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Prozesse Viele Mäuse - der Katze Tod

aus DER SPIEGEL 4/1995

Ein David, der schließlich vor Goliath kapitulieren mußte? Nein, ein Mensch, der versucht hat (zugegeben mit falschen, nicht hinnehmbaren, kriminellen, gefährlichen Mitteln, aber versucht hat er es und sich nicht einfach fallenlassen), aus einem tiefen, schwarzen Loch wieder hochzukommen und damit gescheitert ist.

Arno Funke, 44, der Kaufhaus-Erpresser, ist von den Medien zu einer Jux- und Kultfigur stilisiert worden, weil er den ganzen hochspezialisierten Polizeiapparat alt aussehen ließ.

Zum Entzücken aller, deren Literaturkenntnisse sich mit Donald Duck erschöpfen, nannte er sich außerdem »Dagobert": der Erpel, der in Talern badet. Wer möchte nicht auch mal in einer Million von Karstadt schwimmen?

Überdies pilgerte er zu Conrad Electronic, wie zahllose Technik-Freaks, in denen ein Kind steckt und die, vielleicht im Geheimen, auch davon träumen, einen Sack voll Geld vor der Polizei davonsausen zu lassen.

»Dagobert«, der Kaufhaus-Erpresser, ist eine jener Gestalten, über die sich das Publikum gern amüsiert, weil sie die Phantasie anregen. Doch über den Menschen Arno Funke und seine oft bittere Selbstironie läßt sich allenfalls gelegentlich schmunzeln, zum Beispiel, wenn er zu Beginn der Sitzungen, da ist er noch entspannter, über seine Einfälle und Fehler selbst lacht.

Vor der 33. Großen Strafkammer des Berliner Landgerichts muß sich seit vergangener Woche nicht ein Kultgangster, auch nicht ein Witzbold verantworten, sondern ein Mensch, der den Platz im Leben, an dem er Talent, Geschick und Kenntnisse hätte einsetzen können, nicht erreicht hat; der nicht einmal das wenige, das ihm gelang, hat halten können.

Die Staatsanwaltschaft legt ihm insgesamt sechs Sprengstoffanschläge, schwere räuberische Erpressung und versuchte Brandstiftung zur Last. Das sind Vorwürfe von Gewicht, und die Strafen, die dräuen, sind erheblich. Es will nicht passen: diese Anklage, die böse Energie, die normalerweise hinter derartigen Delikten steckt; auch die Überlegungen passen nicht, die natürlich jedermann anstellt, was er alles hätte anrichten können. Dazu paßt nicht dieser sympathische, leise, uneitle Angeklagte, der nichts beschönigt, der immer wieder beteuert, daß nach seinem Ermessen eigentlich nichts Schlimmes passieren konnte. Denn Menschen habe er ja nicht Gewalt zufügen wollen.

In der Tat ließ er zum Beispiel selbstgebastelte Bomben in den Kaufhäusern nachts explodieren. Hat er nicht Wachleute oder Putzfrauen in tödliche Gefahr gebracht? Nein, sagt Funke. Die Geschäftsräume seien mit Bewegungsmeldern gesichert, und die Putzkolonnen kämen entweder direkt nach Geschäftsschluß oder frühmorgens.

Erst später, als er sich, wie er sagt, zunehmend von der Polizei hingehalten und lächerlich gemacht fühlte, ließ er auch mal während der Geschäftszeit Bomben hochgehen oder ein Feuer ausbrechen. Auch dabei will er alle Vorkehrungen getroffen haben, daß nur Sachschaden entstand.

Funke wird von dem Berliner Rechtsanwalt Wolfgang Ziegler, 55, vertreten, also erstklassig. Ziegler wird nicht müde, kritische Einwände zu parieren, Funke habe entgegen seinen Beteuerungen und trotz seiner ausgetüftelten Pläne doch eine beträchtliche Gefahr für unbeteiligte Passanten kaltschnäuzig in Kauf genommen.

Der Staatsanwalt läßt nicht locker: Was wäre passiert, wenn die Schaltuhr nicht präzise funktioniert hätte? »Ein bißchen Risiko mußte ich schon eingehen«, gibt Funke zu.

Dumm oder dreist ist er nicht, im Gegenteil, technisch und künstlerisch ist er wahrscheinlich weit über dem Durchschnitt begabt. Weil ihm schon als Kind fast ausschließlich Technik im Kopf herumspukte, beendete er die Schule nur mit dem Hauptschulabschluß. Gereicht hätte es von seiner Intelligenz her wohl für einiges mehr.

Er begann eine Lehre als Bürokaufmann, wurde aber schließlich Schilder- und Lichtreklamehersteller. Er zog als Discjockey herum, arbeitete mal bei Coca-Cola, dann in Norwegen auf dem Bau, schließlich wieder als Discjockey und in seinem erlernten Beruf. Zwischendurch war er mal kurz verheiratet.

1979 machte er sich selbständig. Unter anderem malte er exotische Embleme und Bilder auf Motorräder und Autos, lackierte und spritzte. Er konnte vieles, was ihm und seinen Kunden Spaß machte, er hatte unzählige Ideen.

Bis 1988, neun Jahre, arbeitete er mit Lacken. Schutzvorschriften nahm er nicht ernst: »Ich bin ja nicht vom Fach, ich dachte nicht, daß das so gefährlich ist.« Lacke sind für den, der mit ihnen arbeitet, ein Gesundheitsrisiko.

Und so merkte er mit einem Mal, daß ihm die Arbeit immer schwerer wurde, daß er morgens nicht aus dem Bett fand, daß er vergeßlich wurde, daß er keinen Antrieb mehr hatte. Wie tot habe er sich gefühlt, völlig leer und abgestumpft.

Haben ihm die Lackdämpfe den Verstand benebelt? Haben sie seinen Organismus so geschädigt, daß er einfach nicht mehr konnte? Hat das Arbeiten mit Lacken die Zäsur in seinem Leben verursacht? Sachverständige werden im Prozeß dazu einiges zu sagen haben.

Heute berichtet er über diese Zeit: »Ich dachte, wenn ich wieder einen neuen Anfang finden will, brauche ich etwas Abstand. Aber Geld braucht man ja auch.« Denn mit 1200 Mark Sozialhilfe war das mit dem neuen Anfang nichts.

Er habe damals immer wieder mit dem Gedanken gespielt, Selbstmord zu begehen, sagt Funke. »Doch wenn man einmal schon soweit ist, dann kann man auch noch was probieren, was vielleicht einen neuen Weg bringt.«

Er kam auf die wahnwitzige Idee, die Geschäftsleitung des Hertie-Konzerns zu erpressen. Er drohte mit Sprengstoffanschlägen. Die erste Bombe, die er baute und am 10. Mai 1988 in der Spielwarenabteilung des KaDeWe deponierte, sie hätte gegen 2 Uhr früh hochgehen sollen, explodierte nicht.

Er forderte 500 000 Mark. »Wenn Sie sich nicht exakt nach meinen Anweisungen richten und ich eine Bombe während der Geschäftszeit hochgehen lasse, wird es für Sie erheblich teurer - für jeden Toten 1 Mio DM«, schrieb er. Hertie zahlte, als eine zweite Bombe explodierte.

Doch der Versuch, das Leben neu zu ordnen, wie Funke es nennt, von vorne anzufangen, gelang nicht. Er ging zum Arzt, trank nicht mehr. Er unternahm Reisen. »Auch das hat mir nichts gebracht. Im Jumbo fühlte ich mich wie im Bus.« Das Hertie-Geld ging so dahin.

Er heiratete eine junge Frau von den Philippinen, bekam einen Sohn. Kurzzeitig fühlte er sich ab und zu etwas besser. Doch dann kamen wieder die Suizidgedanken, die Depressionen, die Kraftlosigkeit. Mit dem Arbeiten klappte es nicht, er hielt gerade zwei, drei Stunden durch. Er wußte, so wie er es darstellt, nicht mehr, wie er in diesem Zustand auf Dauer den Lebensunterhalt der Familie hätte sichern sollen, die bescheidene Wohnung. »Vor der Zukunft hatte ich mehr Angst als vor dem Tod.«

Mit dem letzten Rest an Selbsterhaltungstrieb, sagt er, habe er es 1992 dann noch einmal versucht, zur Abwechslung mit Karstadt. Noch einmal die Hoffnung, mit einem Batzen Geld eine Existenz aufzubauen, einen Imbißstand für die Frau auf den Philippinen vielleicht.

Wer den Erpresser »Dagobert« hinstellt als einen, der mit der Polizei Katz und Maus spielte, der verkennt, daß viele Mäuse der Katze Tod sind. Recht schnell erkannte man offenbar, daß man es nicht mit einem bösartigen Schwerverbrecher zu tun hatte. Die Polizei berechnete den Erpresser wie dieser seine Zeitzünder. Nur so ist das Risiko, das die Polizei mit ihrer Taktik eingehen zu dürfen glaubte, erklärbar.

Immer wieder wird gemutmaßt, daß es mit Funkes gesundheitlicher Beeinträchtigung nicht so weit her sein kann angesichts der ausgeklügelten Tatausführung. Doch das Sprengkörperbauen war für Funke kein Kunststück. Die Geldübergabe hingegen, gewiß das größere Problem, ging regelmäßig schief - häufig auch, weil Funke den Termin verschob, weil er versagte, weil er nicht konnte. Daß er erst am 22. April 1994 festgenommen wurde, liegt nicht an seiner Gerissenheit.

Wenn er vor Gericht so erzählt, wie es war, scheint es bisweilen, als habe ihn das Erpressen und vor allem das Austüfteln regelrecht am Leben gehalten. Trotz allen Versagens hat es ihn doch anscheinend von seinen dunklen, selbstzerstörerischen Gedanken abgelenkt. Was er getan hat, nennt er immer wieder seine »Arbeit«. Er muß Wochen und Monate mit dem Auskundschaften, Berechnen, mit dem Bau von technischem Gerät verbracht haben.

Nach eineinhalb Stunden Verhandlung läßt am zweiten Sitzungstag seine Konzentration merklich nach. Er redet wirr, auch wenn er sich bemüht.

Ausführlich wird er zu der gescheiterten Geldübergabe im April 1993 in Berlin vernommen, für die er eine präparierte Streusandkiste über einem Gully verwendete. Zunächst habe er den Gully-Deckel entfernt und das Loch vorsichtig nur »zwei Zentimeter stark« zubetoniert. Er habe sich bemüht, den Beton farblich dem Pflaster der Umgebung anzupassen. Verkleidet mit einem »Blaumann« habe er die Kiste dann dort abgestellt und eine Nachricht für die Polizei hinterlegt, das Geld darin zu deponieren. Die Beamten seien auch gekommen, er habe im Kanal gesessen und durch ein Mikrophon mitgehört.

Von unten habe er dann mit viel Mühe die Betonschicht durchbrochen und durch ein Loch in die Kiste gegriffen. Statt einer Millionenbeute fielen ihm nur Papierschnipsel in die Hand.

Nicht weil er Goliath so lange widerstanden hat, sondern weil seine Situation von vielen Menschen unbewußt begriffen wird, von jenen vor allem, die sich gefügt haben, die gern auch versucht hätten, sich an den eigenen Haaren auf einen leidlich angemessenen Platz zu ziehen, wird Arno Funke ein wenig mehr Mitgefühl und Verständnis entgegengebracht als Angeklagten sonst.

Er selbst begreift den Applaus nicht. Anfangs, sagt er, habe er bei den Geldübergabe-Versuchen immer eine Pistole dabeigehabt, um sich zu erschießen, bevor er gefaßt wird. Auf die Frage des nicht nur nach Jahren jungen Staatsanwalts, warum er es nicht getan hat, als es einmal eng wurde, sagt er, er habe sich gedacht, für seine Familie doch noch etwas tun zu können, wenn die Strafe einst abgesessen ist. Y

»Mehr Angst vor der Zukunft als vor dem Tod«

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