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AFFÄREN Viele Versprechungen

Hohe Rendite versprach ein Ulmer Kaufmann Gesellschaftern einer Thermenklinik auf der Schwäbischen Alb. Jetzt kommt der Bau unter den Hammer.
aus DER SPIEGEL 34/1979

Fachwerk, Wasser, Wald und ein Hauch von Residenz«, preist eine Werbebroschüre die Reize des Kurstädtchens Urach auf der Schwäbischen Alb, wo einst die Grafen und Herzöge von Württemberg ihren Stammsitz hatten und seit einigen Jahren 60 Grad heiße Quellen sprudeln. Doch gleich neben dem Thermalbad hört die Romantik auf.

Da ragt eine Bauruine mit rostigem Eisengeflecht empor, »ein Alptraum in Beton«, wie Urachs Bürgermeister Fridhardt Pascher findet -- eine unvollendete Thermenklinik, die einst besonders renditeträchtig schien und sich nun als wirtschaftliche Fehlkonstruktion erweist.

Seit fast drei Jahren rührt sich nichts mehr an dem auf 70 Millionen Mark veranschlagten Bauvorhaben, dem sein Initiator, der Ulmer Diplomkaufmann und Unternehmensberater Manfred Randecker, unbeirrt »eine einmalig gute Konzeption« bescheinigt.

Als »kombiniertes Bauherren- und Gesellschaftermodell«, das Spekulanten Verlustzuweisungen und Steuervergünstigungen bis zum Vierfachen des Anlagewerts verhieß, wollte Randecker eine Privatklinik mit 380 Betten hochziehen, in der ein »medizinisches Idealangebot« verwirklicht werden sollte. Jeder Anteilzeichner sollte zugleich Kommanditist der »Uracher Thermenklinik GmbH und Co. KG« (UTK) und Eigner eines Klinik-Apartments werden, das er der UTK hätte langfristig vermieten müssen.

»Wenn das Modell geklappt hätte«, meint Bürgermeister Pascher, »dann hätte Randecker den Schnitt seines Lebens gemacht.« Jetzt aber mußte der UTK-Geschäftsführer ein Vergleichsverfahren beantragen, in dem er Gläubigerforderungen von 12,4 Millionen Mark mit einer Quote von 64 Prozent (knapp acht Millionen Mark) befriedigen will. Doch womöglich ist der Konkurs nicht mehr abzuwenden. Die Zwangsversteigerung ist bereits terminiert, Mitte Oktober soll die Absehreibungsruine samt Grundstück (Schätzwert 1,5 Millionen Mark) unter den Hammer kommen.

Im Sommer 1975 hatten die Bauarbeiten an dem für kleinstädtische Verhältnisse monströsen Objekt begonnen, im Herbst 1976 zog die renommierte Stuttgarter Baufirma C. Baresel AG Mannschaft und Maschinen von der Baustelle ab und erwirkte einen »Arrestbefehl und Pfändungsbeschluß« über 1,775 Millionen Mark gegen die UTK. Mittlerweile hat sieh die Baresel-Forderung, samt Zinsen und Schadenersatz-Ansprüchen, auf dreieinhalb Millionen Mark summiert.

Um die Zahlungsunfähigkeit der UTK zu verschleiern, schickte Randecker der Baufirma Baresel mal einen nicht unterschriebenen Scheck, mal war der im Begleitschreiben avisierte Scheck »irrtümlich« gar nicht beigefügt. Außerdem schwindelte er dem Bauunternehmer vor, »das gesamte Kapital« der UTK sei »gezeichnet« -- tatsächlich war jedoch auch zwei Jahre nach dem Baustopp nach Randeckers eigener Bilanz erst etwa die Hälfte der eingeplanten Eigenmittel (31,7 Millionen Mark) einbezahlt.

Beim Grundstückskauf hatte sich Randecker zudem eines Devisenvergehens schuldig gemacht. Er finanzierte 1973 den Baugrund mit einem 4,5-Millionen-Mark-Kredit der Züricher »Bank für Handel und Effekten« und verstieß dabei gegen die damals im Außenwirtschaftsgesetz vorgeschriebene Depot- und Meldepflicht. Im Dezember vorigen Jahres wurde er deshalb zu einer Geldbuße von 30 000 Mark verurteilt. 160 000 Mark wurden als Teilabschöpfung von dem illegalen Zinsgewinn eingezogen.

Seit Anfang 1977 ermittelt die Stuttgarter Staatsanwaltschaft unter dem Aktenzeichen 147 Js 157/77 wegen sechs weiterer Vorwürfe gegen Randecker: Der UTK-Geschäftsführer steht im Verdacht, Lieferanten betrogen, Untreue zum Nachteil von Kommanditisten begangen, die fällige Konkurs-Anmeldung versäumt, Bankrott durch Vermögensübertragung verursacht, Gläubiger begünstigt und Steuern hinterzogen zu haben.

Die Stadt Urach beispielsweise mußte ihren Forderungen nachlaufen oder sie gar einklagen; lediglich die Gebühr für die Baugenehmigung, so Bürgermeister Pascher, habe Randecker pünktlich bezahlt. Und als die UTK die drohende Zwangsversteigerung mit fadenscheinigen Anträgen zu verzögern trachtete, schrieb das Amtsgericht Reutlingen in seinen Beschluß, die Schuldnerin habe »schon viele Versprechungen gemacht, die sie nicht gehalten hat«.

Randeckers »Steuerabschreiburngs-Modell mit akrobatischen Verrenkungen« (Pascher) war für Experten ohnehin »ein totgeborenes Kind": Die UTK war von vornherein unterkapitalisiert, und die erhofften Anteilszeichner blieben aus, weil sie dem Modell nicht trauten.

Die Komplementär-GmbH (Randeckers Anteil: 87,5 Prozent) hatte ursprünglich ein Stammkapital von 20000 Mark, von dem aber 1976 nur das gesetzlich vorgeschriebene Viertel einbezahlt war. Mit einem Einsatz von 4375 Mark wollte sich Randecker, so ein ehemaliger Gesellschafter, »ein dienendes Imperium« schaffen. Vier Gründungskommanditisten brachten zusammen 250 000 Mark in die KG ein.

Die für den Bau der Klinik erforderlichen Eigenmittel wollte sich Randecker durch die Aufnahme weiterer Kommanditisten beschaffen, die -- nach dem ursprünglichen Gesellschaftsvertrag -- neben ihrer Hafteinlage den vierfachen Betrag als Darlehen geben sollten. Nach Randeckers Rechnung wäre so das Gesellschaftskapital auf sechs Millionen Mark aufgestockt und durch 23 Millionen Mark Gesellschaftsdarlehen ergänzt worden.

Entgegen der Prospekt-Werbung wurden die Zeichner weder als Eigentümer ins Grundbuch noch als Kommanditisten ins Handelsregister eingetragen. Bislang, so sehen es Wirtschaftsjuristen, »existieren nur geprellte Käufer für nicht vorhandenes Wohnungseigentum«, die obendrein -- falls sie tatsächlich Kommanditisten und nicht bloß stille Gesellschafter sind -- wegen des fehlenden Eintrags im Handelsregister mit ihrem gesamten Vermögen für die UTK-Verbindlichkeiten haften würden.

Mißtrauisch geworden, stornierten etliche Gesellschafter ihre Zahlungen -- und die UTK, die in Erwartung des Geldsegens zu bauen begonnen hatte, mußte sich immer höher verschulden. Von den 28,5 Millionen Mark, die bisher angeblich verbaut worden sind, stammen denn auch nach Randeckers eigenen Angaben nur 10,7 Millionen Mark aus Eigenmitteln und knapp sechs Millionen Mark aus Gesellschafter-Darlehen. Um das Projekt vollenden zu können, müßte Randecker noch einmal 42 Millionen Mark zusammenbringen.

Wiederholte Versuche, Randecker als Geschäftsführer abzulösen, mußten scheitern; die Konstruktion der Gesellschaft macht ihn »quasi unabsetzbar« (Bürgermeister Pascher). Denn Geschäftsführungs-Organ der KG ist die einzige Komplementärin -- die Gmbh, die inzwischen ganz in Randeckers Besitz ist; er hätte sich also schon selbst entlassen müssen.

Überdies hätte einer der eingetragenen Kommanditisten als persönlich haftender Gesellschafter einspringen müssen, wozu sich in der kritischen Situation keiner bereit finden mochte -- obschon ein Gutachten, das Randecker vor einigen Monaten bestellte, günstige Prognosen wagte. Nur: Die Expertise basierte wesentlich auf »Erfahrungswerten« der Ulmer Firma Inkoplan, deren Geschäftsführerin Edith Randecker ist -- die Ehefrau des UTK-Managers.

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