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Hören und Sehen VIDEORECORDER - Kochen auf 200 Kanälen

Neuartige Videorecorder mit speicherstarken Computerfestplatten erlauben es dem Zuschauer, sein persönliches Fernsehprogramm zusammenzustellen. Die Geräte zu bedienen fordert den ganzen Mann.
aus DER SPIEGEL 12/2001

Wenn Herr und Frau Programmdirektor am Abend vor dem Fernseher sitzen, gehorcht alles ihren Wünschen.

Ein Gang zum Klo oder ein kleiner Spaziergang an der frischen Luft? Bitte sehr: Ein Wink mit der Fernbedienung, und die laufende Sendung bleibt so lange stehen. Ein dienstbares Kästchen speichert im Hintergrund den weiteren Verlauf.

Nach 5 oder 20 Minuten sind die beiden zurück und gucken die Sendung zeitversetzt zu Ende, noch während das Kästchen den Rest aufzeichnet. Sollte den Herrschaften das Programm des Abends einmal nicht zusagen, hält das Gerät eine Auswahl von Filmen aus den letzten Tagen bereit, die ihnen gefallen könnten.

Die neuartigen Videorecorder, seit Ende letzten Jahres in Deutschland auf dem Markt, verleihen dem Zuschauer die Hoheit über das Fernsehprogramm. Was er sehen will, holt er sich zu beliebigen Zeiten aus dem Speicher seines Geräts. Die Werbepausen kann er im schnellen Vorlauf überfliegen.

Die Wirtschaftsforscher der US-Firma Forrester Research haben deshalb in einer Studie schon »das Ende des Fernsehens, wie wir es kennen« ausgerufen. Auf dem Feld der Unterhaltungselektronik werde der kleine Kasten sich als das erfolgreichste Produkt aller Zeiten erweisen. Schon 2005 werde es rund die Hälfte der US-Fernsehhaushalte erobert haben.

Mit der Fernbedienung klickt der Zuschauer sich durch ein komfortables Bildschirmmenü, in dem er die Filme der kommenden Wochen nach Sendern und Sparten sortiert vorfindet. Er wählt aus, was er aufgezeichnet haben will, dazu noch ein paar Kategorien, die er pauschal überwacht und mitgeschnitten haben möchte, beispielsweise Western, Arztserien und Radsport.

Das Gerät klaubt fortan die anfallenden Sendungen bei Dutzenden von TV-Stationen zusammen. Die Beute verstaut es auf einer geräumigen Computerfestplatte, die sich immer wieder löschen und neu bespielen lässt.

Die deutsche Variante dieses Videorecorders hat das Paderborner Unternehmen Axcent entwickelt. Die Firma Grundig vertreibt das Gerät unter der Marke Selexx für rund 2000 Mark. Vorerst ist es nur fürs digitale Satellitenfernsehen gerüstet. In seinem Speicher haben heute bis zu zwölf Stunden Programm Platz; bald werden es hundert und mehr Stunden sein.

Die Blackbox des neuartigen Fernsehens ist ein schlichter, silberner Quader. Kein einziger Schaltknopf ist zu sehen. Ein schwaches Lämpchen glimmt an der Stirnseite. Der Kunde, so viel hat die Industrie herausgefunden, duldet einstweilen nur simple Apparate in seinem Wohnzimmer. Alles, was ihm das Fernsehen mit vielfältigen Zusatzfunktionen kompliziert macht, erregt seinen Widerwillen. Er weigert sich, mit der TV-Fernbedienung einzukaufen, er schreibt keine E-Mails, und erst recht geht er mit dem TV-Commander nicht ins Internet.

Der Zuschauer will partout nicht interagieren mit seinem Fernsehgerät. Für alles, was die mindeste Kopfarbeit verlangt, setzt er sich an den PC, wenn er einen hat.

Zerschellt sind an dieser Sturheit bisher alle Voraussagen, das Fernsehen und der Computer würden zusammenwachsen zu einer mächtigen Unterhaltungsmaschine. Die Welten blieben getrennt.

Die neuen Kästchen leiten nun den zweiten großen Versuch ein, diesmal bescheidener inszeniert: Wie wäre es, wenn das Fernsehen nur ein bisschen intelli- genter würde? Ein Kästchen ganz ohne Schaltknöpfe, das immer was Sehenswertes auf der Platte hat - muss das nicht jeder praktisch finden?

Im Alltagsbetrieb ist die Sache, wie sich zeigt, nicht ganz so einfach. Warum hat das Kästchen den Film »Mad Max II« nicht aufgenommen, obwohl die Sparten »Action« und »Abenteuer« aus dem Menü bestellt waren? War die Platte schon wieder voll? Nein, im Programmführer des Geräts, den die Firma Axcent über Satellit aktuell hält, rangierte der Film unter »Fantasy«. Die Horrorkomödie »Highway zur Hölle« wiederum ist weder unter Komödie noch unter Horror einsortiert; nur wer »Mystery« gewählt hat, findet sie nachher im Speicher.

In das Bestellwesen muss der Zuschauer sich erst einarbeiten. Und wenn die Kapazität der Speichermedien so rasant wächst wie vorhergesagt, wird die Orientierung nicht leichter. Die Industrie rechnet in vier Jahren mit Geräten, die bis zu 240 Stunden Programme fassen.

Tagein, tagaus kommen dann über TV-Satelliten wie Astra und über Kabel die Sendungen zu Tausenden auf den Kunden zu. Wer nicht steuernd eingreift, hat auch das größte Lager bald voll mit Lokalnachrichten von »TV Niepokalanow« und den Schulmeisterschaften im Volleyball von »Canal Canarias« (die sich beide jetzt schon auf der Menü-Liste finden). Einmal unbedacht »Kochen« gewählt, und der Zuschauer erfährt, wie viele Kochkurse auf 200 Kanälen aufzutreiben sind.

Stets droht die Gefahr des Programmstaus. Die wirklich guten Sendungen sausen dann ungespeichert vorüber ins Nichts.

Der Zuschauer muss also die Übersicht behalten über ein geschäftiges, schier unübersehbares Frachtzentrum: Die Lieferanten, eine Vielzahl von TV-Stationen, schaffen Stückgut in gewaltigen Mengen herbei. Es gilt, den Wareneingang zu sichten, die eigenen Wünsche zu definieren und die Aufnahmeplanung des Recorders zu überwachen.

Es könnte zum Beispiel nicht schaden, vom Bestellzettel, den das Gerät für die folgenden Tage schon mal auf Verdacht ausgefüllt hat, aus der Sparte »Western« ein paar mindere Exemplare zu streichen, damit die geliebte Operette auch noch Platz findet. Und nicht vergessen: die Lubitsch-Komödie rechtzeitig mit einem Speichervermerk versehen. Sonst wird sie drei Tage nach Einlieferung wieder routinemäßig gelöscht. Auch der größte Speicher hat seine Grenzen. Was bleiben soll, muss der Kunde, ehe es zu spät ist, auf gewöhnliches Videoband überspielen.

Augenmerk verlangt nicht zuletzt die Lagerhaltung der Lieblingsserie, von der schon zwölf Folgen ungesehen aufgelaufen sind. Wird der Serienfreund je die Zeit finden, auch nur im schnellen Vorlauf sich durch die Sendungen zu zappen?

Der Zuschauer, bislang gewohnt, das meiste glücklich zu versäumen, hat plötzlich alles Sehenswerte in Reichweite. Was er von nun an nicht sieht, muss er sich wissentlich entgehen lassen. Keine leichte Bürde für jemanden, der gerade zum Programmdirektor seines Feierabends befördert worden ist.

Schon jetzt, während die Leute sich noch mit herkömmlichen Bandgeräten herumschlagen, sind sie in Rückstand geraten. Die Fernsehforscher von der Nürnberger GfK haben ermittelt: Jede zweite Sendung, die ein Videorecorder in Deutschland aufgezeichnet hat, wird niemals angesehen.

Dafür werden die Methoden, aufzeichnungswürdige Sendungen zu finden, immer besser. Bald kommen Geräte mit verfeinerter Suchfunktion auf den Markt. Sie erlauben es den Kunden, ihre Filter auf Personen, Lokalitäten und Spezialgebiete zu justieren.

Dem Cineasten mit Sammeltrieb entgeht dann kein Stummfilm von Friedrich Wilhelm Murnau mehr, dem Schienenfetischisten beschafft das Gerät jede Dokumentation über Modelleisenbahnen, und der Nachrichtensüchtige bekommt regelmäßig das Inselwetter von Sardegna Uno.

Wer sich vorm Fernseher am liebsten der Willenlosigkeit hingibt, ist mit der alten Technik freilich besser bedient. Die neue zielt auf den wählerischen Zuschauer, der bereit ist, über seine Wünsche nachzusinnen. Dann muss er sie dem Gerät nur noch mitteilen. Mit der Fernbedienung ist das allerdings eine Menge Drückarbeit.

Wie hilfreich wäre da eine Tastatur! An den Herstellern soll es nicht scheitern: Die ersten Geräte der nächsten Generation sind schon zur Stelle. Das »Media Terminal« von Nokia hat eine Tastatur züchtig in der Fernbedienung versteckt. Bei Bedarf ist sie aufzuklappen. Für den Fall, dass ein Interaktionsmuffel nun vielleicht doch mal eine E-Mail verschicken wollte, ist das Gerät mit einem Anschluss ans Internet ausgestattet.

Dasselbe gilt für die Fernsehkästchen, die der Software-Riese Microsoft ("UltimateTV") und der Online-Dienst AOL ("AOLTV") entwickelt haben. Beide verwandeln den Fernseher in ein simples Internet-Terminal. Das Gerät von Microsoft kann überdies Sendungen auf Festplatte speichern. Die Version von AOL erlaubt es den Zuschauern, mit anderen Kunden des Dienstes, die womöglich gerade dieselbe Sendung ansehen, über die Tastatur zu plaudern.

Der britische Hersteller Pace schließlich hat einen Festplatten-Recorder entwickelt, der auf Wunsch auch Musikdateien, Kaufvideos und Shoppingkataloge in seinen Datenspeicher schaufelt, sei es über Kabel, Satellit oder schnelle Internet-Leitungen. Zusätzlich kann sich die Kundschaft demnächst Konsolenspiele der Firma Sega herunterladen.

Doch mit diesen Neuentwicklungen geht die kurze Geschichte der noch einigermaßen einfachen Geräte auch schon gleich wieder zu Ende. Zahlreiche Unternehmen sind emsig dabei, die Kisten zu multiplen Maschinen aufzurüsten, die alles mögliche können.

Die Firma Pace sieht solche Geräte schon als Zentralgehirn für die Unterhaltung im vernetzten Haus der Zukunft - mit Anschluss an Drucker, Digitalkamera und die Stereoanlage im Nachbarzimmer.

So verwandelt sich der Fernseher, das gemütliche alte Guckloch, in ein digitales Universalgerät, das alle Aufmerksamkeit fordert. Einfach kann er nur bleiben, solange er feste Programme empfängt und sonst gar nichts. Kaum wird er »intelligent«, ist er auch schon ein Computer.

Den Zuschauern, die davor zurückschrecken, kann man einreden, das sei immer noch ein Fernseher. Wenn ihnen seine Vorzüge einleuchten, werden sie sich vielleicht auch zum Interagieren mit dem Gerät bequemen.

Aber was immer das Publikum mit dem intelligenten Fernsehen anfangen wird: Einfach war nur das dumme.

MANFRED DWORSCHAK

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