Zur Ausgabe
Artikel 33 / 67
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

FRANKREICH / WÄHRUNG Vive le Franc

aus DER SPIEGEL 3/1965

Auf Befehl Staatspräsident de Gaulles weist die Bank von Frankreich seit vergangener Woche ihre Devisenreserven nicht mehr in amerikanischen Dollar, sondern in französischen Franc aus. Der General erläuterte die Symbolik: Der Dollar als Leitwährung der westlichen Welt liege im Sterben; vive le Franc.

Jacques Baumel, Generalsekretär der gaullistischen Staatspartei UNR, hatte bereits im Dezember triumphierend verkündet: »Die Amerikaner sind uns ausgeliefert; denn wir können den Sturz des Dollar auslösen, wann immer wir wollen. Wir brauchen nur den Umtausch unserer Dollarreserven in Gold zu verlangen.«

Tatsächlich brachten der seit einiger Zeit aufgefrischte Export Frankreichs und die Dollar-Investitionen amerikanischer Industrieller große Mengen Dollarguthaben in die Bücher der Bauque de France.

Während der Dollar fast ebensosehr von Abwertungsgerüchten geschwächt ist wie das kränkelnde Pfund der Labour-Regierung, erfreut sich de Gaulles Franc gegenwärtig ungewohnter Härte. 1964 erwirtschafteten die Franzosen in ihrer Zahlungsbilanz ein Plus von 600 Millionen Dollar, die Amerikaner mußten ein Minus von etwa zwei Milliarden Dollar hinnehmen.

Devisen-Vorräte im Werte von 5,04 Milliarden Dollar (de Gaulle: »25,2 Milliarden Franc") gestatteten es dem Staatspräsidenten, hochgemut den amerikanischen Papierdollar-Tiger zu besteigen und der Finanzwelt eine eindrucksvolle Runde vorzureiten. Das Gaullisten-Blatt »La Nation« vermerkte dazu: »Das Gewicht unserer Reserven spiegelt das Gewicht Frankreichs unter den reichen Nationen wider.«

Rund 75 Prozent der fünf Milliarden Dollar hat die Banque de France in Form von Goldbarren eingelagert. Der Rest von 1,3 Milliarden besteht aus Dollar, die das US-Schatzamt jederzeit in Gold, die Unze zu 35 Dollar, umtauschen muß, falls Frankreich es wünscht. Die gleiche gesetzliche Verpflichtung besteht gegenüber den Dollarbeständen aller anderen Staaten.

De Gaulles Drohung, er werde einen großen Teil der Papierdollar in amerikanische Goldbarren umtauschen, mußte die Regierung Johnson ebenso schocken wie die Wall Street. Da nämlich die Goldreserven der USA bereits auf den Gegenwert von 15,6 Milliarden Dollar geschrumpft sind, würde der Umtausch der 1,3 De-Gaulle-Milliarden die Dekkung des Dollar durch Gold um fast zehn Prozent verdünnen. Mögliche Folge: Um eine allgemeine Flucht aus dem Dollar zu verhindern, müßten die USA den Goldpreis heraufsetzen, das heißt ihre Währung abwerten.

Weil sie den Dollar und damit das westliche Währungssystem dieser Gefahr nicht aussetzen wollen, tauschen die meisten Nato-Länder seit langem nur einen geringen Prozentsatz ihrer Dollar-Erträge in Gold um. So wechselte beispielsweise die Bundesrepublik nur 57 Prozent ein, 18 Prozent weniger als Frankreich.

Die Dollar-Stützung war dem französischen Präsidenten längst zuwider. Sie ermöglichte dem amerikanischen Kapital jene enormen Auslandsinvestitionen, die de Gaulle in seiner Silvester-Ansprache mit dem Ausdruck »Kolonialismus« belegte.

Als wirtschaftlichen Kolonialismus wertet der Staatspräsident nicht nur den Erwerb französischer Großfirmen wie

- der Simca-Automobilwerke durch den amerikanischen Chrysler-Konzern und

- der in der Herstellung elektronischer Maschinen führenden Gesellschaft Bull durch die General Electric.

Er führt auch den starken Rückgang der französischen Automobil-Produktion um sieben Prozent im Jahre 1964 auf die Aktivität des US-Kapitals zurück: auf die Erfolge der amerikanisch geleiteten westdeutschen Ford- und Opel-Werke im Exportgeschäft. De Gaulle selbst startete Frankreichs Gegenzug. Auf dem Neujahrsempfang im Elysee-Palast orakelte er: »Ich versichere Ihnen, daß man sich 1965 nicht langweilen wird.« Und: »Ich bitte Sie zu glauben: Es passiert etwas.«

Vorletzten Sonntag meldete dann die Londoner »Sunday Times« als erste Zeitung, daß Frankreich seine 1,3 Milliarden Dollar zum Umtausch in Gold präsentieren werde. Zwei Tage lang ließ de Gaulle Johnson im ungewissen. Erst als die Zeitungen voraussagten, die Umtauschaktion könnte den Sturz des Dollar heraufbeschwören, schwächte Paris großmütig ab: Nicht mehr als 300 bis 400 Millionen Dollar, also gut die Hälfte des 1964er Zugewinns, wolle man in Gold umwechseln.

Das Nahziel der Attacke glaubt der Größenwahrer Frankreichs inzwischen erreicht: Die USA haben die gefährlichen Möglichkeiten de Gaulles, das gläserne Währungssystem der kommunizierenden Röhren platzen zu lassen, erkannt und werden vermutlich den Kapitalexport nach Frankreich stoppen.

De Gaulles währungspolitisches Fernziel, auf das er konsequent hinarbeitet, hatte sein Finanzminister auf der Jahresversammlung der Weltbank und des Weltwährungsfonds im September anvisiert. Giscard d'Estaing kritisierte in Tokio, Dollar und Pfund hätten in den letzten zwei Jahren inflationäre Entwicklungen der Industrieländer nicht verhindern können und sich damit als unzureichend erwiesen.

Entweder müßten die westlichen Industrienationen ein neues internationales Währungssystem auf Goldbasis einführen oder aber den Franc als dritte Leitwährung anerkennen. Nach den Statuten des Weltwährungsfonds hieße das, neben Dollar und Pfund künftig auch den französischen Franc als Banknoten-Deckung der westlichen Länder zu akzeptieren.

Finanzminister Giscard d'Estaing

Goldrausch an der Seine

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 33 / 67
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel