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Vom »Chef BK« zu »Mr. Balkan«

Ungewöhnlich stilvoll trennt sich Gerhard Schröder von seinem Kanzleramtschef Bodo Hombach - ein Befreiungsschlag für alle Beteiligten.
aus DER SPIEGEL 26/1999

Erfolgreiche Politik, so doziert Gerhard Schröder gern, die geht ganz einfach. »Die Leute dürfen keine Angst haben.«

Bodo Hombach, 46, hatte in seinem Job als Kanzleramtsminister zuletzt ein gewaltiges Problem: Viele Menschen fürchteten sich vor ihm.

Für den Sozialdemokraten war Hombach der neoliberale Dämon. Die Minister mühten sich, ihre Vorgänge an ihm vorbei zum Kanzler zu schleusen. Der Koalitionspartner sah in ihm den Grünen-Fresser. Und allen schwante, daß das Rumoren über die Finanzierung seines Hausbaus das gesamte rot-grüne Projekt lädieren könnte.

Schließlich hatte die Furcht auch den Kanzler erreicht. Der Mann für die Chefsachen war selbst zur Chefsache geworden. Kühl analysierte Schröder das Verhältnis von Nutzen und Risiko. Das war Hombachs Aus.

In einer bemerkenswert stilvollen Operation hat sich der Bundeskanzler von einem zentralen Mitstreiter getrennt. Schon diese Woche sollen die EU-Außenminister in Rio de Janeiro beim europäisch-lateinamerikanischen Gipfel beschließen, daß Hombach der Koordinator des Stabilitätspakts für Südosteuropa wird, der »Mr. Balkan«.

Von Brüssel und Sarajevo aus kann der große Kommunikator mit dem dicken Telefonbuch nun Politik und Wirtschaft, die reichen EU-Länder und die schwer berechenbaren Staaten des Balkans in ein historisches Wirtschaftswunder begleiten.

Diskret hatten Schröder und sein außenpolitischer Berater Michael Steiner den Coup auf dem Kölner Gipfel ausgelotet. Nur Außenminister Joschka Fischer und Hombach selbst wußten davon. Der ursprüngliche Plan, den angeschlagenen Minister als EU-Kommissar nach Brüssel zu schicken, war geplatzt. Das Geraune ums Haus in Mülheim war auch bis zum designierten Kommissionspräsidenten Romano Prodi gedrungen.

Der Durchbruch kam, als Bill Clinton in Köln wie bestellt von dem Balkan-Job schwärmte. So was Tolles, so der US-Präsident, würde er auch gern mal machen. Nun war klar: Der Posten hatte die Hombach angemessene Großartigkeit. Im Blitztempo organisierte Steiner mit Hilfe von Fischers Außenamt Geld und einen Stab exzellenter Mitarbeiter.

Kaum stand der Rahmen, brachen die üblichen Bonner Verlogenheitsarien los. Nur schweren Herzens, so tremolierte der Kanzler, opfere er seinen »besten Mann« für die gute Sache.

Tapfer freut sich Hombach nun auf den »tollen Job« und auch darüber, daß »ich zum erstenmal seit langem wieder fröhlich aufstehe. Da unten ist ja so was wie ein Unternehmen aufzubauen«.

Das ist nicht mal die halbe Wahrheit. Hombachs Traum war immer der »Chef BK«, wie der Kanzleramtsminister intern heißt. Und Schröder konnte nach dem Wahlsieg kaum anders, als seinem dicken Kumpel und Helfer diesen Wunsch erfüllen. Schließlich war Hombach ein Jahr lang als Stratege, Berater, Freund, Prellbock, als Zigarren- und Rotweinbeschaffer nützlich gewesen. »Bodo, ich brauch' dich«, sagte Schröder oft.

Damit hatte der Kanzler ein Problem institutionalisiert. Denn die erfolgreichsten Manager der Macht waren stets ganz andere Typen als der gelernte Fernmeldetechniker. Ob Helmut Schmidts Manfred Schüler oder Friedrich Bohl bei Helmut Kohl - immer war es ein uneitler, fleißiger, diskreter Charakter mit integrativem Charme, der für den Chef den täglichen Regierungskram wegräumte. Der Staatssekretär im Kanzleramt Frank-Walter Steinmeier, der Schröders Staatskanzlei in Hannover in Schuß gehalten hatte, kommt diesem Profil ziemlich nahe.

Die Qualität des Mülheimers dagegen, neue Themen in Windeseile auf ihr strategisches Potential hin zu durchdringen, war als Chef BK weniger gefragt. Und die Gabe des Demagogen, immer und überall zu polarisieren, war in der chaotischen Anfangszeit erst recht hinderlich.

Der Politjunkie opfert sein Leben dem Job. Als ihm ein Freund unlängst besorgt mitteilte, daß er seine Gesundheit ruiniere, soll er mit den Schultern gezuckt haben. Es blieb der Eindruck, daß er den Infarkt am Schreibtisch billigend in Kauf nehmen würde.

Hombach gehört zu den raren Kräften im politischen Geschäft, die langfristig strategisch denken und gleichzeitig einen untrüglichen Instinkt für den Alltag haben. Er prägte für den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Johannes Rau klassische Slogans wie »Versöhnen statt Spalten« oder »Wir in NRW«, für Gerhard Schröder erfand er die »neue Mitte«.

Als die Preussag Stahl AG Anfang vergangenen Jahres an die österreichische Voest-Alpine AG verkauft werden sollte, inszenierte Hombach die Übernahme des Stahlwerks durch die Landesregierung. 12 000 Beschäftigte jubelten dem Macher Schröder zu und mit ihnen ganz Niedersachsen: 47,9 Prozent holte die SPD im März 1998 bei der Landtagswahl und Schröder damit die Kanzlerkandidatur.

Der hochsensible Hombach verfügt über ein feines Radar für gesellschaftliche Tendenzen. Jedes Gespräch gerät ihm umgehend zu einem Check: Woher weht der Wind, wie heißen die Themen, wie lassen sie sich inszenieren?

Hombach denkt und inszeniert Politik in Theaterkategorien. Immer gibt es einen Bösewicht, vor allem aber einen strahlenden Sieger - und das ist stets sein jeweiliger Chef. Blitzschnell ist Hombach zu begeistern, doch genauso rasch erlahmen seine Interessen. Nie ist man sicher, was er wirklich denkt. Fortwährend schiebt er Wortwolken und hängt semantische Schleier - es gibt kaum einmal richtig und falsch, wahr und unwahr.

Sicher ist nur eines: Er schätzt die große Geste. Für einen wie ihn durfte Geld nie eine Rolle spielen. Nach zehn Jahren als Landesgeschäftsführer der SPD-NRW hinterließ er der Partei etwa 18 Millionen Mark Schulden, die Kosten seiner Wahlkämpfe gerieten stets außer Kontrolle.

Hombach gönnt sich edle Klamotten und feines Essen. Er qualmt Zigarren, die mehr kosten, als einer am Tag verdient, der in dem von ihm angedachten Niedriglohnsektor künftig schuften soll. Und nichts macht ihn stolzer als das braune Streichholzheftchen mit der Aufschrift »Bundeskanzleramt«, das man bei Gelegenheit mal fallen lassen konnte.

Sein Talent, andere gegen sich aufzubringen, wirkte auch im Kanzleramt. Schröders kühle Hannoveraner Mannschaft nahm mit mühsam unterdrücktem Zorn zur Kenntnis, daß Hombach nach außen den Zampano machte und immer neue Chefsachen erfand. Nach innen aber richtete die personifizierte Flipperkugel täglich neues Durcheinander an.

Mit den Monaten mauerte sich Hombach im Kanzleramt immer mehr ein und erwiderte Mißtrauen mit noch mehr Mißtrauen - das Schicksal vieler Berater. Wie Clintons einstiger Einflüsterer Dick Morris zog Hombach sich mit seinem direkten Draht zum Kanzler Neid zu. Unaufhaltsam drehte sich die Abwärtsspirale. Ob die Verhandlungen über die Entschädigungen für NS-Zwangsarbeiter stockten, Schröders Prestigeprojekt »Bündnis für Arbeit« stotterte oder der tägliche Abstimmungsmarathon im Amt holperte - immer schien Hombach beteiligt zu sein.

»Ich war wohl die Projektionsfläche für das Böse«, sagt er ohne Zorn. Daß er es vergangenen Freitag fertigbrachte, die von den Amerikanern in der Wendezeit aus Ost-Berlin in der »Operation Rosenholz« erbeuteten HVA-Akten zurückzuholen, ging unter.

Erfolgreich hatte Hombach für andere Mehrheiten und Sympathien organisiert - nur für sich selber nicht. Er gab immer den bösen Buben. Er habe sich auf keine Hausmacht stützen können, verbreitete Hombach und habe »auch zu wenig getan, eine eigene aufzubauen«. Das sei ein Fehler gewesen.

Genüßlich sahen die Genossen, daß Hombach nun selbst die Sorge hatte, die er anderen eigentlich zu bereiten pflegte: das Glaubwürdigkeitsproblem. Weil im August das Landgericht Bochum auch noch ein Verfahren gegen seinen einstigen Bauleiter eröffnet, in dem Ungereimtheiten zum Hausbau zu befürchten sind, mußte Schröder rechtzeitig vor dem Sommerloch die Zeitbombe entschärfen.

Doch ein Abschied auf Dauer wird es wohl nicht sein. Macht Hombach seinen hochbezahlten Job auf dem Balkan gut, ist die Rückkehr keinesfalls ausgeschlossen. Der neue Vertrag läuft zwei Jahre, mit jährlicher Option auf Verlängerung. Spätestens im Wahlkampf 2002 stünde der Mann für alle Fälle wieder bereit. HAJO SCHUMACHER

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