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ENGLAND / TABU Vier Buchstaben

aus DER SPIEGEL 13/1966

Schüler schmierten das schmutzige Wort auf die Autos ihrer Lehrer. Ihr Direktor schrieb es vor 700 Jungen und Mädchen an die Wandtafel. England fand es shocking.

Das Schockwort hat vier Buchstaben und ist die kürzeste, zugleich vulgärste Vokabel der englischen Sprache für den Liebesakt. Prominente Briten wollen den obszönen Vierbuchstäbler jetzt gesellschaftsfähig machen.

Ungeniert hatte der Dramaturg Kenneth Tynan vom Nationaltheater das Sexwort bereits im November erstmals öffentlich gebraucht - in einer TV-Diskussion des Nachtprogramms von BBC. Thema: Der freimütige Sex in der modernen Bühnenkunst.

Befragt, ob er ein Stück spielen würde, das »einen Geschlechtsakt auf der Bühne« vorschreibe, antwortete Tynan: »Aber gewiß.« Auch die Darstellung des Intimsten sei zulässig, selbst ein - und hier sprach Tynan das Tabu-Wort aus.

Die TV-Debattanten erschraken. Tynan wunderte sich: »Ich kann mir nicht vorstellen, daß dieses Wort vernünftigen Leuten besonders empörend erscheint.«

Tatsächlich wird die Vokabel in Kasernen, Fabriken und Kneipen häufig verwendet. Dabei fehlt ihr oft jeder Sex-Bezug: Eine Fußball-Elf kann »fucking großartig« spielen, ein Politiker »fucking großmäulig« sein. Die vier Buchstaben (f, u, c und k) sowie ihre Partizipial-Konstruktion verstärken Lob, Fluch und Tadel.

In der Literatur ist das Wort - in seiner deftigen Bedeutung - ohnehin schon heimisch, seit der libertinische D. H. Lawrence seine »Lady Chatterley« schrieb, deren Geliebter sich der vier Buchstaben in Wort und Tat exzessiv bedient. Das Buch, einst verboten, ist schon lange in wohlfeilen Taschenausgaben zu haben. Henry Miller strapazierte die Vokabel in seinen autobiographischen »Wendekreis«-Werken.

Doch als »das Wort« (so der »Daily Express") TV-Premiere hatte, entrüsteten sich die Briten, Politiker brachten im Unterhaus eine Kleine Anfrage ein, welche Maßnahmen gegen eine nochmalige Verwendung im Fernsehen ergriffen worden seien. Frau Mary Whitehouse organisierte eine »Sauberer Bildschirm«-Kampagne, und die Presse rang um Formulierungen, die beschrieben, was man nicht schreiben durfte.

Der von der Labour-Regierung zum Lord Kennet genobelte Diplomat Wayland Young nahm für die aufregenden vier Buchstaben Partei: »Für dieses Wort gibt es keinen Ersatz, und wenn wir es umgehen, entweder weil wir uns vor Verfolgungen fürchten oder weil uns der ,Anstand' zurückhält, dann ... schmälern (wir) unsere eigene Fähigkeit, uns verständlich auszudrücken.«

Als Schuldirektor Charles Ridley das bis dahin verpönte Wort an eine Tafel der Kingswood Grammar School in Bristol kreidete, wollte er dem Tabu den Reiz des Verbotenen und damit seinen Schülern den Spaß nehmen. Der Pädagoge behielt recht: Seit letzter Woche brauchen Bristols Lehrer keine Obszönitäten mehr von ihren Wagen zu wischen.

Sexwort-Verteidiger Tynan

»Für dieses Wort gibt es keinen Ersatz«

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