniens (PSOE): immer derselbe Mann und seine Herrenrunde von Stadträten, die Cadiz gleichsam als ihr Eigentum betrachten.

Das wird sich am nächsten Sonntag ändern. Eine Frau, gebürtig aus dem nordspanischen Santander, durch Heirat mit einem Hotelier zur Andalusierin geworden - und noch dazu Vertreterin der oppositionellen konservativen Volkspartei (PP) -, hat die besten Chancen, als Bürgermeisterin ins Rathaus einzuziehen. Teofila MartInez heißt die attraktive Kandidatin.

In blauen Wildlederslippern mit silberner Kappe läuft die Blondine jeden Abend durch die engen Altstadtgassen. »Cadiz bei Nacht, da sieht man, wo der Schmutz ist, wer Probleme hat«, sagt das Energiebündel MartInez. Und Probleme gibt''s genug: Wo einst die Schätze _(* Mit dem spanischen Oppositionschef ) _(Jose MarIa Aznar in Cadiz. ) aus der Neuen Welt anlandeten, herrscht heute mit die schlimmste Arbeitslosigkeit der EU: 44 Prozent in dieser Provinz. Jugendliche ohne Job verlegen sich aufs Dealen. Die kleinen Häfen um Cadiz sind Umschlagplatz für Haschisch aus Marokko und Kokain aus Südamerika. In der Stadt ist ein Zehntel der 155 000 Einwohner als drogensüchtig registriert, bis zu 10 000 sind HIVpositiv.

Zum Wahlkampfauftakt ist der konservative Oppositionsführer Jose MarIa Aznar mit Ehefrau aus Madrid angereist. Teofila MartInez hüpft im lila Mini auf die Bühne der mit 6000 Zuhörern überfüllten Sporthalle. Dem hölzernen Aznar im grauen Anzug reißt sie die Arme zur Siegerpose hoch, und die Menge schreit »Presidente, presidente«.

Am kommenden Sonntag wählen die Spanier überall im Land Bürgermeister und Stadträte und zusätzlich noch die Parlamente in 13 der 17 autonomen Regionen. Die PP könnte über 40 Prozent der Stimmen erhalten und in 43 von 52 Provinzhauptstädten die Sozialisten überrunden. Deshalb wollen die Konservativen den Urnengang zum Mißtrauensvotum gegen Ministerpräsident Felipe Gonzalez in Madrid umwerten. Einflußreiche Sozialisten gestanden schon zu, daß ein Absturz unter 25 Prozent vorgezogene Neuwahlen nötig machen könnte.

»Gebt mir ehrliche und tüchtige Bürgermeister und Stadträte«, fordert Aznar in der Sporthalle von Cadiz, »damit wir der amtierenden spanischen Regierung zeigen, wo die Tür ist.«

Für diesen Angriff hat Aznar die Frauen vorgeschickt - in insgesamt acht Provinzhauptstädten. Gerade in der Sozialistenhochburg Andalusien, Gonzalez'' Heimat, tritt eine eindrucksvolle Damenriege zum Sturm auf die Rathäuser an: neben MartInez in Cadiz noch Soledad Becerril, 51, in Sevilla und Celia Villalobos, 46, in Malaga.

Nicht zuletzt solchen Powerfrauen hat es die Volkspartei zu verdanken, daß sie 20 Jahre nach dem Tod des Diktators Francisco Franco mehrheits- und regierungsfähig ist. Mit unbelasteten Politikerinnen hat es der Finanzinspektor Aznar, 42, in seinen fünf Jahren an der PP-Spitze geschafft, das Image der Konservativen als Partei der alten Männer, Erzkatholiken und reichen Franco-Günstlinge abzuschütteln.

Die Europa-Abgeordnete Celia Villalobos, die Bürgermeisterin von Spaniens siebtgrößter Stadt, Malaga, werden will, ist eine von Aznars einflußreichsten Ratgeberinnen. Die Expertin für Arbeitsrecht hat während des Studiums mit den Kommunisten gegen das Franco-Regime gekämpft und versteht sich heute als sozialdemokratische Reformerin.

Frauen wie Celia Villalobos haben die starre Position der Konservativen zur Sexualität auf eine im modernen Spanien mehrheitsfähige Linie gebracht: Nun will die PP die Indikationenlösung nicht mehr vor dem Verfassungsgericht zu Fall bringen und fordert bessere Aufklärung der Schüler über den Gebrauch von Kondomen - was die katholische Kirche immer noch strikt ablehnt.

Der Drang der PP-Frauen zu Schlüsselpositionen gerade im rückständigen und roten Andalusien, wo die PP noch bis vor wenigen Jahren kaum Kandidaten ins Rennen schickte, hat die Männer verwirrt. Die politischen Gegner versuchen mit abwertendem Spott ihre Domäne zu bewahren. Aznar habe sich nur deshalb mit Frauen umgeben, weil er Felipe Gonzalez nachäffen wolle; der habe bekanntlich einen Schlag bei Frauen, meint der PSOE-Kandidat von Cadiz, FermIn Moral.

Und PSOE-Mann Jose RodrIguez de Borbolla, bis 1990 Chef der Regionalregierung in Sevilla, betont, daß sein Urgroßvater schon Bürgermeister war. Dennoch: Frauen träfen in Andalusien auf keine Vorbehalte mehr, »aber sie müßten halt hübsch sein und den Leuten gefallen«.

Soledad Becerril, die auf eine absolute Mehrheit in der andalusischen Metropole hofft, ist kein Model. Doch die etwas gestrenge, immer unauffällig klassisch gekleidete Liberale hat dem machohaften Spötter Kompetenz voraus: Unter dem Zentrumsdemokraten Calvo Sotelo war sie 1981/82 erste Ministerin in Spaniens Demokratie.

Becerril ist überzeugt, daß ihr Parteichef Aznar Frauen nicht aus wahltaktischen Überlegungen einsetzt, sondern weil die heute oft viel besser ausgebildet sind als Männer. »Wir brauchen keine Quote, wie sie die Sozialisten haben, die wäre eine Beleidigung für uns.«

»Von den Politikern gefällt mir so richtig keiner«, sagt die Jurastudentin Maite, 23, in Sevilla. Enttäuscht von den Skandalen der Sozialisten, die schon so lange an der Macht sind, suchen sie und ihre Altersgenossen nicht so sehr nach einem Führer mit Charisma. Die jungen Spanier - besonders solche mit guter Ausbildung und in den Städten - wählen heute Kandidaten, denen sie ihr Engagement glauben können: gern Frauen und mehrheitlich PP. »Soluciones«, Lösungen, heißt denn auch das Programm der Partei.

Wenn Celia Villalobos in Malaga Bürgermeisterin wird, will sie »größere Sensibilität für soziale Fragen« durchsetzen. Im Problemviertel La Palma - die Drogensüchtigen der Stadt besorgen sich hier das Heroin - trifft sich die Kandidatin vor der Wahl mit sieben Patriarchen der Gitano-Sippen der Provinz.

Geduldig lächelnd hört die zierliche Frau mit den kurzen, rotgefärbten Haaren die Sorgen der Männerrunde im Cafe Cristobal an. Sie verspricht Therapie für deren Söhne und Töchter, die an der Nadel hängen. Doch wenn einer dealt, dann müßten die Familienchefs das abstellen, sagt sie ohne Umschweife.

TIo Justo, Zigeunerboß von Malaga, mit einer Narbe auf der Stirn, im Sonntagsstaat herausgeputzt mit weißer Hose und Goldknöpfen auf dem Jackett, spricht für die Kandidatin: »Sie hält ihre Versprechen, deshalb wollen wir auch zu ihr halten.« Y

Die Sozialisten setzen Frauen nur auf Alibiposten ein

* Mit dem spanischen Oppositionschef Jose MarIa Aznar in Cadiz.

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