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MEXIKO Vielen Dank

Das Haushaltsdefizit und die Auslandsverschuldung zwingen den Erdölstaat Mexiko zu sparen - mit Massenentlassungen im öffentlichen Dienst. *
aus DER SPIEGEL 37/1985

Fünfeinhalb Jahre lang arbeitete der Betriebswirt Jose Luis Rico im Handelsministerium. Sein Monatseinkommen war mit 115 000 Pesos (1000 Mark) zwar knapp bemessen und ließ keine Extraausgaben zu, aber er konnte auf eine bereits zugesagte Gehaltserhöhung hoffen.

Doch dann las Rico im vergangenen Juli in den Zeitungen, daß die Regierung beschlossen habe, die staatlichen Ausgaben um 150 Milliarden Pesos zu kürzen.

»Am selben Morgen«, so erzählt der Ökonom, wurde ihm mitgeteilt, daß er ohne Arbeit sei. Allerdings - auch Ricos Chef, Staatssekretär Rene Villarreal, verlor an diesem Tag seinen Job.

Der hohe Beamte erfuhr es in einer Sitzung, als der Minister die Pläne der Regierung erläuterte. Nach Abschluß der Runde nahm der Minister seinen Staatssekretär beiseite und entließ ihn: »Vielen Dank, Rene.«

Den Staatssekretär im Außenministerium Jorge Navarrete kümmerte die Entlassungswelle in Mexiko wenig. Ahnungslos fuhr er zu einem Opec-Treffen nach Genf. Doch dann erhielt er dringende Nachricht aus seiner Heimat und reiste überstürzt ab. Zu spät, als er zu Hause ankam, war seine Abteilung im Ministerium schon aufgelöst.

Vier Tage später betrat Adrian Cruz Martinez frohgemut sein Büro im Handelsministerium - war es ihm doch gelungen, wie er glaubte, seinen Arbeitsplatz zu retten. Aber dort erfuhr er: »Sie haben hier nichts mehr zu suchen.« Sicherheitsbeamte warfen ihn einfach auf die Straße.

Zur selben Zeit etwa erhielt ein Berater des Präsidenten einen Telephonanruf: »Du mußt deine Leute entlassen - ohne Abfindung.« Kaum hatte er den Hörer aufgelegt, fuhren unten vor dem Gebäude Lastwagen vor, um die Möbel aus den Büros wegzuschaffen.

»Das waren die 30 chaotischsten Tage in der Geschichte der öffentlichen Verwaltung«, meint Jose Luis Rico. »Kaum jemand arbeitete noch, weil niemand wußte, was vorging.«

15 Staatssekretäre wurden eingespart, vier der Stellen waren erst von der derzeitigen Regierung geschaffen worden. 50 Generaldirektionen mit insgesamt 28 000 Beschäftigten des öffentlichen Dienstes wurden aufgelöst.

Mitten in der Ferienzeit hatte der junge und dynamische Haushaltsminister Carlos Salinas de Gortari angekündigt, daß der Präsident sich gezwungen sehe, »energische und tiefgreifende« Schritte zu unternehmen, um der ernsten Wirtschaftskrise des Landes zu begegnen. Allein der Zinsendienst für die 96,4 Milliarden Dollar Schulden kostet Mexiko jährlich 12 Milliarden Dollar.

Das Haushaltsdefizit, so hatte die Regierung den ausländischen Gläubigern und dem Internationalen Währungsfonds versprochen, sollte in diesem Jahr 5,5 Prozent des Bruttosozialprodukts nicht übersteigen. Nach neuen Schätzungen wird es bis Jahresende jedoch neun Prozent erreichen. Ausgabenkürzungen in Höhe von zwölf Milliarden Mark, vor allem im Personalbereich, sollen nun wenigstens den guten Willen des Schuldners zeigen.

»Das ist ein Krieg gegen die Krise«, erklärte Salinas. Als schwachen Trost für die Gekündigten zitierte er den Präsidenten der Republik, der angeordnet habe, die positiven Leistungen der Betroffenen hervorzuheben, fügte aber sofort hinzu: »Der Krieg wird noch eine Weile andauern.«

Bereits drei Wochen nach der ersten Entlassungswelle, die 28 000 Mexikaner arbeitslos machte, kursierten Schätzungen, daß inzwischen mindestens 70 000 ihre Entlassungspapiere erhalten hätten.

Bei der staatlichen Ölgesellschaft Pemex ist von 20 000 bevorstehenden Entlassungen die Rede, in den Elektrizitätswerken sollen 60 000 ihre Arbeitsplätze räumen, und das Rathaus von Mexiko-Stadt kündigte an, die Verwaltung um 40 000 Angestellte zu verringern.

»Insgesamt werden rund 250 000 Menschen entlassen«, glaubt ein Sprecher der kürzlich gegründeten »Interministeriellen Front zur Verteidigung des Arbeitsplatzes« (Fide). »Eine Million Menschen werden von den Sparmaßnahmen betroffen sein.«

Tatsache ist, daß die Verwaltung in Mexiko ungeheuer aufgebläht ist. Während sie 1930 noch 40 000 Bedienstete umfaßte, beschäftigt sie heute, 55 Jahre später, vier Millionen Menschen.

Doch so vernünftig die Rationalisierungs- und Sparmaßnahmen sein mögen, sie verschlimmern zwangsläufig die ohnehin bedrohliche Lage auf Mexikos Arbeitsmarkt. Zwischen 12 und 14 Millionen Menschen sind schätzungsweise arbeitslos oder unterbeschäftigt - bei einer Gesamtbevölkerung von 78 Millionen.

»Diese Kündigungen werden die Arbeitnehmer wachrütteln«, sagt Jose Luis Rico. Bei den Wahlen am 7. Juli »haben sie noch um unsere Stimmen geworben, heute schlagen sie uns vor den Kopf.«

Viele der entlassenen Staatsangestellten gingen erst auf massiven Druck: »Entweder Sie kündigen freiwillig bei dreimonatiger Gehaltsfortzahlung, oder wir werfen Sie ohne einen Centavo raus«, drohten die Personalchefs der Ministerien.

»Wir bezahlen für die wirtschaftspolitischen Fehler der Regierung«, schimpfte eine Fide-Sprecherin und fügte böse hinzu: »Nur jene Direktionen wurden abgeschafft, die für die Organisation und Kontrolle der Beamten verantwortlich zeichneten.«

Aus dieser auffallenden Tatsache ziehen viele Entlassene und selbst einige Politiker der Regierungspartei den logischen Schluß: »Die Korruption in der Verwaltung wird wieder zunehmen. Mehr erreichen diese Maßnahmen nicht.«

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