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Bundeswehr Völlig neues Gefühl

Generalprobe für einen Wüsteneinsatz: Deutsche Soldaten spielten den Golfkrieg nach.
aus DER SPIEGEL 21/1995

Der Wüstenstaat »Dahib«, regiert von islamischen Fundamentalisten, greift den ölreichen Nachbarn »Sabira« mit Scud-Raketen und chemischen Waffen an; eine Koalition aus Amerikanern, Deutschen und Niederländern eilt zu Hilfe und kämpft, im Auftrag der Uno, den Aggressor nieder.

Die Planer der amerikanischen Übung »Roving Sands« (Wanderdünen) hätten sich »über die Politik keine großen Gedanken gemacht«, beschwichtigt US-General Dennis J. Reimer. Doch die Manöverlage in den USA war eindeutig. »Wir spielen hier Golfkrieg«, gab einer der deutschen Kommandeure ohne Umschweife zu. Daß die Bundeswehr mitmache, lobte General Reimer, sei »ein historischer Moment«.

Zum gemeinsamen Out-of-area-Manöver mit den Amerikanern in der Wüste von Texas und New Mexico hatte das Flugabwehrraketengeschwader 3 aus Oldenburg im April 1500 Soldaten und 700 Fahrzeuge nebst Raketen der Typen Patriot, Hawk und Roland über den Atlantik geschickt: Generalprobe für eine dauerhafte Kooperation. Denn am 1. Juli soll der Verband mit Tschingderassabum förmlich als »Schnelle Eingreiftruppe« (Immediate Reaction Force) der Nato unterstellt werden.

Das Kriegsspiel in der Wüste nahm Generalinspekteur Klaus Naumann denn auch zum Anlaß für große Worte: Künftig, so Naumann beim Besuch der Manövertruppe, könne es »keine deutsche Sonderrolle« mehr geben. »Bei internationalen Kriseneinsätzen rechnen die Amerikaner jetzt fest mit der Bundeswehr als leistungsstarkem, gut ausgerüstetem und hochmotiviertem Partner.«

Das Manöverszenario muß Naumann gefallen haben. Der General warnt gern vor »Risiken« aus dem islamischen »Krisenbogen zwischen Marokko und Pakistan«.

Verteidigungsminister Volker Rühe (CDU) mißfallen die flotten Sprüche seines obersten Militärs. Zwar kannte der CDU-Mann das politische Szenario, als er die Flugabwehrtruppe in die Wüste schickte. Aber er will den Eindruck vermeiden, die Teilnahme an dem gestellten Einsatz bedeute schon eine Verpflichtung, im nächsten Konflikt tatsächlich mitzukämpfen. Rühe: »Es darf da keinen Automatismus geben.«

Bremser Rühe sorgt sich nicht zu Unrecht. Bei Roving-Sands machten die US-Militärs deutlich, daß die Deutschen in ein festes Konzept für Out-of-area-Einsätze eingeplant sind. _(* Patriot-Raketenbehälter beim Umladen ) _(vom Transportlastwagen auf das ) _(Abschußfahrzeug. )

Die neue Nato-Arbeitsteilung: US-Streitkräfte machen mit High-Tech-Systemen Jagd auf Scud-Raketen ("Scudhunting"); die Verbündeten halten ihnen derweil den Rücken frei und helfen mit ihren Flugabwehrraketen, Stützpunkte und Nachschubhäfen gegen feindliche Bomber zu schützen.

Tieferen Einblick in ihre Aufklärungs- und Kommunikationstechnologien gewährten die Amerikaner den Verbündeten gleichwohl nicht. Krieg ist Krieg, und Geschäft ist Geschäft: »Die Amerikaner wollen ihre Systeme in Ruhe fertig entwickeln und uns später teuer verkaufen«, analysierte der deutsche Major Bernhard Vogel, der seit acht Monaten in Atlanta als Verbindungsoffizier zur US-Armee fungiert.

Etwas Neues haben die deutschen Militärs von ihrem Wüstentrip trotzdem mitgebracht: »Ein völlig neues Gefühl«, schwärmt der Leiter des deutschen Gefechtsstands, Oberst Hans-Joachim Schubert, hätten die Luftstreitkräfte der Amerikaner der deutschen Flugabwehrtruppe geboten - Massenangriffe von 50 und mehr Kampfjets, die in weniger als 30 Meter Höhe über das Wüstenplateau düsten.

Zu solchen realitätssnahen Wüstenübungen, mahnt Oberstabsarzt Peter Asmus, Leiter des deutschen Feldhospitals, müßten künftig »dringend« Psychologen und Gesprächstherapeuten anreisen. Die vom simulierten Gefecht, Sandstürmen und brüllender Hitze gestreßte Truppe brauche mehr moralische Aufrüstung. Wegen psychosomatischer Störungen drohten sonst »beträchtliche Ausfälle«. Y

* Patriot-Raketenbehälter beim Umladen vom Transportlastwagen aufdas Abschußfahrzeug.

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