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Vietnam Offensive an vier Fronten

In elf Jahren ist aus dem Dschungelkrieg roter Guerillas ein operativer Bewegungskrieg geworden. Mit einer bisher unbekannten Massierung von Artillerie traten die Nordvietnamesen -- an vier Fronten zugleich -- zur Frühjahrsoffensive an. US-Präsident Nixon hofft, sie durch die größte Bombenoffensive seit 1968 zu stoppen.
aus DER SPIEGEL 16/1972

Über dem nördlichen Teil Südvietnams hingen tiefe Regenwolken. Nur wenige US-Piloten wagten es, ohne Bodensicht mit ihren Jagdbombern auf die Nationalstraße 1 zwischen Dong Ha und Quang Tri hinabzustoßen. Sie wurden durch ein atemberaubendes Pano rama entschädigt.

Denn unten pirschten keine Guerillas auf Dschungelpfaden. Unten rollte vielmehr eine gepanzerte, mechanisierte Armee -- in langen, dichten Kolonnen: Panzer und gepanzerte Mannschaftswagen, Lkw, Amphibie-Fahrzeuge, Fla-Raketen auf fahrbaren Abschußrampen, Flug- und Panzerabwehr-Kanonen und Artillerie.

Amerikas elf Jahre alter Vietnamkrieg war unversehens wieder jung und abermals gänzlich anders geworden: Das zerbombte, »wirtschaftlich angeblich schwer notleidende Nordvietnam ging zum operativen Bewegungskrieg mit konventioneller Kampfführung über.

Am Gründonnerstag war auf die rund ein Dutzend südvietnamesischen Stützpunkte an der entmilitarisierten Zone, die Nord- und Südvietnam trennt, ein bislang unbekannter Granathagel niedergeprasselt: rund 10000 Einschläge, allein die Basis Lac Long wurde von 600 Granaten zerfetzt. Mit Entsetzen erkannten die südvietnamesischen Artilleristen, daß sie gegen das Feuer machtlos waren: Die Nordvietnamesen schossen erstmals mit sowjetischen 13cm-Geschützen, die 27 Kilometer weit tragen. während die von den Südvietnamesen benutzten amerikanischen 1 5,5. cm-Geschütze gerade 15 Kilometer weit reichen.

Bereits an den Ostertagen fielen sämtliche südvietnamesischen Stützpunkte innerhalb von 30 Kilometern südlich der entmilitarisierten Zone. Zum Teil fluchtartig setzten sich die demoralisierten Saigoner Soldaten samt ihren wenigen amerikanischen Militärberatern nach Süden ab, nicht ohne die Angreifer mit schußbereiter schwerer Artillerie made in USA versorgt zu haben: In den Basen Dong Ha und Camp Carrol ließen sie 17,5-cm-Geschütze zurück, mit denen die Angreifer alsbald Richtung Süden schossen, und diese Geschütze schießen 33 Kilometer weit.

Anfang voriger Woche hatten die Nordvietnamesen. drei Divisionen stark, fast die gesamte Nordprovinz Quang Tri -- bis auf die in Trümmer liegende Hauptstadt -- erobert und rückten von Norden und Westen auf die alte Kaiserstadt Hué vor. Gleichzeitig griffen sie, gleichfalls in Stärke von drei Divisionen, im zentralen Hochland an. Am Mittwoch eröffneten sie knapp 100 Kilometer nördlich von Saigon die dritte Front: Vier Divisionen stießen an der Nationalstraße 13 von Kambodscha her auf die Stadt Loc Ninh vor. Einzelne Einheiten gelangten bis 32 Kilometer vor Saigon. Am Freitag schließlich entstand im Mekong-Delta, das seit zwei Jahren als pazifiziert galt, eine vierte Front: Der Vietcong griff zwölf Städte an.

.Saigon-Präsident Thieu eilte an die Nordfront und vor die Fernsehkameras: »Dies ist die Entscheidungsschlacht.« In Washington trat Präsident Nixons Krisenstab zusammen Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums bekannte trutzig: »Wir betrachten alle unsere Optionen als offen« »In Wirklichkeit«, antwortete die »Washington Post«, »sind »alle Optionen« erkennbar nicht offen.«

Wie sein Vorgänger Johnson war auch Richard Nixon in den Strudel jenes Dschungel-Krieges geraten, den Amerika zunächst durch Eskalation zu gewinnen und den es dann wenigstens ohne Gesichtsverlust zu beenden hoffte, der amerikanische Offiziere zu Kriegsverbrechern und amerikanische Soldaten zu Rauschgiftsüchtigen machte.

Über 120 Milliarden Dollar und über 55 000 Tote hat dieser Krieg die Amerikaner gekostet. 6,2 Millionen Tonnen Bomben warfen sie über Indochina ab. gegenüber zwei Millionen im Zweiten Weltkrieg und einer Million im Koreakrieg. Noch im letzten Jahr, als der Krieg schon kleiner zu werden schien, gingen auf Indochina jeden Monat insgesamt US-Bomben nieder, die eine doppelt so starke Sprengkraft hatten wie die Hiroshima-Bombe.

Richard Nixon verminderte die Zahl der GIs in Vietnam von 543 400 im April 1969 auf 139000 im Februar 1972. Im Mai dieses Jahres sollen noch 69000 US-Soldaten in Vietnam stehen, gerade genug, um die Logistik der Südvietnamesen sicherzustellen.

Irgendwann während dieses Abzugs, das schien von vornherein klar, mußte für Hanoi die Versuchung groß werden, Amerika den ehrenvollen Abmarsch vom asiatischen Schauplatz amerikanischer Brutalität nicht zu gestatten und, wenn nicht den US-Truppen selbst, so doch den von ihnen mit Dollarmilliarden gepäppelten Südvietnamesen ein Dien Bien Phu zu bereiten.

Bereits Ende 1970 gaben hohe US-Beamte im Weißen Haus zu, daß es den Amerikanern nur noch darum gehe, zwischen ihrem Abzug und dem erwarteten Kollaps Südvietnams einen so großen Zeitraum zu legen, daß Washington für das Desaster nicht verantwortlich gemacht werden könne.

Die kommunistische Frühjahrsoffensive 1972 droht auch diese zugleich zynische wie bescheidene Erwartung zunichte zu machen. Ende letzter Woche war es zwar noch unklar, ob Hanoi mit der Offensive wirklich auf ein Dien Bien Phu Südvietnams zielt, ob es lediglich Faustpfänder für neue Verhandlungen erobern oder -- zwischen dem Nixon-Besuch in Peking und dem Nixon-Besuch in Moskau -- Unabhängigkeit von den drei Großmächten demonstrieren will. Doch daß die Vietnamisierung gescheitert ist, haben die Nordvietnamesen letzte Woche in jedem Fall bereits nachgewiesen.

Nur durch rollende Einsätze der US-Luftwaffe blieben ·die Südvietnamesen vorerst vor noch schlimmeren Niederlagen bewahrt. Amerika beantwortete die Herausforderung mit der stärksten Luftoffensive seit dem Bombenstopp von 1968.

So scheint der fast schon vergessene Vietnamkrieg an seinen Ausgangspunkt zurückzukehren: Wieder versucht ein amerikanischer Präsident, den Gegner mit Bomben zu stoppen. Sollte es nicht gelingen, steht er vor der unmöglichen Alternative, im Wahljahr 1972 wieder amerikanische Bodentruppen zu entsenden oder den Feind siegen zu lassen -- einen Feind, der heute überall die Offensive ergriffen hat.

Admiral Thomas Moorer, Chef des gemeinsamen Stabs der US-Streitkräfte, stellte letzten Donnerstag fest, daß nunmehr vier Fünftel der gesamten Streitkräfte Nordvietnams jenseits der Grenzen kämpfen: in Kambodscha, in Laos und in Südvietnam.

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