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Volkes Stimme

Global Village: Das Finale der Fernsehshow »Big Brother« soll Auskunft über den Rassismus in Großbritannien geben.
aus DER SPIEGEL 6/2007

Stühle, Tische, Wände, alles ist blau, nur von der Decke fällt lila Neonlicht. Das Lokal »The Sea Rock« im Norden von London sieht aus wie ein großes Aquarium. Menschen indischer Abstammung treffen sich hier, sie wollen für ein paar Stunden aus dem kühlen England flüchten ins warme Bollywood, jener indischen Traumfabrik, wo die Kleider der Helden bunt glitzern wie Marshmallows, aber die Romanzen rein bleiben müssen und Küsse verboten sind.

Um Punkt acht hat Bollywood Sendepause. Heute wird »Big Brother« geguckt. Auf den mächtigen Flachbildschirmen erscheint der Vorspann zur britischen Ausgabe der Container-Show. »Shilpa, lets go«, ruft Nish Bhadressa, ein Abkömmling indischer Emigranten, 26 Jahre alt, in die halbleere Kneipe. Neben ihm sitzt Ravi Vaid, auch er indischstämmig, auch er 26 Jahre alt. Beide trinken Bier, beide wollen sehen, ob Shilpa, eine indische Schauspielerin, deren Namen vor vier Wochen in Europa nur ein paar Spezialisten kannten, heute Abend die Show als Siegerin verlässt.

Das Ergebnis soll den beiden Männern etwas über die Wirklichkeit Großbritanniens erzählen, »Big Brother« wird an diesem Abend so etwas wie das Thermometer einer Gesellschaft sein. Diese Show spielt mit der Orwellschen Angstvision, mit jener Furcht vor einer Kontrollinstanz, die ein Volk gegen seinen Willen durchsichtig macht - aber sie ist in Wahrheit das Gegenteil davon. Sie läuft seit über sieben Jahren erfolgreich in insgesamt 41 Ländern, weil sie das Prinzip umgekehrt hat: Der Mensch macht sich selbst durchsichtig, und das Publikum erfährt, unmittelbar, wie es wirklich aussieht unter der Oberfläche eines Landes.

Das Finale von »Big Brother« könnte den beiden jungen Männern im »Sea Rock« Auskunft darüber geben, ob sie tatsächlich in einem Land voller Rassisten leben, die sich daran freuen, wenn eine Frau mit brauner Hautfarbe vor einem Millionenpublikum verbal misshandelt wird.

Der Vorfall gehört inzwischen zu den wahrscheinlich meistwiederholten Szenen in der Geschichte des britischen Fernsehens, und er traf mitten ins Selbstverständnis der Nation.

Die Insassen des Containers hatten sich, gut zwei Wochen ist es her, ein Huhn gebraten. Und weil einige der Meinung waren, es sei nicht richtig durch, kam es zu einem Streit von monströsen Dimensionen. Drei Frauen, weiße Hautfarbe, wenig Bildung, rotteten sich zusammen gegen eine einzelne, die mehr auf dem Kasten hatte und zufällig aus Indien kam.

»Die Leute aus Indien sind so dünn, weil sie ihr Essen nicht richtig kochen und krank werden«, hetzte Jo O'Meara, eine erfolglose Popsängerin. »Sie kann nicht mal richtig Englisch, sie soll sich nach Hause verpissen«, flüsterte Danielle Lloyd, eine Ex-»Miss Britain«, die ihren Titel wieder abgeben musste, nachdem sich herausgestellt hatte, dass sie mit einem der Juroren im Bett gewesen war.

Es folgte der Auftritt einer Frau namens Jade Goody. Deren ohnehin mächtige Statur schwoll ins Unendliche, als sie die zierliche Schauspielerin mit Ausdrücken belegte, die man besser nicht wiedergeben sollte. Shilpa Shetty hörte sich den Wutanfall mit großen Augen an. Dann sagte sie: »Wenn dies das moderne Großbritannien ist, dann ist es zum Fürchten« - und verließ die Containerküche.

Am Morgen danach konnte man jede Menge peinlich berührter Gesichter auf der Insel beobachten. Die Koalition der Empörten reichte von ganz unten bis ganz oben. Unten forderte Englands wüstestes Boulevardblatt »The Sun« zu Goodys Foto: »Schmeißt dieses Gesicht des Hasses raus«, oben forderte Gordon Brown, möglicher Nachfolger Tony Blairs, gerade auf Staatsbesuch in Indien, britische Fernsehzuschauer sollten am Abend für »Toleranz« stimmen. Das waren die offiziellen Reaktionen. Die politisch korrekten. Die, von denen man nicht weiß, ob sie dem entsprechen, was das Volk denkt, das »Big Brother«-Publikum.

»Komisch an der Sache ist, dass einige Engländer anscheinend jene Werte, die sie einmal zu uns nach Indien brachten, nicht mehr begreifen«, sagt Bhadressa im »Sea Rock«. »Vor allem aber«, meint Bhadressas Freund Vaid, »die Gewissheit, dass man sich Erfolg im Leben hart erarbeiten muss.« Vaid zieht den Reißverschluss seiner Trainingsjacke nach unten. Heraus guckt das Trikot der britischen Fußballnationalmannschaft.

Die beiden Männer trauen Großbritannien nicht. Nicht den Zeitungen, nicht den Politikern. Sie warten auf das Ergebnis, auf die Wahrheit. Bei »Big Brother« kann das Volk übers Telefon abstimmen, anonym, niemand muss sich rechtfertigen für das, was er glaubt, denkt, sagt.

Das Lokal ist jetzt randvoll, die Köche drängen aus der Küche. Dann wird das Ergebnis eingeblendet. Auf dem Bildschirm sieht man die Siegerin, Shilpa, die Inderin. Sie weint ein bisschen, hat die Hände demutsvoll gefaltet vor der Brust, sagt Höflichkeiten wie: »Jade Goody ist keine Rassistin.«

Die beiden Männer trinken ihr Bier aus und gehen nach Hause. Großbritannien hat richtig abgestimmt, Shilpa Shetty ist ein gutes Ergebnis. Aber man weiß nicht, wofür es wirklich spricht: dafür, dass ein Land sich schämt, oder dafür, dass es tatsächlich keinen Kulturkampf gibt, oder auch nur dafür, dass die Angehörigen der einen Kultur einfach mehr angerufen haben als die der anderen Kultur.

Shilpa Shetty ist jetzt 31 Jahre, sie war zuletzt in Bollywood nicht mehr so gefragt, und man kann nicht sagen, was aus ihr geworden wäre. Jetzt gibt es eine Vorstellung von ihrer Zukunft. Sie hat Angebote aus der Werbung, der Film-, der Kosmetikbranche. Sie hat jetzt auch einen Manager, einen Starmanager, Max Clifford, einen, der keine Herausforderung scheut, der Menschen managte wie O. J. Simpson. Sie wird reich werden in Großbritannien, das auf jeden Fall. THOMAS HÜETLIN

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