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NIEDERLANDE Vom Leiden erlöst

Das holländische Parlament will aktive Sterbehilfe unter bestimmten Bedingungen legalisieren. *
aus DER SPIEGEL 7/1986

Eindringlich warnte der holländische Regierungschef Ruud Lubbers vor einem »historischen Irrtum«. Noch sei die Zeit »nicht reif« für ein solches Gesetz, das, so tief in die »Werte des Christentums und des Humanismus« eingreife.

Christdemokrat Lubbers mahnte vergebens. Nächste Woche schon soll in einer öffentlichen Ausschußsitzung des Den Haager Parlaments ein Gesetzentwurf der linksliberalen Demokraten '66 diskutiert werden, der einzigartig ist in der ganzen westlichen Welt: Unter ganz bestimmten Bedingungen soll Sterbehilfe oder - wie die von der Nazivergangenheit so gut wie unbelasteten Niederländer es nennen - Euthanasie straffrei sein.

Kurz vor den Parlamentswahlen könnte die Gesetzesinitiative der kleinen Partei eine Regierungskrise heraufbeschwören. Während die Christdemokraten den Entwurf rigoros ablehnen, steht der rechtsliberale Koalitionspartner VVD in dieser Frage von Leben und Tod auf der Seite der Opposition. Gemeinsam mit den Sozialisten und den Linksliberalen haben die Rechtsliberalen durchgesetzt, daß das umstrittene Thema auf die Tagesordnung gesetzt wird.

In einer »aussichtslosen Notsituation«, so steht es in dem von einer Parlamentsmehrheit getragenen Entwurf, solle Töten auf »ausdrückliches und ernstes Verlangen« des Kranken nicht mehr strafbar sein. Breite Zustimmung ist dem Gesetz in der Bevölkerung, auch bei Ärzten, gewiß.

Bei einer Meinungsumfrage des »Algemeen Dagblad« plädierten 89 Prozent der Bürger für aktive Sterbehilfe. Sogar die jüngeren Anhänger der Christdemokraten bejahten zu 83 Prozent die Frage, ob Euthanasie erlaubt sein soll. Bei den älteren waren es 63 Prozent.

Auch eine von der Regierung eingesetzte Expertenkommission, die sich drei Jahre lang mit dem Problem der aktiven Sterbehilfe beschäftigte, empfiehlt eine Änderung des Strafrechtsparagraphen 293. »Noch nie wurde auf der Welt eine Frage der medizinischen Ethik auf Leben und Tod so scharf gestellt«, rühmt sich der Kommissionsvorsitzende Jeukens.

Die Mehrheit der 13 angesehenen Juristen, Mediziner und Ethiker kommt in ihrem 550 Seiten umfassenden Gutachten zu dem Ergebnis, daß Euthanasie nicht geahndet werden soll, wenn sie durch einen Arzt und »zugunsten eines Patienten geschieht, der sich in einer aussichtslosen Notsituation befindet«.

Früher als in anderen Ländern hat in Holland die öffentliche Diskussion um dieses Tabuthema begonnen. Als Vorkämpferin gilt die Ärztin Geertruida Postma-van Boven, die ihrer 78jährigen Mutter 1971 im Pflegeheim eine tödliche Injektion Morphium gab. Der ärztliche Direktor des Heims lehnte es ab, den Totenschein zu unterzeichnen, und zeigte seine Kollegin an.

Damals bildete Klazien Sybrandy, Vorkämpferin für aktive Sterbehilfe, eine Aktionsgruppe zur Unterstützung der Ärztin, die vor Gericht schilderte, weshalb sie keinen anderen Ausweg für sich und ihre Mutter sah: »Sie saß festgebunden auf ihrem Rollstuhl, als ich das Zimmer betrat, völlig schief gerutscht, halb bewußtlos, mit den verzweifelten Augen eines rettungslos verlorenen Tieres. Ihre Zunge hing aus dem Mund. 'Warum tut ihr nichts?' fragte sie.«

Im Februar 1973 verurteilte das zuständige Gericht in Leeuwarden Frau Postma-van Boven zu einer Woche Freiheitsstrafe und einem Jahr Bewährungszeit als Ärztin.

Seither wurden immer wieder ähnlich milde Urteile gefällt. Bei einem Den Haager Arzt, der drei Bewohner eines Altenheimes mit Insulin einschläferte, machte das Gericht allerdings eine Ausnahme. Er wurde zu vier Jahren Freiheitsentzug verurteilt, weil kein Verlangen der Patienten vorlag, keine Rücksprache mit einem Kollegen erfolgt und der Totenschein gefälscht war.

Jährlich, rechnen Experten, wird in Holland in etwa 6000 Fällen aktive Sterbehilfe in Kliniken und daheim geleistet. »Wenn jemand elend im Sterben liegt und mir sagt: 'Ich will nicht mehr', dann kann ich nicht fragen, ob es juristisch zu verantworten ist«, erklärte der Amsterdamer Hausarzt Pieter Postema im Fernsehen.

Der Anästhesist Pieter Admiraal, der einer völlig gelähmten Patientin zum erwünschten Tod verhalf und auf den Totenschein als Todesursache »unnatürlich« schrieb, um die Staatsanwaltschaft zu einer Anklage zu zwingen, wurde jetzt freigesprochen, da er den ausdrücklichen Willen einer unheilbar Kranken erfüllte, sich mit Kollegen beraten und die Sterbehilfe nicht verschwiegen hatte.

Im Oktober 1980 bereits hatte der Mediziner eine »Gebrauchsanleitung für Ärzte zur verantwortungsbewußten Euthanasie« veröffentlicht. Rund 15000 Exemplare gingen an Ärzte und Juristen. Nicht einer erstattete Anzeige, obwohl der Autor auf das Milligramm genau Mischung und Dosis der verschiedenen Barbiturate und Morphine auflistet.

Demnächst soll die medizinische Anleitung zur Sterbehilfe sogar von der »Königlichen Medizinischen Gesellschaft«, der Standesorganisation der Ärzte, herausgegeben werden.

Offen sprechen die Ärzte darüber, was sie empfinden, wenn sie einen Kranken mit einer Injektion von seinem Leiden erlösen. Admiraal etwa fühlt »eine Art Freude, daß ich als Arzt weiß, wie es am besten, am humansten geschieht«. Manchmal weint er auch mit den Angehörigen, die in der letzten Stunde dabei sind: »Ich verliere einen Freund.«

Auch Hausarzt Postema spürt sehr ambivalente Gefühle bei dieser Form der Sterbehilfe. Einerseits könnte er »ganz zufrieden nach Hause gehen«, weil sein Patient »vielleicht sogar mit einem Lächeln im Gesicht starb«. Zugleich trauert er um den Verlust eines Menschen, der ihm in den letzten Jahren und Monaten sehr nahegekommen ist: »Eine Freundschaft wird auf dem Höhepunkt abgebrochen.«

In den vergangenen Wochen meldeten sich nun auch Krankenschwestern und Pfleger zu Wort. Etwa die Hälfte der 140000 Klinikangestellten, heißt es in einem »Schwarzbuch«, habe bereits persönlich bei ärztlicher Sterbehilfe assistiert. Sie verlangen mehr »Rechtssicherheit« und »Entkriminalisierung«. Die Strafandrohung nach dem bisher gültigen Gesetz lautet auf zwölf Jahre Freiheitsentzug.

Vor allem in den konfessionellen Krankenhäusern schrecken Ärzte und Schwestern vor dieser letzten Hilfe zurück. In ihrem Buch »Sorgst Du dafür, daß ich morgen nicht mehr aufwache?« schildert Klazien Sybrandy Männer und Frauen, die vergebens um Sterbehilfe flehten. Vielen blieben nur die »wilden« Mittel, sich vor den Zug zu werfen, ins Wasser zu springen oder, wie es die Insassin eines Altenheimes tat, sich zu Tode zu hungern.

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