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USA Völlig unbekümmert

Ein neuer schwerer Spionagefall: Macht es der Geheimdienst Verrätern zu leicht?
aus DER SPIEGEL 48/1996

Was am Dienstag, dem 12. November 1996, hinter den Türen von Raum 6E 2911 auf dem fünften Stockwerk im Nordwestflügel des Old Headquarters Building in Langley (Virginia) geschah, hätte eigentlich niemanden überraschen dürfen: Es wurde spioniert.

Spionage ist das Handwerk der meisten Menschen, die in dem scharf bewachten Gelände nahe der Bundesstraße 123 vor den Toren Washingtons ein und aus gehen: Es ist die Zentrale des amerikanischen Geheimdienstes CIA.

Harold James Nicholson, 46, kamen denn auch die Erfahrungen aus 16 Dienstjahren bei der Agentur zugute, als er eine besondere Dokumentenkamera aufbaute und sich nach Dienstschluß unter seinem Schreibtisch zu schaffen machte. Das wiederum beobachtete Washingtons Spionageabwehr per versteckter Videoüberwachung, und die Agenten konnten dokumentieren, wie einer der Ihren Blatt für Blatt geheime Papiere ablichtete.

Nicholson ahnte nichts von dem Verdacht, den Fahnder von CIA und FBI seit Monaten gegen ihn hegten. Deswegen war er, so einer der Ermittler, »völlig überrascht«, als er vier Tage später auf dem Washingtoner Flughafen Dulles verhaftet wurde.

Nur knapp drei Jahre nachdem mit Aldrich Ames ein CIA-Maulwurf aufgeflogen war, der fast ein Jahrzehnt lang Interna an Moskaus Auslandsgeheimdienst verraten hatte, ist den Spionageabwehr-Experten offenbar ein weiterer dicker Fisch ins Netz gegangen. Nicholson, zuletzt Abteilungsleiter für den Nahen Osten in der Anti-Terror-Sektion der CIA, ist der ranghöchste Mitarbeiter, der je der Zusammenarbeit mit einer ausländischen Macht beschuldigt wurde.

Er soll aktive Agenten, Geheimoperationen und zivile Zuträger des Amtes verraten haben. Denen drohe nun Gefahr an Leib und Leben, meint die Staatsanwaltschaft in ihrem 31seitigen Antrag für Haftbefehl und Hausdurchsuchungen. Besonders schlimm: Nicholson hat vermutlich Personalakten und Aufträge ganzer Generationen von Nachwuchsagenten an den russischen Auslandsgeheimdienst SWRR weitergegeben.

Von 1994 bis zum Sommer dieses Jahres unterrichtete Nicholson auf der ominösen »Farm«, einem geheimen Ausbildungslager der CIA nahe dem historischen Williamsburg in Virginia, das künftige Auslandsspione der USA durchlaufen müssen. Nicholson-Schüler sind nach Meinung von Experten für verdeckte Arbeit - etwa unter diplomatischem Schutzmantel - kaum noch zu gebrauchen.

Gleichwohl versuchte CIA-Chef John Deutch, den Schaden herunterzuspielen. Dabei sind die Parallelen zwischen den Spionen Ames und Nicholson unübersehbar: Beide litten unter den Folgen einer kostspieligen Scheidung und mußten darüber hinaus anspruchsvolle Geliebte unterhalten. 1994 diente sich Nicholson mit dem gleichen Trick den Russen an, mit dem auch der andere Verräter Kontakt zum Feind aufgenommen hatte: Beide baten ganz formell die Zentrale um Genehmigung zu Abwerbegesprächen mit russischen Kollegen.

Daß Nicholson einen solchen Schritt wenige Monate nach der Verhaftung von Ames wagte, als in der CIA mit allen Mitteln nach weiteren Doppelagenten gefahndet wurde, zeigt, wie gering er die Abwehrarbeit seiner eigenen Behörde einschätzte.

Entsprechend verhielt sich Nicholson auch weiterhin. Gleich nach dem letzten offiziellen Russentreff in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur, wo er bis Mitte 1994 als stellvertretender Bürochef arbeitete, überwies er 12 000 Dollar - auf sein eigenes heimisches Konto.

Für seinen Verrat soll Nicholson insgesamt 180 000 Dollar kassiert haben, wenig im Vergleich zu den 2,5 Millionen, die Ames zugeflossen sind. Verdacht hätte aber aufkommen müssen angesichts der aufwendigen Auslandsurlaube, die Nicholson sich zweimal jährlich gönnte, obwohl sein Monatsgehalt 6000 Dollar nie überstieg.

Zwar ergaben sich schon Mitte 1995 bei Routinekontrollen erste Zweifel an seinen Angaben. Doch wirklich ermittelt wird gegen Nicholson erst seit Anfang 1996 - er hatte gleich drei Lügendetektortests nicht bestanden.

Die anschließende Observation belegte, wie sorglos der Doppelspion weiterhin glaubte, seinem Treiben nachgehen zu können. Er forderte ohne Angabe von Gründen besondere Geheimpapiere an, versuchte, mit seinem Bürocomputer in gesicherte Dateien einzudringen (weswegen er bei Kontrolleuren als verdächtiger »Surfer« galt), und sammelte alles, was für die Russen von Interesse sein konnte. Nicht einmal mit seinem eigenen Handwerk nahm er es sehr genau.

So hatte er im Juni in Singapur zwar zunächst versucht, mit Tricks wie aus einem billigen Agententhriller mögliche Beschatter abzuhängen: Er beobachtete in Schaufenstern seine Umgebung, ging plötzlich ein Stück auf dem Weg zurück, den er gerade gekommen war, und verschwand in einer U-Bahn-Station, nur um unversehens wieder aufzutauchen. Am Abend desselben Tages traf er sich aber ganz ohne besondere Vorkehrungen mit einem Russen und stieg unbekümmert in eine Limousine, die zur Freude der amerikanischen Verfolger Kennzeichen der russischen Botschaft trug.

Angesichts solcher Unverfrorenheit empörte sich daheim in Washington FBI-Direktor Louis Freeh: »Spionage ist ein ganz besonders heimtückisches und verräterisches Verbrechen.«

* Bei der gemeinsamen Pressekonferenz vorigen Montag zum FallNicholson in Washington.

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