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WÜNSCHELRUTEN Viermal gezuckt

Weil auf einem Autobahn-Abschnitt »unerklärlich viele« Unfälle passieren, ließ das Straßenbauamt Hannover einen strahlenfühligen Bauern ans Werk. *
aus DER SPIEGEL 52/1986

Oberflächlich betrachtet ist die Autobahn Hannover-Hamburg (A 7) vor dem Kilometerstein 131 ein idiotensicheres Stück Straße: Keine Kurven oder Kuppen, nicht mal Schlaglöcher oder Seitenwind drohen Wagen aus der Bahn zu werfen. Selbst am Straßenrand gibt es, bis auf ein Möbelhaus aus Schweden, augenscheinlich nichts, was Autofahrer ablenken könnte.

Doch ausgerechnet auf dem scheinbar idealen Asphaltstreifen hinter der Anschlußstelle Großburgwedel kracht und klirrt es immer wieder. In den letzten drei Jahren registrierte das Straßenbauamt Hannover 24 Unfälle. Und jedesmal schepperte es an nahezu der gleichen Stelle und stets nur in Richtung Norden.

Eine einleuchtende Begründung, warum es gerade auf diesem »absolut verkehrssicheren Teil der Fahrspur« zu derart »unerklärlich vielen Unfällen« kommt, haben weder Polizei noch Straßenbauexperten. Sie versuchen, das sonderbare Geschehen mit der »Unachtsamkeit der Verkehrsteilnehmer« (Polizeibericht) und, so Straßenbauamtsleiter Dieter Milark, mit dem »reinen Zufall« zu erklären.

Neuerdings jedoch können Milark und Mitarbeiter eine, im Wortsinn, tiefgründigere Erklärung geben: das Wirken unheilvoller Erdkräfte. Die Erkenntnis verdanken die Bauingenieure dem Bauern Heinrich Hartmann, 83, den die Beamten, bundesweit einmalig, jüngst auf der Autobahn ans Werk ließen.

Geortet haben will der rüstige Rentner, Senior auf dem nahe der Unfallstelle gelegenen Adolphshof, das Böse aus dem Boden durch ein Gerät, das schon im Jahre 4000 vor Christus den Chinesen dienlich war und mit dem Mose, so steht in der Bibel geschrieben, in der Wüste Wasser fand: mit einer Wünschelrute.

Der Stab des Propheten - ursprünglich der gegabelte Ast eines Haselstrauches, bisweilen auch nur eine gebogene Kupferstange oder gemeiner Schweißdraht - gilt bei Gutgläubigen als Anzeiger für allerlei tief Verborgenes wie eingebuddelte Schätze, Erzminen und Wasseradern.

Das wundersame Gerät funktioniert natürlich nicht bei jedermann. Wer erfolgreich muten will, wie Fachkundige den Gabel-Gang nennen, muß im naturgegebenen Einklang mit der Erde stehen und für deren Strahlen empfänglich sein.

Wer jedoch mit einer derartigen Wahrnehmungsfähigkeit gesegnet ist, braucht die Gerte nur noch an den Enden leicht auseinanderzuhebeln und im Untergriff - Handrücken zeigt nach unten - vor die Brust zu halten, bis ihn die Strahlen treffen. Dann verspüren manche Muter ein Zittern in den Händen, einen Krampf im Unterarm oder, wie Bauer Hartmann, »gar nix« - und die Rute schlägt aus.

Ernsthaft strahlenfühlig empfinden sich derzeit etwa 4000 Bundesbürger, die in Gesellschaften wie der »Fachschaft Deutscher Rutengänger« ihre Fähigkeiten pflegen; etwa 500 Männer und Frauen muten mittlerweile professionell, die Zuckungen zu 300 bis 500 Mark.

Ob das Wünscheln, wie Wissenschaftler vor geraumer Zeit im »Deutschen Ärzteblatt« behaupteten, nun »die gleiche apparative Aussagekraft wie Kaffeesatz« hat oder doch mehr dahintersteckt ist bislang ungeklärt.

Der Münchner Physik-Professor Herbert König, einer der wenigen wissenschaftlichen Rutenforscher überhaupt, will »jedenfalls nicht ausschließen, daß an der Sache was dran sein könnte«. Dem Bundesforschungsministerium sind die Gabel-Ausschläge neuerdings sogar eine umfassende Untersuchung ("Wirkung schwacher elektromagnetischer Felder auf biologische Systeme") wert, an der König arbeitet.

Einige Rutengänger können auf erstaunliche Erfolge verweisen. Eine gewisse Emmy Kittemann etwa mutete nach Kriegsende - entgegen einem geologischen Gutachten - in Tegernsee eine 200 Meter tief liegende Jodquelle. Seither sprudelt dort die »Benedictus-Quelle«. Auch beim Bau der Tauern-Autobahn war Strahlen-Emmy hilfreich, indem sie etliche Hauptwasseradern ortete, worauf »ein entsprechendes Programm von Entwässerungsbohrungen mit Erfolg durchgeführt« wurde (Baubericht).

Doch solche spektakulären Wünschelgänge sind selten. Die meisten Muter gehen nur in Haus und Hof mit der Rute um und gabeln gesundheitsschädliche »Reizzonen« auf, deren Strahlen angeblich für Bandscheibenschäden, Gicht und sogar Krebs verantwortlich sind.

Ein Opfer der Strahlen soll auch Bauer Hartmanns Angetraute Herta geworden sein, die vor elf Jahren dem Krebs erlag. Ihr Mann, dem schon als Landwirtschaftsstudent ein Geologie-Professor die Strahlenfühligkeit bescheinigte, hatte viel zu spät gemutet, daß die Schlafstatt seiner »kerngesunden Frau« jahrzehntelang auf einem unterirdischen »Krebspunkt« gestanden hatte.

Seither hat sich der Landmann völlig der »Radiästhesie«, wie die Wünschelruten-Lehre von ihren Anhängern hochtrabend genannt wird, verschrieben. Gerade erst hat Hartmann auf Vermittlung einer Heilpraktikerin wieder sieben Hausbesuche gemacht. Viermal ist er fündig geworden und hat Betten aus den Strahlenzonen rücken lassen.

Auch auf der A 7, bei seinem bislang spektakulärsten Einsatz, zuckte die Rute des Bauern nicht schlecht. Gleich an vier Stellen, das haben auch amtliche Beobachter gesehen, schlug die Kupfergerte aus. Für Hartmann ein »eindeutiges Zeichen«, daß an der Unfallstelle, typisch, Strahlen bei besonders erdfühligen Autofahrern mal kurz das Bewußtsein ausschalten - und schon kann's knallen. Doch dank Hartmann und der aufgeschlossenen

Straßenbauverwaltung ist die Gefahrenstelle nunmehr entsorgt.

Auf Rat des Bauern hat Baudirektor Milark auf dem Mittelstreifen vier mannshohe Pfähle aufstellen lassen, an denen verplombte Plastikgefäße befestigt sind. Die obskuren »Interferenzsender«, versichert Hartmann, sollen fortan »alle Störwellen wegwischen«.

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