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Vietnam: Frieden in Sicht?

Trotz schriller Dementis, trotz immer neuer Bomben -- der Frieden in Vietnam scheint näher denn je. Geheimverhandlungen in Paris und Moskau, Geheimmissionen in Saigon, geheimnisvolle Anspielungen in New York und Los Angeles -- alles deutet darauf hin: Washington und Hanoi haben sich offenbar bereits auf einen Vorhandlungsfrieden geeinigt. Doch er soll erst nach den Wahlen in Amerika in Kraft treten: Richard Nixon fürchtet den Verlust seiner Stammwähler von rechts, wenn er Saigons Präsidenten Thieu noch vor dem 7. November fallenläßt.
aus DER SPIEGEL 42/1972

Die erste Kunde vom nahen Frieden kam ausgerechnet vom deutschen Rhein. »Ostern ist Schluß in Vietnam«, wußten laut »Hamburger Morgenpost« am vorigen Mittwoch »maßgebliche Kreise der Bundesregierung«. Dann sei »der Krieg ... zu Ende«.

An der Themse glaubte man, zwei Tage später, noch viel mehr zu wissen. Amerikaner und Nordvietnamesen seien sich jetzt schon über den Frieden einig, meldete die Londoner »Times«, wollten ihn aber erst nach Nixons Wiederwahl am 7. November ausbrechen lassen.

Was sich in Bonn und London vorige Woche zur Gewißheit verdichtete -- daß in Südostasien nach Generationen nun endlich der Frieden kommt -, war vorher allenfalls hoffnungsvolle Spekulation gewesen, ausgelöst durch die Akteure selbst.

In Los Angeles hatte Amerikas oberster Kriegsherr, der Wahlkämpfer Richard Nixon, öffentlich erklärt, er rechne noch während seiner laufenden Amtsperiode mit einem Kriegsende in Vietnam (die Chancen seien »besser denn je zuvor"); im Kreml hatten Premier Kossygin und Hanois Botschafter Vo Thuc Dong, in Washington Präsident Nixon, Kissinger und Moskaus Gromyko Geheimgespräche geführt.

In New York hatte Frankreichs Außenminister Maurice Schumann. nach Unterredungen im Weißen Haus, der Uno-Vollversammlung anvertraut: »Die Aussicht, Indochina einen Frieden zu verschaffen ... ist jetzt gegeben«; und in Hanoi hatte das Parteiblatt »Nhan Dan« erstmals die Möglichkeit eines Verhandlungsfriedens angedeutet.

Schon wußte die New Yorker Rundfunkstation WOR, Nixons geheimnisvoller Henry Kissinger habe bei seinen Gesprächen mit den Nordvietnamesen einen »Durchbruch« erzielt. Schon sprach der US-Kommentator Clifford Evans vom bevorstehenden Rücktritt des Saigon-Präsidenten Thieu, von einer Koalitionsregierung für Südvietnam und einem Waffenstillstand. An der Wall Street stiegen die Aktienkurse, der Londoner »Observer« begeisterte sich: »Überall bricht der Frieden aus.«

Doch zur selben Zeit flogen amerikanische B-52-Bomber bereits wieder massive Angriffe gegen vermeintliche kommunistische Truppenkonzentrationen um Saigon (Nordvietnam blieb, dank dem Wirbelsturm »Lorna«, verschont). Zur selben Zeit auch regierte der angeblich zum Rücktritt bereite Nguyen Van Thieu selbstbewußt und diktatorisch wie je:

Er ließ die Zeitung »Tia-Sang« bestrafen, weil sie es gewagt hatte, über eine Versammlung von Zeitungsverlegern zu berichten, die von Thieu die Aufhebung seines (repressiven) Pressegesetzes forderte; er wies seine diplomatischen Vertretungen im Ausland an, Journalisten-Visa nur noch nach vorheriger Billigung durch Saigon auszustellen (wobei ihm US-Berater jene Korrespondenten namhaft machten, die irgendwann einmal Kritisches über Süd-Vietnam geschrieben hatten); und er zwang die 1954 installierte Internationale Kontrollkommission für Indochina, von Saigon nach Hanoi umzuziehen, indem er den indischen Delegierten als Antwort auf die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Neu-Delhi und Hanoi die Visa verweigerte.

Thieu bestritt auch -- trotz mehrerer Besuche von US-Botschafter Bunker und Kissinger-Vize General Alexander M. Haig -, von den Amerikanern »über Inhalt und Ergebnis« der letzten Kissinger-Gespräche mit den Nordvietnamesen unterrichtet worden zu sein. Er pokerte um sein Amt, und deshalb stand für ihn unverrückbar fest: Hanois Haltung hat »sich verhärtet und ist halsstarriger geworden als je zuvor«.

Das ließ sich zwar aus den Erklärungen ableiten, mit denen die Beauftragten Hanois und des Vietcong alle Friedensgerüchte dementierten. So nannte der nordvietnamesische Paris-Unterhändler Xuan Thuy alles Gerede vom bevorstehenden Frieden »grundlos und wahrheitswidrig«. Und Madame Binh,

* In Washington.

Vertreterin des Vietcong, erregte sich: »Wie kann man zu einem solchen Resultat kommen, während die amerikanischen Ausrottungsbombardierungen ... hartnäckig fortgesetzt werden?«

Tatsächlich aber waren -- entgegen solchen Dementis -- offenbar auch die Kommunisten zum Einlenken bereit. Der Verlauf des Wahlkampfes in den USA hat ihnen gezeigt, daß ihr Favorit George McGovern kaum noch Aussichten hat, ihren Erzfeind Richard Nixon zu entthronen. Und deshalb drängten sie auf eine Friedensregelung noch vor der Präsidentenwahl in USA:

Ein wiedergewählter Nixon, so mußten sie fürchten, werde ohne Rücksicht auf die öffentliche Meinung versuchen wahrzumachen, was er schon Ende Juli angedeutet hatte: »Wir könnten Nordvietnam an einem Nachmittag erledigen.«

Hinzu kommt: Der Wettlauf der beiden roten Supermächte Sowjet-Union und China um die Gunst Hanois hat ein jähes Ende gefunden, seit Richard Nixon sich in Peking mit den Chinesen und in Moskau mit den Sowjets arrangierte; und die Kriegsgegner in den USA sind fast verstummt, seit Richard Nixon mehr als eine halbe Million GIs aus Vietnam heimholte. Kissinger: »Was wir mit China unternehmen, ist so gewaltig, daß für Vietnam nur noch eine Fußnote in der Geschichte übrig bleiben wird«

Furcht vor weltpolitischer Isolierung. Furcht vor dem totalen Vernichtungsschlag eines wiedergewählten Nixon -- was immer es sein mochte, im Parteiorgan »Nhan Dan« deutete Hanoi Kompromißbereitschaft an: Nordvietnam sei mit einer Saigoner Koalitionsregierung aus Südvietnamesen« Neutralen und Kommunisten und sogar mit einer Beschränkung seines eigenen Einflusses einverstanden, sofern nur die Großmächte die Garantie dafür übernehmen, daß diese Regierung kein »Lakai Amerikas« sein werde.

Allerdings: Hanoi forderte nach wie vor den Kopf des Saigon-Präsidenten Thieu. Selbst dessen Angebot, rechtzeitig vor allgemeinen Wahlen in Südvietnam zurückzutreten« mochten die Kommunisten nicht akzeptieren: Sie ahnen, daß Thieus eingespielter Apparat die Wahlen auch ohne sichtbare Präsenz des Präsidenten ganz nach Belieben manipulieren könnte.

Richard Nixon sah sich in der Zwickmühle seiner eigenen Vietnampolitik gefangen: Wollte er den Krieg in Vietnam bis zum Wahltag beenden (und sich so den totalen Triumph sichern), mußte er den stets hofierten, wenngleich ungeliebten Thieu ("Niemand kann über unseren Kopf hinweg verhandeln") fallenlassen. Das aber würde allen Gelöbnissen von amerikanischer Treue gegenüber den Verbündeten der USA widersprechen und Nixon all jene patriotischen Wähler von rechts entfremden, auf deren Stimmen er nach wie vor angewiesen ist. Der kleine Vietnamese drohte zur Schlüsselfigur des amerikanischen Wahlkampfes zu werden, zum heimlichen Außenminister Amerikas: An Thieus Veto vorbei, so schien es, konnte Nixon nicht regieren und verhandeln.

Doch Nixons Cheftaktiker Kissinger befreite seinen Boß auch aus diesem Dilemma. Öffentlich gelobte Washington nach wie vor Treue zu seinem Verbündeten und dementierte alle Spekulationen über eine Einigung: »Absolut unwahr. Tatsache ist, daß es keinen Durchbruch gegeben hat.«

Insgeheim aber strebte Kissinger bei seinen hektischen Reisen nach Moskau (wo er mit Sowjets und vermutlich auch Nordvietnamesen so intensiv verhandelte, daß ein Leningrad-Ausflug abgesagt werden mußte) und nach Paris (wo das 18. Gespräch mit Hanois Le Duc Tho gleich zwei Tage dauerte) offenbar einen für beide Seiten akzeptablen Kompromiß an:

Man wartet mit dem offiziellen Friedensschluß bis nach dem 7. November, Erst einmal wiedergewählt, braucht Nixon dann keine Rücksicht mehr auf seine rechten Wähler zu nehmen.

Um seinen Entspannungsdialog mit Moskau und Peking voranzutreiben, um Amerika »vier der schönsten Jahre in der gesamten Geschichte der Vereinigten Staaten« zu bescheren, kann er dann Thieu leichten Herzens fallenlassen und so den Krieg in Vietnam beenden -- vielleicht sogar noch vor dem Oster-Termin, den in Bonn die »maßgeblichen Kreise der Bundesregierung« genannt hatten.

Denn Richard Nixons erste Amtsperiode, in der nach seinen eigenen Worten der Krieg in Vietnam beendet sein soll, läuft erst am 20. Januar 1973 ab -- zehneinhalb Wochen nach den Wahlen, 13 Wochen vor Ostern.

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