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SCHNEZ-STUDIE Viel Tinnef

aus DER SPIEGEL 4/1970

Die Schlachtordnung war schief: Sozialdemokraten zürnten dem Parteifreund Helmut Schmidt, Militärs schmeichelten ihrem Oberbefehlshaber.

Ein Hardthöhen-General ließ sich am letzten Montag zu dem Lobspruch herab, der die Halbrechts-Position Schmidts im Konflikt um das Heeresprogramm für eine strammere Ordnung von Volk und Armee auf kompromittierende Weise umschrieb: »Unser Minister ist dabei, sich einen guten Namen zu machen.«

Der Spitzname beim Schnellstart zu seiner parlamentarischen Karriere war »Schmidt-Schnauze« Nach seinem milden Urteil über das fatale Selbstzeugnis des Heeres-Inspekteurs Albert Schnez gab es eine neue Kombination: »Schmidt-Schneze«. Und auf dem Scheitelpunkt der Schnez-Krise drohte sich zu bestätigen, was ihm in seinem Wahlkreis Hamburg-Bergedorf längst anhing: »Schmidt-Noske«.

Gustav Noske, der einzige SPD-Wehrminister ("Einer muß ja der Bluthund sein") vor Schmidt, hatte 1919/20 bei den Generalen der Reichswehr etwas zu heftig um Sympathien geworben, keine Gegenliebe gefunden und war am Widerwillen seiner Genossen gescheitert.

Helmut Schmidt dagegen entkam zunächst noch einmal unversehrt dem Schnez-Dilemma zwischen Armee und Partei --

* dank dem starken Arm des Vorsitzenden Willy Brandt, dessen Autorität die SPD-Kritiker verstummen ließ, und

* mit sanftem Tadel an der Heeresführung, den die Zeitungen prompt zur »Ehrenerklärung« umdeuteten. Schmidt: »Es ging nicht um die Ehre von Schnez, es ging um seine politische Gesinnung; über die politische Intelligenz und das Niveau habe ich nicht zu richten.« Pauschal: »Die Schnezens sind doch allesamt gute Demokraten, so wie sie es verstehen. Die kann ich doch nicht dauernd in den Hintern treten.«

Zu welchen Bocksprüngen diese Spezies von Demokraten neigt, hatte Schmidts Amtsvorgänger Gerhard Schröder offenbar nicht geahnt, als er im letzten Mai den Führungsstäben von Heer, Luftwaffe und Marine auftrug, Inventur zu machen und Reformpläne vor allem für das Wehrrecht zu entwerfen »ohne Rücksicht auf die Gesetzeslage« und ungeachtet der »politischen Durchsetzfähigkeit«.

Schon im Juni war das Werk vollbracht. Die Marine lieferte drei, die Luftwaffe neun, das Heer 68 Seiten ab. Nicht nur der Umfang der Heeresstudie verblüffte den Sachbearbeiter im Führungsstab der Streitkräfte, der aus dem Rohmaterial der drei Beiträge eine Endfassung für die Spitze des Hauses verfertigen sollte: »Was das Heer schickte, hat mich in verschiedensten Punkten nachdenklich gestimmt.«

Die Urheber des absonderlichen Textes gaben sich absatzweise zu erkennen. Der Löwenanteil kam auf die Brigadegenerale Wolfgang Schall, Unterabteilungsleiter »Führung« im Heeres-Stab, und Heinz Karst, Erziehungswart im Heeres-Truppenamt.

Karst, tonangebend in katholischen Offizierzirkeln, Mitstreiter in der kirchlich-konservativen Thomas-Morus-Akademie, verriet jahrelang mit viel Vokabelqualm die Ursprünge seiner romantischen Gefühls- und Denkart: Jugendbewegung und Stefan George. Seine Sehnsucht trachtet nach dem »kämpferischen Soldaten« aus großer Zeit.

Noch einfacher, doch auch härter gebärdet sich Schall, der erst 1955 aus Sowjet-Gefangenschaft heimkehrte und heute noch in jedem Andersdenkenden ein »rotes Trojanisches Pferd« ("Stuttgarter Zeitung") zu erkennen wähnt.

Zunächst Referent für »Geistige Rüstung« im Bundeswehr-Führungsstab, animierte er den damaligen Generalinspekteur Friedrich Foertsch gegen den »Stalingrad«-Drehbuchautor Claus Hubalek zu einem Ausfall, für den Foertsch sich dann schriftlich entschuldigen mußte.

Schalls Entwurf für die Dienstvorschrift »Geistige Rüstung« landete im Papierwolf; die Stabskameraden nennen ihn seither den »Kalten Krieger«.

Vor der »Allgemeinen Offiziergesellschaft Zürich« beklagte er 1963 den »Terror«, den Westdeutschlands »Linksintellektuelle« durch Presse. Rundfunk und Fernsehen ausüben und rügte, daß sie dabei »der bolschewistischen Infiltrationstechnik in die Hände arbeiten«.

Ghostwriter Schall und Karst waren es, die schließlich »dem Schnez ein Ding zur Unterschrift vorgelegt haben. das man wirklich nicht machen kann. So etwas kommt dabei heraus, wenn man mit Emotion an die Sache herangeht und dann auch noch demagogisch formuliert« (ein Bonner Ministerial-General).

Generalinspekteur Ulrich de Maiziere begriff sogleich, wieviel Pulver in der Schnez-Studie angehäuft war. Vorsorglich gab er das Papier an den damaligen Verteidigungs-Staatssekretär Karl-Günther von Hase mit einem Begleitschreiben weiter, in dem er sich distanzierte und speziell von Verfassungsänderungen, die der Heeres-Stab empfahl, ausdrücklich abriet.

Hase freilich empfand keine Skrupel. Per Aktenvermerk belobigte er vielmehr die voluminöse Fleißarbeit. Dennoch blieb man im Führungsstab der Streitkräfte darauf bedacht, daß in der definitiven Ministervorlage »von Schnez nichts wiederzufinden« war.

Der erste Entwurf für dieses Gesamtkonzept zur Anpassung der Inneren Führung kam im August zustande. Und damit wurde der Heeresbeitrag zu den Akten gelegt, sozusagen abgebucht, Makulatur.

Minister Schmidt, der Anfang Dezember gelegentlich der Nato-Konferenz in Brüssel von den Bonner Schnez-Enthüllungen hörte, konnte sich den Aufruhr nicht erklären: »Ich kenne keine Studie.« Alsdann machte er einen Fehler, der gemeinhin nur Mutwilligen passiert.

Schmidt reaktivierte das schon fast vergessene Schnez-Pamphlet, erhob es zum »Zwischenmaterial« für die »erste kritische Bestandsaufnahme« -- und stand unversehens in der Feuerlinie.

Karl Wilhelm Berkhan, Schmidts Parlamentarischer Staatssekretär: »Wenn ich Minister gewesen wäre, hätte ich gar nichts gesagt.«

FDP-Wehrexperte Fritz-Rudolf Schultz: »Ich hätte den Heeresleuten klargemacht: »Was ihr geschrieben habt, ist kalter Kaffee!' Und dann hätte ich das ganze Dings schnell eingestampft.«

Nach Weihnachten erholte sich Schmidt mit Ehefrau Hannelore ("Loki") und den befreundeten Berkhans unter sardinischem Himmel. Generalinspekteur de Maiziére, dessen Stellvertreter, Generalleutnant Herbert Büchs, und Personalgeneral Konrad Stangl waren mit ihrem Rat zur Stelle, als am vorletzten Montag die Ordonnanz ein Fernschreiben des Ministeriums mit den SPIEGEL-Artikeln zum Thema Schnez ins Urlaubsquartier brachte.

Oberbefehlshaber Schmidt faßte einen ganzen Entschluß; Ab nach Tunis zum Kanzler und dann schleunigst zurück nach Bonn.

Urlauber Brandt empfing am Mittwoch und versprach Beistand. Tags darauf, vor dem Start heim an den Rhein, ließ Schmidt den Spitzengeneralen des Heeres, die in Bonn zur Routine-Konferenz bei Inspekteur Schnez versammelt waren, telephonisch ausrichten: »Die Herren möchten auf den Herrn Minister warten, auch wenn es spät wird.«

Abends um neun dann bat Schmidt die Heeresführer zu sich. Es gab Tee; wer erkältet war, bekam Rum dazu. Die Generale, sämtlich an der Produktion der Studie beteiligt, bekannten sich zu deren Tendenz, nicht zu allen Details. Der Minister attestierte ihnen Loyalität und Gehorsam. Eine halbe Stunde vor Mitternacht war der Generalappell ausgestanden.

Schmidt hinterher: »Ich habe keinen Augenblick daran gedacht, Schnez oder sonst wen zu entlassen.«

Die Forderung nach eben solchen Konsequenzen kam vorletztes Wochenende aus der Provinz, von Linken und Linksliberalen, denen die Offenbarung der Heeresmentalität Schrecken eingejagt hatte. Den Schnez-Sturz verlangten

* SPD-Bundestagsabgeordneter Erwin Horn, Oberstudiendirektor (Deutsch und Geschichte) im hessischen Nidda: »Wer Staat und Gesellschaft mit einseitig militärischen Kategorien wertet, ist fehl am Platz«;

* SPD-Landesvorsitzender Jochen Steffen in Kiel: »Eine Organisation von Politik und Gesellschaft nach den Bedürfnissen der Militärs widerspricht dem Text und dem Geist unserer Verfassung«; die Hamburger Jungdemokraten, die überdies Schmidts Demission begehrten: »Die Verbreitung militärfaschistischen Gedankenguts à la Papadopoulos kann nicht mehr bis zum nächsten Versetzungstermin geduldet werden:

der Bundesvorstand der Jungsozialisten in der SPD: »Der Versuch, die Kampfbereitschaft der Bundeswehr über die Verfassung zu setzen, beweist, daß der gegenwärtige Inspekteur des Heeres nicht auf dem Boden des Grundgesetzes steht":

< Wehrreformer Wolf Graf Baudissin, Generalleutnant a.D.: »Sind Leute. die derartig argumentieren und so etwas unterschreiben, im Jahre 1970 noch richtig auf ihrem Posten? Eine weltfremde Studie, die überhaupt nicht diskutabel ist.« In gutgelaunter Kabinettsrunde nahm Kanzler Brandt am letzten Dienstag den Verteidigungsminister, der sich von Berkban vertreten ließ. unter seine Fittiche: »Kollege Schmidt hat mir gesagt, diese Studie enthält Plausibles und viel Tinnef. Der ganze Dreck lohnt aber keine Generalskrise.«

Allerdings, so witzelte Brandt, sei Schnez »gesellschaftspolitisch wohl nicht in der Lage -- Herr Scheel, das muß ich nun zu Ihrem Bedauern sagen

der Truppe linksliberales Gedankengut beizubringen«.

FDP-Vizekanzler Walter Scheel: »Ich nehme das mit größtem Schmerz zur Kenntnis.«

Berkhan machte sich Mühe, dem Kollegium die nach Schmidts Meinung -- »diskussionswürdigen« Schnez-Passagen nahezubringen. Zwischenruf Scheels: »Ihr Minister ist aber offensichtlich auch nicht linksliberal.« Berkhan: »Nein, der ist ein Linkssozialer.«

Brandt prustete los, Finanzminister Alex Möller schlug sich vor die Stirn. Der Fall ging unter im Kabinettsgelächter.

Am Dienstagnachmittag, vor der SPD-Bundestagsfraktion, konnte der Kanzler den Wehrchef herauspauken, ohne daß Widerspruch laut wurde.

Schmidt imponierte den Kollegen sogar, und zwar mit fixem Kunstgriff: Generalmajor und Schnez-Vize Hellmut Grashey habe trotz seiner wüsten Entgleisung vor der Hamburger Führungsakademie im letzten Frühjahr mit Schröders Freibrief in der Tasche bei der Studie die Feder geführt. Aber er, Schmidt, sei schon vor seinem Amtsantritt eisern entschlossen gewesen, Grashey nicht mehr neben Schnez zu dulden: »Der Herr ist inzwischen pensioniert.« Es gab Beifall. In Wahrheit hatte sich Grashey Mittäterschaft auf Randbemerkungen im Stil von Preußens Friedrich beschränkt.

Aber Grasheys rhetorische Holzhackerei von Hamburg war zweifelsfrei auf demselben Nährboden gediehen wie die Schnez-Studie. Reformgraf Baudissin damals: »Das ist die Gesinnung in der Heeresspitze.«

ln Bonn lief letzte Woche die Heeresparole um: »Mit Schmidt vereint können wir alles machen.«

Währenddessen warnt der SPD-Abgeordnete Karl Wienand, erfahrener Militärpolitiker und Geschäftsführer seiner Fraktion, vor neuem Noske-Risiko: »Auf der Hardthöhe sitzen bestimmte Generale, die es auf Provokation und langfristig auf den politischen Konflikt angelegt haben.«

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