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»VIER TASSEN REIS PRO TAG«

»Wir haben einen Plan für den Abzug aller amerikanischen Bodentruppen aus Vietnam«, verkündete US-Präsident Richard Nixon am Montag vergangener Woche. Und er nannte auch die wichtigste Voraussetzung für das Gelingen dieses Plans -- die »Vietnamisierung« des Krieges: Südvietnams Armee soll nach und nach alle Aufgaben der US-Truppen übernehmen. Doch auf diesem Weg ist Amerikas Vietnam-Engagement kaum zu beenden: Saigons Soldaten sind ihren kommunistischen Gegnern hoffnungslos unterlegen, In ihrer Armee, so erlebte der US-Journalist Tom Buckley, rangieren Protektion, Korruption und Unfähigkeit vielfach vor Moral, Kampfgeist und Ausbildung.
aus DER SPIEGEL 46/1969

Südvietnams Armee hat seit ihrem Bestehen mehr Schlachten verloren als gewonnen. Sie wird sogar von ihren Verbündeten als feige und korrupt verspottet. Ausgerechnet von dieser Armee soll nun der Erfolg einer künftigen Disengagement-Strategie Präsident Nixons abhängen.

Einem Korrespondenten wird überall versichert, die Reformen in den vietnamesischen Streitkräften und die anschließende »Vietnamisierung« des Krieges gingen planmäßig voran. Kürzlich sagte Präsident Nguyen Van Thieu öffentlich, seine Leute seien bereit, die Kampftätigkeit sofort zu übernehmen. Nur noch die Unterstützung durch Amerikas Luftwaffe, Artillerie und Versorgungstruppen sei notwendig.

Privat sind alle freilich weitaus vorsichtiger, vor allem das amerikanische Oberkommando. General Creighton W. Abrams und sein Stab zeigen keine Eile, nach Hause zu gelangen. »Es bedarf ungeheuer großer Anstrengungen«, sagte kürzlich ein höherer amerikanischer Offizier. »Wenn man sich entmutigen lassen will, dann ist dies der richtige Ort,«

Berichte aus allen Ecken dieses langgestreckten Landes werden analysiert, geprüft und in Computer eingegeben, die sauber schraffierte Karten und Diagramme zu jedem Thema anfertigen. Das Ergebnis ist zwar eindrucksvoll für die südvietnamesische Armee, aber man wird den Verdacht nicht los, daß die grundlegenden Kriegs-Statistiken wie Truppenbestand, Gefallenenquote. Infiltrationsrate, der Sicherheitsquotient kleiner Dörfer und sogar die aus erbeuteten Dokumenten entnommenen Angaben oft zu gut in die derzeitigen militärischen Vorstellungen passen.

Die Zahl der amerikanischen und vietnamesischen Todesopfer, ein weit zuverlässigerer Maßstab, spricht eine andere Sprache als die Computer-Diagramme. Aufgrund der Zahlen für die ersten acht Monate dieses Jahres werden in diesem Jahr 15 000 Südvietnamesen und 10 000 Amerikaner ihr Leben gelassen haben. Das sind zwar weit weniger Todesopfer als die insgesamt 39 000 aus dem Jahre 1968 -- wobei die Verluste der Amerikaner noch um ein Drittel zurückgingen -, aber es sind insgesamt mehr als 1967 (22 000 Tote).

Augenblicklich scheint die Meinung vorzuherrschen, daß ein Verhandlungsfrieden einer Katastrophe gleichkäme und daß noch ein klarer oder zumindest technischer Sieg errungen werden könnte, sofern die jet

© 1969 The New York Times News Service.

zige amerikanische Truppenstärke für das nächste Jahr oder die nächsten zwei Jahre im gemeinsamen Kampf mit erstarkenden Vietnamesen aufrechterhalten werden könnte.

Aber bei der Beurteilung der vietnamesischen Streitkräfte scheinen nur zwei wichtige Punkte unbestritten zu sein. Erstens: Sie sind jetzt um ein Drittel größer als zur Zeit der Tet-Offensive. Zweitens: Ihre Ausrüstung, Nachrichten- und Transportsysteme sind wesentlich verbessert worden. Die südvietnamesische Armee (ARVN) umfaßt jetzt 345 000 Mann. Hinzu kommt. insgesamt 46 000 Mann der freiwilligen Luftlande-Division, der Marine-Infanterie und der Kommandotruppen. Die größten Verstärkungen erfolgten in den Regional- und Volksstreitkräften, die hauptsächlich als Sicherheitsstreitkräfte in Dörfern eingesetzt werden und jetzt insgesamt 391 000 Mann zählen.

Luftwaffe und Marine haben jeweils eine Mannschaftsstärke von 21 000 Mann. Die paramilitärischen Streitkräfte -- die Nationalpolizei und die Polizei-Feldstreitkräfte, revolutionäre Entwicklungsteams der Montagnard-Söldner und bewaffnete Vietcong-Deserteure -- umfassen insgesamt 185 000 Mann. Alles in allem sind also etwas mehr als eine Million Südvietnamesen unter Waffen, und für das nächste Jahr ist eine weitere Verstärkung von 90 000 Mann vorgesehen.

So jedenfalls sehen die offiziellen Zahlen aus. Die tatsächliche Stärke ist wahrscheinlich wesentlich niedriger. Jede Woche werden durchschnittlich 350 vietnamesische Soldaten getötet. fast doppelt soviel wie amerikanische. Die Desertionsquote ist nach wie vor hoch, wahrscheinlich liegt sie im Durchschnitt zwischen 20 und 25 Prozent im Jahr.

Trotzdem sind dies eindrucksvolle Zahlen. Hinzu kommen die 500 000 Amerikaner und 50 000 andere alliierte Truppen, die jetzt in Vietnam stationiert sind. Insgesamt ergibt das also ungefähr 1,6 Millionen, achtmal soviel wie die auf je 100 000 Mann geschätzten Nordvietnamesen und Vietcong-Soldaten, die ihnen gegenüberstehen.

Nach den erbitterten Kämpfen in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres erkannte das amerikanische Oberkommando -- wenn auch zu spät, wie es jetzt zugibt -, daß die feindlichen Streitkräfte den Saigoner Truppen überlegen waren.

Die Roten sind mit ausgezeichneten automatischen Gewehren, Maschinengewehren und Raketen russischer und chinesischer Herkunft ausgerüstet, die Südvietnamesen hingegen immer noch mit Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg. Darüber hinaus hatte eine südvietnamesische Division nur ein Drittel der Artillerie einer amerikanischen Division, ein Viertel der Maschinengewehre, ein Zehntel der Lastkraft- und Panzerwagen. Die vietnamesische Luftwaffe besaß nur eine Handvoll Düsen-Jagdbomber und 100 abgenutzte Hubschrauber.

Mitte 1968 begann das Saigoner Regime ein Dreijahresprogramm. Mit einer Milliarde Dollar sollten alle Mängel behoben werden. Bis zum Ende dieses Jahres soll die Ausgabe automatischer Gewehre vom Typ M-16. leichter Maschinengewehre vom Typ M-60 und Mörser vom Typ M-79 an die ARVN und die Regional- und Volksstreitkräfte abgeschlossen werden. 40 Hubschrauber vom Typ UH-21 sind bereits geliefert worden, weitere 40 werden bis zum Ende des nächsten Jahres folgen. Im gleichen Rhythmus sollen die entsprechenden Leute für den Flug und die Wartung ausgebildet werden. 60 Düsenflugzeuge A-37 sind ebenfalls bestellt.

Die Vietnamesen bekommen Tausende von Fahrzeugen jeder Art. Die Anzahl der Schützenpanzerwagen wird von 600 zu Beginn des Jahres 1968 auf 1500 am Ende dieses Jahres ansteigen. Es sind so viele Jeeps bestellt worden, daß der Abgeordnete Robert L. F. Sikes aus Florida kürzlich vor dem Repräsentantenhaus sagte, es habe den Anschein, als wolle das Pentagen jeden vietnamesischen Soldaten an das Steuer setzen.

Viele jüngere amerikanische Offiziere bezweifeln, ob es vernünftig ist, den Vietnamesen soviel kompliziertes Material zu übergeben. »Sie werden Tausende ihrer Leute von den Kampfeinheiten abziehen müssen«. sagt ein Berater, »um das Material zu reparieren.

Er klagt: »Konventionelle Ausrüstung schreibt eine konventionelle Taktik vor. Die Franzosen konnten auf diese Art nicht gewinnen. Die Vietnamesen, die in der gleichen Weise kämpfen, wurden 1965 fast geschlagen, obwohl sie dem Vietcong zahlen- und waffenmäßig stark überlegen waren. Als wir mit Kampftruppen einschritton, konnten auch wir keinen Sieg erzielen, trotz unserer enormen Überlegenheit an Feuerkraft. Jetzt sieht es so aus, als würden wir den Fehler wiederholen.«

Ein militärischer Grundsatz besagt, daß der Truppenbestand und die Ausrüstung weit weniger wichtig sind als Ausbildung. Taktik, Führung und die Moral, es sei denn, man würde Steinschleudern gegen Maschinengewehre einsetzen. Bei Besuchen in vietnamesischen Ausbildungslagern, Hauptquartieren und Kampfeinheiten und bei Gesprächen mit Offizieren, Mannschaften und amerikanischen Beratern gewinnt man aber den Eindruck, daß auf diesem Gebiet kaum Fortschritte erzielt worden sind.

Das Ausbildungszentrum Quangtrung außerhalb Saigons ist das größte Südvietnams. 12 000 Mann verbringen dort die ersten neun Wochen ihres Wehrdienstes. Die Ausbildung der Männer basiert auf den Erfahrungen der amerikanischen Armee im Koreakrieg. Den tatsächlichen Kampfbedingungen in Vietnam trägt sie kaum Rechnung.

Obwohl die Rekruten später im Kampf bis zu den Hüften durch überflute Reisfelder stapfen, sich durch den Dschungel schlängeln und felsige Hügel hinaufklettern müssen, marschieren sie während ihrer Ausbildung auf gepflasterten Wegen, und ihre Manöver finden in flachem, offenem Gelände statt.

Beim Infiltrationskursus kriechen die Rekruten mit den Gewehren im Arm ungefähr 90 Meter, wobei sie sich unter einem Stacheldrahtverhau hindurchzwängen, während ein Maschinongewehr, das in einer Halterung steckt, über ihre Köpfe hinweg scharfe Salven abfeuert. Offenbar bringt man ihnen bei, ihre eigenen Außenposten zu infiltrieren, da der Vietcong und die Nordvietnamesen selten Stacheldraht spannen.

Der Feind kämpft meistens nachts, aber in Quangtrung bevorzugt man das Tageslicht. Ein Offizier erklärte mir stolz, seine Leute hätten »viele Nächte« außerhalb ihrer Kasernen zugebracht. Es stellte sich heraus, daß sie in kleinen Zweimannzelten geschlafen hatten, die in der Nähe aufgestellt waren.

Der Grund für diese völlig verfehlte Ausbildungspolitik: Die Rekruten werden von Männern ausgebildet, die auf fünf Jahre verpflichtet wurden und von denen viele nie an der Front waren.

Der Offizier für psychologische Kriegführung in Quangtrung war nahezu der erbittertste Fanatiker, dem ich in Vietnam begegnet bin. »Wissen Sie, wie man den Krieg gewinnen kann?« fragte er. Sein Rezept: »Man muß den Vietcong bis auf den letzten Mann töten.«

Darüber hinaus ist die Verpflegung der Rekruten miserabel. Konzessionäre leiten die Lebensmittelkantine; sie verlangen den hungrigen Rekruten Höchstpreise ab, um sich ein zusätzliches Einkommen zu verschaffen. Augenzeugen berichteten, daß man für 500 Dollar eine Versetzung auf einen sicheren Posten oder sogar eine ärztliche Freistellung kaufen kann.

Nur eine der zehn vietnamesischen Divisionen, die in Hué, wird vom amerikanischen Hauptquartier als hervorragend bezeichnet. »Bei gleicher Unterstützung ist sie ebensogut wie jede amerikanische Division«, sagte mir ein General. Abgesehen von den Fallschirmjägern, den Marineinfanteristen und den Kommandotruppen, sind die anderen Divisionen mittelmäßig bis schlecht.

In der vietnamesischen Armee kauft jedes Bataillon seine Rationen selbst. Der Verpflegungssatz beträgt täglich 39 Piaster pro Person. Das reicht für 750 Gramm (nicht ganz vier Tassen) Reis pro Kopf und Tag.

Der Sold war im Juli um ein Drittel angehoben worden, aber er hielt mit der Inflation kaum Schritt und belief sich auf umgerechnet 20 Dollar (73 Mark) pro Monat. Ein verheirateter Mann bekommt zusätzlich fünf Dollar im Monat für seine Frau und für jedes Kind. Der Aufstieg vom Mannschaftsrang in höhere Hänge ist noch immer nahezu unbekannt.

»Ich verdiene weniger als ein Arbeiter bei der Müllabfuhr in Saigon. klagte ein Soldat. »Meine Frau kommt jeden Monat nur 20 Tage mit meinem Lohn aus. Danach muß sie bergen. Viele Frauen arbeiten, einige verrichten schwere manuelle Arbeiten, andere finden ein leichteres Einkommen als Barmädchen oder Prostituierte.

Wenn ein vietnamesischer Soldat fällt -- seit 1960 waren es mehr als 100 000 -, gewährt die Regierung als Überbrückungsgeld ein Jahresgehalt. Diese Summe ist kaum mehr als ein symbolisches Geschenk. Aber oft muß man noch ein Bestechungsgeld zahlen, um dieses Geld überhaupt zu bekommen. Ist der Soldat schwerkriegsbeschädigt, dann bleibt ihm fast nur noch der Bettelstab, denn als Rente bekommt er kaum mehr als fünf Dollar im Monat.

In Pleiku erfuhr ich, daß ein Vietcongzug auf einem Hügel, 16 Kilometer von der Stadt entfernt, einen Posten der Volksstreitkräfte angegriffen hatte, während gleichzeitig in der Nähe über 600 Mann sinnlos im Dschungel operierten. Fünf Milizionäre waren getötet worden.

In ganz Vietnam gibt es Tausende solcher Vorposten der Volksstreitkräfte wie den in der Nähe von Pleiku -sie befinden sich an Brücken, an Straßenkreuzungen, längs der Kanäle im Mekong-Delta, am Rand der Dörfer.

Tagsüber versehen zumeist nur zwei Leute ihren Dienst auf einem solchen Vorposten. Die anderen -- 15 oder 20 Mann -- schlafen, arbeiten zu Hause oder verbringen die Zeit im nächsten Café.

Der Dienst in den Volksstreitkräften bietet einem Vietnamesen den Vorteil, im eigenen Dorf stationiert zu werden. Für die heimatliebenden Vietnamesen ist das ein Vorteil, der schlechte Bezahlung, unzureichende Ausbildung und die Gefahren aufwiegt.

Wenn es jedoch auf den Abend zugeht, dann wird ein Vorposten der Volksstreitkräfte ein einsamer Platz. Die patrouillierenden Einheiten der Armee kehren zu ihren Stützpunkten zurück. Die Regionalstreitkräfte, die besser bewaffnet und besser ausgebildet sind als die Volksstreitkräfte und gewöhnlich in den Bezirks- und Provinzhauptstädten stationiert sind, sollen zwar abrufbereit sein, wenn ein Angriff erfolgt. Tatsächlich aber gehen sie nur selten das Risiko der Minen oder eines Angriffs aus dem Hinterhalt ein.

Ebenso wie in den Tagen des ersten Indochina-Kriegs werden die Vorposten der Volksstreitkräfte jede Nacht irgendwo im Lande angegriffen und gestürmt. Bis 1968 entfielen auf die Miliz über 50 Prozent der Gefallenen, obwohl diese Truppe kleiner ist als die Armee. Auch jetzt noch liegt die Quote bei ungefähr 45 Prozent.

In vielen Gebieten haben Einheiten der Volksstreitkräfte Privatabkommen mit den Guerillas geschlossen: Sie lassen den Vietcong nachts in das Dorf, um Steuern einzuziehen und Propaganda zu machen. Dafür haben sie Ruhe. Die Mitglieder einer Einheit der Volksstreitkräfte wissen, daß die Weigerung zur Mitarbeit nicht nur ihren Tod, sondern auch den Tod ihrer Familien bedeuten kann -- und Hilfe Ist in weiter Ferne.

»Wir wissen es«, sagte mir ein amerikanischer Beamter im Delta, »aber was können wir dagegen tun? Niemand gibt diese Abmachungen zu.«

Seit 15 Jahren versuchen amerikanische Berater, die Kampfkraft der vietnamesischen Armee zu verbessern. Im vergangenen Jahr wurde die Zahl der den Heereseinheiten zugeteilten Berater um die Hälfte verringert. Sie wurden in »Combat Assistance Teams« -- Gruppen zur Unterstützung im Kampf -- umbenannt, ein Titel, der ihrer Funktion gerechter wird.

»Zum Teufel, ich kann diesen Mann nicht beraten »sagte ein amerikanischer Leutnant, der vor vier Monaten die Offiziersanwärter-Schule absolviert hatte. Der vietnamesische Hauptmann, der neben ihm saß und eine Pfeife rauchte, nickte. Er befehligt seine Batterie seit fünf Jahren. »Ich kann nichts weiter tun, als ihm Dinge zu beschaffen, die er nicht hat«, erklärte der Leutnant. »Einen Chronographen zum Beispiel. Damit kann man die Geschwindigkeit messen, mit der eine Granate das Rohr verläßt. Und daraus wiederum kann man die Abnutzung des Rohrs bestimmen und sie in den Einstellungen berücksichtigen, so daß die Genauigkeit verbessert wird.«

Tatsächlich sind die amerikanischen Berater zu Verbindungsoffizieren geworden. Nur sie können amerikanische Luftangriffe beantragen und Hubschrauber, Artillerie und dergleichen anfordern. Diese Macht kann als eine Form der Erpressung benutzt werden, um einen vietnamesischen Befehlshaber daran zu hindern, etwas zu tun, was der Berater mißbilligt.

Kaum ein amerikanischer Berater spricht Vietnamesisch. Viele vietnamesische Offiziere sprechen etwas Englisch, aber nur wenige fließend. Jedem Bataillon sind deshalb vietnamesische Dolmetscher zugeteilt, doch auch ihre Englisch-Kenntnisse sind begrenzt und -- schlimmer noch -- ungenau. Da es absolut unmöglich ist, sich unter diesen Umständen bei Entscheidungen zu beraten, bei denen es auf Minuten ankommt, gehen der Berater und sein Partner oft einfach ihre eigenen Wege.

Für amerikanische Offiziere besteht wenig Gelegenheit, als Berater Glanzleistungen zu vollbringen. Die meisten Offiziere versuchen, aus der unseligen Situation das Beste zu machen, indem sie Reibungen mit ihren vietnamesischen Kollegen vermeiden und sich auf die Ablösung freuen. Viele vietnamesische Bataillonskommandeure haben mehr als ein halbes Dutzend Berater gehabt.

Dem Hauptquartier berichten die amerikanischen Berater dann, was die Führung ihrer Meinung nach hören möchte -- zur Zeit eben, daß die vietnamesischen Streitkräfte große Fortschritte machen. Ein höherer Offizier gestand mir: »Die Berater haben natürlich das Gefühl, daß sie nach der Leistung ihrer Einheit beurteilt werden. Deshalb beschönigen sie oder sind erbarmungslos kritisch. Wir gehen immer mehr dazu über, Probleme mit den Vietnamesen selbst durchzusprechen. Bei ihnen stellen wir eine größere Bereitschaft fest, auf unsere Bemühungen einzugehen, die Dinge beim richtigen Namen zu nennen.«

Unter dem trügerischen Glanz westlicher Organisation und Ausrüstung operieren die vietnamesischen Streitkräfte und die vietnamesische Regierung auf traditionelle orientalische Weise. Familiäre Loyalität, wechselnde persönliche Verbindungen, Korruption und Schmiergelder sind mehr als abstrakte Begriffe des nationalen Wohlergehens. In einem solchen System sind Unfähigkeit und Unehrlichkeit nicht unbedingt strafbare Vergehen.

Vor nicht langer Zeit wurde der Kommandeur der 2. Division beschuldigt, er habe seine Lastwagen vermietet, um damit eine Zimt-Ernte auf den Markt zu bringen. Den Erlös habe er dann in die eigene Tasche gesteckt. Der General wurde befördert, bevor er von dieser Anschuldigung freigesprochen war. Der unerschrockene Offizier der Heeresinspektion, der den Bericht vorgelegt hatte, wurde aufgefordert, seine Ermittlungen erneut zu überprüfen. Damit war die Angelegenheit erledigt.

In den Monaten der guten Vorsätze nach den feindlichen Offensiven 1968 -- die von amerikanischen Beamten als »großer Sieg« oder »heilsamer Schock« bezeichnet werden, je nachdem, was sie damit sagen wollen -- erwirkten die Amerikaner die Entlassung zweier angeblich ungewöhnlich korrupter vietnamesischer Korpskommandeure: des Generalleutnants Prinz Vinh Loc, Neffe des gestürzten Kaisers Bao Dai, und des Generalleutnants Dung Van Quang.

Beide sind jetzt rehabilitiert worden, der eine als Chef der Heeresausbildung, der andere als persönlicher Assistent und Vertrauter des Präsidenten.

Vor einiger Zeit beglückwünschte sich das amerikanische Oberkommando, für die Entlassung des Kommandeurs der 25. Division gesorgt zu haben. Die 25. Division war offen als nicht nur die schlechteste Division innerhalb der vietnamesischen Armee, sondern als die schlechteste Division aller Armeen der Welt bezeichnet worden. Die Hochstimmung verflog schnell, denn der Entlassene wurde sehr bald zum stellvertretenden Befehlshaber des Dritten Korps befördert. Das Dritte Korps ist das bedeutendste der vier südvietnamesischen Korps.

Im August wurden zwei weitere Divisionsgenerale abgeschoben -- einer von ihnen auf den angenehmen Posten als Kommandant der Schule für Offiziersanwärter der Infanterie in Thuduc im Vorstadtgebiet von Saigon. Als ich kürzlich in Thuduc war, zogen Soldaten einen Stacheldrahtverhau um die baumbeschattete weiße Stuckvilla des neuen Kommandanten.

Dagegen dauerte die Amtszeit des tatkräftigen und unbestechlichen Generalleutnants Nguyen Duc Thang, der beim amerikanischen Oberkommando sehr beliebt ist und der in den stürmischen Tagen der Neuorientierung nach der Tet-Offensive 1968 den korrupten Quang als Befehlshaber des IV. Korps im Delta ablöste, nur vier Monate. Dann führten angebliche Vergehen gegen das System zu seiner Entlassung. Er bekleidet jetzt nominell den Posten eines Sondergehilfen des Generalstabschefs, hat aber in Wirklichkeit keine Aufgaben mehr und verbringt seine Zeit damit, Mathematik zu studieren. So setzt sich die stattliche Sarabande der Intrige fort -- stillschweigend, mit orientalischer Würde und Raffinesse. Die etwa 40 Generäle haben eine Art Privatklub gebildet, in den neue Mitglieder selten Einlaß finden, da das zu einer weiteren Teilung der Macht und des Profits führen würde.

»Das Oberkommando der südvietnamesischen Armee liegt in den Händen einer Handvoll müder alter Kameraden«, sagte ein gut unterrichteter Amerikaner, »aber es hat ein Gärungsprozeß begonnen.«

General Tri, wie alle Generäle im aktiven Dienst unter 45, sagt: »Wenn wir nicht unsere Organisation ändern und die Führung verstärken, können wir nicht mit einer guten Armee rechnen. Wir haben zwei Arten militärischer Führungskräfte. Zu viele erzielten einen hohen Rang über die Politik, zu wenige im Kampf.«

Jeder General in den vietnamesischen Streitkräften sowie die überwiegende Mehrzahl der Obersten und Oberstleutnante hat bei der. Franzosen im ersten Indochina-Krieg gedient. Zum größten Teil scheinen sie aber die gelegentliche Tapferkeit der Franzosen vergessen zu haben.

Zurückgeblieben sind Prahlerei und Snobismus. Vielleicht deshalb, weil diese Offiziere vorwiegend der Mittelklasse oder tieferen Gesellschaftsschichten entstammen. Thieus Vater war Fischer, Ky ist der Sohn eines Dorfschullehrers. Die Mandarin-Familien hielten sich vom Militär oder sogar vom Beamtendienst bei den Franzosen fern -- entweder aus einem starken nationalistischen Gefühl heraus oder vielleicht auch wegen der traditionellen Rangfolge in der vietnamesischen Gesellschaft: »Si, Nong, Cong, Thuong, Binh« -- »zuletzt kommt der Soldat, nach dem Gelehrten, dem Bauern, Kaufmann und Handwerker.«

Das hat zu ernsthaften Schwächen in den Rängen der jungen Leutnants, der Zugführer und späteren Kompanie-Chefs geführt, die am ehesten für Erfolg oder Mißerfolg in einer Schlacht verantwortlich sind.

Die Offiziersschulen dürfen nur von Abiturienten besucht werden -- nach dem französischen Schulsystem, das hier immer noch gilt, also nach zwölfjährigem Schulbesuch. Mittelschüler, mit zehn Jahren Schulbesuch, werden auf Unteroffiziersschulen geschickt. Der Rest ist für immer zum einfachen Soldaten gestempelt.

Der Durchschnittsleutnant ist ein schlanker, verwöhnter junger Dandy, Mitglied einer reichen städtischen Familie, der mehr auf seiner Honda zu Hause ist als in der feindlichen Wildnis.

Unzählige kleine Einheiten werden von jungen Leuten ohne spürbaren Kampfgeist geführt, während die zähen, ungebildeten Bauernjungen, die sich teilweise ausgezeichnet zu Feldwebeln, Leutnants« Obersten eignen würden -- wie zuerst die Vietminh und jetzt der Vietcong beweisen -, keine Aufstiegsmöglichkeiten erhalten.

Die »Vietnamisierung« des Krieges hat kaum begonnen, und ihre Auswirkungen sind noch nicht zu spüren. Es kann noch viele Monate dauern, bis man ein endgültiges Urteil fällen kann, denn die feindlichen Streitkräfte könnten das Kampfniveau niedrig halten, um den Abzug der amerikanischen Truppen zu beschleunigen.

Wenn die Geschichte Vietnams während der vergangenen 25 Jahre überhaupt etwas gelehrt hat, dann dies: Die Entwicklung kann nicht allein durch militärische Mittel aufgehalten werden.

Ein junger Leutnant im ersten Bataillon des 42. Infanterieregiments drückte das so aus: »Wir brauchen nicht in erster Linie Frieden, sondern eine soziale Revolution. Sollten wir gewinnen, dann begännen die Unruhen von neuem, weil die Mehrheit des Volkes noch arm wäre. Diem, Khanh, Ky, Thieu -- sie alle sprechen über eine soziale Revolution, aber nichts ist geschehen. Thieu, Ky und Khiem sind junge Männer mit Sternen auf der Schulterklappe. Sie haben keine politische Erfahrung. Wie sollen sie also mit einem politisch-militärischen Krieg fertig werden?«

Tom Buckley

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