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»Volk von Wölfen gegen eine Welt von Ratten«

»Attentat gegen die Menschheit« nannte Bolognas Bürgermeister jene Bomben-Explosion, bei der 79 Menschen umkamen. Das Werk rechter Ultras zielte auf die Republik und war gegen eine Stadt gerichtet, in der schon die Kampfstaffeln von Mussolini wüteten. Das rote Bologna ist der extremen Rechten verhaßt wie kein anderer Ort.
aus DER SPIEGEL 33/1980

Es begann in Rom, wo ein Dutzend Ultrarechter ihre Bande mit dem selbstgewählten Kürzel NAR gegründet hatten.

Vier der Terroristen stürmten am 9. Januar vorigen Jahres den Sender »Radio Citta Futura«. Sie feuerten mit Maschinenpistolen und warfen Brandsätze ins Studio. Fünf Frauen, die gerade eine Diskussion zum Thema »Pille« führten, wurden zum Teil schwer verletzt.

»Wir hätten noch härter treffen können«, höhnten die Attentäter Stunden später, als sie per Flugblatt wissen ließen, wer da Italiens Terror-Szene abermals betreten hat: Neofaschisten, die ganz nach Art faschistischer Kampfstaffeln handelten, und zwar als geheime, terroristische Milizen. Ihr Name: »Nuclei armati rivoluzionari« (NAR), zu deutsch »Bewaffnete revolutionäre Zellen«. Wie brutal und gegen welche ganz besondere Zielgruppe sie losschlagen, zeigten die Rechts-Zellen fünf Monate nach dem Radio-Überfall.

Ein Kommando drang in ein Souterrain-Lokal der Kommunistischen Partei in Rom ein, schaltete die Hauptsicherung aus und schoß wahllos in die Dunkelheit. 24 Verletzte, unter ihnen zwölf Frauen und ein Kind, waren die Bilanz des neuerlichen Attentats.

Doch solche Tendenzen zur Vernichtung Unschuldiger konnten Polizei und Digos, Italiens Spezialeinheit gegen den Gewalt-Terror, nicht sonderlich beunruhigen. Beide Staatsorgane machten lieber Jagd auf linksextreme Terroristen. »Auf der Rechten«, kritisierte der Experte Sandro Acciari, »wurde praktisch nicht ermittelt.«

Denn die bis dahin schlimmsten neofaschistischen Bluttäter saßen hinter Schloß und Riegel: Mario Tuti, zweifacher Polizisten-Mörder und mutmaßlicher Organisator eines Sprengstoffanschlags auf den Fernschnellzug »Italicus«, sowie Pierluigi Concutelli, der einen hochrangigen Richter tötete. Concutelli galt obendrein als letzter Kommandant des in den 70er Jahren bombenden, dann aber jäh still gewordenen Bundes »Ordine nuovo« (Neue Ordnung).

Seine Epigonen freilich schlugen, am 23. Juni dieses Jahres, an einer Haltestelle wieder zu. Ihr Opfer: Staatsanwalt Mario Amato, niedergeschossen von einem Zellen-Mann, als der einzige NAR-Experte unter Roms Strafverfolgern auf den Bus wartete. »Wir müssen die bewaffnete Spontaneität herstellen«, hieß es nach dem Mord in einer Mitteilung der Terroristen.

Amatos Tod war zumindest ein Teil jener italienischen Tragödie, die sechs Wochen später zu dem größten Blutbad führte, das Europa je in Friedenszeiten sah.

79 Menschen -- Zählstand Freitag letzter Woche -- starben, als am ersten Samstag im August ein »apokalyptischer Stoß« ("Corriere della Sera") den Bahnhof von Bologna in den Grundfesten erzittern ließ. Im Wartesaal zweiter Klasse war, mit der vernichtenden Wucht einer schweren Artillerie-Granate, eine Höllenmaschine explodiert.

»Ich sah eine riesige gelb-orangefarbige Flamme und gleich danach eine Art Pilz emporsteigen«, berichtete ein Journalist vom Bologneser »Resto del Carlino«. Als sich das Qualm- und Staubgebilde legte, fehlten in dem linken Seitenflügel des Komplexes 18 Meter; vom Wartesaal und einem anschließenden Selbstbedienungsrestaurant stand nur mehr das tragende Gerüst aus Stahlbeton.

Menschen auf dem Bahnsteig vor dem Wartesaal wurden regelrecht zerfetzt, ihre Torsos unter die Waggons geschleudert. »Ich habe Szenen gesehen, die man gar nicht glauben kann«, schilderte die Augenzeugin Silvia Montusti, »Leute, die um Hilfe schrien, wehklagten und um ihre Kinder flehten. Andere, deren Kleider blutdurchtränkt waren, bemühten sich vergebens aufzustehen.«

Zehn Anrufer nahmen, wie stets nach solchen Anschlägen, für sich in Anspruch, mit dem Attentat etwas zu tun zu haben -- die meisten ruhmsüchtige Rappelköpfe, die sich zunächst der Urheberschaft ziehen, während andere sogleich widerriefen.

Ernst nahmen die Fahnder um Bolognas Polizeichef Italo Ferrante dagegen jene Tonbandstimme, die sich drei Stunden nach der Explosion bei der Zeitung »La Repubblica« in Rom meldete. Sie stellte sich als Sprecher der »Nuclei armati rivoluzionari« vor und übernahm in deren Namen die Verantwortung. Geschraubt fügte der Anrufer hinzu: »Ehre sei Mario Tuti erwiesen.«

»Das Muster ist schwarz«, textete der »Messagero« daraufhin. »Zu viele Zufälle lassen auf eine makabre ''Gedenkfeier'' schließen«, schrieb der prokommunistische »Paese Sera«. Tatsächlich waren Timing und Tatort von den Tätern offenbar gezielt ausgewählt.

Die Bombe von Bologna ging fast am Jahrestage jenes Eisenbahn-Gemetzels vom 4. August 1974 hoch, bei dem unweit von Bologna zwölf Menschen umgekommen waren. Ein Sprengkörper war damals explodiert, als der »Italicus«-Expreß gerade durch den längsten Apenninen-Tunnel fuhr. S.83 Und am Tag des Bologneser Bahnhofanschlags war gegen den Hauptverdächtigen Mario Auti Anklage erhoben worden. Merkwürdig auch: Ein Tuti-Helfer namens Pietro Malentacchi, der die Bombe in dem Zug versteckt haben soll, wurde erst am Tag der Bahnhofs-Explosion in der Nähe von Arezzo festgenommen.

Lückenlos paßt das Geschehen von Bologna auch in jene »Strategie der Spannung«, mit der Neofaschisten schon seit jeher danach trachteten, das republikanische Staatsgefüge in Italien auszuhebeln: 16 Opfer forderte 1969 ein Bombenanschlag in der Landwirtschaftsbank Mailands. Neun Menschen kamen um, als fünf Jahre später eine Papierkorb-Bombe in dem alpennahen Brescia in die Luft ging.

In der Strategie der Attentäter sollen Angst und Schrecken, die von solch anonymen Massenmorden ausgehen, ein nervenfetzendes Putschklima erzeugen -- am Ende mit einer paramilitärischen Rechts-Regierung, die als selbsternannter Retter aus der nationalen Not hervorgeht.

Den Attentatort Bologna könnten Rechtsextremisten gewählt haben, weil die Stadt seit langem geradezu als Paradebeispiel einer kommunistisch verwalteten -- und zwar gut verwalteten -- Großstadt gilt.

Bei den Kommunalwahlen am 8. Juni hatte die KPI zwar erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg ihre absolute Mehrheit in der Stadt verloren -- Bürgermeister Zangheri muß sich seitdem auch auf die Sozialisten stützen. Nun aber solidarisieren sich viele jener jungen Bologneser wieder mit dem KPI-Rat, die zuvor enttäuscht zu radikalen Splittergruppen übergelaufen waren. »Der Anschlag«, meinte ein Student, »galt den Kommunisten.«

Der Haß rechter Extremisten auf die Roten von Bologna hat eine 60 Jahre alte Tradition.

Mussolini, auf den in der Stadt ein Attentat verübt wurde, ließ schon 1920 seine Schwarzhemd- und Gamaschenträger ausschwärmen, um die Ermordung eines nationalistischen Kommunalpolitikers zu rächen. Dabei zündeten Faschisten die Büros jener Landpächter- und Tagelöhnervereinigungen an, die sich in Bologna gegen die Großgrundbesitzer in der Provinz organisiert hatten.

Der Duce wollte am Beispiel Bologna eine Doppelherrschaft neuen Stils vorexerzieren: Die Staatsgewalt sollte in Gestalt machtloser Institutionen fortbestehen dürfen, während Kampfstaffeln und Syndikalisten, »nuclei« (Zellen) genannt, die Szene beherrschen sollten. »Die Revolution«, so lautete das Motto Mussolinis, »muß vor allem eine Methode haben.«

Die gespenstischen Parallelen zu den mutmaßlichen Attentätern von Bologna enden nicht beim Programm. Ähnlich wie die Schlägertruppen Mussolinis, die sich vorwiegend aus Schülern, Studenten und jungen Offizieren rekrutierten, waren es nur junge Leute, die im Oktober 1977 die »Bewaffneten Revolutionären Zellen« gründeten.

Das geschah im römischen Stadtviertel Magliana, in der Wohnung eines notorischen Neofaschisten namens Franco Anselmi, der eine verquere Ideologie aus Antikommunismus, nordischen Mythen und Rassenkult kreiert hatte. »Gegen eine Welt von Ratten«, so das Leitmotiv der NAR, »steht ein Volk von Wölfen auf.«

Ob der Polizei am Mittwoch letzter Woche ein solcher Wolf ins Netz ging, war zwei Tage später allerdings bereits umstritten.

»Der Verdächtige Nr. 1« (so eine Schlagzeile des Pariser »Figaro") hieß Marco Affatigato, 24, in Nizza festgenommen, ein Tellerwäscher, der vor sechs Monaten in der Klinik »Belvedere« zu arbeiten begann, aber auch ein Mann, den die Fahnder der NAR-Mitgliedschaft verdächtigten.

Unter falschem Namen mietete der Italiener (Monatsgehalt: 1050 Mark) gleich drei Appartements in der teuren Stadt an der Riviera.

Zeugen, die sich vor der Explosion im Wartesaal des Bahnhofs von Bologna aufgehalten hatten, wollten Affatigato auf einem Phantombild der Polizei als jenen jungen Mann erkannt haben, der einen Koffer abstellte und dann rasch davonging.

Dagegen aber spricht, daß Affatigato einen Vollbart trägt, während die Polizei-Montage das Gesicht eines Mannes ohne Bartwuchs zeigte. Des Italieners Freundin, eine Britin namens S.84 Marie-Louise Kump, gab an, zum Zeitpunkt des Attentats mit Affatigato Blumen eingekauft zu haben -- der Blumenhändler in Nizza müsse sich daran erinnern.

Von Affatigato ist jedoch bekannt, daß er an der Cote d''Azur Kontakt zu rechtsextremen Zirkeln suchte -- Bande freilich, die er in Italien längst schon unterhielt.

Ein Gericht in Pisa verurteilte Affatigato vorigen Monat zu einer Gefängnisstrafe von dreieinhalb Jahren, weil er dem »Italicus«-Attentäter Tuti 1975 half zu fliehen. In Saint-Raphael an der französischen Mittelmeerküste war Tuti nach einer dramatischen Verfolgungsjagd verhaftet worden.

Der Name Affatigato fiel auch, als eine DC-9 der italienischen Fluggesellschaft Itavia -- am 27. Juni dieses Jahres -- aus der Reiseflughöhe von 8000 Metern südwestlich von Neapel ins Meer stürzte, wobei 81 Menschen starben. Die Unglücksmaschine war in Bologna aufgestiegen.

Ein anonymer Mann, der hernach beim Mailänder »Corriere della Sera« anrief, sagte, ein Marco Affatigato sei an Bord gewesen, um für die NAR »einen Auftrag« in Palermo zu erledigen.

Affatigato erklärte bei der Festnahme in Nizza, weder mit dem Bahnhof-Massaker noch mit dem Flugzeugabsturz etwas zu tun gehabt zu haben. »Jedes Mal, wenn in Italien eine Bombe hochgeht, denkt man gleich an mich«, sagte er den französischen Polizisten, »ich habe Ihren Besuch erwartet.«

Sollte sich der Verdacht bestätigen, daß in Bologna Rechtsradikale am Werk waren, hat ihr Attentat kaum den erstrebten Erfolg gezeigt: Statt mit kollektiver Verzweiflung reagierten die Italiener mit kollektiver Trauer. Nicht apathisch, sondern in Protestmärschen wandten sich Millionen gegen den Gewaltterror von rechts. Roms Bürgermeister Luigi Petroselli rief vor dem Kolosseum sogar dazu auf, die »Resistenza« der Kriegszeit zu beleben.

200 000 Menschen kamen letzten Mittwoch zu der Trauerfeier in Bologna, obgleich es auf der Piazza vor der Basilika San Petronio 40 Grad heiß war. 150 Insassen des Mailänder Gefängnisses von San Vitore boten sich als Blutspender für die Überlebenden des Anschlags an.

Italiens Politiker, wie in solchen Fällen üblich, verdammten das Attentat mit pathetischen Vergleichen. »Über dem grausamen Massaker«, so Giovanni Spadolini, Sekretär der Republikanischen Partei, »liegt der Schatten nazistischer Völkermorde.« Sozialisten-Chef Bettino Craxi geißelte das »teuflische Angesicht des Attentats«.

»Es galt nicht unserer Stadt, sondern der Menschheit«, meinte Bolognas KP-Bürgermeister Renato Zangheri, der sofort seinen Urlaub auf der Krim beendet hatte.

Kommunistenchef Berlinguer beließ es zunächst bei einem Beileidstelegramm an seinen Bologneser Parteifreund Zangheri. Erst am Dienstag letzter Woche, im Parteiblatt »l''Unita«, betrieb er Ursachenforschung. Die Regierung des Christdemokraten Cossiga habe ein »Machtvakuum« entstehen lassen, das einen idealen Nährboden für Terrorakte abgebe. Nur eine große Koalition, kommunistische Teilhabe also, könne Chaos und ein autoritäres Rechts-Regime verhindern.

Tatsächlich scheinen die Schockwellen der Explosion der KPI am ehesten zu nutzen. So unterlief Cossiga im Senat der Fehler, linke Extremisten --Bologna nicht berücksichtigt -- für mehr politische Morde verantwortlich zu machen als die neu erstarkten Rechts-Ultras. Um die bizarre Rechnung zu belegen, mußte Cossiga mit dem Zählen im Jahr 1976 anfangen.

Cossigas Justizminister Tommaso Morlino wird von seinen Gegnern beschuldigt, das NAR-Opfer Amato nicht geschützt zu haben, obschon dieser eine Polizei-Eskorte angefordert hatte. Prompt trat die römische Justiz in einen Streik von unbestimmter Dauer.

Der gute Ruf Bolognas, des »roten Schatzkästchens« von Italien, wurde durch das Attentat sogar aufgewertet. Denn die Halbmillionen-Stadt bewies in der Not, daß ihre Dienste funktionieren wie sonst kaum irgendwo in einer italienischen Kommune.

Ambulanzen und sogar Linien-Autobusse fuhren die Verletzten innerhalb weniger Minuten in die Krankenhäuser. Ihre Angehörigen wurden unverzüglich informiert. Bulldozer schafften die Trümmer an dem Bahnhof innerhalb von 48 Stunden weg.

S.84Beim Marsch auf Rom.*

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