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KRIMINALITÄT Voll ins Geschäft

Diebesbanden haben sich auf den Klau teurer Fahrräder spezialisiert. Sie bringen gutes Geld, die Schlösser sind kein Hindernis.
aus DER SPIEGEL 34/1989

Polizeikommissar Walter Krämer von der »Sonderkommission Fahrradklau« in Hannover rätselte seit langem, wie Fahrräder »in so großer Zahl am hellichten Tag einfach verschwinden können«. So beschloß der Beamte, vorübergehend selber eine Diebesbande zu gründen - zu Testzwecken.

Aus dem Revierschrank holte Krämer einen sichergestellten Bolzenschneider, dann schickte er zwei Kollegen in Zivil auf Tour. Die Polizisten zogen über den belebten Steintorplatz mitten im Stadtzentrum, das Werkzeug hielten sie demonstrativ in der Hand. Doch selbst als einer der beiden bei einem abgestellten Damenfahrrad die Kette durchschnitt und sich auf den Sattel schwang, ließen die Passanten das Duo unbeanstandet gewähren. »Kaum zu glauben«, berichtet der Kommissar, »aber kein Schwein hat reagiert.«

Unter Gewohnheitsdieben hat es sich längst herumgesprochen, daß beim Fahrradklau offensichtlich nur ein minimales Risiko besteht, erwischt zu werden. »Wir haben bei dieser Straftat wahnsinnige Zuwachsraten«, klagt der Berliner Hauptkommissar Bernd Witt, »das geht ja inzwischen zu wie im Selbstbedienungsladen.« Allein vergangenes Jahr wurden im Bundesgebiet 331 259 Fahrräder als gestohlen gemeldet; die Landeskriminalämter schätzen den Schaden auf rund 150 Millionen Mark, fünfmal mehr, als durch Raubüberfälle auf Geldinstitute entsteht.

Die Aufklärungsquote hingegen ist trostlos. Bundesweit liegt sie bei mageren zwölf Prozent, so niedrig wie bei keinem anderen Diebstahlsdelikt. Und in einigen Großstädten bleiben die ermittelnden Beamten sogar noch weit unter diesem Wert, in Frankfurt etwa gelingt es der Polizei gerade mal, eine Quote von 3,6 Prozent zu erreichen.

Lange Zeit galt Fahrraddiebstahl auf den Revieren vornehmlich als »Kinderdelikt« - meist klemmten Jugendliche ein Rad, tobten einen Tag oder auch nur wenige Stunden damit herum und ließen es dann ein paar Straßen weiter stehen. Doch in jüngster Zeit sind zunehmend professionelle Kriminelle unterwegs. In Hamburg etwa fahren sie mit Kleinlastwagen durch die Viertel, »und dann wird generalstabsmäßig abgeräumt«, wie der zuständige Kripomann Siegfried Wiezoreck beobachtet hat.

Abgesetzt wird die Ware vor allem über Anzeigenblätter. Im Hamburger »Avis« sind ganze Seiten mit Angeboten gefüllt; die Redaktion der »Zweiten Hand« in Berlin sah sich aufgrund der anrüchigen Anzeigenflut genötigt, ein warnendes Eigeninserat zu schalten: »Es gab Leute, die privat bis zu zwölf Fahrräder angeboten haben, das macht dann schon gewisse Institutionen stutzig.«

Auch der Straßenverkauf gedeiht prächtig: In fast allen Großstädten ziehen fliegende Händler allabendlich durch Studentenkneipen und bieten wohlfeil teure Räder an. An- und Verkaufsläden, bislang eher auf Trödel spezialisiert, sind ebenfalls »voll in das Geschäft eingestiegen«, berichten Fahnder.

Was in Deutschland nicht abgesetzt werden kann, geht ins Ausland. So entdeckte eine Streife im Hamburger Stadtteil Eidelstedt per Zufall im Hinterhof einer Spedition über 150 gestohlene Räder. Bei einer Durchsuchung der Geschäftsräume fielen den Beamten Frachtbriefe in die Hände, die belegten, daß die Sore in Containern über Bremen nach Westafrika verschifft werden sollte. Niedersächsische Zöllner melden, daß im Grenzgebiet Hehlerware im großen Stil nach Holland verschoben wird.

Interessant geworden ist die Fahrradbranche für Diebes- und Hehlerbanden, seit immer teurere Räder ihre Abnehmer finden. Das Fahrrad sei »heutzutage eindeutig ein Prestige-Objekt wie die Rolex«, so Heinrich Keim, Sprecher des Fachverbands der Fahrradindustrie; ein Viertel ihres Umsatzes machten die Hersteller mittlerweile allein mit Mountain-Bikes, wuchtigen Geländerädern, die weit über 1000 Mark kosten.

Auf Anfrage bieten Spezialläden sogar Maßanfertigung von Rennmaschinen im Wert eines guterhaltenen Mittelklassewagens. Und auch Fabrikware, etwa von der italienischen Firma Campagnolo, eignet sich als Protz-Pretiose; Preis eines einzigen Paares Campagnolo-Bremsen: 649 Mark.

Kein Wunder, daß sich gerade Rauschgiftabhängige, da chronisch in Geldnot, auf den Fahrraddiebstahl verlegt haben, um ihre Sucht zu finanzieren. In Berlin wurde kürzlich ein 17jähriger Junkie festgenommen, der bei der Vernehmung gestand, fünf Räder pro Woche geklaut und für 300 bis 400 Mark weiterverkauft zu haben; Durchschnittsverdienst im Monat: 7500 Mark. In einigen Hamburger Asylantenheimen, so haben Beamte erfahren, werden gestohlene Räder gleich gegen Stoff getauscht.

Die Vorliebe der Beschaffungstäter für hochwertige Fahrräder hat zweierlei Ursachen. Neben »den entsetzlichen Gewinnspannen« (Kommissar Witt), die verlocken, ist der Markt für Autoradios, bislang übliche Handelsware bei Drogengeschäften, beinahe gesättigt. Raffinierte Kodiersysteme und schrille Autoalarmanlagen haben zumindest das bundesdeutsche Geschäft mit der geklauten Elektronik abflauen lassen.

Nahezu problemlos ist es dagegen, ein Rad zu klemmen. Viele Besitzer gingen »allzu sorglos« mit ihren Velos um, bemängeln Sicherheitsexperten der Kripo; auch die linksalternative »Tageszeitung« wunderte sich in einem Bericht über »Räder, deren Eigentumsvorbehalt nur mit einem einfachen Metallstift zwischen den Speichen angedeutet wird«.

Doch selbst aufwendige Diebstahlsverhütung bringt wenig. Im Auftrag der Zeitschrift »Test« der Stiftung Warentest prüfte kürzlich ein vorbestrafter Profi die Widerstandsfähigkeit von Fahrradsicherungen. Von 66 ausgewählten Schlössern waren 64 spätestens in zwei Minuten geknackt, nur zwei schwere Motorradketten trotzten jedem Aufbruchversuch. Und auch die prämierten Stahltrossen (Test-Urteil: »sehr gut") haben einen kleinen Nachteil, wie die Prüfer zugeben mußten: Die eine Kette wiegt drei, die andere gar vier Kilo.

Um bei ihren Beutezügen blitzschnell aufladen zu können, arbeiten Fahrraddiebe mit modernem Gerät. Bügelschlösser, die das Maul eines Bolzenschneiders nicht mehr umfaßt, werden mit einer batteriegetriebenen Flex aufgesägt. »Die geht durch den Bügel wie Butter«, schwärmt ein Junkie aus Hamburg-St.-Georg. Technisch versierte High-Tech-Diebe machen widerstandsfähiges Material auch schon mal mit Flüssigsauerstoff mürbe; der Stahl wird auf minus 20 Grad vereist und dann mit einem Hammerschlag aufgesprengt.

Das handlichste und zur Zeit wohl populärste Diebeswerkzeug klebt freilich auf jeder Fisch- und Cornedbeef-Dose: Mit dem flachen Büchsenöffner läßt sich nach Erkenntnis der Berliner Kripo gut die Hälfte aller Schlösser öffnen. Bernd Witt: »Das Ding schließt wie ein Schlüssel, das kann jeder Blödel.«

Als einzig wirksamen Schutz gegen Diebstahl empfehlen Händler daher, das Rad mit ins Wohnzimmer zu tragen. Auch die Hersteller raten inzwischen zur Sicherheitsverwahrung in den eigenen vier Wänden; Verbandssprecher Keim: »Abschließen ist gut, anschließen ist besser, einschließen am besten.« In Berliner Altbauwohnungen haben findige Radbesitzer längst Flaschenzüge installiert, mit denen sie ihre teuren Fahrzeuge platzsparend unter die Decke hieven.

Die Polizei hat den Kampf gegen das Massendelikt Fahrradklau bislang »sträflich vernachlässigt«, behauptet Herbert Schäfer, ehemals Leitender Kriminaldirektor in Bremen. Er argwöhnt »großstädtischen Kriminalistenhochmut, der die kriminalistische Arbeit erst ab Mord aufwärts als würdig ansieht«, und glaubt, daß die »polizeiliche Abwimmelstrategie« eine »Erosion im Rechtsbewußtsein des Bürgers« begünstigt.

Hinweise darauf gibt es bereits zur Genüge. Polizisten in Hannover wissen von »Bike-Banden«, die Rennmaschinen regelrecht auf Bestellung klauen. Und auch andernorts halten sich Geschädigte für den erlittenen Verlust auf dem Schwarzmarkt schadlos.

Begünstigt wird diese »Laisser-faire-Haltung« (Schäfer) durch eine restriktive Versicherungspraxis. Seit 1984 ist Fahrraddiebstahl nicht mehr in der Hausratsversicherung abgedeckt; wird das Rad zwischen 22 und 6 Uhr vor der Haustür gestohlen, entfällt der Anspruch auf eine Entschädigung trotz Zusatzversicherung.

In einigen Städten haben die Polizeibehörden jetzt Sonderermittler zur verstärkten Aufklärungsarbeit abgestellt. In Hannover beispielsweise durchforsten zehn Spezialisten den städtischen Schwarzmarkt. Zeile für Zeile studieren die Beamten obskure Kleinanzeigen, bei hinreichendem Tatverdacht ordnet der Einsatzleiter die Observation von Profidieben an und schickt verdeckte Ermittler auf Recherche.

In Münster führt eine »Sondergruppe S« - das S steht für Speiche - regelmäßig Fahrzeugkontrollen durch. Die Beamten errichten an strategisch günstigen Orten wie Schwimmbädern und Schulen Radwegsperren und vergleichen die am Rahmenrohr oder unterm Tretlager eingestanzten Herstellernummern mit der Fahndungsliste - eine »mühselige und letztlich frustrierende Arbeit«, wie die Kripoleute zugeben.

Zwar kann die Polizei weggeschliffene Ziffern mit Hilfe einer chemotechnischen Untersuchung wieder sichtbar machen. Doch nur selten lohnt der Aufwand. Das wichtigste Hilfsmittel einer erfolgreichen Sachfahndung, die Kennzeichendatei, ist nur unzureichend vorhanden, denn die meisten Bestohlenen können sich bei einer Anzeige auf dem Revier nicht mehr an ihre Fahrradnummer erinnern. Oft nennen sie auch die falsche Zahlenkombination: Als vor einiger Zeit 40 Polizeidienststellen aus dem ganzen Bundesgebiet die gleichen Fahrradziffern in den Zentralcomputer als gestohlen eingaben, stellte sich heraus, daß die Anzeigensteller irrtümlich die Bestellnummer ihres Rades beim Otto-Versand diktiert hatten.

Probleme mit dem Identifizierungskode haben nicht nur Radbesitzer. Bei einer Routinekontrolle in Frankfurt beugte sich kürzlich ein Beamter über den Rahmen eines Schülers, schrieb eine Nummer ab und ließ diese in den Fahndungscomputer eintippen - der Bescheid war positiv, das Rad offensichtlich gestohlen. Der Junge wurde zum Revier gebracht, seine Beteuerung, das Rad hätten die Eltern gekauft, glaubten ihm die Polizisten nicht.

Erst als der Vater mit der Rechnung in der Hand auftauchte, um sein Kind auszulösen, klärte sich das Mißverständnis auf: Der Fahnder hatte die eingegebene Nummer nicht vom Rahmen des Fahrrades abgelesen, sondern von einem Aufkleber des Herstellers - und das war die Telephonnummer. #

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