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GRIECHENLAND / FOLTER Vier Nägel

aus DER SPIEGEL 9/1969

Der griechische Maler Ioannis Petropoulos, 33, schilderte, wie ihn seine Bewacher kahlgeschoren und zusammengeschlagen hätten -- nicht, um ein Geständnis zu erpressen, sondern »damit ich rufe: Zito i epanastasis« (Es lebe die Revolution). Schließlich hätten ihm die Peiniger vier Zehennägel ausgerissen.

Der griechische Bauarbeiter Christos Reklitis, 31, berichtete, wie man seinen rechten Fuß »in zwei Stücke« gebrochen und ihn so grausam mißhandelt habe, daß er eine Gehirnerschütterung und eine Hämaturie (Blut im Urin) davontrug.

Die griechische Angestellte Evanghelia Theophylaktopoulos, 33, wollte gerade erzählen, wie »schön« sie behandelt worden sei -- und sie meinte offensichtlich sexuelle Folterungen -, da unterbrach der Gerichtsvorsitzende Vougas und protestierte: »Nein, nein, zur Sache!«

Zur Sache kamen die griechischen Militärrichter in der Athener Akadimias-Straße in den letzten Wochen stets sehr schnell: In einer Serie von Prozessen urteilten sie über mehr als 200 Griechen aller Schichten.

Zu Jahre- und auch lebenslanger Haft verurteilt wurden Generäle und Sekretärinnen, Schauspieler und Studenten, Kommunisten und Krankenschwestern, die nur eins gemein hatten: Abneigung gegen die Diktatur.

Zwar untersuchte zur selben Zeit, da sie sich in Athen zu verantworten hatten, der Europarat in Straßburg, ob Griechenland überhaupt noch die demokratischen Voraussetzungen für eine Mitgliedschaft erfülle, aber die Militärs in Athen ließen sich davon nicht beeindrucken.

Für sie ist die abschreckende Wirkung richterlicher Härte wichtiger als das Bild ihres Regimes im Ausland oder die Zugehörigkeit Griechenlands zu Organisationen wie dem Europarat. Denn nur mit Justizterror und Schauprozessen kann sich die Junta an der Macht halten.

Als bewährte Handlanger des Regimes walteten dieselben Militärrichter, die im Herbst vorigen Jahres den angeblichen Papadopoulos-Attentäter Panagoulis zum Tode verurteilt hatten (SPIEGEL 4/1968). Um den Anschein demokratischer Prozeßführung zu erwecken, hatte ihnen die Junta allerdings den Zivilrichter Vougas als Gerichtspräsidenten zur Seite gestellt.

Und den Eindruck unabhängiger, humaner Rechtspflege suchte das Regime dadurch zu vermitteln, daß die Richter bei der Strafzumessung fast immer unter den Anträgen des Staatsanwaltes blieben -- etwa im Fall des ehemaligen Generals Archimedes Argyropoulos, 72.

Der alte Soldat soll im Frühjahr 1967 den Plan für einen Bürgeraufstand ausgearbeitet haben. Das Volk, so sah der Plan -- laut Anklage -- vor, solle sich erheben, wenn die Zentrumsunion des (inzwischen verstorbenen) linken Expremiers Georgios Papandreou nach einem Sieg bei den Parlamentswahlen am 28. Mai 1967 von Rechtsextremen oder vom König selbst durch Notstandsgesetze am Regieren gehindert würde.

Die Wahlen fanden niemals statt; denn am 21. April 1967 putschten die Obristen, die den angeblichen Argyropoulos-Plan nun als Rechtfertigung für ihren Coup ausgeben: Sie hätten durch ihr Eingreifen einen Bürgerkrieg verhindert.

Für den alten Argyropoulos -- der in den sieben Monaten seiner Untersuchungshaft drei Herzinfarkte erlitt -- forderte die Anklage drei Jahre Gefängnis. Das Gericht jedoch erkannte auf ein Jahr und setzte die Strafe zur Bewährung aus: Sogar Belastungszeugen des Regimes hatten den General entlastet und ihm bescheinigt, daß er nicht -- wie die Anklageschrift es darstellte -- Kommunist sei, sondern in den Bürgerkriegsjahren 1946 bis 1949 Angriffe der Regierungstruppen gegen kommunistische Partisanen »verwundet und von der Tragbahre aus« befehligt hatte.

Unterschiedlich urteilten Anklage und Gericht auch über zwei erklärte Kommunisten. Pavlos Nefeloudis, 45, und Periklis Rodakis, 37, sollten versucht haben, mit gefälschten Pässen ins Ausland zu reisen, um unter den griechischen Studenten und Gastarbeitern in der Bundesrepublik »antinationale« Aktivität zu entfalten.

Nefeloudis, nach dem Bürgerkrieg bereits zweimal zum Tode verurteilt, war der verantwortliche Abgesandte der linksextremen »Eda« für die Bundesrepublik. Er gab außerdem die Zeitung »Patrida« (Heimat) heraus, die in der Druckerei von Rodakis gedruckt und an die Griechen in Deutschland verschickt wurde.

Vor dem Militärgericht bekannten sich beide offen zum Kommunismus, Nefeloudis höhnte: »Griechenland braucht keinen Gips, sondern Demokratie und Freiheit.«

Staatsanwalt Liapis nannte die beiden daraufhin »echte Kinder des russischen Nationalismus, dessen Repräsentant der Kommunismus ist«, und forderte für Nefeloudis die Todesstrafe, für Rodakis

lebenslänglich. Die Richter schickten Nefeloudis lebenslang ins Zuchthaus, Rodakis für 17 Jahre.

Den Höhepunkt der Prozeß-Serie bildete das sogenannte Bombenleger-Verfahren gegen zehn Regime-Gegner -- vorwiegend Studenten und Intellektuelle im Alter zwischen 23 und 33 Jahren. Die Anklage warf ihnen regimefeindliche Aktivität, vor allem Beteiligung an einem bislang ungeklärten Bombenattentat am 30. November 1967 vor.

An jenem Tage war um 8.30 Uhr auf der Dach-Terrasse des Justizministeriums in der Zinonostraße eine Bombe explodiert; herunterfallendes Mauerwerk hatte die Passantin Aikaterini Mylona, 23, getötet.

Während die Anklage vergebens die Beteiligung der Häftlinge am Attentat zu beweisen suchte, bewiesen die Angeklagten etwas anderes: daß die griechischen Behörden, entgegen allen Behauptungen der Militärs, ihre Gefangenen unmenschlich behandeln.

So schilderte der Student Dimitrios Dariotis, 25, wie ihn die Offiziere der Sicherheitspolizei Lambrou, Mallios, Babalis, Karapanagiotis, Spanos und Kravaritis mit einem Rohr geprügelt und gedroht hätten, seine Finger zu brechen. Dariotis: »Unter diesen Umständen haben wir unsere Geständnisse unterschrieben.«

Der Bauarbeiter Reklitis, dem man den Fuß »in zwei Stücke« gebrochen hatte, enthüllte, daß die Junta nicht nur Sicherheitspolizisten als Folterknechte einsetzte, sondern auch Elitesoldaten der vom Premier-Bruder Konstantin Papadopoulos organisierten Marine-Infanterie: Nach den Folterungen im 505. Bataillon der Mannes in Dionysos mußte Reklitis seine Verletzungen einen Monat lang im 401. Militärkrankenhaus auskurieren.

In der Dionysos-Kaserne war auch Ioannis Petropoulos mißhandelt worden. Und er konnte sogar beweisen, daß ihm seine Peiniger vier Zehennägel ausgerissen hatten: Unaufgefordert zog er vor Gericht Schuh und Strumpf aus und präsentierte seinen nackten rechten Fuß: Es fehlten vier Nägel.

Von »psychischen und physischen Folterungen« berichtete die Krankenschwester Magdalini Pittaka, 25. Doch auch das nahmen weder Ankläger noch Gericht zur Kenntnis.

Staatsanwalt Liapis mußte zwar zugeben, daß die Beteiligung der Angeklagten am Bombenanschlag auf dem Justiz-Dach nicht erwiesen sei, gleichwohl schrieb er den Kommunisten »die Vaterschaft des Verbrechens« zu und befand, die griechische KP habe mit der Explosion die »Visitenkarte des Todes« in Athen hinterlassen.

Für vier Angeklagte forderte er die Todesstrafe, für die übrigen Haftstrafen zwischen vier Jahren Gefängnis und lebenslangem Zuchthaus. Die Richter verhängten in sechs Fällen Freiheitsstrafen zwischen einem Jahr mit Bewährung und 16 Jahren. Die übrigen Angeklagten wurden freigesprochen -- darunter auch der Student Dariotis, für den die Anklage den Tod gefordert hatte. Dariotis war freilich schon zwei Tage zuvor in einem anderen Prozeß zu 16 Jahren Zuchthaus verurteilt worden.

Als mitten in der Prozeß-Serie der Europarat beschloß, die Griechen müßten zwischen eigenem Austritt oder Ausschluß wählen, entschied Putsch-Premier Papadopoulos: »Griechenland wird nicht aus dem Europarat austreten ... sondern Mitglied bleiben, damit wir beweisen können, daß wir die Menschenrechte respektieren.«

Den Beweis sollte er in diesem Monat antreten; für den 15. Februar hatte sich die Menschenrechtskommission des Europarats in Hellas angesagt.

Um den Kundschaftern das rechte Bild zu vermitteln, begann das Militärregime sofort damit« mögliche Zeugen von einem Gefängnis in ein anderes zu verlegen und unter Druck zu setzen. Doch die Vorbereitungen waren zu umfangreich: Aus »technischen Gründen« bat das Regime um eine Verschiebung des Besuches.

Viele der Angeklagten, die in den Militärprozessen über Folterungen berichteten, scheinen entschlossen, ihre Aussagen trotz aller Repressionen vor der Menschenrechtskommission zu wiederholen.

Die Kommission wird -- sofern sie überhaupt eines Tages einreisen darf -- außerdem Berichte über die Zustände auf den griechischen Sträflingsinseln prüfen. So werden zum Beispiel seit dem 29. August 1968 im Alikarnassos-Gefängnis in Heraklion auf Kreta 137 weibliche politische Häftlinge gefangengehalten -- in einem nassen. baufälligen Gebäude, in dem es keine Heizung, kein warmes Wasser und auch keine warmen Mahlzeiten gibt.

Zu diesen Frauen gehört Eleni Anagnostopoulou, die nach einem Lungenblutsturz jetzt ein offenes Loch in der Lunge hat; oder Eftichia Tsoka, die an einer Bauchfelltuberkulose leidet und Tag für Tag an Gewicht verliert. Zu ihnen gehören auch Evangelia Doudoumi, Anna Sibil und Dionysia Bitzileki, die unter ernsten psycho-neurotischen Beschwerden leiden. Keine von ihnen erhielt ein Bett in einer Heilanstalt.

Als der SPIEGEL den Vizepremier und Innenminister Pattakos an sein Versprechen erinnerte« jegliche konkrete Folterbeschwerde nachprüfen zu lassen, erklärte sich der Panzergeneral für inkompetent und verwies an den Staatsanwalt beim Militärgericht.

Und als ihn Journalisten um Nachsicht für einige prominente Regimegegner baten, wobei sie die Befürchtung aussprachen, zwei auf der Sträflingsinsel Agios Evstratios in Zelten lebende Zentrums-Abgeordnete könnten wegen der Winterkälte sterben, antwortete Pattakos: »Sie sollen sterben.«

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