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AFRIKA / BEVÖLKERUNG Viel Potenz

aus DER SPIEGEL 38/1970

Fruchtbare Afrikanerinnen in West-Kamerun bemitleiden ihre Gäste aus Europa, wenn diese nach zwei Ehejahren noch keine Kinder haben: »Ah, ah -- no power?« (Pidgin-Englisch für: »Oh je, keine Potenz?"). Oberschülerinnen von der Elfenbeinküste wünschen sich »so viele Kinder wie möglich«. Nur einer von zehn Einwohnern der nigerianischen Hauptstadt Lagos möchte weniger als fünf Kinder haben.

Kinder gibt es reichlich zwischen Kairo und Kapstadt, Dakar und Daressalam -- nicht nur in den abgeschiedenen Dorfgemeinschaften des Urwalds und der Steppe.

Afrika ist der fruchtbarste Kontinent der Erde. Auf tausend Menschen kommen dort im Jahr 47 Geburten (gegenüber 38 in Asien, 38 in Lateinamerika und 19,7 in der Bundesrepublik). Und nur weil Afrika auch mit Abstand die höchste Sterberate verzeichnet (20 Sterbefälle auf tausend Einwohner, gegenüber 15 in Asien und neun in Lateinamerika), wächst gegenwärtig noch Lateinamerikas Bevölkerung rascher -- um drei Prozent jährlich gegenüber 2,6 Prozent in Afrika (Bundesrepublik: 0,5 Prozent ohne Zuwanderung).

In fünf Jahren aber, so schätzen Experten der Vereinten Nationen, kann Afrika Lateinamerika überholen. Denn Afrikas Sterberaten sinken:

* Impfteams dringen bis tief in den Busch; in gut zwei Jahren wurden zum Beispiel sechs Millionen der acht Millionen Ghanaer gegen Pocken geimpft;

* Gesundheitsinspektoren versprühen regelmäßig Gift gegen die Malaria-verbreitenden Moskitos;

* Schulkinder bringen ihre des Lesens und Schreibens unkundigen Mütter dazu, das Wasser abzukochen.

Da vor allem weniger Kinder sterben, wächst die wirtschaftlich noch wenig produktive Altersgruppe der Kinder bis zu 15 Jahren weiter an. Schon heute stellt sie in Afrika den höchsten Anteil: 44 Prozent der Bevölkerung (gegenüber 42 Prozent in Lateinamerika, 30 Prozent in Asien, 23 Prozent in der Bundesrepublik).

Das aber bedeutet, daß Afrikas Regierungen mehr in Schulen, im Wohnungsbau und anderen nicht unmittelbar produktiven Bereichen investieren müssen als zum Beispiel in Fabriken oder der Landwirtschaft.

Ägyptens Gamal Abd el-Nasser erkannte schon 1962, das rapide Bevölkerungswachstum sei »das größte Hindernis im Kampf um eine höhere Produktion«. Algeriens Erziehungsminister klagte: Bei dem Babyboom (jährliche Zuwachsrate 3,1 Prozent) werde er nie für alle Kinder Schulen einrichten können.

Sein Staatschef, der gläubige Moslem und Sozialist Boumedienne, ist freilich der Ansicht: »Algerien hat nicht nur Platz für 15 Millionen, sondern für viele, viele mehr.« Das glaubt auch der fromme Christ Kenneth Kaunda, Präsident von Sambia (Wachstumsrate: drei Prozent): »Ich tue mein Bestes, um unser Bevölkerungsproblem zu lösen. Ich habe acht Kinder.« Tansania-Präsident Nyerere ist stolzer Vater von neun Kindern.

Ob Moslem oder Christ, Sozialist oder Kapitalist: Die meisten afrikanischen Politiker sehen die Bevölkerungszahlen lediglich im Verhältnis zur Größe ihrer Länder, nicht aber im Verhältnis zum kultivierten Boden, dem Stand der Technik und dem Bildungsniveau der Bürger. Sie erkennen nicht, daß »die Fruchtbarkeit der Menschen mit der Fruchtbarkeit der Erde in Einklang gebracht werden muß« (so Indiens ehemaliger Staatsminister für Familienplanung S. Chandrasekhar).

Nur wenige Staaten Afrikas fördern Familienplanungsprogramme. Ägypten und die ehemals britischen Kolonien Ghana, Nigeria, Sierra Leone, Kenia, Uganda und Tansania errichteten Beratungszentren.

Tunesiens Habib Burgiba erließ darüber hinaus Gesetze: Er verbot die Vielehe, erleichterte den Verkauf von Verhütungsmitteln' legalisierte die Abtreibung bei Frauen mit fünf Kindern. Familienbeihilfen zahlen Tunesiens Behörden nur noch für die vier Erstgeborenen.

Das Internationale Arbeitsamt in Genf riet der Regierung des Sudans von der Einführung eines Kindergelds ab. Denn »bei den relativ niedrigen Löhnen würde jede Familienbeihilfe eine übergebührliche Bedeutung erlangen ... und dem Wunsch entgegenwirken, daß der einzelne die Größe seiner. Familie nach seinen wirtschaftlichen Möglichkeiten plant«.

Ghanas Regierung verwarf im Juni den Antrag, weiblichen Beamten während des Mutterschaftsurlaubs in Zukunft statt des halben Gehalts das ganze Gehalt zu zahlen. Staatsminister Adama: »Da würden die noch mehr Schwangerschaftsurlaub machen.«

Kindergeld und Urlaub erhält freilich nur eine verschwindende Minderheit der etwa 350 Millionen Afrikaner. Die übergroße Masse ist noch nicht in ein modernes Wirtschaftssystem mit Lohnarbeit und Versicherungsschutz integriert. Sie wünscht sich vor allem deshalb Kinder, weil Nachkommen die einzige Vorsorge für das Alter oder Unglücksfälle bedeuten.

Trotz verbesserter Hygiene sterben in weiten Gebieten Afrikas immer noch so viele Babys, daß Afrikas Frauen jede neue Schwangerschaft als naturgegeben hinnehmen. Nur eine von 73 Müttern, die ein Hospital in der nordnigerianischen Stadt Katsina aufsuchten, hatte jemals etwas von Empfängnisverhütung gehört. Geburtenregelung schien den Frauen absurd: Das liege in den Händen von Allah.

Mindestens ebenso schwer wie die Frauen sind Afrikas Männer für die. Geburtenplanung zu gewinnen. Denn noch immer gilt als besonders stark, wer viele Frauen und Kinder hat. Grace Onyango, Kenias erste afrikanische Parlamentsabgeordnete: »Ein Mann. der mit 15 Frauen klarkommt, kann wahrscheinlich auch eine Nation führen.«

Fetischpriester und Moslemprediger wettern gegen die Familienplanung. In den ehemals französischen Gebieten Westafrikas unterdrückt die starke katholische Kirche die Diskussion über die Geburtenkontrolle. Dabei wäre sie dort besonders angebracht: Das kleine Dahomey zum Beispiel hält mit 54 Geburten auf tausend Einwohner mit Abstand den Weltrekord.

Neuerdings argumentieren auch Afrikas linke Nationalisten gegen die Geburtenkontrolle. Sie entlarven sie als »neokolonialistisches Komplott der Weißen, um zu verhindern, daß die farbige Erdbevölkerung weiter schneller wächst als die weiße« (so die Zeitung »New Nigerian").

Auf dem Welternährungskongreß im Juni in Holland widersprach Dr. Babacar Diop aus dem Senegal den Befürwortern der Familienplanung: Für Afrikas wirtschaftliche Entwicklung seien nicht weniger, sondern mehr Menschen erforderlich.

Rhodesiens schwarze Nationalisten-Bewegung Zanu ("Zimbabwe African National Union"), die das Regime des weißen Premiers Ian Smith bekämpft, rief in ihrem Mitteilungsblatt ihre Anhänger aus politischen Gründen zu größerem ehelichen Fleiß auf. Sie pries ihren Chef als Vorbild: »Premier Ian Smith hat zwei Töchter und einen Adoptivsohn. Aber unser Führer, Ndabaningi Sithole, hat vier Söhne und zwei Töchter.«

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