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WASSER Viel hilft viel

Weil zu viel Nitrat im Trinkwasser ist, müssen Gemeinden gelegentlich die Wasserversorgung einstellen.
aus DER SPIEGEL 25/1982

Zwei Wochen lang wähnten sich die Einwohner der niederrheinischen Ortschaft Wachtendonk wie im Krieg. Das Trinkwasser war rationiert, jedem Bürger standen täglich nur zwei Liter zu, mit dem Eimer abzuholen zwischen 16 und 19 Uhr an eilends eingerichteten Abgabestellen.

Tanklastzüge fuhren das Frischwasser aus der benachbarten Gemeinde Straelen herbei, das in Wachtendonk geförderte Wasser war nicht mehr genießbar. Es sollte, so hatte das Gesundheitsamt dringend geraten, nur noch zum Duschen und Waschen verwendet werden.

Das Leitungswasser enthielt Nitratbeimengungen in bedenklicher Konzentration, Salze der Salpetersäure, die wegen ihrer gefährlichen Wirkungen im menschlichen Körper nur in kleinsten Dosen zu tolerieren sind. 90 Milligramm pro Liter Wasser läßt die westdeutsche Trinkwasserverordnung höchstens zu, in Wachtendonk waren es mehr als 100 Milligramm.

Nach zwei Wochen sanken die Nitratwerte im Wachtendonker Wasser zwar wieder, das Gesundheitsamt gab das Leitungswasser frei - aber ihrer Sorge ledig sind die Wasserwerker nicht: Der deutsche Nitrathöchstwert von 90 Milligramm pro Liter soll bis 1985 an die EG-Norm von 50 Milligramm angepaßt werden; demnächst will das Bonner Gesundheitsministerium den entsprechenden Gesetzentwurf vorlegen.

Die Reduzierung der Höchstmengen wird zwangsläufig »die Situation verschärfen«, wie der baden-württembergische Umweltminister Gerhard Weiser (CDU) voraussagt: Viele Wasserwerke fördern dann Wasser, dessen Nitratbelastung hart am Höchstwert liegt - oder sogar darüber. Jederzeit kann der Amtsarzt die Wasserversorgung stilllegen.

Die neue Umweltplage zeigt einmal mehr die verhängnisvollen Folgen ökologischer Unachtsamkeit. Nitrate sind Stickstoffverbindungen und ein natürlicher Bodenbestandteil, unentbehrlicher Nährstoff für alle Lebewesen. Spinat, Radieschen, Kohl, Sellerie - fast jedes Gemüse enthält Nitrat.

Doch die moderne Chemie-Wirtschaft hat den Pegel dramatisch erhöht: In den letzten zehn Jahren hat sich der Stickstoffverbrauch der Landwirtschaft verdoppelt, Jahr für Jahr kippen die Landwirte tonnenweise nitrathaltigen Dünger oder Gülle aus der Masttierhaltung auf die Felder.

Da Nitrate leicht wasserlöslich sind, können sie, soweit nicht vom Boden oder den Pflanzen gespeichert, ins Grundwasser ausgewaschen werden. Im Trinkwasser tauchen sie dann wieder auf - als »Zubrot zum Nitrat in den anderen Lebensmitteln«, wie der Münchner Wasserchemiker Karl-Ernst Quentin die Risikoerhöhung umschreibt.

Nitrat pur führt in größeren Mengen, 10 bis 15 Gramm, zu Brechreiz, Durchfall und anderen Vergiftungserscheinungen - harmlos im Vergleich zu der Wirkung jener Stoffe, die im Körperstoffwechsel aus Nitrat entstehen: Nitrite und Nitrosamine.

Nitrit ist ein starkes Gift, das vor allem bei Säuglingen rasch und in geringsten Mengen die sogenannte Blausucht (Methämoglobinämie) hervorruft: Die Sauerstoffaufnahme des Blutes wird eingeschränkt, die Haut verfärbt sich bläulich, die Kinder bekommen keine Luft mehr.

Ärzte in Wachtendonk hatten denn auch die Eltern von Kleinkindern ermahnt, zum Anrühren von Babynahrung nur noch Mineralwasser zu verwenden - vor allem Säuglinge in den ersten drei Monaten sind gefährdet, und in sieben bis acht Prozent aller Fälle endet die Krankheit tödlich (in der Bundesrepublik wurde bislang kein Todesfall registriert).

Bedenklicher noch sind die langfristigen Gefährdungen durch Nitrite. Denn zusammen mit bestimmten Eiweiß-Vorstufen, die fast überall in der Nahrung zu finden sind, können sie Nitrosamine bilden, die zu den stärksten krebserregenden Stoffen zählen.

Um die Risiken möglichst gering zu halten, plädierten die Autoren der amerikanischen Umweltstudie »Global 2000« für einen Nitrathöchstwert im Trinkwasser von zehn Milligramm pro Liter. Die Internationale Arbeitsgemeinschaft der Wasserwerke im Rheineinzugsgebiet S.87 setzt sich für einen Höchstwert von 25 Milligramm ein.

Davon ist die Bundesrepublik noch weit entfernt. 260 Milligramm Nitrat pro Liter enthält das Wasser der Moselgemeinde Müden, ohne daß der Amtsarzt, Hygienekontrolleur der Wasserwerke, dagegen einschreitet. 541 Trinkwasserbrunnen in Schleswig-Holstein liefern stark belastetes Wasser - bis zu 300 Milligramm Nitrat je Liter. Als Problemgebiete gelten die Niederrheinische Bucht, in der Wachtendonk liegt, das Mainzer Becken, der Oberrheingraben, das Mosel-, Neckar- und Maintal. In der vorvorigen Woche erst beschloß die Gemeinde Sommerach bei Kitzingen, ein stilles Mineralwasser kostenlos an die Mütter mit Kleinkindern abzugeben - 180 Milligramm Nitrat pro Liter enthielt das Trinkwasser.

Rund ein Prozent der Bundesbürger muß nach Feststellungen des Bundesgesundheitsamtes mit Trinkwasser vorliebnehmen, das mehr als 90 Milligramm Nitrat enthält. Im Bundestag nannte Staatssekretär Georges Fülgraff vom Bundesgesundheitsministerium im vergangenen Jahr 35 Orte, in denen der Nitrathöchstwert überschritten wurde.

Eine genaue, aktuelle Bestandsaufnahme für die ganze Bundesrepublik fehlt. Die Länderarbeitsgemeinschaft Wasser (LAWA), eine Arbeitsgruppe der obersten Wasserbehörden der Länder, soll jetzt die erforderlichen Daten zusammentragen und vor allem auch ermitteln, »wer der Hauptverursacher sein könnte und wie ihm beizukommen ist«, so ein LAWA-Mitglied.

Dafür gibt es längst wissenschaftlich gesicherte Indizien. So zeigt eine Studie des Bochumer Hydrogeologen Peter Obermann, daß die in der Grundwasseroberfläche gemessenen Nitratkonzentrationen »von der landwirtschaftlichen Nutzung der Geländeoberfläche« abhängen. Unter Wäldern fand Obermann die geringste Nitratbelastung, unter intensiv gedüngtem Ackerland die höchste.

Aufgeschreckt durch Obermanns Studie, gab der nordrhein-westfälische Landwirtschafts- und Umweltminister Hans Otto Bäumer detaillierte Untersuchungen in vier Wasserwerken in Auftrag. In mehrjährigen Versuchen soll ermittelt werden, von welcher Düngermenge an bei welchem Boden und welcher Frucht welche Menge Nitrat ins Grundwasser gerät. Zugleich laufen nun vielerorts Informationskampagnen an, um die Landwirte über die Nebenwirkungen des Düngens aufzuklären.

Das baden-württembergische Landwirtschaftsministerium etwa hat ein Faltblatt herausgebracht über »Nitrat im Trinkwasser«, in dem es heißt: »Der Landwirt kann und muß Anstrengungen unternehmen, den Nitratgehalt des Wassers, des wichtigsten Lebensmittels, zu verringern.« So sollen die Bauern, wenn irgend möglich, auf die Herbstdüngung verzichten und im Winter auch keine Jauche und Gülle ausbringen.

»Vor allem«, fordert der Wasserchemiker Quentin, »sollten die Bauern nicht mehr nach dem Motto düngen: ''Viel hilft viel, und mehr hilft mehr.''« Abbau der Überdüngung erscheint als der vernünftige Ausweg.

Das könne, sagt Dietrich Ruchay, Präsident des nordrhein-westfälischen Landesamtes für Wasser und Abfall, dazu führen, daß manche landwirtschaftlichen Flächen anders bewirtschaftet, andere »ganz aus der Produktion genommen werden müssen«.

Ein »Umdenken der Landwirtschaft«, befand auch Baden-Württembergs Minister Weiser, sei erforderlich. Vorsorge müsse Vorrang haben vor »Aufbereitungsmaßnahmen im Wasserwerk, die nur als Reparaturmaßnahmen angesehen werden können«.

Technisch ist es zwar möglich, das Nitrat aus dem Wasser zu entfernen, doch ist keines der bisher entwickelten Verfahren im großen Stil erprobt. Obermanns Untersuchung hat überdies ergeben, daß diese Techniken den Wasserpreis um 50 Pfennig bis zu einer Mark je Kubikmeter erhöhen würden.

Obermann hält den Konflikt zwischen Landwirtschaft und Wasserversorgung für unvermeidlich. »Über kurz oder lang S.90 müssen die Politiker Prioritäten schaffen, entscheiden, an welcher Stelle die Wasserversorgung und wo die Landwirtschaft Vorrang haben soll.« Da nach der jetzigen Gesetzesgrundlage den Bauern das Düngen nicht verboten werden könne, bleibe den Wasserwerken derzeit nur die Möglichkeit, Wassergewinnungsflächen aufzukaufen.

Genau das soll in Augsburg geschehen. Dort liegen die Nitratwerte bei über 50 Milligramm pro Liter. Die Wasserwerke planen, rund 400 Hektar bislang landwirtschaftlich genutztes Gebiet aufzukaufen und aufzuforsten. Die Stadt will die nötigen Gelder dem Wasserwerk vorschießen, das wiederum den Kubikmeterpreis um zehn Pfennig erhöhen.

Daß die Bevölkerung Verständnis für das »Nitrat-Zehnerl« hat, davon ist Werksleiter Roland Kolb überzeugt. Auch auf die Einsicht der Landwirtschaft hofft er, »schließlich geht es um die Wasserversorgung von 300 000 Menschen, das wiegt doch mehr als die Einschränkung für einige Bauern«.

S.84Im April 1982.*

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