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SHOWS Visueller Reißwolf

Der Kommunikations-Unternehmer Harenberg hat eine gigantomane Bild-Show in der Dortmunder Westfalenhalle aufgezogen: Unter dem Titel »Monumenta« verwurstet sie nicht weniger als das 20. Jahrhundert. *
aus DER SPIEGEL 24/1983

Allein 8000 Nägel, 320 Kilo Leim, 60 Liter Isolierlack, 1850 Meter Klebeband für die Werbewand in Dortmund, hinter der die riesige Westfalenhalle fast verschwindet - mit »Guinness«-Ehrgeiz klotzt »Harenberg Kommunikation« das »größte Plakat der Welt« vor den Veranstaltungsort seiner monströsen Multi-Media-Show mit dem pompösen Titel »Monumenta ''83: die Chronik des 20. Jahrhunderts«.

Bedrohlich senken sich die riesigen Leinwände zu Beginn des Spektakels von der Decke. Giftgrüne Strahlen schießen aus dem - natürlich »weltgrößten« - Laser-Time-Tunnel und blenden die Augen wie die hundert, zwei- oder dreihundert Glühbirnen, die jahrmarkthaft den Projektionswänden aufgesteckt sind. Windmaschinen imitieren Wirbelsturm, acht Geräte pumpen Rauch in die Halle und vernebeln die Sicht auf die Zeitgeschichte, durch die der Betrachter 150 Minuten lang katapultiert wird.

300 000 Besucher müssen es bis zum 19. Juni werden, sonst hat sich Veranstalter Bodo Harenberg keine »Sensationelle Filmdokumentation« geleistet, sondern eine Horror-Picture-Schau und einen Flop. Vorerst jedenfalls wird die »technische Ausrüstung in Umfang und Qualität« schlicht »einmalig« genannt: drei Leinwände mit 500 Quadratmeter Projektionsfläche, 180 Aircraft Landing Lamps, 30 000 Watt Hauptbeschallungssystem, 30 000 Watt Effekte-Beschallungssystem, 16 000 Watt Low-Bass System: »Ein Beispiel für diese Veranstaltung gibt es in der Welt nicht«, meint Harenberg.

Wozu die großkotzige Werbung? Wozu die Olympiade der Zeitgeschichte? Weitere Promotion für die vier Kilo schwere »Chronik des 20. Jahrhunderts«, _("Monumenta 83: Chronik des 20. ) _(Jahrhunderts.« Offizieller Katalog; ) _(Harenberg Kommunikation; 128 Seiten; 10 ) _(Mark. )

die schon über 300 000mal verkauft worden ist? Der Zuschauer »soll unmittelbar in die Situation des Zeitgenossen versetzt werden«, er soll sich »fragen«, wie er bei Wahlen in den 30er Jahren oder bei Kriegsbeginn reagiert, ob er »damals bereits geahnt« hätte, »was heute Gewißheit ist«. Harenberg donnert das Menschheitsdrama auf - seine bis 32 Mark zahlenden Gäste »sollen Glanz und Elend aus acht Jahrzehnten noch einmal miterleben«.

Die 20 Rechercheure haben aus »New York, London, Paris, Rom, Moskau, aber auch sämtlichen deutschen Archiven« »weit über 100 000 Meter Filmmaterial« mitgebracht.

Pünktlich am 1. Januar 1900 beginnt Harenbergs Nullpunkt, mit Uhrgetick. Acht Jahrzehnte in 40 Szenen zerhackt, flickt Regisseur Harlos vom »Studio Hamburg« Nummer für Nummer ein historisches Faktum ans andere, »Start des 1. Zeppelins«, »Untergang der Titanic«, »Oktober-Revolution«, im Sprint hinüber zu den Olympischen Spielen 1936, Stalingrad folgt, der 17. Juni, Vietnamkrieg, Herzverpflanzung, Mondlandung, Camp David. Von Geschichte keine Spur. Die Historie kommt auf die Headline herunter, im Sammelsurium der Schlagzeilen werden Tatsachen aneinandergereiht, Mythen ("Die goldenen 20er Jahre") aufgeblasen, an der Oberfläche abgeklatscht.

Auf wissenschaftliche Berater hat Harenberg offenbar verzichtet. Das Jahrhundert wird auf dem Niveau von Boulevard-Journalismus verramscht. Chaplins Slapstickverschnitt soll versöhnen mit Greueln der Oktoberrevolution, die Beatles mit Vietnam, Monroes Wackelbusen im Rhythmus von Chet Atkins mit sonst irgendwas. So egal wie beliebig. 30 Minuten im visuellen Reißwolf, unter den Salven hysterischer Bildschnipselei, beschallt von einem wildgewordenen Hörspielstudio, ist die DDR-Gründung ''49 nicht mehr von der der BRD zu unterscheiden.

Massenhysterie bei Beatles-Konzert, Cassius-Kampf oder Goebbels'' Sportpalastrede - absolut austauschbar. Und wenn Westfalens Halle zu Hiroschima bebt bis in den letzten Klappstuhl hinein, feiern nicht einmal mehr Emotionen Triumphe. Die Technik hat gesiegt über den Menschen und seine Leidens-Geschichte. Nach 150 Minuten taumeln Harenbergs Kunden ins Freie. Nichts wissen sie mehr. Das Hirn dröhnt, nach dieser schmerzhaften Verhinderung des Denkens. Die »Monumenta« ist nur mit Aspirin, Ohropax und Augenklappen zu ertragen.

»Monumenta 83: Chronik des 20. Jahrhunderts.« Offizieller Katalog;Harenberg Kommunikation; 128 Seiten; 10 Mark.

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