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USA Volkswagen zählen

Aus kleinlichem Anlaß brachte Amerikas Küstenwacht sowjetische Fischtrawler vor der US-Küste auf -- auf Befehl Präsident Carters, der unter dem Druck der Fischereiindustrie steht.
aus DER SPIEGEL 17/1977

Für den sowjetischen Kapitän Alexander Gubalow war es die erste Begegnung mit den berühmten amerikanischen Menschenrechten, und sie widerfuhr ihm mittels einer angeknitterten weißen Karte.

Der Mann, der sie ihm reichte, ein untersetzter Offizier der amerikanischen Küstenwache namens Robert Gowell, trug eine goldene Nadel in Form von Handschellen auf dem schwarzen Schlips.

Auf der Karte -- Bestandteil eines größeren Stapels von übersetzten Redewendungen -- stand die Belehrung, die einen Verhafteten in den USA mit seinen Rechten vertraut macht.

Noch war Kapitän Alexander Gubalow freilich überhaupt nicht verhaftet. Sein Trawler »Taras Schewtschenko« fischte -- am Ostersamstag nachmittags -- rund 125 Meilen vor der amerikanischen Nordostküste, friedlich in einem für Ausländer erlaubten Fanggebiet vor sich hin, als ein Boot der amerikanischen Küstenwache, die »Decisive«, heranrauschte und den sowjetischen Skipper zum Beidrehen aufforderte.

Wenig später kletterten fünf Amerikaner an Bord. Sie trugen blaue Baseballmützen, zwei trugen Gewehre. Mittels seiner vorgedruckten Kärtchen machte der Führer des Trupps, Robert Gowell, sein Begehr auf Russisch deutlich: Inspektion des Fangs und des Logbuchs.

Höflich wurden die Amerikaner daraufhin in den Bauch des Schiffs gebeten, wo sie mit der Gründlichkeit trainierter Fahnder von Hunderten Kisten mit frischem Fisch den Deckel hoben. Die meisten enthielten nur legitime Beute: silbernen Seehecht nämlich, eine Fischsorte, die Ausländer in fast unbegrenzter Menge innerhalb der amerikanischen Fischereizone fangen dürfen.

Aber als die amerikanischen Küstenwächter die Kisten mit Flußhering zählten, die sie in der »Taras Schewtschenko« gleichfalls vorfanden, addierten die sich zu Konterbande: Es waren 1,5 Tonnen oder 1,2 Prozent des gesamten Fangs -- drei Prozent Hering mehr als zulässig: Damit war der Zwischenfall da.

Fortan und stundenlang berieten die Amerikaner nun auf hoher und immer höherer Ebene. Nachdem das Bezirkskommando der Küstenwache in New York die Aufbringung des sowjetischen Schleppers genehmigt hatte, mußte die Einwilligung des Oberkommandos in Washington, von Admiral Owen G. Ciler, eingeholt werden. Der wiederum mußte sich mit dem State Department beraten, das seinerseits Präsident Carter konsultierte.

Und der sprach, gegen 22.50 Uhr, das Machtwort: »Aufbringen.«

Er sprach"s im Grunde wohl nicht gern. Denn wenn auch die spektakuläre Aufbringung eines Sowjet-Schiffes -- und zwei Tage später eines zweiten -- vor der amerikanischen Küste ganz auf der Linie von Carters Härte gegenüber der Sowjet-Union zu liegen schien, hatte wenig mit Außenpolitik zu tun: Carter beugte sich innenpolitischem Druck.

Jahrelang hatte die amerikanische Fischereiwirtschaft dem Gesetzgeber in Washington in den Ohren gelegen, etwas gegen die ausländischen Fischer zu unternehmen, die die reichen Fanggründe vor der Ostküste abgrasten.

Die Ausländer konnten den amerikanischen Fischern schon deshalb die Fische wegschnappen, weil sie in der technischen Ausstattung ihren US-Kollegen oft weit überlegen waren. Neben den schwimmenden Fischfabriken vor allem der Sowjetrussen erschienen die amerikanischen Kutter fast wie Relikte aus vorindustrieller Zeit.

Mit der Ausdehnung der amerikanischen Fischereizone auf 200 Meilen, die am 1. März dieses Jahres in Kraft trat, sollte dieser Konkurrenz nun das Handwerk gelegt werden. Ausländer dürfen seitdem nur nach komplizierten Vorschriften vor der amerikanischen Küste fischen -- in abgeteilten Zonen und mit Quoten für bestimmte Sorten.

Die neuenglische Küstenwache machte sich daran, das neue Gesetz stramm durchzuführen. 155 mal kletterten ihre Patrouillen allein im März an Bord fremder Schiffe, doppelt so oft wie im gleichen Monat des Vorjahres, 53mal sprachen die Küstenschützer Verwarnungen allein an Sowjet-Schiffe aus -- oft, so urteilte die »Washington Post«, aus »nichtigen Gründen«.

Ähnlich muß es zunächst auch das Weiße Haus gesehen haben. Dreimal wurde es im März und April von der Küstenwache ersucht, ein sowjetisches Schiff aufbringen zu dürfen, dreimal lehnte der Präsident ab.

In Neu-England sammelte sich Volkszorn. Unmißverständlich wurde Carter an sein Wahlversprechen erinnert, gegen die raubfischenden Ausländer vorzugehen, so daß ihm beim vierten Ersuchen der Küstenwache kaum eine andere Wahl blieb, als nunmehr »die Grenze zu ziehen«.

Moskau blieb gelassen: Es wies seine Kapitäne an, die US-Vorschriften genauestens zu beachten, die US-Küstenwacht beschlagnahmte die unerlaubten drei Prozent Flußhering und ließ einen Trawler frei.

Denn auch die Amerikaner hatten Grund, nichts zu dramatisieren: Die Maßstäbe, nach denen sich die Küstenwacht ihre Gründe für eine Beschlagnahme zusammensucht, sind offenbar alles andere als genau.

Gefragt, wie denn seine Leute auf hoher See die Tonnen Fisch im Bauch eines Schleppers abmessen könnten, gab Kommandant Albert Buechler von der Küstenwache die Antwort: »Das Innere eines Volkswagens könnte ungefähr eine Tonne Fisch aufnehmen. Wir zählen die Volkswagen.«

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