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Vom Freiheitsrausch bis Waterloo

Rudolf Augstein über die Französische Revolution (III)
Von Rudolf Augstein
aus DER SPIEGEL 3/1989

Revolutionen, gewaltsame Umkehrungen der Verhältnisse im Innern eines staatlichen Gebildes, drängen zwar bis zu ihrem Höhepunkt nach vorn. Sie verlaufen aber nicht geradlinig. Sie beschleunigen und verlangsamen das Tempo. Es gibt Stagnationen, wie deren eine etwa in der Sowjet-Union unter Stalin 1928 beobachtet werden konnte. Manchmal trocknen sie aus wie die mexikanische Revolution im Jahre 1920.

In Frankreich schien es im Juni 1793 so, als wollten die führenden Revolutionäre das Tempo drosseln. Die Kraftanstrengung zwischen dem 31. Mai und dem 2. Juni war zu groß gewesen. Zwar gelang es den Leuten vom »Berg«, den Montagnards um Robespierre, die nach innen hin Moderaten, die man später »Girondisten« taufen wird, auszuschalten, 29 Abgeordnete und zwei Minister. Aber um welchen Preis!

Es gibt keinen handlungsfähigen Konvent mehr, da er sich dem Kommando der Nationalgarde (Hanriot: »Kanoniere, an die Waffen!") gebeugt hatte. In Lyon und Marseille erheben sich daraufhin die Anhänger der Gironde, Bordeaux folgt, Toulouse, NImes, Grenoble, nahezu der ganze Süden.

Die zu Hause festgesetzten Führer der Gironde sind schlecht bewacht worden. Die Mehrheit konnte fliehen, unter ihnen der Innenminister Roland. (Wer nicht fliehen konnte, wird am 31. Oktober 1793, 15 Tage nach der Königin, guillotiniert werden.)

Sie organisieren in der Provinz den Widerstand, versuchen es wenigstens. Die Departements Eure und Calvados stehen bereits unter ihrem Einfluß. Die Leute der Vendee rücken nach der Einnahme von Saumur und Angers unter den abscheulichsten Grausamkeiten gegen Nantes vor.

Der Konvent, jetzt beherrscht vom »Berg«, laviert, er zeigt Schwäche. Danton, verlegener und versöhnlerischer denn je, befürwortet einen Antrag, jenen Departements, »deren Vertreter verhaftet worden sind«, Geiseln zu stellen. Robespierre wischt die Idee vom Tisch. Aber auch er befürwortet Dekrete, die einer großen Zahl von Franzosen materielle Vorteile bringen sollen.

Sogar Saint-Just, der Unversöhnliche, den noch niemand hat lachen sehen, hält am 8. Juli 1793 eine versöhnliche Rede. Ja, er stellt sogar den Antrag, 14 der am 2. Juni ausgestoßenen Girondisten in die Versammlung zurückzuberufen. Ist das ein Anzeichen von Besinnung?

Robespierre, ein oft unterschätzter, ein gewiefter Taktiker des Parlamentarismus, hat die rote Mütze der Sansculotten, die man dem König aufgesetzt hatte, immer verabscheut. Er ist es jetzt, der die »eine und unteilbare Republik« samt ihrer Hauptstadt Paris unbeugsam gegen den Anspruch der Provinzen und gegen die Wankenden aus den eigenen Reihen verteidigt.

Die »eine und unteilbare Republik« wird von Paris, nicht von Lyon, Marseille, Bordeaux, nicht von Toulouse, NImes, Grenoble, Limoges regiert.

Will man nun nachgeben aus Taktik, oder will man eine Versöhnung? Die Antwort gibt ein junges Fräulein aus Caen, eine Urgroßnichte des Dichters Corneille, die jungfräuliche Charlotte de Corday, knapp 25 Jahre alt. Sie will ein Zeichen setzen, und man muß fürchten, irgendeines. Sie will Frankreich von »dem Ungeheuer« befreien.

Ihre beiden Brüder sind emigriert und dienen in der Armee des Prinzen Conde. Sie macht sich allein auf den Weg nach Paris. Im Gepäck hat sie eine Ausgabe von Plutarchs »Große Griechen und Römer«.

Wer ist das »Ungeheuer«, und warum heißt es gerade Marat? Er hat am 2. Juni, als die Gironde zertrümmert wurde, das Gesetz getötet, er besonders: »Der Tod von nur einem wird das Leben von allen sein.«

Für 40 Sous - etwa zwischen 10 und 30 Mark heutiger Kaufkraft - ersteht sie ein Schlachtermesser mit Ebenholzgriff. Am Abend des 13. Juli sucht sie den »Volksfreund« Marat zu Hause auf. Der leidet an einer juckenden Flechte und sitzt in seiner Badewanne mit Schreibpult. Sie stößt ihm das Messer mit aller Kraft in die Brust, er schreit auf und stirbt.

Hätte es denn je eine Möglichkeit der Versöhnung zwischen Girondisten und Montagnards gegeben, nun war sie dahin. Der Konvent beschließt unter dem Druck der Sansculotten-Bewegung am 5. September 1793: Bis zum Frieden bleibt »der Schrecken an der Tagesordnung«. Dieser Marat war eben mehr als ein Psychopath, wenn denn überhaupt einer. Den Schrecken hält man sich am besten vom Leibe, indem man die Schreckensmänner als Psychopathen ausgibt.

Es ist wahr, Marat fühlt sich als ein verkanntes physikalisches Genie. Zehn Jahre hat dieser pro forma preußische Untertan - er ist 1743 in der preußischen Enklave Neuchatel geboren - in Holland, England und Schottland gelebt. Seit 1776 in Paris seßhaft, wird er Arzt der Leibgarde des Grafen von Artois, des jüngeren Bruders des Königs. 1786 entlassen, frönt er der Parole: »Der Adler geht seinen Weg allein, der Puter sucht sich Gesellschaft.« Voltaire hatte sich über ihn lustig gemacht.

Jacques Brissot, der girondistische Kriegstreiber (guillotiniert am 31. Oktober 1793), meinte über Marat, er würde sich mit Wasser und Brot zufriedengegeben haben, wenn es ihm nur ein einziges Mal gelungen wäre, die Akademie der Wissenschaften zu blamieren.

Exaltiert in seiner Ausdrucksweise, ist er seit dem 14. Juli 1789 das geworden, was er im Titel seiner Zeitung inseriert: »L'Ami du peuple«, der Freund der kleinen Leute. Ein Psychopath? Das langt nicht hin.

Die Empörung über seine Ermordung, ob nun Tat oder Untat, ist ungeheuer. Sein Tod ergreift die ohnehin aufgewühlten Gemüter bis zur religiösen Hysterie. Die Badewanne, in der er von der Jungfrau Corday erstochen wurde, wird in einer Quasi-Fronleichnamsprozession der Republik durch Paris getragen.

Robespierre kann der Tod dieses unberechenbaren Einzelgängers nicht unlieb gewesen sein. Vom führenden Trio der radikalen Jakobiner war nur er allein noch übriggeblieben, denn Georges Danton galt nicht mehr als standfest. Er hatte zu vielen Leuten geholfen, das Vaterland an den Schuhsohlen mitzunehmen.

Nun ist der Mann aus Arras für ein Jahr wenn schon nicht Diktator, so doch die Seele des Geschäfts. Es läuft so manches ohne ihn, aber nichts gegen ihn. Die Fachleute im Wohlfahrtsausschuß, wie der Pionierhauptmann und Mathematiker Lazare Carnot, haben nicht das rechte Auftreten. Sie beherrschen weder den Jakobinerclub, diese wichtigste aller Privatvereinigungen, noch den Konvent (auch der General Bonaparte kann nur zu seinen Soldaten sprechen).

Jene Führer der Gironde, denen die Flucht gelungen ist, finden sich zu einheitlichem Tun nicht zusammen. Da sie jede Art Zentralismus ablehnen, ist ihr Spektrum zu weit gefächert.

Sie verstehen noch immer nicht, ihrer Sache ein Gesicht zu geben. Sie glauben vielleicht selbst, daß sie Republikaner seien, die nichts anderes im Sinn hätten, als dem Konvent gegen die Pariser Kommune und die Sektionen seine Handlungsfähigkeit zurückzuerobern.

Aber sie scheinen im Einverständnis mit den Royalisten. Ihre Militärbefehlshaber neigen der Monarchie zu. Vorerst haben sie Erfolge, sie nehmen Arles und Avignon, stoßen auf Orange vor.

Der Konvent schickt neue Kommissare. Die Stadt Lyon, zweitgrößte des Landes, kapituliert am 9. Oktober. Damit war der Höhepunkt des Aufstands in den Provinzen überschritten. Albert Soboul schreibt recht verständnisvoll:

Die Schreckensherrschaft in Lyon entsprach dem Ausmaß an Gefahr, in das die Republik durch die Rebellion dieser Stadt geraten war; eine zweimonatige Belagerung, vom 9. August bis zum 9. Oktober 1793, war erforderlich gewesen, um den Aufstand niederzuschlagen.

Dem Kommissar Georges Auguste Couthon, der mit Robespierre guillotiniert werden wird, schienen die Maßnahmen, die der Konvent vorschrieb, zu hart. Dieses Mitglied des Wohlfahrtsausschusses, an beiden Beinen gelähmt, ständig getragen oder in einem Wägelchen hin- und hergefahren, weigerte sich, alle von Reichen bewohnten Häuser niederzureißen.

Er begnügte sich damit, einige Häuser an der Place Bellecour zu zerstören. Robespierre, dessen treuester Gefolgsmann er neben Saint-Just ist, wirft ihm eine »zuweilen unpolitische Empfindsamkeit« vor.

An seiner Stelle räumen Collot d'Herbois, Mitglied des Wohlfahrtsausschusses (nicht guillotiniert, sondern deportiert), und Joseph Fouche auf (ebenfalls nicht guillotiniert). 1684 Todesurteile werden durch Gewehr- und Kartätschenfeuer vollstreckt. Da muß einer genau mitgezählt haben. Jedenfalls ging das nun wieder dem Robespierre über die Hutschnur, der trockenes Blut flüssigem Blut vorzuziehen schien.

Der Höhepunkt der Schrecken hatte Nantes zum Schauplatz. Der Konventskommissar Jean-Baptiste Carrier (guillotiniert erst am 16. Dezember 1794) ließ laut Soboul zwei- bis dreitausend Personen, nach dem »Lexikon der Französischen Revolution« bis zu 10 000 Personen in der Loire, »diesem revolutionären Fluß«, ertränken.

Verdächtige der besseren Gesellschaft und verschiedenen Geschlechts wurden zwecks »republikanischer Hochzeit« nackt aneinandergebunden und gemeinsam versenkt. Die »Thermidorianer« hatten wohl vor, diesen Schreckensmann in Ruhe zu lassen, weil sie Weiterungen befürchteten. Aber die Proteste aus Nantes waren zu stürmisch. »Alles ist hier schuldig, sogar die Glocke des Präsidenten«, rief der verurteilte Sadist vor Gericht.

Paul Francois Barras, ehedem Vicomte und 1755 im Departement Var geboren, künftiger Schutzherr Bonapartes und 1799 von diesem ausgetrickst, hatte ja in Toulon und Marseille aufgeräumt. Er und sein Jünger Freron räuberten sich die Taschen voll.

Aber Barras hatte an den beiden kritischen Thermidor-Tagen den Konvent vor Robespierre gerettet, jedenfalls spielte er sich so auf. Und Freron wird später die erstmals mit diesem Namen bedachte »Jeunesse doree« anführen, die alle wirklichen und angeblichen Jakobiner in Paris terrorisiert.

Durch Mäßigung fällt Augustin Robespierre auf. Saint-Just ist unerbittlich, aber prinzipientreu. Er läßt seinen Guillotinen-Maniak Euloge Schneider als das »Haupt der deutschen Partei« nach Paris überstellen, wo Robespierre ihn dem Schafott ausliefert.

Der Unbestechliche, wenn er Revolution und Republik denn retten will, befindet sich in einer Klemme. Danton und seine Leute haben sich durch undurchsichtige Aktionen politischer und finanzieller Art kompromittiert. Sie neigen, ob aus Einsicht oder aus Angst, dem Ende des Schreckens zu. Danton verbringt viel Zeit mit seiner 16jährigen Frau, deren Eltern darauf bestanden haben, daß die Ehe von einem unvereidigten Priester geschlossen wurde - dies allein schon ein Verbrechen.

Auf der anderen Seite werfen die Leute um den »Pere Duchesne«, an ihrer Spitze Jacques Rene Hebert, dem Wohlfahrtsausschuß, und das heißt hier Robespierre, eine zu große Nachgiebigkeit vor. Robespierre muß diese beiden einander gegenläufigen »Faktionen« (so sagte man damals abwertend) vernichten, Diskussionen helfen da nicht. Fragt sich nur, welche zuerst.

Hebert hilft. Er wirft Anfang März 1794 dem Unbestechlichen selbst Mäßigung vor, »moderantisme«. Saint-Just, die Guillotine des Konvents, bewirkt Verhaftung und Hinrichtung der »Hebertisten«, natürlich mit Zustimmung Dantons. Die linken Pariser Sektionen grollen nun Robespierre; er hat seine Basis beschädigt.

Um sich wieder hochzuziehen, muß er mit gleicher Schärfe gegen die Gemäßigten vorgehen, an ihrer Spitze Danton. Er fühlt sich dabei nicht wohl, man muß ihn drängen, und man drängt ihn sehr. Aber daß Danton und seine Leute korrupt sind, unterliegt keinem Zweifel. Man kann ihm jeden Stellungswechsel zutrauen, sogar ohne Bestechung.

Zwar, Philippe Egalite, ehedem Herzog von Orleans, kann von Danton nicht mehr benutzt werden. Er, der für den Tod des Königs gestimmt hat, ist selbst guillotiniert worden, nachdem sein Sohn, der 19jährige Herzog von Chartres (ab 1830 der Bürgerkönig), mit dem verschwörerischen General Dumouriez im April 1793 zu den Österreichern übergegangen ist. Dort sitzt La Fayette, Erfinder der Trikolore und »Held zweier Welten«, schon in österreichischer Haft.

Wie aber, wenn sich ein Mann, den die Massen verstehen, des neun Jahre alten Dauphins bemächtigte, der im Temple-Gefängnis vor sich hin dämmert? Viele Gedanken gehen in Richtung Temple. Manche wandern zu dem Verräter Dumouriez, der den jungen Herzog von Chartres als einen fähigen General herausgestellt hat. Immer ist irgendwie Danton im Spiel.

»Wir können auf Herrn Danton zählen«, soll Madame Elisabeth, die Schwester des Königs, gesagt haben, guillotiniert am 10. Mai 1794. Robespierre hatte ihren Tod nicht verhindern können, obwohl er es, einer glaubwürdigen Quelle zufolge, versucht hat.

Die Balance zwischen den Friedensfreunden a la Danton und den Ultrarevolutionären um Hebert - Robespierre kann sie ohne »La Terreur« nicht halten. Danton, der Mann mit der Löwenstimme, muß auch aufs Schafott. Robespierre vollstreckt das Parallelogramm der - noch - revolutionären Kräfte. »Danton hat recht feige Freunde«, sagt er mit unfroher Stimme.

Bleibt noch Camille Desmoulins, Troubadour aus längst vergangenen Bastille-Tagen, Mann der ersten Stunde wie Danton, gerade 34 Jahre alt geworden. Mit ihm war Robespierre im Parade-Lyzeum Louis-le-Grand freundschaftlich verbunden gewesen.

Er hatte dem Unbestechlichen geholfen, die Hebertisten, diese radikalen Gleichheitsfanatiker und Befürworter einer kompletten Entchristianisierung, unschädlich zu machen. Aber was schreibt Desmoulins, jetzt der Freund Dantons? Dies: »Öffnet die Gefängnisse für jene 200 000 Bürger, die ihr als Verdächtige gebrandmarkt habt . . . Wollt ihr denn alle eure Feinde durch die Guillotine auslöschen?«

Das kann Robespierre nicht hinnehmen, er muß gegen diesen Kindskopf vorgehen, er tut es wieder einmal nicht gern. War er doch unter den Trauzeugen gewesen, als Camille seine junge Frau Lucile heiratete, auf deren Schwester Adele Robespierre sein keusches Auge geworfen hatte.

Aber er läßt es zu, daß auch Lucile, die im Gefängnis zweifellos konspiriert hatte, aufs Schafott kommt. Ist er so ganz unbestechlich oder als verschmähter Liebhaber doch bestechlich? Zum Ausgleich kommt noch die Witwe Heberts auf denselben Karren wie Lucile. Kein unschuldiges Blut wird fließen, wenn das sausende Messer auch dem Bürger Robespierre den Kopf vom Rumpf trennt.

Der Krieg im Innern dauert noch eine Weile an und wird sogar unter Napoleon nie ganz aufhören. Er beginnt in der Vendee am 10. März 1793, dem Tag der Auslosung für die vom Konvent beschlossene Rekrutierung von vorerst 300 000 Mann.

Die Armee der Vendee nennt sich »catholique et royale«. Sie bezieht ihre Kraft aus den katholischen Bevölkerungsteilen im Westen, sie stützt sich auf Tausende verbannter und eidverweigernder Priester.

Es war eben 1790 ein schwerer Fehler gewesen, die Eidesleistung der Priester auf die Zivilverfassung erzwingen zu wollen, es war »die gezündete Lunte an einem Pulverfaß«, so der Historiker Louis Blanc. Die Landbevölkerung hängt an ihren Priestern. Die Vendee selbst wird zu einem einzigen Trümmerfeld; am Ende, unter den Bourbonen, wird man die Zahl der Opfer dieses Bürgerkriegs auf 150 000 bis 400 000 schätzen.

Der Krieg gegen die Könige aber ist nach dem Sieg von Fleurus in Belgien (26. Juni 1794) so gut wie gewonnen; damals hatte die Republik erstmals einen Ballonbeobachter eingesetzt. Man muß es zugestehen, bis zum Zerwürfnis zwischen seinen Mitgliedern im Sommer 1794 hat der Wohlfahrtsausschuß als Regierung funktioniert.

Er hat seine Kommissare mit Vollmachten zu den Armeen geschickt. Saint-Just ist das Beispiel solch eines revolutionären Stahlnagels.

In der Theorie ein spinnerter Utopist (nicht spinnerter als Plato und Thomas Morus übrigens), im Aussehen ein »Stutzer«, leistet dieses »Schwert der Revolution« Erstaunliches. Vom Oktober 1793 bis zum Januar 1794 mobilisiert er die Rheinarmee. Er stellt die Ordnung wieder her, ernennt einen neuen Armeechef und entsetzt die Stadt Landau in der Pfalz.

Er handelt nach dem Motto: »Die Gesetze sind revolutionär. Die sie ausführen, sind es nicht.« Die Kommandeure haben mit den einfachen Soldaten in einem Zelt zu schlafen. Die Armee braucht 10 000 Paar Stiefel? Straßburg wird sie bis zum nächsten Tag zehn Uhr auf dem Marktplatz bereitstellen. Den General Eisenberg läßt er erschießen, weil der, vom Feind überrumpelt, mit einigen Offizieren geflohen war. Der Kommissar Le Bas, der sich am 9. Thermidor vor lauter Robespierre-Treue in den Kopf schießen wird, hält sich stets an seiner Seite.

Man hat gesagt, die von Lazare Carnot organisierten Heere des Konvents, bei denen übrigens auch kräftig desertiert wurde, hätten den Verbündeten nicht standhalten können, wenn diese nicht mit der Aufteilung Polens beschäftigt gewesen wären. Da ist es wieder, das geliebte, nutzlose »Wenn«.

Es läßt sich nun einmal nicht leugnen, daß jene Unteroffiziere, die unter Ludwig wegen fehlenden Adels nicht hatten Offizier werden können, bald gute Generäle der Republik sein werden, allen voran Louis Lazare Hoche. Wegen seiner Jugend hatte er das Amt des Kriegsministers abgelehnt, bevor er 1797 im Alter von 29 Jahren in Wetzlar an der Tuberkulose starb. Auf St. Helena wird Napoleon, der ihm im Bett der Josephine nachgefolgt ist, ihn als ebenbürtig bezeichnen.

Tatsache ist auch, daß Pulver und Salpeter unter der Peitsche des Revolutionsregimes in einer Menge hergestellt wurden, wie das unter einer verkrusteten Monarchen-Bürokratie nicht möglich gewesen wäre. Altgediente und neuaufgestellte Einheiten wurden zweckmäßig vermischt. Auf Desertion stand der Tod.

Rückzugsgeneräle mußten sich mit dem Gedanken an die Guillotine vertraut machen. So wurde der 55jährige General Jean Nicolas Houchard, der es vor 1789 mangels vornehmer Abkunft nach 35 Dienstjahren nur zum Hauptmann gebracht hatte, nach seinem Sieg bei Hondschoote im November 1793 guillotiniert. Sein Rückzug hatte Gründe, aber er ähnelte einer Flucht. General zu sein war nicht ungefährlicher als das Muschkotenleben. Übrigens ist sein Name in die Ehrentafel des Triumphbogens in Paris eingemeißelt.

Dort wird man den Namen des ebenfalls 1793 guillotinierten Generals Adam Philippe Graf de Custine vergebens suchen, der 53 Jahre alt wurde. Als einer der ersten Adligen hatte er sich 1789 dem Dritten Stand zugesellt. Nach etlichen Siegen und Niederlagen schlug er dem Konvent vor, man möge einen General zum Diktator ernennen - keine kluge Empfehlung.

Sein letzter Wunsch, sein Sohn Renaud Philippe, der als Adjutant in seine Pläne eingeweiht war, möge seine Rechtfertigungsschrift veröffentlichen, konnte nicht erfüllt werden. Der junge, hübsche Mann bestieg wenige Monate nach seinem Vater das Schafott, unter mitleidigem Seufzen der Zuschauer.

Vorher aber hatte er noch den später berühmt-berüchtigten Astolphe Marquis de Custine gezeugt, der uns das Leben unter dem russischen Zaren beschreiben wird. Die Frau des jungen Custine stand ihrem Mann und ihrem Schwiegervater bis zuletzt bei, was sie um Haaresbreite, es ging um einen Tag, mit dem Leben bezahlt hätte.

Ein ähnliches Schicksal wie der General Custine erlitt der 1760 auf Martinique geborene Alexandre Francois Marie Vicomte de Beauharnais, der 1789 so eilfertig mit Beaumarchais auf den Zinnen der Bastille herumgehackt hatte. Auch er war als einer der ersten Adligen zum Dritten Stand übergegangen.

Verantwortlich gemacht für die Kapitulation des von den Franzosen eroberten Mainz, fiel sein Kopf wenige Tage vor dem Robespierres. Er bat seine Frau Josephine brieflich, ihn zu rehabilitieren. Nach einigen Umwegen über Hoche, Barras und etliche andere Größen tat sie das auch, indem sie Kaiserin der Franzosen wurde.

Sein Schicksal ereilte auch die Generäle Biron, Luckner und Westermann. Aber im ganzen hat das System der Konventskommissare funktioniert, weil die Ludwig-Generäle tatsächlich, wie Robespierre befürchtet hatte, der Monarchie nachtrauerten. Als der General Pichegru, 1789 Feldwebel, im Winter 1794 auf '95 zögerte, in Holland einzufallen, sagten ihm die Kommissare: »General, wenn du nicht binnen zwei Stunden auf dem Marsch bist, wirst du abgesetzt.« Er gehorchte, und die Franzosen gründeten die Batavische ("Schwester«-)Republik.

Vor Toulon übertrugen die Kommissare Augustin Robespierre ("der Jüngere") und Christophe Saliceti, für Korsika Abgeordneter des Dritten Standes bei den Generalständen, dem Korsen Bonaparte das Kommando über die Artillerie.

Diesen Offizier zum Hauptmann zu befördern war eine der letzten Amtshandlungen des auf seine Hinrichtung wartenden Königs. Toulon, wichtiger Kriegshafen, war den Engländern von den Royalisten in die Hände gespielt worden. Am 18. Dezember 1793 wurden sie von Bonaparte, damals 24 Jahre alt, zum Abzug gezwungen. Am 22. Dezember schlugen die Kommissare vor, ihn zum Brigadegeneral zu machen.

Da er mit dem jüngeren Robespierre befreundet ist, gerät er als Kommandant der Pariser Nationalgarde ins Gespräch. Bedenkt man deren entscheidende respektive unentschiedene Rolle später während des Thermidors, so gerät man ins Spekulieren. Paul Francois Barras, der am 9. Thermidor die Konventstruppen gegen Robespierre und die Kommune anführt, gilt, obwohl Kolonialhauptmann, nicht gerade als militärisches Genie. Er hält sich auch nicht dafür. Wie, wenn - Schluß hier, kein »Wenn«. Es kommt ja nicht dazu.

Es kommt nicht dazu. Robespierre der Jüngere stellt sich im Konvent an die Seite des verurteilten Bruders und fällt mit ihm. Ungemütliche Wochen, ja Monate für Bonaparte.

Aber er hat ja nicht nur den jüngeren Robespierre, sondern den schon berühmten Vicomte de Barras kennengelernt, der seine Chance, Geld zu scheffeln, vor Toulon weidlich genutzt hatte.

Mit den Namen Pichegru, Custine und Bonaparte verbindet sich das für die ganze Epoche entscheidende Problem: Der Rausch der Freiheit wird, da nun allseits Krieg ist, von der Notwendigkeit verdrängt, den Krieg zu bezahlen. Auch ein Eroberungskrieg will bezahlt werden.

Zwar kann man von den Reichen und vom Klerus so viel konfiszieren, wie man will, doch wird es auf diese Weise nur neue finanzielle Unordnung geben und damit weniger Einnahmen anstatt mehr.

Zudem ist Frankreich keine Insel wie England. Frage also: Kann die Republik ihre »Errungenschaften« gegen die sich bedroht fühlenden Könige Europas überhaupt ohne Krieg behaupten (Stalins »Revolution in einem Land"), oder soll sie den Spieß umdrehen und den Königen Europas von sich aus unter dem Freiheitsbanner den Krieg erklären?

Robespierres Meinung ist seit seiner Rede gegen den Krieg vom Januar 1792 bekannt. Er hat beispielsweise die Invasion bis zum Rhein abgelehnt, weil sie die dortigen Bewohner an die Eroberung der Pfalz und an die früheren Raubkriege Ludwigs XIV. erinnern würde, »nicht aber an unsere Verfassung, die sie nicht kennen«. Konstitutionelle Ideen könnten derart nicht sprießen. Es ging ihm um Ideen und nicht um Beute und Eroberung.

Dennoch hatten die »Brissotins«, die Parteigänger der später so genannten Gironde, den präventiven Krieg durchgesetzt. Am 1. Februar 1793 wird er auch gegen England und Holland erklärt. Krieg, das bedeutet noch einmal mehr Geld. Woher nehmen? Nun, wie wäre es mit dem Zugriff auf die Bank von Amsterdam?

Robespierre und seine Anhänger sind nicht annähernd stark genug, den Krieg zu verhindern. Als dem Konvent am 28. September 1792 eröffnet wird, das eroberte Savoyen wolle Frankreichs 84. Departement werden, sagt Camille Desmoulins: »Wir sollten uns vor jeder Ähnlichkeit mit den Königen hüten und Savoyen nicht an die Republik fesseln.« Da gibt es einen Zwischenruf: »Und wer wird für die Kriegskosten aufkommen?«

Der so fragt, heißt Charles Delacroix und wird später eine Weile Außenminister sein, Vorgänger des berühmtesten aller Außenminister, Talleyrand (dem man auf der Habenseite gutbringen muß, daß er vermutlich der Vater des Malers Eugene Delacroix ist). »Wir bringen unseren Nachbarn die Freiheit«, sagte Pierre Joseph Cambon, der als Finanzfachmann galt. »Wir bringen ihnen auch unser bares Geld und unsere Lebensmittel, aber von unseren Assignaten will man dort nichts wissen!«

Die Belgier und die Holländer und auch die Mehrheit der rheinischen Bevölkerung zeigten, je länger der Krieg dauerte, eine immer geringere Begeisterung für die französischen Freiheiten. Man mußte sie zu teuer bezahlen.

Der Krieg wurde ein Kampf um die Märkte zwischen England und Frankreich. Nur, eine um die Freiheitsbäume gepflanzte Republik kann nicht zurückstecken, ohne die Bourbonen wieder auf den Thron zu holen. Die Vernunft verbarg sich demgemäß im Keller.

Namentlich die wirtschaftliche Vernunft. Mit Höchstpreisen, dem »Maximum«, und mit Fixlöhnen versuchte man der wirtschaftlichen Misere beizukommen, bediente sich also beliebter, aber untauglicher Mittel. Das Niedervolk setzte sich da durch.

Gewaltsam brachte sich im Pariser »Quartier des Lombardes«, dem Zentrum des Kolonialwarenhandels, zwischen dem 25. und dem 28. Februar 1793 eine von Frauen angeführte Menge in den Besitz von Zucker, Seife und Kerzen. Die Waren wurden zu einem von den Aufrührern festgesetzten Preis verkauft, das war damals eine übliche Methode.

Was hatte der Unbestechliche darüber zu sagen? Er sah nur ein gegen die Patrioten geschmiedetes Komplott. Das Volk solle Besseres tun, als sich »wegen armseliger Waren zu erheben«. Das Volk solle keinen Aufstand machen, um Zucker einzusammeln, sondern um die Räuber niederzuwerfen. Welche Räuber? Man darf annehmen, daß Robespierre sich im Besitz von Zucker, Seife und Kerzen wußte.

War »La Lanterne« die bessere Lösung, jene neuen Öllaternen, die an den Hausecken an langen Stangen über der Straße hingen? Man brauchte sie nur herunterzulassen und abzunehmen, schon hatte man einen praktischen Galgen für Spekulanten und Volksfeinde.

Ja, es ging den meisten Franzosen schlecht. Aber den benachbarten Völkern ging es nicht besser, und erst recht nicht, wenn die »bewaffneten Missionare« (Robespierre) sich ihre Freiheitsdienste in ausbeuterischer Manier bezahlen ließen.

Die Holländer in ihrer neuen »Batavischen Republik« staunten nicht schlecht, als sie gezwungen wurden, 100 Millionen Gulden an ihre Beschützer zu zahlen. Nicht genug, sie mußten eine französische Armee von 25 000 Mann besolden, mußten Territorien abgeben und eine Defensiv- wie Offensiv-Allianz mit der »Schwester«-Republik Frankreich schließen. Wo war hier der Unterschied zu einem vom Feind besetzten Land?

So wird es aber allen Gebieten ergehen, die durch die Revolution in Waffen befreit oder besser heimgesucht werden. Die Finanzen siegen über die Ideen, die Beutegesinnung setzt sich überall durch, wo die ursprüngliche Freiheits-Gleichheits-Brüderlichkeits-Idee es wagen sollte, ihr den Weg zu verstellen.

Das »System Napoleon«, später von ihm selbst bis zum Exzeß auf die Spitze getrieben, es war schon etabliert, als er noch der Freund des jüngeren Robespierre war und um seine Existenz als Soldat fürchten mußte, oder später General unter mehreren. Unbekümmert stürzte er sich auf die Chance, die sich ihm 1796 bot. Er wurde Oberbefehlshaber der Italien-Armee. Spätestens 1796 konnte man ahnen, welchen Weg die Revolution nehmen würde.

Napoleons Mitstreiter und zeitweiliger Nebenbuhler, der General Pierre Augereau, Sohn eines Obsthändlers und wegen seines Sieges bei Castiglione später zum Herzog von Castiglione ernannt, wird von Napoleon mit den eroberten Fahnen, und sicher auch mit Karren voller Gold, nach Paris geschickt. Er hat sich durch schamlose Erpressungen derart bereichert, daß selbst seine nicht eben kleinlichen Generalskameraden murren. Revolution hin, Revolution her: Europa war ein weiteres Mal unter die Räuber gefallen.

Jener Robespierre des Sommers 1794, der rein äußerlich auf dem Höhepunkt seiner Macht zu stehen scheint und der als Konventspräsident das »Fest des Höchsten Wesens« (8. Juni 1794) ausrichten läßt, scheint den Glauben an sich und seine Sache bereits verloren zu haben. Er hat keine einzelnen Feinde mehr, die hat er aus dem Weg geräumt. Ihm schlägt eine schwer zu durchschauende Kollektivfeindschaft entgegen.

Korrupt war er nicht, auch kein Blutsäufer, wie viele seiner Feinde. Über den Herzog von Orleans, bürgerlich Philippe Egalite, sagt er im Jakobinerclub, als die Rede auf den Tod des Königs kommt: Er allein hätte sich der Stimme enthalten dürfen, schließlich sei Ludwig sein Vetter gewesen.

Kein Unmensch also, aber doch, wie in Georg Büchners Geniestreich »Dantons Tod«, das Symbol der Schreckensherrschaft, ja, der Unmenschlichkeit. Warum? Es scheint, als habe er sich durch seine häufige Anrufung der Tugend verhaßt gemacht. Tugend ist etwas Unmenschliches, wer will schon tugendhaft sein? Sodann kümmerte er sich nicht hinlänglich um die Details seiner Dekrete ("Wenn das der Führer wüßte").

Er war auch kein Diktator. Sonst wäre es ihm gelungen, seinen Bruder Augustin zu sich in den Wohlfahrtsausschuß zu berufen. Sein Fehler scheint eine Mischung aus Eitelkeit, Selbstgerechtigkeit und höherer Sendung; vielleicht war er auch noch nachtragend.

Als er vom »Fest des Höchsten Wesens« in das Haus des Tischlers Duplay, wo er bescheiden wohnte, zurückgekehrt war, gebärdete er sich wie Jesus im Garten Gethsemane. »Ihr werdet mich nicht mehr lange sehen«, sagt er. Hatte er doch das Getuschel gehört, das sich hinter seinem königsgleichen Auftritt an der Spitze des Festzuges vernehmlich gemacht hatte. Sein Golgatha wartet schon.

Nun wohl, oft genug hatte er in der Rhetorik der Zeit, man möchte sagen der Franzosen, sein Leben angeboten; hatte sich bereit erklärt, den Schierlingsbecher des Sokrates zu trinken. »Ich werde ihn mit dir trinken«, ruft im Konvent der Maler David. Gott sei Dank, der wird am 9. Thermidor krank sein, jedenfalls abwesend. Der Welt blieb ein großer Maler erhalten.

Daß Robespierre der letzte ist, der seinem eigenen Tugendterror zum Opfer fällt, liegt in der Konsequenz seines politischen Lebens. Er hielt sich, wie sein Freund und Jünger Saint-Just, für die Inkarnation des tugendhaften Volkswillens. Da dem tugendhaften Volk keine andere Aufgabe zugewiesen ist, als sich selbst zu lieben, müssen Robespierre und Saint-Just sich als die Inkarnation dieser Selbstliebe des Volkes empfinden. Daher ihr Narzißmus, ihr Stutzertum, ihre Unfähigkeit zu handeln, als es um Kopf und Kragen geht. Sie fühlen sich, es muß so gewesen sein, beschmutzt.

Zufall oder nicht, beider Sturz fällt mit der Rettung des Vaterlandes angesichts einer feindlichen Außenwelt zusammen. Innere Feinde, wo sind sie? Man kann sie im Konvent nicht mehr dingfest machen, weil Robespierre sich beharrlich weigert, Namen zu nennen. Immerhin, man fühlt, es kann so nicht weitergehen.

Im Wohlfahrtsausschuß, dem auch keine Omnipotenz zugestanden worden ist, zankt man sich so laut, daß der Lärm bis auf die Straße dringt. Man faßt den Beschluß, ein Stockwerk höher zu tagen. Carnot sitzt seelenruhig über seinen Befehlen, Saint-Just neben ihm seelenruhig über seiner Anklageschrift für den Konvent, unter den Augen Carnots, der darin auch nicht vergessen werden soll. »Schöne Diktatoren«, soll der »Organisator des Sieges« spöttisch gemurmelt haben.

Es kam nicht mehr zur Verlesung dieser Anklageschrift. Man wird sich der beiden Schreckensmänner sowie des mit ihnen zu einem Triumvirat vereinten Georges Auguste Couthon entledigen, dem in Lyon zu »laschen« Kommissar, der selten ohne sein Hündchen zu sehen ist.

Führer des Komplotts scheint der Blutsäufer und konsequente Antichrist Joseph Fouche gewesen zu sein, dieses Genie des Verbrechens, damals 35 Jahre alt und mit den niederen Weihen des Oratorianer-Ordens ausgestattet. Als Lehrer für Mathematik und Physik hat er den Robespierre schon 1788 in Arras kennengelernt, seinen Ruf aber als »Schlächter von Lyon« erworben.

»Sie sind auch auf der Liste«, flüstert er jedem, dem er begegnet, zu. Dem Jean Lambert Tallien, Blutsäufer von Bordeaux, der das Departement Gironde in »Departement Bec d'Ambes« umbenannt hat, muß er das nicht sagen. Er ist auf jeder Liste, und er weiß es. Seine Geliebte Therese Cabarrus, später von ihren Liebhabern als »Notre Dame de Thermidor« gerühmt, beschimpft ihn aus dem Gefängnis wegen seiner Feigheit; sie soll am nächsten Tag vors Tribunal, so schreibt sie in ihrem Kassiber.

Am 9. Thermidor, dem Tag der Entscheidung, stürzt er mit einem Dolch an die Tribüne und droht, den sich zu einer letzten Abrechnung anschickenden Robespierre zu erstechen, wenn der nicht sofort angeklagt würde.

Dies ist das Signal. Die Glocke des Präsidenten übertönt jeden Ansatz zu einer Rede. Saint-Just, seine Anklageschrift in der Hand, steht neben dem stummgemachten Robespierre - ah, Dantons Stimme müßte man haben! Beide Männer blicken sich in die Augen, es schaukeln nicht einmal die Ohrringe des Saint-Just.

Der Bruder Robespierres stürzt hinzu und ergreift die Hand des Älteren: »Wenn der schuldig ist, bin ich es auch.« Couthon lüftet die Decke und zeigt auf seine gelähmten Beine mit der spöttischleisen Bemerkung: »Und so ein Mann wie ich wollte auf den Thron steigen.«

Philippe Le Bas, unzertrennlich von Saint-Just und Schwiegersohn des Tischlers Duplay, besteht darauf, in die Abrechnung einbezogen zu werden. Dieser einfache, aber gefürchtete Kommissar, Feind aller Adligen, wird sich als einziger dieser ehrenwerten Gesellschaft mit einem Schuß in den Kopf selbst erledigen.

Wen der Konvent für »hors la loi« erklärt, deutsch also für »vogelfrei«, der braucht keine noch so formelle Gerichtsverhandlung mehr. Die Verhafteten werden hinausgeführt, aber kein Gefängnis will sie aufnehmen, man hat wohl zuviel Angst. Die Sturmglocke läutet, die Sektionen werden für den Nachmittag zu den Waffen gerufen.

Die Befreiten wirken wie gelähmt, sie begeben sich zögernd ins Rathaus, der tatsächlich gelähmte Couthon trifft als letzter, es ist schon nach Mitternacht, ein. Sein Wägelchen mußte über das Kopfsteinpflaster gerollt werden. Nur 16 von 48 Sektionen schicken Bewaffnete. Die Apathie des verächtlich dreinblickenden Saint-Just bleibt rätselhaft. War denn auch er, der Generäle und Saboteure ohne Umstände hatte erschießen lassen, kein Mann der Aktion?

Robespierre scheint den Widerspruch in seiner gesamten Politik erkannt zu haben. Als die Truppen des Konvents unter dem Befehl von Barras in das Rathaus eindringen, schießt er sich in den Unterkiefer, im Grunde seiner Seele ein Pazifist. Nicht einmal mit einer Pistole kann er umgehen.

Wie schwierig es manchmal ist, die Ereignisse zu rekonstruieren, zeigt sich hier. Die meisten seriösen Quellen melden, Robespierre habe versucht, sich umzubringen. Das neue und sehr genaue »Lexikon der Französischen Revolution« aber behauptet, dieser Selbstmordversuch sei eine Legende.

Es beruft sich auf jenen Polizisten Charles Andre Merda, der behauptet hat, das allerdings erst acht Jahre nach den Ereignissen, auf Robespierre geschossen zu haben. Er ist und bleibt die einzige Quelle, und zwar eine sehr trübe, auch wenn er unter Napoleon Oberst und Baron wird. Er fällt 1812 an der Moskwa.

Da die Kanonierkompanien sich immer noch für die Avantgarde der Sansculotten halten, verfügten gegen zehn Uhr abends die Robespierre-Leute über 17 von 30 in der Hauptstadt stationierten Kanonierkompanien und über 32 Kanonen. Für mehrere Stunden also eine erdrückende Übermacht an Feuerkraft: wenn sie nur einen Führer gefunden hätten, und noch dazu einen Artilleristen!

Hanriot, der Kommandant der Nationalgarde, prescht planlos und wie verrückt auf seinem Pferd durch die Straßen; im Stadthaus packt ihn sein Stellvertreter Coffinhal und wirft ihn vor Wut aus dem Fenster. Er landet auf einem Misthaufen, wenn auch fürchterlich entstellt. Wie, wenn Napoleon an seiner Stelle kommandiert hätte?

Er hat nicht. Die Revolution klafft nach ihrer eigenen Logik auseinander. Sie hat sich vergeblich im Spagat geübt. Es genügt nicht, das Lied der Sansculotten zu singen, die den Kleinen einen Kopf größer und den Großen einen Kopf kleiner machen wollten. Die Gleichmacherei braucht ein Konzept, ein ökonomisches Konzept der Interessen und Bedürfnisse. Und daran hat es gefehlt.

Was wollten nun die sogenannten Thermidorianer? Nicht unbedingt das Ende von »La Terreur«. Diese Entscheidung hat ihnen das Volk von Paris abgenommen, das die Hinrichtungskarren leid war. Es mußte ja die Senkgrube am Fuße der Guillotine ständig mit Thymian und Salbei ausgeräuchert werden, so sehr stank sie nach Blut und Exkrementen.

Nein, auch die Thermidorianer wollten etwas Unvernünftiges: Eroberungen im Ausland, den Sieg also und die Revolution, alle Räubereien einmal beiseite.

Das gelingt vorerst dem General Jourdan. Er schlägt den Prinzen von Sachsen-Coburg, einen Monat vor Robespierres Hinrichtung, in Belgien bei Fleurus. Am 10. Juli rückt der General Pichegru (er wird sich später in der Haft erhängen oder wird in der Haft erhängt) in Brüssel ein und Jourdan in Lüttich.

Nun lebt der Mensch aber manchmal vom Brot allein, zumal in Paris, und nicht von Siegen in der Ferne. Robespierre hätte sich auf den Kopf stellen können, den Unterschied zwischen den Schichten und den Klassen konnte auch er auf Dauer nicht verwischen.

Persönlich bescheiden, ist und bleibt er ein ordnungsliebender Bourgeois. Mit den Sansculotten verbindet ihn, obwohl er sich das vielleicht nicht einmal eingesteht, nur ein taktisches Bündnis. Der Tischler Duplay, bei dem er wohnt, ist ein wohlhabender Kleinunternehmer. Die Gesellen und Lehrlinge dürfen nicht mit am Tisch sitzen. Auch er ist eben kein Sansculotte, kein Mann des Niedervolks, des »Menu peuple«.

Wie es sich als unmöglich erwiesen hatte, ein noch so brüchiges Bündnis zwischen dem König, dem Adel und der Bourgeoisie zu arrangieren, so konnte Robespierre dies Niedervolk auf Dauer nicht bei der Stange halten. Er mußte seiner Klasse, der Bourgeoisie, zu viele Zugeständnisse machen. Seinen und Saint-Justs Volkskommunismus, mehr verbal als real, hat niemand anfassen können. Er griff nicht. War es ihnen genug, ihrem Ideal auf Sichtweite nahegekommen zu sein?

Gleichwohl, es kann nicht verwundern, daß Robespierre in der entscheidenden Stunde mutlos wird. Seine Truppen sind schon mutlos und kommen ihm nur halbherzig zu Hilfe. Auf einem Tisch liegend, nennt der Blutende einen Bediensteten, der ihm die Kniespange lockert, nicht, wie er doch müßte, »Citoyen«, sondern er sagt: »Merci beaucoup, Monsieur.«

Er wird von Chirurgen versorgt und verbunden, damit er noch am gleichen Tag auf der Guillotine sterben kann. Der Scharfrichter, sonst kein Sadist, reißt ihm den Verband von der Wunde. Die letzte Lebensäußerung des Unbestechlichen ist ein Aufschrei.

»Und doch war dies unser Werk«, sagt Saint-Just, als man ihm in einer Fensternische des Stadthauses zu trinken gibt. Gedankenvoll - immer blickt er »gedankenvoll« - fällt sein Blick auf das Gemälde der Menschenrechte. Er spricht noch weiter, aber der neben ihm sitzende Gendarm hört nicht hin.

Der Schwur im Ballhaus, wie lange ist das her? Das war am 20. Juni 1789, als der Dritte Stand sich zur Nationalversammlung konstituierte. Geschworen hatte man, so lange nicht auseinanderzugehen, »bis dem Königreich eine Verfassung gegeben ist, die auf festen Fundamenten ruht«.

Wo sind die »festen Fundamente« geblieben? Im Februar und März 1793 lag die Zahl der zum Tode Verurteilten erstmals über der der Freigesprochenen.

Dem Saint-Just scheint das bewußt gewesen zu sein. Er sagte im Oktober 1793: »Der Schrecken kann uns von der Monarchie und der Aristokratie befreien; doch wer befreit uns von der Korruption? Institutionen. Wir sind uns dessen nicht bewußt und glauben, daß alles getan sei, weil wir über eine Maschine zum Regieren verfügen.« Welcher Art war diese Maschine?

Im nächsten Heft Die Guillotine als »Premierminister«

Immer ist irgendwie Danton im Spiel

Trauer um die Monarchie bei den Generälen

»Wenn der schuldig ist, bin ich es auch«

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