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COMEDY Voll krass

Witz-Dialoge in gebrochenem Ausländer-Deutsch sind politisch nicht korrekt, aber ein Radio-Hit. Nun erobern die Radebrecher Kabarett und Kino.
Von Titus Arnu
aus DER SPIEGEL 50/1999

Wenn es Richie langweilig wird, spielt er ein Spiel namens »Taxifahrer-Tortur": Er steigt in ein Taxi, rollt den Bodenteppich ein und sagt: »Nehm isch mit fur fumf Mark.« Wenn der Taxifahrer das für einen Gag hält, droht Richie: »Pass auf! Lach nisch, sonst hol isch meinä Brüda!«

Bei Radio NRW labert Richie seit fast drei Jahren in der Frühsendung »Hallo Wach« über »Butzen« (Busen), »Schrumpelrosen« (ältere Damen) und seine »Brüda«. Das komische Kauderwelsch stößt auf viel Verständnis. Richies CDs kamen mehrmals in die Charts, RTL startet am 27. Januar die Spielshow »Star Weekend« mit ihm; in der Witzsendung »Planet Comedy«, ebenfalls bei RTL, übernimmt Richie eine von sieben Hauptrollen.

Der Kölner Comedy-Star Richie macht wie das Münchner Duo »Erkan & Stefan« und dessen Frankfurter Gegenstück »Dragan & Alder« erfolgreich Witze auf Kosten von Ausländern. Die Trash-Komiker verulken ohne Rücksicht auf politische Korrektheit gebrochenes Deutsch-Türkisch oder Deutsch-Italienisch. In aufknöpfbaren Trainingsanzügen und mit Baseball-Kappe blödeln die vermeintlichen Halbstarken aus den Vorstadtghettos lautstark über »ultra-krasse Bunnies« und »korrektgeile BMWs«.

Als geistige Überväter der Radebrech-Manie können Moritz Bleibtreu mit seinem Auftritt im Kinohit »Knockin'' on Heaven''s Door« und der Fußballtrainer Giuseppe Trapattoni gelten - nur inszenieren deren Nachahmer ihre Kommunikationskakophonie als tagtäglichen Überlebenskampf. »Erkan & Stefan« etwa beschwören wortreich die Öde in einem großstädtischen Arbeitslosenghetto wie dem Münchner Stadtteil Hasenbergl, und doch hat ihre Show mit Betroffenheits-Kleinkunst nichts zu tun. Im Zeitalter der Schröder-Scherze und der Kanzlergattinnen-Comedys sucht sich die Humor-Guerrilla ihre Themen lieber im asozialen Alltag.

Ande Werner und Lars Niedereichholz vom hessischen Duo »Mundstuhl« sind die Schöpfer von »Dragan & Alder« - und die suchen sich eher unprominente Orte in ihrer »Neighbourhood« in der Frankfurter Vorstadt. Dragan und Alder tragen Bomberjacken, Jogginghosen und bis zu vier Handys: »Isch habe konkret alle Nezze«, prahlt Dragan. »Dee-einz, Dee-swei, e plus und die andere auch noch!« Alder blufft mit seinem »voll korrekten« Faxgerät herum, und Dragan fährt alle an, die Zweifel an der Richtig- und Wichtigkeit seiner Worte hegen: »Hast kein Respekt, oder was?«

Die bayerische Konkurrenz, »Erkan & Stefan«, bis vor zwei Jahren nur den Hörern des Münchner Lokal-Senders Radio Energy bekannt, füllen mit ihrem Prolo-Programm inzwischen Hallen mit bis zu 1500 Gästen. Erfolgsfördernd wirkten die regelmäßigen Auftritte beim Sender Bayern 3. Erkan Maria Moosleitner und Stefan Lust, wie sich die Künstler im richtigen Leben nennen, sind mit ihren Bühnenauftritten aber im Stress.

Bundesweit ist das Duo seit April dieses Jahres 80-mal aufgetreten, fast immer vor ausverkauftem Haus. Im kommenden Frühjahr soll zudem ein »Erkan & Stefan«-Kinofilm starten; Regie führte Michael Herbig, Regisseur der Pro-Sieben-»Bullyparade«. Inhalt: Erkan und Stefan spielen zwei Bodyguards für ein ultra-scharfes Bunny.

Wer wirklich verstehen will, was Erkan, Alder oder Richie der Menschheit sagen wollen, muss erst einmal einen Slang-Schnellkurs absolvieren. »Kladusch« heißt im Richie-Deutsch »hinfallen«. »Perückenschaf« ist ein Wort für ein junges weibliches

Wesen, »Butzenritze« der Fachausdruck für das Dekolleté einer Dame. Mit »schwul« meinen Erkan und Stefan nicht homosexuell, »schwul« steht für alles, was die beiden verachten: die Farbe Türkis, Fiat Barchetta, Schlumpf-Eis und Bratwurst im Blätterteig. Die Begrüßungsformel lautet: »Ey, was geht ab?«

Dragan & Alder gammeln meistens auf Parkplätzen herum und fachsimpeln über Autos: »Hey, Dragan, hab isch Cabrio gemacht mit Flex.« Richie verbringt seine Zeit am liebsten in Spielhöllen. Erkan und Stefan hängen im Eiscafé ab und ordern »Döner-Eis mit ohne Sahne und vier Kugel Schtratella«, erzählen, wie man einen »krassen Shanghai-Döner« (Fladenbrot mit Fleisch und Sojasoße) macht, und rätseln darüber, wo die »Dönertiere« leben, die angeblich den Rohstoff für ihre Leibspeise, den Döner Kebab, liefern.

Unentbehrlich im Leben von Erkan, Stefan und ihren Kollegen sind selbstredend »die scharfen Bunnies«, bei Richie auch »Perlän« genannt. Sex ist fast noch wichtiger als Dreier-BMW, Baseballkappe und Goldkette zusammen. Der Refrain des »Erkan & Stefan«-Rap-Songs »Ich schwör« geht so: »Jeden Tag Geschlechtsverkehr! Die Bunnies wollen immer mehr.«

Hinter dem Prolo-Duo »Erkan & Stefan« verbergen sich ein 28-jähriger Jura-Student und ein gleichaltriger Architektur-Student. In ihrer kleinen Kunstwelt zwischen der Eckkneipe »Stüberl« und dem Kampfsportstudio »Kix 2000« haben die beiden Wort-Designer Ausdrücke erfunden, die längst in den Sprachgebrauch der Teenager zwischen Husum und Wolfratshausen eingegangen sind - aus »krass« wird »krassomat« (Hyperlativ des Superlativs »voll krass"), »umchecken« bedeutet, in der U-Bahn umsteigen, »brontal« ist eine krasse Kombination von »brutal« und »frontal«.

Ihren Erfolg mit schlechtem Deutsch, frauenfeindlichen Witzen und Ausländer-Klischees feiern die Trash-Komödianten als Fortschritt für den Humorstandort Deutschland. Gerade im Zeitalter der Political Correctness sei es wichtig aufzuklären, finden die Frankfurter »Mundstuhl«-Artisten. Aufzuklären darüber, »dass viele Asiaten gleichzeitig Transsexuelle sind, warum Kolumbianer immer Schnupfen haben, warum Euro Disney zwangsläufig schwul macht«.

Ähnlich tolerant gibt sich Richie. Wenn ihn ein deutscher Kumpel in der Spielothek stört, droht er: »Wenn du misch Spiel versäust, spann isch dir Perlä aus!« TITUS ARNU

* Ande Werner als Dragan, Lars Niedereichholz als Alder.

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