Zur Ausgabe
Artikel 3 / 110
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Vino rosso - aber roten!«

Filmschauspieler Mario Adorf über Schwierigkeiten zwischen Deutschen und Italienern
aus DER SPIEGEL 29/2003

SPIEGEL: Herr Adorf, Sie sind in der Eifel groß geworden, leben seit Jahrzehnten in Rom, haben einen italienischen Vater und eine deutsche Mutter. Was sind Sie: Deutscher oder Italiener?

Adorf: Anfangs, als ich in den sechziger Jahren nach Rom kam, habe ich versucht, mich zu assimilieren, den Italiener in mir zu entdecken. Ich merkte bald, dass das nicht funktioniert. Meine Jugend, meine prägenden Jahre habe ich in Deutschland verbracht, und je länger ich in Italien lebte, desto klarer wurde mir, dass meine Liebe zu Italien etwas spezifisch Deutsches ist.

SPIEGEL: Für was hält man Sie in Rom?

Adorf: Für die Leute, die mich aus meinen Filmen kennen, bin ich Italiener, für die Kollegen aus der Filmbranche Deutscher. Das haben die mich auch oft spüren lassen. Meistens negativ. Denn anfangs gab es große Zurückhaltung, wenn nicht Abneigung gegen Deutschland. Das ist besser geworden. Aber das deutsch-italienische Verhältnis blieb bis heute problematisch.

SPIEGEL: Die Beziehungen beider Nationen scheinen von Freundlichkeit geprägt, schreiben Sie in Ihrem neuesten Buch*, erweisen sich aber bei »der geringsten politischen Erschütterung, die sich als Bedrohung deuten lässt«, als »unbelastbar und labil«. Inwiefern?

Adorf: Als 1977 der ehemalige SS-Obersturmbannführer Herbert Kappler, der als Kriegsverbrecher zu lebenslanger Haft verurteilt worden war, nach Deutschland floh, entfachte das einen Sturm der Entrüstung. Eine Welle antideutscher Aktionen schwappte über das Land. Reifen von Touristenautos wurden zerstochen. Auch mein Wagen wurde zerkratzt und beschmiert. Und die Schauspielergewerkschaft forderte, mir meine damalige Rolle wegzunehmen - weil ich Deutscher war.

SPIEGEL: Was macht das Verhältnis so schwierig ?

Adorf: Das sind zum einen Spätfolgen des Krieges. Ein latentes gegenseitiges

Unbehagen ist geblieben - hier die Verräter, da die Mörder. Dann, als die italienischen Gastarbeiter nach Deutschland kamen, hat man auf sie herabgeschaut. Das ist im Wesentlichen vorbei. Seit die Italiener in Deutschland nahezu die komplette Spitzengastronomie erobert haben, sind sie dort auch geachtet. Aber ein Rest ist geblieben: Der Deutsche mag Italien sehr gern, den Italiener beneidet er ein bisschen wegen seiner leichten Lebensweise, aber er mag ihn trotzdem nicht ganz so gern.

SPIEGEL: Mag der Italiener denn den Deutschen?

Adorf: Das italienische Bild der Deutschen ist negativ geprägt von dem lauten, mit viel Geld um sich werfenden Urlauber, ähnlich dem der »Ballermänner« auf Mallorca. Dazu gibt es, übrig geblieben in unzähligen Filmen, das Bild des blonden Nazis, der mit schnarrender Stimme »rrraus rrraus!« oder »Jawolll mein Führer!« brüllt.

SPIEGEL: Auch 40 Jahre Kontakte zwischen deutschen Urlaubern und italienischen Gastgebern haben daran nichts geändert?

Adorf: Doch, schon. So langsam haben viele Italiener gemerkt, dass nicht alle Deutschen pöbelnde Prolls sind, die lautstark »Vino rosso - aber roten!« verlangen, sondern Menschen, die sich interessieren, die treu sind, die alle Jahre wiederkommen. Das wird schon anerkannt. Die deutsche Pünktlichkeit ist dem Italiener eher unheimlich, aber die Zuverlässigkeit - auch im privaten Bereich - wird gerühmt.

SPIEGEL: Tiefe Freundschaft ist gleichwohl nicht daraus geworden?

Adorf: Nein. Die Italiener leiden bis heute an einem Minderwertigkeitskomplex gegenüber deutscher Effizienz und wirtschaftlicher Stärke. Der wird kompensiert mit viel Stolz auf die eigene Art, auf die eigenen Vorzüge. Nehmen Sie den Restaurantbesitzer Rossini, den ich in dem gleichnamigen Film gespielt habe. Der lässt sich von seinen Gästen kommandieren, quälen, erträgt deren Launen. Aber spät am Abend steht er auf der Empore seines Lokals und schaut mit einer gewissen Verachtung hinab auf diese Barbaren, denen seine Vorfahren einst die Kultur brachten.

SPIEGEL: Was stört Italiener heute am meisten an den Deutschen?

Adorf: Das Auftreten spielt eine große Rolle, schon wie sie daherkommen: in Sandalen, kurzen Hosen, Ruck- und Schlafsack. Lauter grobschlächtige Gesellen, groß ...

SPIEGEL: ... blond und blöd die Männer, okay. Und wie ist es mit den blonden deutschen Frauen?

Adorf: Da ist es ganz anders, die » bella bionda tedesca« hat das Frauenbild in Italien - von Männern und von Frauen - total verändert. Ich weiß noch, welchen Eindruck die Kessler-Zwillinge hier machten: erstaunlich groß, erstaunlich blond, erstaunlich ähnlich. Für den italienischen Mann war das ein ganz neues, wahnsinnig attraktives Sexualobjekt. Und nach den Kessler-Zwillingen kamen ja immer mehr, nicht nur auf der Bühne, auch auf der Straße. »Deutsches Fräuleinwunder« hieß das damals. Viele Italiener haben ja auch deutsche Frauen geheiratet ...

SPIEGEL: ... zum Beispiel dieser famose Staatssekretär Stefani ...

Adorf: ... dieser nordisch-blonde Typ - ob aus Deutschland oder Skandinavien - hat auch das Frauenbild der Italienerinnen total verändert. In Italien sieht man heute unendlich viele - meist nicht echte - Blondinen. Im Fernsehen, in den Illustrierten haben die Blonden die dunkelhaarigen mediterranen Schönheiten weitgehend verdrängt.

SPIEGEL: Aber im Konfliktfall kommen die blonden Schönheiten in dieselbe Klischeekiste wie die Männer.

Adorf: Das hat auch etwas damit zu tun, wie der Konflikt vermittelt wird, von den Medien zum Beispiel. Heißt es dann, die Kritik an dieser oder jener Person meint in Wahrheit uns alle, dann reagieren viele Italiener nach wie vor reflexartig und rücken zusammen. Aber jetzt geraten wir in die Untiefen der Politik - und da will ich nicht hinein.

* Mario Adorf: »Der Fotograf von San Marco«. Verlag Kiepenheuer& Witsch, Köln; 224 Seiten; 9,90 Euro.

Zur Ausgabe
Artikel 3 / 110
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.