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USA / ATOMWAFFEN Völlig verrückt

aus DER SPIEGEL 8/1968

Der Anruf er wollte seinen Namen LP nicht nennen. Das Pentagon, so verriet er dem Bürochef des Außenpolitischen Senatsausschusses, Carl Marcy, habe einen Experten für taktische Atomwaffen nach Vietnam entsandt -- und das bedeute doch wohl, daß die Eingeschlossenen von Khe Sanh notfalls mit taktischen Atomwaffen befreit werden sollten.

Marcy alarmierte Ausschuß-Chef Fulbright. Der schrieb »zutiefst beunruhigt« an Außenminister Rusk. Doch dessen Sprecher McCloskey beschwichtigte: Von der Entsendung eines Kernwaffenspezialisten nach Vietnam sei ihm nichts bekannt.

Dennoch sahen Amerikas Tauben Lyndon Johnson bereits den Fuß über die atomare Schwelle setzen. Es sei nicht auszuschließen, so fürchtete der demokratische Senator Clark, daß die Regierung der atomaren Versuchung erliege. »um das Abschlachten unserer Boys (in Khe Sanh) zu verhindern«.

Minnesota-Senator McCarthy, Gegenspieler Johnsons für die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten, behauptete sogar: »Einige Leute haben bereits den Einsatz taktischer Atomwaffen gefordert.«

Schon einmal hatten Amerikas Militärs ernsthaft den Einsatz von Atomwaffen in Vietnam erwogen: Als die Kommunisten 1954 Frankreichs Dschungelfestung Dien Bien Phu bedrängten, schlug US-Generalstabschef Radford seinem Präsidenten Eisenhower vor, die 15 000 eingeschlossenen Franzosen atomar freizuschießen; Eisenhower lehnte damals ab.

Diesmal aber droht den Amerikanern selbst ihr Dien Bien Phu, und schon fordern Militärs und Politiker, Khe Sanh solle »mit allen Mitteln« gehalten werden.

»Wenn eine vernichtende Niederlage zu befürchten ist, wenn das Leben so vieler Soldaten auf dem Spiel steht«, drängte der demokratische Abgeordnete Hays, »dann wäre es töricht und völlig verrückt, die taktischen Atomwaffen nicht einzusetzen.«

Zwar versicherte Radford-Nachfolger Wheeler: »Ich glaube, Khe Sanh ist auch ohne nukleare Waffen zu halten.« Falls es den Kommunisten dennoch gelänge, den Stützpunkt zu überrennen, wollte Wheeler den Einsatz atomarer Waffen nicht kategorisch ausschließen: »Darüber möchte ich jetzt nicht spekulieren.«

Ein taktischer Atomschlag der Amerikaner freilich könnte zum direkten Eingreifen der Sowjet-Union führen. Er müßte Amerikas Ansehen in der Welt vollends untergraben und würde obendrein militärisch kaum Vorteile bringen (siehe Kasten Seite 116). Im Nahkampf«, so urteilte der US-Atomwissenschaftler Ralph Lapp, »ist die Anwendung taktischer Atomwaffen beschränkt, weil derjenige, der sie einsetzt, seine eigenen Soldaten gefährdet.«

Das haben zumindest Lyndon Johnson und seine engsten Berater inzwischen offenbar eingesehen.

Als Außenamtssprecher Closkey noch dementierte, waren bereits vier Waffen-Experten unterwegs nach Südvietnam -- allerdings nicht in atomarer Mission, sondern, so das Pentagon, um »die Wirksamkeit neuer Waffen zu prüfen, die nichts mit atomaren oder nuklearen Systemen zu tun haben«.

Um was für Waffen es sich handelt, hält das Pentagon jedoch geheim. Bekannt wurde bisher nur, daß ·ihre Sprengkraft die Wirkung herkömmlicher Munition weit übertrifft und sogar an die Zerstörungsgewalt kleiner Atomwaffen heranreicht.

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