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Kanada Viele Waffen

Im zweitgrößten Land der Erde jubeln die Raucher: Um Zigarettenschmuggler zu stoppen, senkt die Regierung die Tabaksteuer.
aus DER SPIEGEL 8/1994

Seit vergangenem Sommer verweigert Roger Lalonde, Mitglied des freiwilligen Küstenschutzes, nächtliche Rettungseinsätze auf dem St.-Lorenz-Strom, der Kanada von den USA trennt. Beim Versuch, einer brennenden Jacht zu Hilfe zu kommen, war er ins Kreuzfeuer rivalisierender Gangsterbanden geraten.

Auch die kanadische Wasserschutzpolizei zieht es vor, sich in Feuergefechte auf dem Strom möglichst nicht einzumischen. Aus Angst vor den ständigen Schießereien lassen die Einwohner des Uferstädtchens Cornwall ihre Kinder nach Sonnenuntergang nicht mehr draußen spielen.

An einem 40 Kilometer langen Teilstück des Flusses beanspruchen Zigarettenschmuggler nachts die Herrschaft über das Grenzgewässer für ihre Geschäfte. Im Sommer transportieren sie die Kontrabande in Schnellbooten, im Winter rasen sie mit Motorschlitten über den zugefrorenen Strom in ihre Heimat.

Es sind fast ausschließlich kanadische Zigaretten, die nach ihrem legalen Export in die USA auf diese Weise ins Herkunftsland zurückgelangen. Rund zwei Milliarden Dollar verliert Kanada jedes Jahr durch den Ausfall von Steuern beziehungsweise Zollabgaben.

Dennoch hat die Polizei gute Gründe für die Zurückhaltung gegenüber den Schmugglern: Sie hat es mit militanten Kriegern der Mohawk-Indianer zu tun, die schon vor vier Jahren einer über 70tägigen Belagerung durch 4000 kanadische Soldaten zum Teil mit Waffengewalt widerstanden hatten.

Ihr Reservat Akwesasne in der Nähe von Cornwall ist der Hauptumschlagplatz für die heiße Ware, die den Tabakkonsum der Grenzprovinz Quebec zu zwei Dritteln abdeckt. Als Gesetzesbrecher fühlen sich die Indianer dabei nicht: Die Mohawks bestehen auf ihren Rechten als eigenständige Nation.

Versuche kanadischer Behörden, die Indianer durch Verhandlungen zur Aufgabe des einträglichen Nebenerwerbs zu bewegen, beantwortete Häuptling Mike Mitchell selbstbewußt mit dem Hinweis auf die »vielen Waffen«, die im Reservat lagerten.

Das blühende, wenngleich illegale Gewerbe der kanadischen Ureinwohner verletzt den Stolz der Frankokanadier, in deren Provinz der Großteil der kanadischen Zigarettenindustrie konzentriert ist. Anfang Februar protestierten Quebecer Einzelhändler gegen ihre indianische Konkurrenz.

In Säcken schleppten die Besitzer kleiner Tabakläden demonstrativ Schmuggelware herbei und verscherbelten die Zigaretten unter den Augen von untätigen Polizisten. Quebecs Separatistenführer Lucien Bouchard verhöhnte im Parlament die Ohnmacht der Obrigkeit: »Gibt es eine Regierung in diesem Haus?«

Es gab sie, und sie reagierte schnell. Kanadas neuer Premier Jean Chretien beschloß, den erzürnten Quebecern zu helfen, nicht zuletzt weil die frankokanadischen Nationalisten seit den bundesweiten Parlamentswahlen im vorigen Oktober die stärkste Oppositionsfraktion stellen. Er setzte eine Senkung der Tabaksteuer im Bund und in den Provinzen durch, um so dem Schmuggel die Grundlage zu entziehen.

Damit verabschiedete sich Kanada von einem Kurs, den die westlichen Industriestaaten eingeschlagen haben, um das gesundheitsschädliche Qualmen zu bekämpfen: verschärfte Anti-Rauchergesetze und Erhöhung von Tabaksteuern.

Bislang galten Kanadas Vorschriften bei Tabakgegnern in aller Welt als beispielhaft. Zigarettenreklame jeglicher Art ist längst verboten; in bundeseigenen Gebäuden darf nicht geraucht, Zigarettenautomaten sollen demnächst abgeschafft werden.

Nun könnten alle Fortschritte hinfällig werden, fürchten kanadische Gesundheitspolitiker, weil sich der Zigarettenpreis über Nacht halbiert hat. Ruth Grier, Gesundheitsministerin der bevölkerungsreichsten Provinz Ontario, wirft der Bundesregierung vor, sie habe die jahrelangen Bemühungen von Ärzten und Politikern »untergraben«. Grier ahnt: »Jetzt werden wieder mehr Menschen krank werden.« Y _(* Als Indianer verkleideter Tabakhändler ) _(bietet vor dem Quebecer Parlament ) _(geschmuggelte Zigaretten an. )

Bewaffnete Mohawk-Krieger (1990), Protest gegen Zigarettenschmuggel*: Blühendes Gewerbe

* Als Indianer verkleideter Tabakhändler bietet vor dem QuebecerParlament geschmuggelte Zigaretten an.

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