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AFFÄREN Viel zerrissen

Millionen flossen an einem Heidelberger Hochschulinstitut in falsche Kanäle. Bei der Aufgabe, alle Nutznießer der plumpen Schiebung zu ermitteln, scheint die Justiz überfordert
aus DER SPIEGEL 17/1976

Ein »Dschungel« tut sich für den langjährigen Heidelberger Universitäts-Justitiar Torsten Hünke von Podewils auf. Er läßt sich, so Universitäts-Kanzler Klaus Kübler, »wegen der Verfilzung« kaum lichten. Dem Heidelberger Anwalt Hans-Rudolf Walter wird sogar »immer klarer, daß wir es hier mit einem Skandal zu tun haben«, den man als ein »baden-württembergisches Watergate« bezeichnen könne.

So dramatisch nehmen sich für Juristen und Beamte Vorgänge aus, die seit Jahren den Ruf des Heidelberger Instituts für Hochenergiephysik (IHEP) belasten. Und realistisch an solcher Betrachtung scheint zumindest der Verdacht, daß es mit der Entfilzung nie mehr so recht vorangehen wird.

Im Dezember 1971 waren bei der Staatsanwaltschaft in Heidelberg die IHEP-Buchhalterin Ruth Schwab und der Physiker Premysl Mokry aufgetaucht und hatten einen Stapel Dokumente vorgelegt. Es bedurfte keines Buchprüfers. um festzustellen, daß Millionenbeträge in falsche Kanäle und von dort auf wenigstens 20 Privatkonten geflossen waren. Kontoinhaber jeweils: Professor Heinz August Filthuth, der Direktor des Instituts. Zwei Jahre später verurteilte das Heidelberger Landgericht Filthuth wegen Betruges und Untreue zu dreieinhalb Jahren Freiheitsstrafe, weil er nachweislich mindestens 3,6 Millionen Mark Staatsgelder abgezweigt hatte.

Die Methode war einfach: Befreundete Firmen hielt der Professor dazu an, fingierte oder überhöhte Rechnungen auszustellen für teures technisches Gerät, das gar nicht oder nur zum Teil geliefert wurde. Die Rechnungen legte Filthuth der Universitätskasse zur Auszahlung vor, und die Zahlungsempfänger leiteten -- so der Abschlußbericht eines Untersuchungsausschusses im Stuttgarter Landtag -- »die Universitätsgelder nach Eingang, soweit sie nicht für sie gedacht waren, an Professor Filthuth weiter«.

Auch bei ausgedehnten Dienstreisen rund um den Erdball, in die er Mitarbeiter und Familienangehörige großherzig mit einbezog, nahm der Professor es mit dem Geld nicht so genau. Meist mangelte es am wissenschaftlichen Anlaß und fast immer an Belegen.

Doch Filthuth konnte die Privatisierung von Forschungsmitteln kaum allein betrieben haben -- wie das Landeskriminalamt und die Staatsanwaltschaft ermittelten und der parlamentarische Untersuchungsausschuß in seinem Abschlußbericht protokollierte: »Voraussetzung für alle aufgezeigten Manipulationen war die Bereitschaft dritter Personen, bei bestimmten Transaktionen mitzuwirken.«

Da waren, zum Beispiel, drei »Globalrechnungen« der Genfer »Organisation européenne pour la recherche nucléaire« (CERN), der Filthuth als wissenschaftlicher Berater verbunden war und über die er auch zum Teil seine Transaktionen abwickelte. Die erste, über 357 300 Schweizer Franken, trug die Nummer 17252, das Datum vom 13. April 1970 sowie die Unterschriften der Wissenschaftlichen Räte Siegmund Brandt ("Sachlich richtig und festgestellt") und Hermann Schneider ("in Materialbuch Elektronik-Werkstatt eingetragen").

Tatsächlich war jedoch, so das Heidelberger Landgericht im Filthuth-Urteil. die Rechnung »in vollem Umfang fingiert« -- die in Rechnung gestellten Geräte existierten entweder überhaupt nicht oder waren schon gesondert berechnet und von der Uni-Kasse bezahlt.

Eine zweite »Globalrechnung« über 343 800 Mark (Nr. 21134 vom ii. Mai 1971) signierte der wissenschaftliche Oberassistent Volkard Linke als »sachlich richtig und festgestellt«, obwohl auch hier, außer der Addition, nichts stimmte. Die dritte »Globalrechnung« über 611 540 Schweizer Franken (Nr. 22715 vom 30. November 1971) war wiederum von Brandt abgezeichnet -- und von der Universitätskasse beglichen.

Seine Unterschrift will Schneider natürlich »guten Glaubens gegeben haben«. und Brandt fragt sich tief betroffen: »Wenn man damit anfängt, dem Chef zu mißtrauen, wo kämen wir denn da hin?« Linke-Anwalt Erich Schmidt-Leichner schließlich macht dies zum Kern der Verteidigung: »Ein Wissenschaftler ist kein Verwaltungsbeamter.«

Für die Staatsanwälte wird es schwerhalten, das Gegenteil nachzuweisen. Gleichwohl sind die Fahnder überzeugt, daß Filthuth auch in anderen Fällen dieser Art von Geldschöpfung keineswegs allein stand -- so etwa bei der Lieferung eines Kernspeichers der Frankfurter Firma Ampex Europa GmbH im Jahre 1969. Ampex hatte das Gerät für 378 054 Mark angeboten, aber schon in der schriftlichen Bestellung hatte Filthuth den Preis selbst auf 478 054 heraufgesetzt -- die 100 000-Mark-Differenz floß, in zwei Spendenraten. auf Filthuth-Privatkonten zurück.

Während vor einer. Zivilkammer des Heidelberger Landgerichts die Universität von Ampex die 100 000 Mark einzuklagen versucht, beschuldigt Premysl Mokry zwei Filthuth-Mitarbeiter als Mitwisser der merkwürdigen Manipulation: Siegmund Brandt und Hermann Schneider. Dazu Schneider: »Reine Erfindung des Herrn Mokry, der sich als Privatinquisitor aufspielt«. Und Brandt: »Damit habe ich nichts zu tun.«

Schneider wie Brandt freilich, einst beide Angestellte bei CERN, erhielten von Filthuth ein Zubrot von 1220 Franken monatlich. Abgewickelt wurden die Zusatzzahlungen (Schneider: »Nichts Unrechtes, nichts weiter als die Differenz zwischen meinem früheren CERN- und dem Institutsgehalt in Heidelberg") über das CERN-Konto Nr. 20587 bei der Société de Banque Suisse, auf das auch die 611 540 Franken der letzten Globalrechnung eingezahlt wurden.

Eine komplette Übersicht über die Zuverdienste der IHEP-Mannschaft in den Jahren 1970 bis 1972 vermittelt eine handschriftliche Aufstellung, die der im Filthuth-Komplex ermittelnde Kriminalhauptkommissar Walter Mezger vom baden-württembergischen Landeskriminalamt gefertigt hatte und die jetzt dem SPIEGEL anonym zugespielt wurde.

Das Papier gibt einen Eindruck von der Größenordnung professoraler Freigiebigkeit: Elf Filthuth-Mitarbeiter sollen allein im Zeitraum der Kripo-Recherchen insgesamt 260 217 Franken und 50 Rappen aus der Schweiz eingestrichen haben. Gleichwohl blieben die meisten Empfänger dieser »Zuwendungen« (so der zuständige Erste Staatsanwalt Rüdiger Rapp) bislang unbehelligt -und werden es vermutlich bleiben.

Nur gegen Brandt und Linke -- der eine mittlerweile Professor an der Gesamthochschule Siegen, der andere an der Freien Universität Berlin -- hat die Heidelberger Staatsanwaltschaft, zwei Jahre nach dem Filthuth-Urteil, Anklage erhoben. Ein gegen Schneider eingeleitetes Verfahren endete mit der Einstellung. Außerdem wurden sieben Strafbefehle -- zwischen 1000 und 3000 Mark -- erlassen, doch nur einer ist bisher rechtskräftig. Verschont bleiben 22 IHEP-Angehörige, deren Ermittlungsakten Ankläger Rapp schon geschlossen hat.

»Die Unfähigkeit der hiesigen Staatsanwaltschaft, den Dingen wirklich und zügig auf den Grund zu gehen«, beklagte sich Anwalt Walter bei dem CDU-Landtagsabgeordneten und Untersuchungsausschuß-Mitglied Karl-Theodor Uhrig, »hat sich wiederholt erwiesen.« Und wiederholt hatte Walter deshalb dem Karlsruher Generalstaatsanwalt Ernst Bauer empfohlen, die IHEP-Verfahren »der für Wirtschaftskriminalität geschaffenen und sachkundigeren Abteilung der Mannheimer Staatsanwaltschaft« zu übertragen, denn Rapp sei »mit diesem Verfahrenskomplex offensichtlich überfordert«.

Doch auch die Filthuth-Nachfolger beim IHEP haben nicht gerade reinen Tisch gemacht: Zweimal mußte die Uni-Verwaltung zu einer Generalinventur auffordern -- die erste Inventarliste war so fehlerhaft, daß sie umgehend zurückgegeben wurde, und auch eine »stichprobenartige Überprüfung« der zweiten »offenbarte erneut Mängel« (Kanzler Kühler).

So mußte denn auch der parlamentarische Untersuchungsausschuß in seinem Abschlußbericht feststellen, daß am IHEP »heute noch keine abschließende Klarheit über Vorhandensein und Verbleib einzelner Geräte oder Geräteteile besteht«. Ein IHEP-Insider: »Da gibt es Rechnungen. für die es keine Geräte, und Geräte. für die keine Rechnungen vorhanden sind, und das wurde dann halt notdürftig einigermaßen in Übereinstimmung gebracht.«

Offen bleibt auch, ob der kommissarische Institutschef nach Filthuths Verhaftung, Professor Volker Soergel, um gewissenhafte Aufklärung bemüht war. Von der Ausschuß-Zeugin Ruth Schwab wird er bezichtigt, Belastungsmaterial vernichtet zu haben. »Der Reißwolf stand nicht still, bis ihn der Kanzler einziehen ließ.« Kanzler Kühler bestätigt, daß »wir viel zerrissenes Papier gefunden haben« -- man habe allerdings »nicht mehr feststellen können, ob das relevant war«.

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