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»Voila, das ist Monsieur Möllemann«

Reimar Oltmanns über Aufstieg und Alltag des Staatsministers im Auswärtigen Amt Oltmanns, 35, freier Autor in Frankfurt, hat den FDP-Politiker Möllemann monatelang in Bonn und auf Reisen begleitet. Der Textauszug ist dem ersten Band einer Buchreihe über Bonner Politiker entnommen, die der Frankfurter Eichborn Verlag im Januar 1985 startet. *
aus DER SPIEGEL 39/1984

An diesem Morgen greift Jürgen W. Möllemann etwas fahrig zum Radiowecker, der ihn exakt zehn Minuten vor den 6-Uhr-Nachrichten in die Wirklichkeit der Agentur-Meldungen aus aller Welt, der Bonn-Meldungen, der Möllemann-Meldungen zurückholt. Seine Hand gleitet über das Bettregal, auf dem die geladene Politiker-Pistole liegt, zum Radioknopf. Er dreht laut auf.

An diesem Tag vermelden die 6-Uhr-Nachrichten nichts Spektakuläres. Aber das ist es gerade, was Möllemann antreibt. Er wittert seine »Marktlücke«, boxt sich konsequent in die Frühmagazine, »wo die doch zu Tagesbeginn eine unheimliche Faktennot haben und deshalb gerade die Geschichten aus Amerika bringen - wegen der Zeitverschiebung, versteht sich«.

Im Bademantel hastet er zum Telephon, wählt die Bonner Nummer 23 20 98. Für die Redakteure der Nachrichtenagentur ddp zählen die morgendlichen Möllemann-Anrufe schon zur Routine. Der Deutsche Depeschen Dienst gehört zu den kleineren Agenturen in der Bundeshauptstadt. Für Möllemann ist »dieser Laden besonders fleißig, weil er natürlich schwächer ist«.

»Hier Möllemann, guten Morgen, Herr Schmidt, ich habe wieder was auf der Pfanne, was ihr gleich rausjagen könnt. Sieht ja sonst ziemlich mau aus.« Da bittet dann der Herr Schmidt um etwas Geduld, er schreibe gleich alles mit. Eine halbe Stunde später läuft alles über den Ticker.

Das macht dem Politiker Möllemann Spaß, »denn man merkt, es geht. Da liegen doch die Politiker noch faul mit dem Arsch im Bett, dann muß ich schnell für die FDP eine Stellungnahme abgeben, aber nicht 08/15. Meine Kollegen machen um sieben oder acht Uhr das Radio an, und schon hören sie wieder den Möllemann. Und die Partei sagt, Mensch, da hast du ja schon wieder. Da sag'' ich, Mensch, was hab'' ich denn gesagt? Da merke ich, die Leute hören Nachrichten«.

In der Fraktion ist er auch schon kritisiert worden, weil er morgens um sieben zum dritten Mal in drei Tagen über die Sender lief. Da hat sich der Lambsdorff zu Wort gemeldet und Möllemann verteidigt. Er finde es unmöglich, daß die Kollegen, die zu faul seien,

einmal früh aufzustehen, den kritisierten, der fleißig arbeite, sich pressemäßig vernünftig verhalte. »Na gut«, sagt Möllemann, »vielleicht habe ich manchmal auch zu dick gebuttert.«

So hat Möllemann schon in manchem Intrview einen Versuchsballon gestaritet. Da erklärte er, noch in der sozialliberalen Regierungszeit, er sei dafür, Hans-Dietrich Genscher zum Bundeskanzler zu machen. Denn die CDU hätte doch schon heute lieber einen anderen als ihren Helmut. Nur Helmut zu heißen, reiche für den Kohl im Kanzleramt auf Dauer sicherlich nicht aus.

»Diese Meldung lief bombig, überall. Da hat Genscher mich hinterher angerufen und meinte, ich sollte doch nicht zu dick buttern, das würde uns nur in arge Schwulitäten bringen. Ich erwiderte, aber Herr Genscher, hören Sie mal, das war doch nur ein Vorschlag, ein diskussionswürdiges Denkmodell. Was die Journalisten daraus machen, dafür kann ich doch nicht. Nun ja, schließlich habe ich die Sache nicht weiter verfolgt.«

Wirbel zu entfachen, mit »Highlights« in aller Munde zu sein, das verschafft ihm langersehnte Anerkennung, das ist ihm allemal wichtiger als Kärrnerarbeit; ganz im Sinne des stoischen Philosophen Epiktet, den er für sich reklamiert: »Nicht die Tatsachen, sondern Meinungen über Tatsachen bestimmen das Zusammenleben.«

Und Meinungen hat er viele. Mal eben das Ende der sozialliberalen Ära in den Stenoblock diktieren, den damaligen israelischen Ministerpräsidenten Begin einen »Kriegsverbrecher« nennen, den Einmarsch sowjetischer Truppen in Polen »binnen zweier Wochen« prophezeien, von der Gefahr »eines neuen Weltkrieges« reden.

Innerhalb von vierzehn Tagen jettet er um den halben Globus. Mal eben nach New York zum Uno-Generalsekretär, einen Abstecher nach Washington zum US-Verteidigungsminister Caspar Weinberger. Vom Pentagon direkt zu Fidel Castro nach Havanna, dann weiter nach Amman zu König Hussein.

Auf dem Rückflug nach Bonn-Wahn baut er auch noch eine Unterredung mit dem libyschen Staatschef Muammar el-Gaddafi in Tripolis ein, der prompt Möllemanns Einladung zum Besuch der Bundesrepublik akzeptiert.

»Ein stärkeres Engagement bringt mehr Erfahrungen, mehr Bekanntschaften, mehr Wirkungsmöglichkeiten«, erklärt er, »und ein bißchen muß man gewiß auf dem Klavier spielen können. Das ist ein ganz merkwürdiger Mechanismus. In dem Moment, wo ich mit PLO-Chef Jassir Arafat geredet hatte, habe ich gesagt, jetzt will ich mit Gaddafi sprechen. Da hat der gesagt, da soll der Möllemann mal kommen.«

Oder Castro, oder die amerikanische Regierung, das ergibt sich nacheinander. »Im Grunde genommen ist das ja wirklich ein Abenteuer. Die ganze protokollarische Behandlung, daß da also der Staatschef von Südkorea sowie Sambia draußen warten mußten, bis ich meine Gespräche beendet hatte. Die arabischen Gastgeber entschuldigten die Termin-Verzögerung höflich mit der Bemerkung ''voila, das ist Monsieur Möllemann aus der Republique federale d''Allemagne''. Das macht einem Spaß, das motiviert ungeheuer.«

An diesem Morgen gibt er dem »Frieden« eine Nachrichtenchance - eine Meldung, mit der er den Grünen den Wind aus den Segeln nehmen will. Einfach deshalb, weil er mit der Standardformel von »Effizienz und knallharten Fakten«, den Dreisprengkopfmittelstreckenraketen, Anti-Raketen-Raketen, Trident 2, SS 20, Pershing 2, ICBM-Raketen, Luft-Luft-Raketen, operativtaktischen Raketen in den öffentlichen Diskussionen nicht mehr ankommt: »Möllemanns Vorschlag für Zone ohne Kernwaffen«, lautet nunmehr seine Schlagzeile.

Dabei handelt es sich um eine uralte FDP-Idee, die bereits Mitte der sechziger Jahre zur Parteiprogrammatik gehörte. Aber Möllemann weiß, wie man Nachrichten verhökert, wie man verstaubte, in der Sache längst überholte FDP-Propaganda als »brandneu« serviert, »wo doch die Politik ohnehin von Wiederholungen lebt«.

Um acht Uhr sitzt er mit seiner Frau Carola, einer Lehrerin, am Frühstückstisch, als seine »Auffassung über eine atomwaffenfreie Zone im Geltungsbereich der KSZE-Schlußakte von Helsinki« aus dem Radio dröhnt. In solchen Glücksminuten kann er sich gar nicht beruhigen, er klopft sich triumphierend auf den Schenkel. »Carola«, sagt er da, »der Tag beginnt. Bin gespannt, was der Dicke dazu meint.«

Die Ansichten des »Dicken«, wie Möllemann seinen Parteivorsitzenden Hans-Dietrich Genscher nennt, durchdringen _(Mit dem Bonner Libyen-Botschafter Held ) _((M.). )

sein Seelenleben. Dieser Genscher bestimmt Höhen und Tiefen, bewirkt Euphorie oder Motivationsabfall. Ihm hat er sich unmerklich verschrieben, dem Ziehvater verdankt er so ziemlich alles, was aus ihm in Bonn geworden ist.

Ohne Genscher wäre Möllemann ein Hinterbänkler geblieben. Genscher brachte ihn über den Proporzanspruch ins Fernsehen, schickte ihn auf Erkundungsfahrt um den Globus, ohne Genscher hätte Möllemann nie und nimmer in die Vermittlung von Arabien-Geschäften einsteigen können.

Mit Genscher im Hintergrund schaffte er das Entree, avancierte zum jüngsten Staatsminister der Regierung Kohl, zum Landesvorsitzenden und Spitzenkandidaten der nordrhein-westfälischen FDP. Und über Genscher knüpfte Möllemann seine Bande zu Lambsdorff, die immer dichter, immer menschlicher gediehen, bis er im Grafen »so etwas wie einen Onkel« ausmachte; zu dritt betrieben sie die Bonner Wende.

Einfach außergewöhnlich, fast übermenschlich umwerfend muß dieser Genscher auf ihn wirken, eine von Außenstehenden bislang nicht erkannte faszinierende Persönlichkeit, die ihn selbst in den spätesten Abendstunden in »Kuhlmanns Eck«, der Stammkneipe in Münster, als charismatisches, väterliches Über-Ich beschäftigt: Möllemanns profane wie distanzlose Elogen auf den Meister geraten zu langatmigen Selbstgesprächen.

Nach mißlungenen Veranstaltungen hat er sich in seiner ziemlich einseitigen Bindung oft gefragt: »Was würde wohl Genscher dazu sagen?« Und überhaupt hat doch auch Genscher angedeutet, »daß Vorsicht geboten sei vor den fanatischen, verbiesterten, verkrampften Gesichtern aus der Friedensecke«.

»Schon wenn die von ihren Ängsten lamentieren«, fährt Möllemann fort, »kommt es mir übel hoch. Als hätten wir etwa keine Ängste. Die hatte ich gewaltig im Flugzeug beim ersten Fallschirmsprung. Auch noch als ich im Wahlkampf für die Partei vom Himmel geplumpst bin. Immer wieder habe ich den inneren Schweinehund überwunden.«

Mit der leise gemeinten Bemerkung, »erst am letzten Sonntag hat Genscher bei uns zu Hause wieder angerufen«, erhöht Möllemann unter seinen Zuhörern gern die abgeschlaffte Aufmerksamkeit. Natürlich will einer unverzüglich wissen, was Genscher denn wollte: »Eigentlich gar nichts. Der klingelt immer mal durch, wenn er am Wochenende Langeweile hat und vom Telephon nicht lassen kann. Diesmal mußte er die Namen der Personen raten, die sich gerade im Zimmer aufhielten. Das war selbstverständlich die ganze Familie einschließlich der Schwiegereltern. Dann hat doch die freche Maike zu ihm noch gesagt: ''Du bist im Fernsehen immer so ein Lachsack, manchmal und so.'' So etwas hört der Genscher sehr gern, das bringt ihm halt Spaß.«

Es ist ja auch nicht so, daß Genscher »nur bei uns anruft«, verrät Möllemann, »Carola und ich fahren auch schon mal zu ihm nach Hause, da in Bonn-Pech.

»Außer Lambsdorff und Mischnick kommen da nur sehr wenige von der Partei aufs Grundstück. Da sitzen wir munter mit ihm und seiner Barbara am Swimming-pool, knabbern Salzstangen, trinken Campari. Des öfteren sind Genscher und ich richtig magnetisiert, da lassen wir zwischen uns nur so die Erdkugel tanzen.

»Das ist schon befriedigend, da weiß ich dann auch, wofür ich das alles so mache. Da merkst du auf einmal, daß der mit dir turnt, dich auch nicht im Regen stehen lassen will, wenn es heikel wird. Das gibt mir natürlich die Möglichkeit, in der Fraktion ganz schön selbstbewußt aufzutreten.

»So, Freunde, sage ich dann, die Sache sieht völlig anders aus, da geht''s lang. Fragt nicht lange, vergeudet die kostbare Zeit nicht, ich weiß es ganz genau, das habe ich alles mit den zuständigen Stellen überprüft. In Wirklichkeit weiß jeder von den Kollegen, daß ich Genschers Libero bin.«

Nur wenn Genscher seinen Möllemann »zusammenscheißt«, ihn mit Nichtachtung straft, dann zweifelt Möllemann, ob er auf Dauer in der Politik bleiben soll, zieht sich sein Magen zusammen, Eßstörungen plagen ihn.

»Herr Genscher«, reagiert er dann, »hören Sie mal zu, das können Sie mit mir wirklich nicht machen. Dann guckt der mich sibyllinisch an und erklärt, wir müssen nüchtern rekapitulieren. Dann sage ich, Herr Genscher, Loyalität und Solidarität, das ist keine Einbahn-, sondern eine Zweibahnstraße.

»Er hat mich ja mehrfach im Regen stehen lassen. Zum Beispiel als ich für die Einführung der Neutronenbombe in der Öffentlichkeit eingetreten bin, wo wir uns doch zuvor sorgfältig bis ins Detail abgestimmt haben. Als die heftigen Proteste kamen, distanzierte er sich einfach. Dies führte dazu, daß ich erklärte, Herr Genscher, so geht das nicht mehr. Entweder wir ziehen das künftig gemeinsam durch, dann müssen wir Risiko-Sharing machen.«

»Das ist eine Situation, in der es ja nicht darum geht, daß er als Außenminister

eine öffentliche Erklärung abgibt, hiermit identifiziere ich mich, aber es darf auch nicht das Gegenteil der Fall sein, wo doch jeder weiß, was gespielt wird. Auch mit dem Kabinettsposten als Staatsminister im Auswärtigen Amt war das ja so eine Sache. Den hatte er mir schon zur Bundestagswahl 1980 zugesagt.«

Drei Jahre hat Möllemann auf seine Berufung in ein Staatsamt gewartet. »Ganze 36 Monate«, sagt er, »das ist eine verdammt lange Zeit, das haut rein« - dieses Ausharren, diese Ungeduld, diese Unsicherheit, dieses Ausgeliefertsein. »Mensch, da merkte ich auf einmal, wie ich zusehends dünnhäutiger, sensibler wurde. Mensch, Möllemann, verdeutlichte ich mir, reiß dich zusammen, das darfst du auf keinen Fall zeigen, das zieht erst recht nicht.«

Aber was er auch anpackte, wo immer er luftholend herumdüste, der alles entscheidende Genscher-Satz galoppierte nah und dennoch uneinholbar vor ihm her: »Möllemann, wir müssen jetzt was tun. Bei nächster Gelegenheit kommen Sie in die Regierung rein, das verspreche ich Ihnen.«

»Ja, ja, da habe ich mich riesig gefreut. Der Möllemann wird was«, sagt Möllemann, und er ist ja auch was geworden.

In Kuhlmanns Kneipe, wenn die Uhr die Zwölf überrundet, zieht er gern Bilanz. Das geht so lange, bis Axel Hoffmann, der Referent, den Euro-Piep auf den Tisch legt - diesen schmalen, einem Funkgerät ähnelnden Apparat, den Hoffmann dann mahnend aus der Jackett-Tasche holt, um anzudeuten, Möllemann möge endlich zum Schluß kommen.

Ansonsten funktioniert der Euro-Piep als das I-Tüpfelchen eines ausgeklügelten Informationssystems. Ob auf ihren wahlkämpfenden Tourneen durch die Provinz, in den Flugzeugen oder nachts in den Hotels, der Euro-Piep sorgt für die Gewißheit, daß ihnen nichts Wesentliches entgehen kann.

Der Kanal eins ist dem Bonner Büro reserviert, der zweite gilt Möllemanns Ehefrau Carola, der dritte seinen Public Relations treibenden Geschäftspartnern in München, und die vierte Linie bleibt Genscher für den Fall vorbehalten, daß »der mal anbeißt«.

Immer, wenn es piept und rot aufleuchtet, wissen die beiden, daß irgendwo »der Hammer geschwungen wird«. Dann rast einer zum nächstliegenden Telephon. Und immer sind es dieselben hastigen, halb verschluckten Wörter, die in den Hörer sausen. »Was ist los, ist was passiert, na was denn schon?«

Meist kehrt er dann enttäuscht zurück, weil die aufgeregte Erwartung sich so gar nicht der Bonner Banalität fügen mag. Da erklärte eben nur ein »FDP-Zausel aus Baden-Württemberg, es geht doch nicht an, daß uns jeder Furz, den Herr Möllemann läßt, als besonders wohlriechend verkauft wird, bloß weil er ein Vertrauter unseres Parteivorsitzenden Genscher ist«. Da hat er seiner Sekretärin lediglich geantwortet: »Frau Perlewitz, beruhigen Sie sich. Das hat keine Eile. Dem gebe ich nächste Woche eins zwischen die Augen.«

Mit 27 Jahren ist er nach Bonn gekommen, ins Zentrum seiner Aufsteiger-Sehnsüchte. »Achten Sie mal auf den«, empfahl die »Bild«-Zeitung ihrem Millionen-Publikum schon, als sich Möllemann noch am MdB-Telephon mit dem Spruch »Hier die Städtischen Bühnen« zu erkennen gab.

Popularität, das hat er schnell begriffen, hebt den Marktwert. Früh verknüpfen sich konkrete Assoziationen mit Bonn - der Ort von Angebot und Nachfrage, ein Börsenplatz, auf dem Politiker ihre Aktien makeln.

Möllemanns Management als Imageträger, die Wählerstimme als Kundenauftrag, für die es zudem fünf Mark gibt, das Parteiprogramm als konjunkturbedingte Produktpalette, die F.D.P. mit ihren drei exklusiven Punkten als erlesene Großstadt-Boutique für den gehobenen, finanzkräftigen Mittelstand und noch für einige darüber.

Er kann sich unumwunden eingestehen, daß seine FDP-Mitgliedschaft nicht mehr als eine von Tantiemen bestimmte Firmenzugehörigkeit bedeutet, etwa »die bei Opel oder VW«; daß er im Jahre 1969 mit Beginn der sozialliberalen Ära aus der CDU nach siebenjähriger Verbundenheit austrat, weil keine Partei in der Bundesrepublik »Risiko und Chance so gerecht verteilt wie die FDP«.

Da können noch »wirkliche Blitzkarrieren gestartet werden«, vergewisserte er sich damals vorsichtshalber, und er brauchte auch Themen, an denen er sich emporhangeln konnte.

Die Bildungspolitik, der er im Bundestag vier Jahre gewissenhaft nachging, das zählebige Gezeter um Hochschulrahmengesetz, die fusseligen Bafög-Regelungen, Bund-Länder-Kommission, Kultusministerkonferenz, all die ermattende Kleinarbeit versprach seinem Ego bald keine Reizschwelle, keine neugierig aufgenommene Selbstentfaltung mehr.

Folglich hat ihn sein marktlückengeprüftes Bewußtsein zur Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) gebracht, intuitiv den Trend kommender Jahre im Bauch, dazu noch ein Novum für ihn und natürlich für seine FDP. In der VIP-Lounge des Beiruter Flughafens empfingen ihn PLO-Revolver-Männer wie einen Staatsgast.

In einer als tollkühn erlebten Zickzackfahrt ging es durch verwirrende Gassen, vorbei an aufgetürmten Straßenbarrieren, Plätzen und ausgebrannten Autos. In der Rue Universite Arabe 155 sicherten Jugendliche mit ihren Kalaschnikows das Portal. »Ja, ja, spannend, wahnsinnig spannend ist das da, Schmauch und Rauch am Horizont.«

Im vierten Stock, in einer konspirativen Wohnung, residierte sein Gesprächspartner im Kampfanzug mit umgeschnalltem 9-mm-Colt und blankpolierten Patronen im Gurt. Gläserne Nippes-Fische auf den Regalen, Brokatdeckchen, zierlich vergoldete Stühle und dann ein höchstens 16jähriger Junge im grünen Military-Look, der für ihn die Seven-Up-Limonadenflasche mit dem Griff seiner Maschinenpistole öffnete.

Exakte 87 Minuten dauerte die vorsichtig abtastende Unterhaltung, die bei

Schummerlicht ablief, weil es keinen Strom gab in der Stadt. 87 Minuten, das weiß er noch hundertprozentig. Er hatte seine Uhr gestellt, wie einst bei den Pfadfindern, mit denen er Madagaskar besingend auf Erkundungsfahrt war.

Keineswegs nur die oft gefälligen Medien in der kleinen Bundesrepublik, sondern weltweit raunte die Presse über einen acht Punkte umfassenden Geheimplan zur Befriedung der Nahost-Region unter Einbeziehung des Selbstbestimmungsrechts der Palästinenser sowie ihrer staatlichen Souveränität. Ein streng vertrauliches Papier, das Möllemann in stiller Abstimmung mit der Bonner Regierung Arafat übergeben haben soll.

Natürlich lag im Köfferchen kein ernst zu nehmendes Dossier, wie stets war es eine wahllos gebündelte Zettelwirtschaft. Ein Übersetzungsfehler hatte die westliche Allianz erschreckt. Und Möllemann war Opfer seiner Knüller-Prophetie geworden, die im Beiruter Hotel »Napoleon« ein deutscher Journalist allzu genau genommen hatte.

Für den Möllemann-unerfahrenen Berichterstatter im Libanon sind Bonner Bugwellen-Usancen auch nicht von vornherein zu durchschauen. Vor allem, wenn da einer anreist, der sich zwischen Trümmerbesichtigungen aus der Jeep-Perspektive und Friseurbesuchen in Hintergrundgesprächen an der Hotel-Bar als »Genschers Minenhund« andient.

Nach Rückkehr sah Möllemann sein jähes politisches Ende, den Abgrund seiner Karriere vor sich. Keiner aus der Fraktion, keiner in der Partei, der auch nur ansatzweise auf die mißlichen Begleitumstände verwies. Allesamt ließen sie ihn dort stehen, wo er schon immer stand - in Genschers Vorzimmer, gestikulierend und sich anbiedernd, obwohl ihm dort nach dem Beiruter Abenteuer kein kesser Spruch mehr unter dem Schnäuzer herausflutschen wollte.

Allenfalls sein Selbstmitleid streichelte ihn noch in einer Sprache, die sonst so gar nicht zu seiner verkarsteten Diktion paßte, insbesondere dann, wenn er über schwächere Kollegen herfiel.

»Unbarmherzig die Beschimpfungen und Drohungen von allen Seiten Tag und Nacht, grausam dieses Sperrfeuer, die alles durchbohrende Häme, Beirut sei kein geeignetes Übungsgelände der Bundeswehr-Reserve. Genscher, ich erkannte ihn nicht wieder, so stinkemies schiß er mich zusammen. Ich dachte, das packe ich nicht mehr. Jetzt geben sie mir milde lächelnd den Genickschuß. So etwas habe ich vorher noch nicht erlebt.«

Nach Beirut sagte er: »Ich will nicht mehr nach Appeldorn. Meine Brüder wollen auch nicht mehr nach Appeldorn.« Jener kleinen Dorfgemeinschaft bei Kalkar am Niederrhein, in der er seine weniger begüterte Kindheit ertrug, die erste Ehe mit einer umsorgenden Verkäuferin einging.

Dort, wo er sich im Besitz der frisch erworbenen Abgeordneten-Immunität mit einem funkelnagelneuen Audi unaufgefordert zeigte, Lichthupenimpulse als unübersehbares Begrüßungsritual die erhoffte Anerkennung aus dem örtlichen Seelenleben herleuchteten: »Das ist doch der Jürgen aus der großen Politik.«

Er sagte: »Ich will nicht mehr nach Beckum, dieses läppische Beckum«, wo er für kurze Zeit als Lehrer arbeitete. Und das »bei einem reaktionären Rektor«, der ihn öfters als einen »Dünnbrettbohrer« _(Mit CDU-Staatsminister Mertes (l.). )

zu entlarven suchte, »so unverschämt war dieser Kerl«.

Erinnerungen an Appeldorn und Beckum lähmen ihn. Diese Vergangenheit hat er überwunden: Staatsminister im Auswärtigen Amt - in dieser Position erst kann er sich in der äußeren Darstellung so akzeptieren, wie es der Logik seiner Gefühle entspricht.

Immer wieder lugt Möllemann begierig und staunend auf die Insignien Bonner Staatsmacht. Irgendwo kann er es immer noch nicht richtig fassen, bricht aus ihm ein unsicheres, unbeholfenes Lachen heraus. Irgendwie ist er sich in solchen Momenten selber unheimlich, daß seine Lebensmaxime so rasch Wirklichkeit wurde. »Irgendwas mache ich mal, dann komme ich ganz groß raus.«

Und das ausgerechnet im Auswärtigen Amt, in einem großflächigen, mit Veloursteppich ausgelegten Büro, das einer schnörkellosen Hotel-Suite ähnelt, »ganz dicht beim Dicken«, den er ja fernsehwirksam an der Seite des Bundeskanzlers vertreten soll.

»Mensch, Jürgen«, sagt er da zu sich. Die Bundesluftwaffe, der 280er Dienst-Mercedes mit Fahrer und Autotelephon, mal eben durch Münsters City, zwei Persönliche Referenten, zwei Sekretärinnen, die Sicherheitsbeamten, die Empfänge in der Godesberger Redoute, Gobelin, Satin, die Cocktails bei den Saudis, Akkuratesse in Gesicht und Zwirn, »mit Carola bei Frau Bundespräsident zum Teetrinken«. Das überwältigt den Mann aus Appeldorn: »Das ist schon ein wenig wie Weihnachten und Pfingsten auf einen Tag.« So hatte seine erste »Amtshandlung« darin bestanden, erst einmal diese Bonner Kino-Fassade den Schwiegereltern und den Kegelbrüdern

vorzuführen. Und alle staunten. Nur einen Besucher wollte der Staatsminister nicht so recht verknusen. Seinen um fünf Jahre jüngeren Bruder Norbert, der aus Berlin angereist war.

Norbert, ein Lehrer, der in Kreuzberg das alternative Tischlerhandwerk ausübt, sucht schon seit Jahren in der Vergangenheit nach seiner Identität.

Wenigstens einmal wollte er mit Bruder Jürgen reden, richtig reden, wo sie doch beim Tode der Mutter sprachlos, schnurstracks nach der Beerdigung auseinandergelaufen sind.

Er wollte seinen Bruder fragen, warum er, der Junge aus der Sattlerfamilie, sich eigentlich derart auf die Bildungsbürger fixiere. Er wollte ihn fragen, ob der Bruder nicht merke, daß eine krasse Trennung von Persönlichkeit und Staatsfunktion ihn allmählich, aber systematisch verbiege, hinrichte.

Das alles wollte der Norbert Möllemann aus der Berliner Gegenkultur mit seinem großen Bruder einmal offen bereden. Deshalb war er nach Bonn gekommen, um ein Stück Vergangenheit aufzuarbeiten, mit den eigenen Enttäuschungen wie Unfertigkeiten umgehen zu können. Doch Norbert, der sich so viel vorgenommen hatte, brachte keinen zusammenhängenden Satz über die Lippen. Beide saßen sich stumm im Restaurant des Bundestages gegenüber.

Es war ein naßkalter Herbstabend, der Bruder reiste vorzeitig ab. Jürgen W. Möllemann zieht sich auf sein Appartement zurück. Noch vor dem Einschlafen konzipiert er die Pressemeldung 127 im fortlaufenden Jahr, schreibt eine Notiz für seine Sekretärin Frau Walter. »Bitte die Einschaltquote meiner letzten Fernsehsendung beim WDR feststellen.«

Mit dem Bonner Libyen-Botschafter Held (M.).Mit CDU-Staatsminister Mertes (l.).

Reimar Oltmanns
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