Zur Ausgabe
Artikel 20 / 129
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

TERRORISMUS »Voll auf dem Gottestrip«

US-Soldaten nahmen einen jungen Türken aus Bremen in Afghanistan fest: Er soll für die Taliban gekämpft haben. Ihm droht eine Internierung im berüchtigten Lager Guantanamo.
Von Georg Mascolo, Sven Röbel und Holger Stark
aus DER SPIEGEL 5/2002

Der Bremer Stadtteil Hemelingen ist kein guter Ort für einen Söldner Allahs. Ein ganz normales, norddeutsches Vorstadtviertel, eingeklemmt zwischen Bahngleis und Autobahnzubringer. Mit einer Hand voll rustikaler Eckkneipen, in denen es billiges Bier und deutsche Schlager gibt, und einer evangelischen Kirche, die so schlicht ist, dass sie noch nicht mal einen Namen hat.

Wer hier lebt, tut dies unauffällig und mit deutscher Gründlichkeit.

So wie Murat K. Der in Bremen geborene Sohn türkischer Einwanderer lernte das ordentliche Handwerk des Schiffbauers und fiel höchstens durch sein blondes Haar und seine Begeisterung für Kraftsport auf. Regelmäßig stählte der 19-Jährige seine Muskeln im Fitnessraum des örtlichen Sportclubs »TV Arbergen von 1893 e. V.«; ansonsten führte er seinen Rottweiler »Apollo« aus, meist begleitet von seinem Kumpel Selçuk B., 25, und dessen türkischem Herdenschutzhund. Bekannte beschreiben Murat als »humorvollen, lustigen Kerl von nebenan« - bis der seine Heimat Hemelingen hinter sich ließ.

Seit Anfang Januar sitzt Murat K. in amerikanischer Gefangenschaft an einem geheimen Ort in Afghanistan. Sein Name steht bereits auf der Liste für einen der nächsten Transporte nach Guantanamo Bay (Kuba), das mittlerweile berüchtigte US-Lager für internierte Taliban- und al-Qaida-Krieger (siehe Seite 120).

Der junge Türke von der Weser ist der erste festgenommene mutmaßliche Afghanistan-Kämpfer, der aus Deutschland stammt. Bei seiner Verhaftung, offenbar nahe der Taliban-Hochburg Kandahar, machten sein - türkischer - Reisepass mit dem Vermerk »Geburtsort: Bremen« und zahlreiche andere Unterlagen die Identifizierung leicht.

Eilig kabelten vor zwei Wochen amerikanische Geheimdienstler den brisanten Sachverhalt an die Kollegen nach Pullach; der Bundesnachrichtendienst informierte sogleich die Bundesregierung in Berlin und das Bundeskriminalamt. Die deutschen Behörden haben, obwohl eine erkennungsdienstliche Behandlung noch aussteht, an der Identität des Gefangenen keine Zweifel mehr.

Vor allem im Außenministerium sorgten die ersten Meldungen für Unruhe. Als schließlich feststand, dass Murat K. nicht die deutsche Staatsbürgerschaft, sondern nur eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung besitzt, sei die Hektik, so ein Diplomat, einer »Riesen-Erleichterung« gewichen. Ansonsten hätte Berlin die konsularische Betreuung des Schiffbauers übernehmen müssen - da wäre es mit den bislang zurückhaltenden Äußerungen Joschka Fischers über die rigiden Haftbedingungen in der US-Base nicht mehr getan gewesen.

Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft Bremen gegen K. und drei weitere Personen aus seinem Umfeld wegen des Verdachts der »Bildung einer kriminellen Vereinigung«. Auch eine Bremer Moschee geriet ins Visier der Staatsschützer. Vor allem die Sorge, Murat K. könne dort als religiöser Freischärler rekrutiert worden sein, elektrisiert die Fahnder: Existiert eine islamische Terrorzelle in der beschaulichen Hansestadt?

Murats Motiv für seine Reise in den Krieg ist aber wohl eher in der Biografie des mutmaßlichen Dschihad-Kämpfers aus Hemelingen zu suchen. Nach einer »normalen« Kindheit, so erzählen Bekannte, habe er mit 16 Jahren vorübergehend die Nähe zu den »Grauen Wölfen« gesucht und sein Zimmer mit Flaggen und Wimpeln der stramm rechten, türkischen Polit-Truppe ausstaffiert. Vor knapp zwei Jahren sei es dann zum »krassen Bruch« im Leben des jungen Mannes gekommen. Der bis dahin eher weltlich orientierte Muslim habe sich plötzlich extrem für das Geistliche interessiert, gegen Alkohol gewettert und sei immer öfter in die Hemelinger Quba-Moschee zum Beten gegangen. »Der war plötzlich voll auf dem Gottestrip«, sagt ein Bekannter.

»Er hat einfach angefangen, seinen Glauben ernst zu nehmen«, weiß sein Freund Selçuk B., der in dieser Zeit zu einer Art Vorbild für den sechs Jahre jüngeren Murat geworden sein muss und mit ihm zu den Gottesdiensten ging.

Doch bald waren den beiden Männern die Gebete in der Quba-Moschee »zu oberflächlich«. Selçuk B.: »Es war, als würde man dort nur kurz seine Schuld gegenüber Gott bezahlen und gut. Aber Murat und ich wollten mehr.«

Im vergangenen Jahr tauchten die Freunde immer häufiger in der »Abu-Bakr-Moschee« in der Bremer City auf. Dort, so Selçuk, seien sowohl »das Gebet als auch die Brüderlichkeit« besser gewesen.

Besonders einer der Vorbeter, der staatenlose Kurde Ali M., 42, habe Murat beeindruckt. »Der war zu hundert Prozent hilfsbereit«, sagt Selçuk, habe geduldig jede Glaubensfrage beantwortet. Der Kurde ist inzwischen einer der Verdächtigen im Bremer Ermittlungsverfahren; er bestreitet, Murat K. zu kennen.

Der Schiffbauer, den die Fahnder als bislang »staatsschutzrechtlich völlig unbeleckt« einstufen, veränderte sich auch gegenüber seiner Familie. Als seine Eltern einmal einen Hollywood-Film im Fernsehen anschauten, habe er wütend den Apparat abgeschaltet und zwei Videokassetten mit islamischem Inhalt auf den Tisch geknallt: »Guckt lieber das hier«, soll er sie angefahren haben.

Mit Selçuk habe er in dieser Zeit öfter über die Lage der muslimischen Rebellen in Tschetschenien diskutiert, die Rolle der USA als kapitalistische Macht und über den »wahren Koran« in arabischer Sprache, den er »lesen und verstehen« lernen wollte. »Mit Gewalt«, so Selçuk, »wollte der aber nie etwas zu tun haben. Hätte jemand gesagt: ,Komm hinter deinem warmen Ofen hervor, und mach du mal ein bisschen Kampf in Afghanistan', hätte der gesagt: ,Verpiss dich!'«

Nach den Terroranschlägen vom 11. September in den USA wollte Murat aber plötzlich nach Pakistan reisen, um sich dort Koranschulen anzusehen. Selçuk sollte ihn begleiten.

Nach kurzer Vorbereitung buchten die Männer Tickets für den 3. Oktober: Pakistan International Airlines, Frankfurt-Karatschi, Flug PK 768, für jeweils rund 600 Euro. Der Rückflug war für Anfang November geplant.

Die Freunde passierten die Sicherheits-Checks und wollten in die startbereite Maschine steigen, als am Gate ein Kommando des Bundesgrenzschutzes Selçuk B. aufgriff: Weil er eine Geldstrafe wegen fahrlässiger Körperverletzung nicht bezahlt hatte, sagten die Beamten, sei er zur Fahndung ausgeschrieben und müsse festgenommen werden. Vergeblich bettelte Selçuk B. bei seiner Familie, ihn doch auszulösen.

Murat stieg allein in den Flieger - und seine Spur verlor sich.

Wie er von Pakistan nach Afghanistan kam und warum die Amerikaner ihn für einen gefährlichen Krieger halten, ist in Deutschland bisher unbekannt. Als Murats Mutter kein Lebenszeichen von ihrem Sohn erhielt, fragte sie, außer sich vor Sorge, bei Ali M., dem Vorbeter der Abu-Bakr-Moschee nach. Was er mit ihrem Sohn angestellt habe, wollte sie wissen. Als sie keine Antwort bekam, schaltete sie schließlich die Polizei ein.

Auch Selçuks Eltern glauben, der Kurde, dessen Asylantrag abgelehnt worden ist, habe ihren Sohn regelrecht heiß gemacht für eine »strenge Auslegung des Islam«. Deshalb habe wohl auch er »zu den Taliban« gewollt, was Selçuk vehement bestreitet.

Vor knapp drei Wochen, berichtet Murats Mutter, habe ihr Sohn endlich angerufen. Er könne nicht lange sprechen, soll er gesagt haben, weil die Verbindung so teuer sei. Er sei in Pakistan, und es gehe ihm gut. Und: Er habe den »wahren Islam« kennen gelernt.

GEORG MASCOLO, SVEN RÖBEL, HOLGER STARK

Zur Ausgabe
Artikel 20 / 129
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.