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Wetzel Voller Haken

Mit der Entlassung von Verteidigungs-Staatssekretär Günter Wetzel wurde der Union ein neuer Zeuge gegen die Regierung zugetrieben: Wechselt Wetzel jetzt zur CDU?
aus DER SPIEGEL 30/1972

Margarete Goussanthier, genannt die »Buchela«, hatte das zweite Gesicht. Auf einer Party im Bahnhof Rolandseck kündete die Wahrsagerin aus dem rheinischen Remagen dem Bonner Journalisten Rudi Kilgus: »Einer geht noch.« Die weise Frau sprach es am Donnerstag vorvergangener Woche gegen 22 Uhr.

Neunzehn Stunden später, am Freitag um 17 Uhr, versammelte sich erstmals nach Abgang des Doppelministers Karl Schiller wieder das Bundeskabinett. Der neue Verteidigungsminister Georg Leber eröffnete die Runde: »Ich möchte den Wetzel entlassen. Gibt es dagegen Widerspruch?« Das Kollegium schwieg, die Prophezeiung war eingetroffen.

Zur selben Zeit -- »Ich habe, rums, rums, rums Kinder und Gepäck eingesammelt« -- eilte Urlauber Günter Wetzel, Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium, frohgemut im Taxi von seinem Hotel »Alvor Praia« bei Portimao an der portugiesischen Algarve-Küste zum Flugplatz Faro, wo ein Bundeswehr-Jetstar wartete. Telephonisch nach Bonn zurückgebeten. hing Hesse Wetzel Träumen über seine Zukunft als rechte Hand des Landsmanns Leber nach.

Samstag früh um acht rief Wetzel von seiner Bundesvilla in Bad Honnef aufgekratzt bei Leber in Bad Schwalbach an: »Morgen, Schorsch, ich melde mich bei meinem neuen Verteidigungsminister aus dem Urlaub zurück« Leber blieb förmlich. Er beorderte den Ahnungslosen auf zwölf Uhr zu sich. Wetzel: »Dann hat er mir eröffnet: Helmut Schmidt hat mir geraten, dich zu entlassen.«

Empört trat Wetzel in den Wartestand und beleidigt aus der SPD aus. Unmittelbar nach Schillers spektakulärem Rücktritt hatte das Kabinett Brandt/Scheel sich und die SPD wieder einmal in die Schlagzeilen gebracht; fünf Monate vor der Neuwahl war der CDU/CSU-Opposition ein neuer Zeuge gegen die sozialliberale Regierung beschert.

Denn prompt stilisierte Wetzel seinen Abgang aus Amt und Partei zur Gewissenstat. Zur Freude der Unionschristen klagte der »angeblich Rechte« (Wetzel über Wetzel) öffentlich, er sei von Schmidt den Parteilinken geopfert worden. Wetzel: »Der will in der Partei doch noch was werden, dazu braucht er die Linken.«

Beschränkt wird die Glaubwürdigkeit des Zeugen Wetzel freilich durch die Widersprüche, in die er sich verstrickt, wenn er nach den Gründen seines hastigen SPD-Austritts gefragt wird.

Wetzel einerseits: Er sei ausgeschieden wegen der »substantiellen Veränderung an der Basis der Partei durch das ungehinderte Vordringen radikaler Kräfte und gesellschaftspolitischer Vorstellungen, die ich nicht teilen kann«.

Wetzel andererseits: »Das war keine rationelle Entscheidung, da kam ein gewichtiger Anlaß, da hab« ich"s getan« Und daß er »schon seit zwei Jahren mit dem Gedanken rumging, aus der SPD auszuscheiden«, hinderte den Karriere-Sozi nicht daran, vor Jahresfrist mit dem SPD-MdB Wilhelm Dröscher -- vergebens -- über die Nachfolge in dessen Kreuznacher Wahlkreis zu verhandeln und vor wenigen Wochen noch den SPD-Bundesgeschäftsführer Holger Börner um eine SPD-Kandidatur für den nächsten Bundestag anzugehen. Auch Wetzel weiß nicht recht, wie das kam: »Wenn man austreten will, bedeutet das doch nicht, daß man mit der Partei nichts mehr zu tun haben will.«

Zuviel wollte er wiederum aber auch nicht zu tun haben. Hartnäckig verweigerte der Verteidigungs-Staatssekretär, sich an die Front schicken zu lassen: »Während des baden-württembergischen Wahlkampfes habe ich das durch meine Sekretärin abwimmeln lassen. Und in den Bundestagswahlkampf hätte ich jetzt auch nicht für die SPD ziehen können. Was hätte ich denn den Leuten sagen sollen, etwa meine Meinung?«

Die Überzeugungen des Altgenossen. eines Mannes von kleinem Wuchs und großem Ehrgeiz, hätten in der Tat die Leute an ihrem SPD-Bild irremachen können, denn in seiner an Wechselfällen reichen Karriere hatte sich Wetzel stets nach rechts orientiert.

Seine Vorliebe für Recht und Ordnung sowie Parteiprotektion ließen den Juristen, der als 23jähriger in die SPD eingetreten war, mit 32 Jahren in seiner Heimatstadt Kassel unter SPD-Oberbürgermeister Lauritz Lauritzen zu Deutschlands jüngstem Polizeipräsidenten aufsteigen. Mit 39 Jahren avancierte er zum Regierungspräsidenten in Darmstadt und zog fünf Jahre später als Staatssekretär ins hessische Innenministerium ein. SPD-Bundesgeschäftsführer Börner heute: »Er verdankt der Partei alles, was er bisher in seinem Leben geworden ist.«

Schon damals hatte der ehemalige Unteroffizier Wetzel, der sich in der Bundeswehr freiwillig zum Oberstleutnant der Reserve hochgedient hatte, gefürchtet, Partei und Republik könnten mit Linken zu nachlässig umgehen. Der einstige SDSler ließ als Innenstaatssekretär Mitglieder des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) durch den Verfassungsschutz observieren. Als der damalige Hessen-Premier Georg-August Zinn den allzu forschen Beamten zurückpfiff, bat der Staatssekretär, in den Wartestand versetzt zu werden.

Doch zum Entsetzen der Genossen berief Herbert Wehner. zu jener Zeit Gesamtdeutscher Minister der Großen Koalition und wie Wetzel auf Anti-Links-Kurs, den Hessen als seinen Staatssekretär nach Bonn. Auch dort ließ Wetzel-Ärger nicht lange auf sich warten.

Als Egon Bahr den Verständigungsdialog mit der DDR vorbereitete, verfolgte der Mißtrauische vom 5. Stock des Hochhauses am Bonner Tulpenfeld, wie Kanzler und Kanzlerberater die innerdeutsche Politik durchsetzten. Wetzel, zum Statisten degradiert, begab sich in die innere Emigration: »Ich bin keiner, der alles prima findet, sondern auf die Haken aufmerksam macht.«

Voller Haken war eine Affäre. in die der »aufgeregte Wichtigtuer« ("Stuttgarter Zeitung") selbst verstrickt war. Mitte 1969 verhandelte die Stadt Kassel mit ihrem prominenten Sohn über ein 63 Quadratmeter großes Grundstück. das für eine Straßenverbreiterung gebraucht wurde. Als sich Kommune und Staatssekretär über den Preis nicht einigen konnten -- die Querelen währten schon fast zehn Jahre -, wurde eine Kommission beauftragt, den Wert des Wetzelschen Anwesens zu schätzen. Und als die Experten für die 63 Quadratmeter die unrunde Summe von 111 600 Mark festsetzten, war Wetzel-Anwalt Wolfgang Ziegler zufrieden: »Damit wären unsere Erwartungen durchaus erfüllt gewesen.«

Dem Regierungspräsidenten gingen Erwartung und Schätzung zu weit, er bot Wetzel 50 000 Mark an, die freilich noch immer seinen eigenen Parteifreunden -- darunter Georg Leber -- zuviel schienen. Das Landgericht Kassel entschied schließlich, 13 841 Mark seien auch genug.

Weder SDS-Affäre, Lust auf Geld noch die politische Distanz zur Mutterpartei hinderten Verteidigungsminister Schmidt. den Staatssekretär in sein Haus zu holen. Schon einen Monat vor Wetzels erstem Tag auf der Hardthöhe legte Schmidt auf die Feststellung Wert: »Im übrigen war es der Chef des Bundeskanzleramtes, der mich als erster auf die Eignung Wetzels für dessen neues Amt hingewiesen hat«

Schon bald bereute Schmidt, dem Rat von Kanzleramtsminister Horst Ehmke gefolgt zu sein. Der »eingebildete Einspänner« (Verteidigungsstaatssekretär Ernst-Wolf Mommsen über Kollege Wetzel) weigerte sich, in Schmidts Führungsteam mitzumachen. Er fehlte regelmäßig bei den dienstäglichen Abteilungsleiterbesprechungen (Mommsen: »Statt dessen war der immer bei der Lage im Kanzleramt, wo sowieso nichts passiert") und verstrickte sich in einen Kompetenzenkrieg mit dem Schmidt-Intimus Mommsen. Selbst an Beamtenfleiß soll es Wetzel gemangelt haben, so daß Mommsen »die Vorgänge von dem meist auch noch mit unterschrieb«.

Wetzel verdarb es sich dermaßen mit den Verteidigungsgenossen« daß er schließlich auch von Vorgängen im eigenen Arbeitsbereich ausgeschlossen war. So, als der griechische Jura-Professor Mangakis mit einer Maschine der Hardthöhe aus dem Obristen-Staat herausgeholt wurde. Wetzel, der sich als Staatssekretär für die Flugbereitschaft des Ministeriums zuständig glaubte, erfuhr von dem Coup erst hinterher -- aus der »BiId«-Zeitung.

Vollends unten durch fiel Wetzel bei Schmidt und Mommsen, als seine engen Kontakte zur Opposition, vornehmlich zum CDU-MdB Egon Klepsch, publik wurden. Der Staatssekretär geriet in Verdacht, die Union -- wenn auch aus Geschwätzigkeit -- für kleine Anfragen gegen das Verteidigungsministerium gespickt zu haben. Der Geschaßte am vergangenen Donnerstag zu solchen Vorwürfen: »Ich war doch nicht Staatssekretär der SPD, ich hatte mit allen politischen Parteien zusammenzuarbeiten. Ich habe an Herrn Klepsch nicht mal vertrauliche Papiere weitergegeben.«

Als eine neue Eskapade des ungeliebten Genossen mit der in Bonn anstehenden Regierungsumbildung zusammenfiel, zögerte Schmidt nicht. Wetzel zu wippen. Diesmal hatte der geltungsbedürftige Verteidigungsbeamte seinen Algarve-Urlaub mit politischen Freiübungen verschönt.

Geschmeichelt gab er einem General des portugiesischen Verteidigungsministeriums die Ehre, der ihm an seinem Ferienort die Willkommensgrüße des rechten Regimes in Lissabon überbrachte. Geschmeichelt auch empfing er eine Einladung des portugiesischen Außenministers zu einem inoffiziellen Mittagessen -- im Gegensatz zu »ganz klaren Weisungen des Ministers. gewisse Dinge nicht ohne Abstimmung mit dem AA zu tun« (Mommsen).

Zu den »gewissen Dingen« gehört der Wunsch der portugiesischen Kolonialherren. Bonn möge seine Liefersperre für Waffen an den Nato-Partner aufheben. Die Bundesregierung ist dazu nur bereit, wenn der Endverbleib des Kriegsgeräts auf der iberischen Halbinsel gesichert ist und keine Gefahr besteht, daß bundesdeutsche Kanonen und Bomben gegen Unabhängigkeitskämpfer in den portugiesischen Kolonien Angola und Mocambique eingesetzt werden.

So handelte sich Wetzel ein barsches Nein seines gerade in der Türkei weilenden Ministers ein, den er via Bonn um Erlaubnis für das Außenminister-Mittagessen hatte anrufen lassen. Wütend über Wetzels Flirt an der Algarve beschloß der Minister, den Rausschmiß des Staatssekretärs zu betreiben.

Pikiert beharrt Wetzel heute noch darauf, sich »völlig korrekt« verhalten zu haben und von Schmidt ungerecht behandelt worden zu sein. Und ebenso fest ist er entschlossen, auf seiner politischen Überzeugung zu bestehen. Wetzel Ende letzter Woche: »Meine Auffassungen werde ich weiter vertreten, gleich bei welcher Partei.« Einen Wechsel zur CDU schließt er nicht aus: »Aber ich habe mich noch nicht entschieden.«

Ob und wann Wetzel sein Heil bei der Christenunion sucht, vermochte selbst Madame Buchela nicht zu deuten. Die Seherin zum SPIEGEL: »Ich kann leider nichts sagen. Ich bin krank, ich liege im Bett.«

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