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CSSR Vollkommen tot

Die Prager Behörden verweigern dem CSSR-Dramatiker Václav Havel ein West-Visum -- er sei kein Repräsentant der tschechischen Kultur.
aus DER SPIEGEL 43/1976

Reisen«, so der tschechoslowakische Dramatiker Václav Havel 1968 im Kollegen-Gespräch, »ist für den Schriftsteller die Suche nach neuer Identität. Fremde Tapeten sind Versatzstücke für ein Lehen wieder ganz von vorn« Damit -- so ist zu befürchten -- soll es für den weltweit gefeierten Autor der Symbol-Stücke »Das Gartenfest« und »Die Benachrichtigung« vorerst vorbei sein.

Havel, 40, der für sein Engagement in der Zeit der Prager Reformen von der Partei mit Aufführungsverbot in der (SSR bestraft worden ist, muß sich seit sieben Jahren seinen Unterhalt als Hilfsarbeiter einer Brauerei im Dorf Vlcice u Trutnova Hradecek am Rande des Riesengebirges verdienen.

Als der Autor im Herbst vorigen Jahres sein neues Stück »Gauneroper« von einer Amateur-Truppe in einem Wirtshaussaal bei Prag vor Freunden aufführen ließ (SPIEGEL 46/1975), bestellte die Geheimpolizei Schauspieler zum Verhör. Wenig später nahm die Polizei dem Hilfsarbeiter den Führerschein ab -- eine Verkehrskontrolle hatte festgestellt, daß in seiner Autoapotheke entgegen der Vorschrift eine Mullbinde und eine Pinzette fehlten.

Die jüngste Schikane soll den jungen Dramatiker nun auch von jedem Kontakt mit dem Ausland isolieren: Obgleich vom österreichischen Minister für Unterricht und Kunst Fred Sinowatz persönlich nach Wien eingeladen. wurde ihm das Visum von den Prager Behörden verweigert.

Anlaß für die Minister-Offerte war die Uraufführung von zwei neuen Havel-Einaktern, »Audienz« und »Vernissage«, am vorletzten Sonnabend durch das Wiener Akademietheater. Havel, dem 1969 der Österreichische Staatspreis für europäische Literatur zuerkannt wurde, hat in Wien ein besonders beifälliges Publikum.

Selbst die Intervention durch Österreichs Außenminister Erich Bielka-Karltreu konnte die Prager Parteispitze nicht umstimmen. Der tschechische Kulturminister Milan Klusák teilte dem österreichischen Botschafter in Prag mit, daß er für Havel »bedauerlicherweise« nicht zuständig sei, da Havel »kein Repräsentant der tschechischen Kultur und Literatur ist«.

Als schlichter Bürger, so der Prager Minister. »stände es Havel natürlich frei, die ihm zustehenden Rechte in Anspruch zu nehmen« -- aber auch ein Visum-Antrag des Bürgers Havel blieb ohne Erfolg. Österreichs Bundeskanzler Bruno Kreisky hat die Prager Weigerung inzwischen zur Kabinettsfrage gemacht und läßt prüfen, inwieweit sie gegen die Helsinki-Beschlüsse verstößt.

Den wahren Grund für die Parteifeme gegen den im Ausland bekanntesten Kultur-Repräsentanten der (SSR konnten die Theaterbesucher in Wien im Programmheft nachlesen: ein Interview, das Havel vor kurzem der italienischen KP-Zeitung » L'Unità« gegeben hat, diese aber nie veröffentlichte.

Havel über die Prager Kulturszene: »Das Schlimmste ist nicht einmal, daß die Theater einen Großteil der wichtigeren modernen Bühnenwerke nicht spielen dürfen, auch nicht, daß die Mehrzahl der heutigen tschechischen Dramatiker nicht aufführen dürfen, sondern, daß jenes Theater vollkommen abgetötet ist, das ich als das wichtigste betrachte und das mich allein interessiert: Theater als ein Raum menschlicher und gesellschaftlicher Selbsterkenntnis.«

Das tschechische Theater sei nur noch Bestandteil der zentral gelenkten und streng bürokratisch beherrschten Konsumindustrie; jeder Versuch, diese Grenze zu überschreiten, werde von der Bürokratie oder Polizei gestoppt.

Auf die Frage nach seinem persönlichen Schicksal antwortete der Autor: »Jede Erinnerung an meine frühere schriftstellerische Tätigkeit ist sorgfältig ausgemerzt ... als Bürger kam ich -- durchaus gesetzmäßig -- in die Schicht jener »Ausgestoßenen', die in unserem Land wegen ihrer Anschauung verschiedenen Diskriminierungen ausgesetzt sind. Mit denen etwas gemein zu haben, ist für alle, die noch nicht völlig ausgestoßen sind, höchst gefährlich.«

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