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Viele hatten sich nur reich gerechnet

Nach dem Kurssturz sind Aktien aus Staatsbesitz und Neuemissionen unverkäuflich *
aus DER SPIEGEL 47/1987

Die restlichen VW-Aktien des Bundes, rund 4,8 Millionen Stück, wollte Gerhard Stoltenberg schon immer unter die Leute bringen. Aus »ordnungspolitischen« Gründen, wie er im Juni vergangenen Jahres sagte: Der Staat habe bei VW nichts zu suchen. Damals wurden die Papiere bei 570 Mark notiert, ein Verkauf hätte 2,7 Milliarden eingebracht.

Anfang 1987 kündigte der Finanzminister erneut die große Tat an: Noch in diesem Jahr würden die Aktien abgestoßen. Zu dieser Zeit war das Paket 1,8 Milliarden Mark wert. Ende Oktober schließlich wurde der Minister ganz wortkarg: »Demnächst« könnte der Verkauf steigen.

Vergangene Woche stürzte der VW-Kurs lotrecht auf 222 Mark, das VW-Päckchen des Bundes würde nun gerade eine Milliarde Mark bringen. Plötzlich war die »Ordnungspolitik« nicht mehr so wichtig. Die Privatisierung wurde verschoben. Nun fehlen die Milliarden im Etat.

Stoltenberg ist eines der prominenten Opfer des weltweiten Börsenkrachs. Aktien aus Staatsbesitz sind kaum noch absetzbar. Etliche Finanzminister, von England bis Brasilien, geraten in Geldnot. Auch Manager aus der Industrie werden ihre jungen Aktien nun nicht mehr los. Mit den purzelnden Kursen sind die Kunden weggelaufen. Beinahe alle Neuemissionen, Kapitalerhöhungen und Privatisierungen wurden aufgeschoben.

In Italien hat der Konzern Montedison jetzt eine geplante Kapitalerhöhung zurückgestellt. In Frankreich wurden die Privatisierung der Versicherungsgesellschaft Union des assurances de Paris und der Rüstungsfirma Matra verschoben. Auch der Aktienverkauf der Fluggesellschaft Air France wird wohl abgesagt.

In Großbritannien sackte der Kurs des Hotel- und Wettbürokonzerns Ladbroke weit unter den Preis, der für die Neuemission vorgesehen war. Mit dem Erlös aus den neuen Aktien wollten die Manager den Ankauf der Hilton-Hotels bezahlen. Das Auktionshaus Sotheby's und die Transportfirma Tip Europe haben die Ausgabe von Aktien abrupt gestoppt.

Auch deutsche Firmen müssen ihre hochfliegenden Pläne aufgeben. Mit einer Kapitalerhöhung wollte der Reifenkonzern Continental den Kauf der amerikanischen Fabriken von General Tire finanzieren. Ein Bankenkonsortium unter Führung der Deutschen Bank sollte 1,2 Millionen Aktien für 300 Mark pro Stück absetzen. Doch vergangene Woche war der Kurs bis auf 190 Mark gefallen. Die Konsorten blieben auf ihren Conti-Aktien sitzen.

Einige Dutzend deutsche Firmen, die Neuemissionen geplant hatten, müssen ihre Kapitalbeschaffungspläne noch einmal überprüfen. Schon auf dem Weg zur Börse waren die Geflügelzüchter Lohmann, die Strumpffabrikanten Kunert und die Schutzhelmproduzenten von Römer. Villeroy & Boch, berühmt für Porzellan und Keramik, wollte ebenfalls mit neuen Aktien frisches Eigenkapital einsammeln.

Besonders viel hatte sich die christlich-liberale Regierung in Bonn vorgenommen, um ihrem Wahlkampfmotto »Mehr Markt, weniger Staat« gerecht zu werden. Im nächsten Jahr sollte, wie das Bundeskabinett vor zwei Wochen beschloß, die Beteiligung des Bundes am Mischkonzern Viag verkauft werden. Einen Teil des Kapitals hatte der Finanzminister schon im Sommer 1986 verflüssigt. Damals wurden die Aktien für 165 Mark angeboten. Vergangene Woche notierte der Viag-Kurs bei 152,50 Mark.

Außerdem sollten die Explorationsfirma Prakla-Seismos aus Hannover sowie drei Banken privatisiert werden: die Deutsche Pfandbriefanstalt, die DSL-Bank und aus dem Vermögen der Bundesbahn die Deutsche Verkehrs-Kreditbank. Mit den vereinnahmten Milliarden möchte der Finanzminister Löcher im Haushalt stopfen.

Das wird auf absehbare Zeit wohl nicht mehr klappen, die Idee des Volkskapitalismus ist nach dem großen Crash nicht gefragt. Die »Börsen-Zeitung« entdeckte nur noch »Privatisierungstrümmer«.

Jahrelang hatten alle Beteiligten an dem Geschäft mit den Aktien prächtig verdient. Das große Spiel funktionierte gut, solange die Kurse stiegen. Etliche Regierungen, sehr viele Firmen und die meisten Aktionäre haben sich reich gerechnet.

Die Regierung von Brasilien erwartete aus »Entstaatlichungen« jährliche Einnahmen von 1,6 Milliarden Dollar. Der Verkauf der Staatsfirma British Telecom

spülte 3,9 Milliarden Pfund auf die Konten des Londoner Schatzkanzlers. Der japanische Finanzminister startete das größte Privatisierungsprogramm der Welt: Mehr als 35 Milliarden Dollar sollte allein der Verkauf von Nippon Telegraph & Telephone einbringen.

Solche Rechnungen gingen zunächst auch auf. Oft genug kletterten die Kurse schon, noch ehe die Aktien auf dem Markt waren. Auch die meisten Aktionäre, so schien es zunächst, kamen gut zurecht.

Die Papiere von Porsche wurden deutschen Aktionären 1984 für 780 Mark zum Kauf angeboten. Die erste Notierung an der Börse brachte schon 1020 Mark.

Die Kurse der Nixdorf-Aktie sprangen gleich von 380 auf 490 Mark, Boss ging nach der Börseneinführung von 815 auf 1000 und Puma von 310 auf 495 Mark. Zeitweise war der Andrang bei den Banken so groß, daß die Aktien verlost werden mußten.

Daß Aktien auch mal fallen können, mochte in solchen Zeiten niemand glauben. Zwar meinten manche Experten schon vor dem Krach, daß mit neuen Aktien keine schnelle Mark mehr zu machen sei. Doch daß ein richtiger Kurssturz die Kundschaft vertreiben könnte, hat niemand erwartet.

Vor allem die unerfahrenen und wenig flexiblen Kleinanleger holten sich an der Börse blutige Nasen. Die Kurse sämtlicher Neuemissionen sind von ihrem Höchststand weit entfernt, viele notieren unter dem Ausgabepreis: Porsche wie Puma oder Pelikan.

Auch VW-Aktionäre werden an längst verdrängte Zeiten erinnert. Bereits 1961 startete Ludwig Erhard ("Wohlstand für alle") mit dem Volkswagen in den »Volkskapitalismus«. Die Papiere wurden mit einem »Sozialrabatt« angeboten, Spekulanten trieben den Anfangskurs von 750 auf 1108 Mark. Ein Jahr später war die Aktie trotz Kurspflege durch die Banken unter 500 Mark gestürzt.

Im vergangenen Herbst wurden die VW-Freunde abermals gebeutelt. Der Konzern bot Vorzugsaktien für 350 Mark zum Kauf an. Vergangene Woche waren die Vorzüge bis auf 205 Mark geschrumpft.

So kann Gerhard Stoltenberg seine VW-Aktien jetzt den privaten Interessenten nicht anbieten. Der Finanzminister wird auch die Lektion im Auge haben, die sein britischer Kollege Nigel Lawson gerade gelernt hat: Weil sich kaum private Käufer für die Aktien des Ölkonzerns British Petroleum fanden, übernahm die Bank von England eine Rückkauf-Garantie für das BP-Paket - kaum privatisiert, schon wieder verstaatlicht?

[Grafiktext]

AUFSTIEG UND FALL Kurs der VW-Aktie seit 1985 in Mark (jeweils Monatsmitte)

[GrafiktextEnde]

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