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RECHTSRADIKALE Volkskörper als Ganzes

Eine Gruppe Rechtsradikaler schändete Friedhöfe, steht Waffen und legte einen Brand -- damit »bald Hitler-Fahnen wehen«.
aus DER SPIEGEL 32/1974

»Wir müssen beginnen«, erkannte der Hamburger Hans Joachim Neumann, 23, »zuerst kleine Gruppen von deutschen Nationalsozialisten zu sammeln und untereinander Kontakt zu halten.« Es gehe darum, »die Zerstörer und Hasser aller Ordnung und alles völk ischen Daseins« auszuschalten.

Bei einem heimlichen Treffen in einer alten Mühle nahe Marburg im Hessischen und einer Zusammenkunft verirrter Anhänger einer 1970 in München gegründeten Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP). hei einer Pfingstfeier des rechtsgerichteten Bundes Heimattreuer Jugend (BHJ) und einem Zeltlager des NPD-Nachwuchses Junge Nationaldemokraten (JN) -- überall dort suchte der ehemalige Polizeischüler und Offiziersanwärter nach Neu -Nazis.

Und dort fand er sie auch den Bundeswehrunteroffizier Willi Wegner aus Munster in der Heide vom Feldjägerbataillon 720 beispielsweise, den Gymnasiasten Harald Müller aus Mainz und Ralf Ollmann, Zollbeamter in Bad Gandersheim. Wie Neumann erkannten sie, daß der »nationale Charakter« und der »Volkskörper als Ganzes ... notfalls mit der Waffe zu schützen« seien,

Die Erkenntnisse seiner Gruppe. die Neumann in einen Buchmannskript ("Das Vierte Reich") aufgeschrieben hatte, sollten denn auch iii die Praxis umgesetzt werden. Und weil »man die Leute nur noch aus ihrer politischen Apathie aufrütteln kann, wenn man sie schockt« (Neumann), plante die Gruppe, wie der Karlsruher Oberstaatsanwalt Benno Schulte ermittelte, Spekmaktiläres: eineil Anschlag auf einen prominenten Ausländer jüdischen Glaubens.

Doch dazu kam es nicht mehr. Die Gruppe flog auf, ein halbes Dutzend Mitglieder wurde festgenommen, letzte Woche schloß das Bundeskriminalamt die Ermittlungen ah. Neumann, der »bald Hitler-Fahnen wehen« sehen wollte, und Obmann saßen einen Monat, Wegner auf Geheiß der Bundesanwaltschaft noch einige Wochen länger in Untersuchungshaft.

Monatelang ermittelten Verfassungsschützer und Kripo-Beamte in Hamburg, Hannover, Mainz und Wiesbaden. die Neumann und seine Freunde lange als »harmlose Spinner« eingestuft hatten, wieweit die Pläne gediehen waren und was die Gruppe bereits angerichtet hatte. Neumann und Wegner gestanden Waffenraub, Brandstiftung und Friedhofschändungen in Niedersachsen und Rheinland-Pfalz ein. Und verunsicherte Staatsschützer wollen nun sogar Parallelen zu Baader-Meinhof ausgemacht haben ... Manche Verhaltensweisen gehen ganze Strecken gemeinsam, weil sie von einer überwertigen Idee überzeugt sind.«

»Aus Idealismus« handelte Neumann nach eigenem Bekunden etwa im Frühjahr, als er zusammen mit Wegner und Ollmann nachts den jüdischen Friedhof in Göttingen verwüstete. »Wir haben«, so Neumann später bei seiner Vernehmung in Hamburg, »zwanzig Minuten lang etwa hundert Grabsteine zum Teil gemeinsam umgeworfen« -- jeden vierten Stein.

Bei einem Brandanschlag auf den »Polibula«, einen Buchladen mit vorwiegend linker Polit-Literatur in Göttingens Innenstadt, verschüttete Wegner den Inhalt seines Fünf-Liter-Benzinkanisters im Lagerraum, Neumann und Ollmann rannten zum Auto zurück. »Dann hörten wir eine laute Explosion und einen menschlichen Schrei«. sagt Neumann. Fünf Minuten später kam Wegner zum Fahrzeug getorkelt: »Sein ganzes Gesicht war verbrannt, die Haare teilweise weggesengt.

Später ging die Rechtsgruppe auf Reisen nach Schöningen an der Grenze zur DDR und nach Mainz am Rhein. Neumann zog gemeinsam mit dem Pennäler Müller durch die Mainzer City und spritzte rote Farbe aus Sprühdosen auf Rathaustüren ("Saujuden raus") und Parkbänke ("Nur für Arier").

Und in einer Zollgrenzbaracke unweit der Demarkationslinie suchte Wegner Waffen für größere Taten. Während eine Streife noch auf Patrouille, die Ablösung schon unterwegs war, brach er in die leerstehende Grenzer-Unterkunft ein und erbeutete acht Maschinenpistolen vom Typ »MPi 5«. Danach fuhr Wegner in den Harz und versteckte die Waffen in einer Felshöhle bei Bad Sachsa.

Neumann wurde derweil in Mainz wieder auf einem Judenfriedhof -- aktiv. Mit Müller und einem bewährten Kumpel aus Wiesbaden pinselte er in weißer Ölfarbe bombastische Hakenkreuze und Judensterne und hier und da »Heil Hitler« auf insgesamt 108 Grabsteine. Den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, Alfred Epstein, erinnerte »das alles an damals, da fing es auch so an«.

Als schließlich nach Hinweisen vom Verfassungsschutz Wegner und Neumann verhaftet und etliche Kampfgenossen festgenommen wurden, fanden Kriminalpolizisten bei Hausdurchsuchungen gehortete Waffen und Funkgeräte. Allein bei Müller in Mainz entdeckten die Beamten drei Gewehre, zwei Gas- und Schreckschuß-Pistolen, 2600 Schuß Munition, acht Dolche, Schlagstöcke und ein chemisches Labor, mit dem -- so ein Ermittler »man sicher mehr machen kann als nur Schulexperimente«. Bei Wegner in Soltau wurden zwei Gewehre, zwei Pistolen, ein Schießkugelschreiber« zwei Funkgeräte und »Mob-Pläne« des rechten Freundeskreises sichergestellt.

Neumann ("Ich fühle mich als politischer Täter") und Wegner wollten mit den Waffen nach eigenem Bekunden zum Widerstand gerüstet sein. Wegner: »Weil wir täglich mit der Machtergreifung der Chaoten rechnen.«

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