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Vietnam Ein Patt zugunsten Hanois

Auf dem Schlachtfeld scheinbar ausgeblutet, setzen sich die Kriegsgegner nach zweimonatiger Unterbrechung wieder an den Pariser Verhandlungstisch. Doch Hanoi denkt nicht, wie Nixon-Berater Kissinger hofft, an Nachgeben -- eher an eine neue Offensive noch vor den US-Präsidentschaftswahlen.
aus DER SPIEGEL 30/1972

Unsere geliebte Stadt Quang Tri ist unter die schützenden Waffen unserer Truppen zurückgekehrt«, triumphierte der Regierungssender Saigon am 7. Juli. Südvietnams Präsident Nguyen Van Thieu sah mit der Rückeroberung der nördlichsten Provinzhauptstadt Südvietnams die nordvietnamesische Offensive in ihrem vierten Monat »endgültig gescheitert«.

Jedoch: Quang In war gar nicht gefallen. Angriffsspitzen einer 20 000-Mann-Streitmacht aus Südvietnams besten Soldaten -- Fallschirmjäger und Marineinfanterie -- hatten zwar die Peripherie der von Tausenden Bomben zerpflügten Stadt erreicht, doch mußten sie sich nach zwei Tagen wieder mehrere Kilometer zurückziehen.

Die nordvietnamesischen Verteidiger, die sich im Stadtkern bombensicher rund um die Zitadelle eingebunkert hatten, traten mit Panzern zum Gegenangriff an und schnitten die Vorhut der Regierungssoldaten ab. US-Hubschrauber wagten sich nicht mehr an die Frontlinie, da immer mehr Maschinen und Piloten den zielgenauen SA-7-Raketen der Nordvietnamesen zum Opfer fielen: Letzten Mittwoch traf eine SA7 einen riesigen »Chinook« -Transport-Helikopter. 60 Südvietnamesen und zwei US-Berater kamen dabei ums Leben.

Was Südvietnams Elite-Verbände nicht schafften, suchten die Amerikaner mit ihren Bombern zu erreichen: Eine lasergelenkte 900-Kilo-Bombe schlug letzten Mittwoch eine Bresche in die Zitadelle der umkämpften Stadt -- ohne weiteren Nutzen, denn Saigon-Soldaten, die das Fort daraufhin hätten erobern können, waren dazu gar nicht mehr in der Lage.

Was die Bombenteppiche auf und um die Provinzkapitale in Wahrheit bewirkten, schilderte ein US-Militärberater: Allein in einem Dorf -- Xuan Duong -- seien die meisten Bewohner, über tausend Menschen, umgekommen. Die Provinz Quang In, die einst eine Heimstatt für 320 000 Bauern war, wurde zu einer zerpflügten Mondlandschaft -- fest in nordvietnamesischer Hand.

Die Situation in Quang In ist symptomatisch für den Stand des Krieges in ganz Vietnam. Amerikas beispielloser Bombereinsatz (siehe Graphik Seite 89) hat ohne jeden Zweifel den ursprünglichen Angriffsschwung der Offensive des Generals Giap gestoppt. Die Nordvietnamesen begnügen sich derzeit mit der Verteidigung eroberten Gebiets. taktischen Vorstößen sowie Feuerüberfällen auf feindliche Stützpunkte und Städte.

Lokale Guerillas festigen derweil die militärische und politische Struktur in jenem Teil des Landes, den sie seit Beginn der Offensive wieder infiltriert haben. Nach Schätzungen des US-Geheimdienstes sitzt die Befreiungsfront in 1200 vordem »pazifizierten« Großgemeinden wieder fest im Sattel. Der kommunistische Machtbereich in ganz Indochina gleicht heute fast jenem von 1954 -- zur Zeit der Beendigung des ersten Indochinakrieges.

Südvietnams Armee, durch die Kämpfe um An Loc, Quang In und im Hochland ausgeblutet, ist -- wie die Erfahrung von Quang In zeigt -- zu ernsthaften Gegenoffensiven nicht mehr in der Lage. Ihre Desertionsrate liegt heute höher als zur Zeit der Tet-Offensive von 1968, ihre Eliteverbände schrumpften durch Gefallene, Verwundete, Vermißte und Desertierte auf die Hälfte ihrer ursprünglichen Stärke.

Selbst Orte, die sie mühsam zurückeroberten, wie die völlig in Trümmer gelegte Provinzstadt An Loc, können die Südvietnamesen nicht sichern: Vorletzten Sonntag fiel US-General Richard Tallman, der das wiedergewonnene An Loc inspizieren wollte, eine Minute nach Verlassen des Hubschraubers einer nordvietnamesischen Granate zum Opfer; mit General Tallman starben noch drei andere amerikanische Offiziere.

Das Patt auf dem Schlachtfeld brachte die ausgebluteten Gegner letzte Woche nach über zweimonatiger Unterbrechung wieder an den gemeinsamen Verhandlungstisch in Paris. Es gäbe eine Reihe von Gründen zur Annahme, daß Hanoi diesmal »ernsthaft verhandlungsbereit« sei, orakelte Nixons Politikmacher Henry Kissinger.

Doch Kissinger bezieht seinen Optimismus offenbar aus Gesprächen, die er in Peking und Moskau führte. Hanoi ist heute keineswegs kompromißbereiter als zu Beginn der Gespräche vor mehr als vier Jahren, denn das Patt favorisiert die Nordvietnamesen:

Zwar fordert Amerikas totaler Bombenkrieg, der auch nicht mehr vor den Dämmen des Roten Flusses haltmacht, dem Land unvorstellbare Opfer ab, dennoch wurde das Ziel von Nixons Bomber- und Minen-Strategie bisher nicht erreicht -- die Nordvietnamesen bringen noch immer Nachschub durch: Bei Quang Tri sagten gefangene Giap-Soldaten aus, sie seien erst vor drei Wochen nach Südvietnam gekommen. Giaps Panzer, die zur Überraschung von Amerikanern und Südvietnamesen noch immer auf dem Schlachtfeld auftauchen, beziehen ihren Sprit aus Pipelines, die von China über Hanoi bis an die Grenze Südvietnams führen und nach Bombentreffern rasch repariert werden.

Auch über die See kommen trotz Blockade und Minengürtel noch Nachschubgüter ins Land: Nordvietnamesische Dschunken holen das Material von Ostblock-Frachtern, die draußen im Golf von Tonkin ankern.

»Wenn auch unser Herz aufhört zu schlagen, unser Nachschub kann nicht unterbrochen werden«, dekretierte Hanois Verkehrsminister Phan Trong True für seine Nachschubtruppen. »Wenn es dem Feind früher nicht gelang, unser Verkehrsnetz zu blockieren, so kann er jetzt erst recht nicht unsere vielfältigen Verkehrsadern zerschneiden, die wir über das ganze Land ausgebaut haben.«

Selbst seine enormen Menschenverluste kann Nordvietnam stets rasch ersetzen: Fast die Hälfte der 100 000 Mann, mit denen Giap zu Ostern seine Offensive begann, wurde nach US-Schätzungen außer Gefecht gesetzt. Dennoch rechnen die Amerikaner dreieinhalb Monate nach Beginn des Angriffs noch immer mit einer intakten Streitmacht von mindestens 80 000 Feind-Soldaten. Auch noch bei 100 000 Toten im Jahr, haben Statistiker im US-Oberkommando in Saigon errechnet, kann Nordvietnam die Lücken aus eigenem natürlichem Zuwachs ausfüllen.

Hanoi ist somit durchaus in der Lage, auf dem Schlachtfeld wie bei den Verhandlungen in Paris bis zu einem Termin durchzuhalten, auf den Nordvietnam große Hoffnungen setzt: die amerikanischen Präsidentenwahlen im November. Der demokratische Bewerber McGovern verspricht den bedingungslosen Rückzug aller US-Truppen binnen 90 Tagen in seinem Wahlprogramm.

Hanoi kann, so fürchtet Washington, einiges tun, um den friedenswilligen McGovern an die Macht zu bringen: etwa durch eine neue Offensive, die Geheimdienstler in Saigon zwischen Juli und September erwarten -- zum Höhepunkt des Wahlkampfes.

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