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GRIECHENLAND Viertel der Götter

Archäologen wollen die Athener Altstadt abreißen, ein Reeder will sie zum Luxusviertel umbauen, aber die Einwohner wollen ihre »Plaka« so, wie sie einmal war.
aus DER SPIEGEL 35/1977

Die Bürger Athens haben viele Lieder über ihre »Plaka«, die Altstadt zu Füßen der Akropolis. Ihr liebstes besagt: »Wenn die Dämmerung naht, gehen die Götter aus und betrinken sich vor Glück in der Taverne von Koutsouri.«

Das muß lange her sein, denn selbst die Bewohner der griechischen Hauptstadt gehen immer seltener in das einstmals verträumte Tavernenviertel, wo es sich früher bei Retsina und leisen Gitarrenklängen unbehelligt disputieren und meditieren ließ.

»Die Plaka stirbt«, klagte die Zeitung »Eleftheros Kosmos«, das »Stadtviertel der Götter« strecke seine Hände aus und bitte um Hilfe, denn »Rauschgift, käufliche Liebe, Diebe, Gauner und Zuhälter« beherrschten die Szene. Vor allem aber, so die Athener »Eleftherotypia«, breiteten die Touristen über die Plaka das »Leichentuch«.

Seit rund zwei Jahrzehnten schon trommeln Bürgerinitiativen zu Rettungsaktionen für die Plaka, fast ebensolange arbeiten Städtebauer an Sanierungs- und Restaurationsplänen.

Doch dabei ist es bislang geblieben, für Taten fehlt der Stadt das Geld. Schon regen sich Geier, die Athen nach dem Herzen trachten: Archäologen etwa, die eigennützig für Abriß plädieren, und der steinreiche Reeder Kostas Karras, dem nachgesagt wird, er wolle die Plaka aus eigener Tasche zu einem Refugium der internationalen Finanzaristokratie umwandeln.

Längst bevor Kriminalität und Tourismus in die Idylle einfielen, nagte Zerfall an dem alten Stadtteil, der noch vor fast anderthalb Jahrhunderten die ganze Stadt Athen ausmachte.

Als 1834 Griechenlands erster König, der Wittelsbacher Otto, Athen zur »königlichen Residenz und Hauptstadt« erhob und ein halbes Jahr darauf mit Regierung und Gefolge pompös in die Stadt einzog, mußte er in der Privatwohnung eines reichen Atheners einquartiert werden. Olympische Weisheit hatte den Plan des preußischen Baumeisters Karl Friedrich Schinkel vereitelt, dem Wittelsbacher ein Schloß auf die Akropolis zu setzen.

Minister, Beamte, Offiziere und Diplomaten hatten seinerzeit ihre Not, in dem orientalisch anmutenden Nest mit seinen 280 Häusern angemessene Unterkunft zu finden. Verfallende Kirchen, Kapellen, Moscheen und türkische Bäder wurden zu Kasernen, Gerichten, Schulen und Ställen umfunktioniert, auch Athens erste Universität der Neuzeit fand Platz in der Plaka.

Obgleich weder Bayern noch Griechen in späteren Jahrzehnten viel zur Erhaltung der Altstadt taten, blieb sie den Griechen Hauptanziehungspunkt.

In den lauschigen Tavernen ertranken Klassenunterschiede, wenn etwa Reeder sich mit Matrosen. Industrielle mit Arbeitern, Intellektuelle mit Analphabeten nach reichlichem Ouzo- und Retsina-Genuß duzten.

Doch als die Touristen -- und mit ihnen die Kommerzialisierung -- kamen, flohen die Einwohner. 1840 lebten noch 19 000 Menschen in der Altstadt, heute sind es nur mehr 100.

Tavernen und Wohnhäuser wichen Nachtlokalen, Bars und Diskotheken, Bouzoukimusik, Rock und Pop aus voll aufgedrehten Verstärkern übertönten die sanfteren folkloristischen Gitarrenklänge, alte neoklassizistische und griechisch-mediterrane Häuser wurden zugunsten gesichtsloser Hotelneubauten und Parkplätze eingerissen.

in der Zuneigung der Athener genoß die Plaka ein kurzes Intermezzo: als sich während der Diktatur 1967 bis 1974 die sogenannten Bottes etablierten, politisch-literarische Musiklokale, in denen Protestlieder gesungen und Widerstandsgeist geschürt wurden. Dutzende von Boltes sind damals von der Sicherheitspolizei geschlossen worden, was die Beliebtheit der Plaka freilich nur noch steigerte. Mit dem Wiedereinzug der Demokratie jedoch -- Theodorakis« Lieder durften überall gesungen, Jannis Ritsos« Gedichte rezitiert werden -- verloren die Boltes ihre Existenzberechtigung. Touristen und Provinzler waren fast wieder unter sich.

Archäologen ist die Entwicklung nur recht, mit geheuchelter Pietät -- ein Sumpf auf geheiligt-hellenischen Stätten könne nicht geduldet werden -- berufen sie sich auf eine Abmachung zwischen Altertumsforschern und Städtebauern aus dem Jahre 1834.

Danach war vereinbart, daß der Bezirk rund um die Akropolis wegen zu erwartender Ausgrabungsschätze außerhalb aller Städteplanung zu bleiben habe. Es sollten lediglich zweistöckige Gebäude errichtet werden dürfen unter der ausdrücklichen Bedingung, daß Besitzer im Fall der Enteignung nur für das Grundstück, nicht aber für das Haus entschädigt würden.

Diese« Vereinbarung haben Plaka-Athener und Behörden stets erfolgreich ignoriert. Lediglich Anafiotika, der höchstgelegene Teil der Altstadt, wo sich anläßlich des Bayern-Baubooms im vorigen Jahrhundert Maurer von der Insel Anafi mit ihren schwarzgebauten pittoresken Häuschen niedergelassen hatten, wird abgerissen.

Nun aber, so wollen Eingeweihte wissen, hat Reeder Karras bereits 30 Reeder-Kollegen für einen Sanierungsplan interessiert, der die Umwandlung der Plaka in eine Art internationalen Geldadel-Reservats vorsieht -- mit allerfeinsten Villen, lauschigen Gärtchen und minimalem Publikumsverkehr.

Karras dementiert zwar heftig ("Ich bin doch nicht verrückt geworden"). Warum aber, fragen sich Athener, welche die Plaka lieber gleich wieder in der Gewalt ihrer trunkenen Götter sehen möchten, haben Karras (für seine Frau) und gleichzeitig ein enger Karras-Verwandter je ein bröckeliges Plaka-Haus gekauft?

Und warum wohl bot Karras dem Besitzer eines abbruchreifen Schuppens, der zwei Tavernen beherbergt, die stolze Kaufsumme von einer Million Mark?

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