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Vom Mediziner zum Künstler

Der seltsame Karriereweg des Gunther von Hagens
aus DER SPIEGEL 4/2004

Dem Reiz des Morbiden erlag Gunther von Hagens, 59, schon in früher Jugend. Den Erwerb des ersten Leichenschädels für 50 DDR-Mark bezeichnete er später als seinen »schönsten Lustkauf«.

Der »Körperwelten«-Macher wurde am 10. Januar 1945 in Alt-Skalden bei Posen als Gunther Liebchen geboren und wuchs im thüringischen Greiz auf. 1965 begann er in Jena mit dem Medizinstudium. Doch der Arbeiter-und-Bauern-Staat ließ den jungen Kreativen seine akademischen Studien nicht zu Ende führen. 1968 wurde er bei dem Versuch, in den Westen zu fliehen, verhaftet und zwei Jahre später als politischer Häftling von der Bundesrepublik freigekauft. In Lübeck setzte er dann sein Medizinstudium fort und wechselte nach dem Staatsexamen an die Abteilung für Anästhesie und Notfallmedizin der Universitätsklinik Heidelberg, wo er 1975 promovierte.

Am Anatomischen Institut entdeckte Hagens, der inzwischen den Namen seiner ersten Ehefrau angenommen hatte, schließlich seine wahre Berufung: Leichen für die Ewigkeit zu konservieren.

1977 entwickelte er nach eigenen Angaben die Plastination mit speziellen Kunststoffen und ließ seine Erfindung ein Jahr später patentieren. Die Universität hofierte ihren Plastinationsexperten, für dessen medizinische Präparate sich anatomische Institute im In- und Ausland begeisterten. Bereits Mitte der achtziger Jahre schloss die Universität Heidelberg mit Hagens einen Vertrag, der diesem freie Hand bei der Herstellung der Präparate ließ.

Im Auftrag der Universität verkaufte er Plastinate in alle Welt und sicherte somit der Hochschule eine zusätzliche Einnahmequelle. Im Jahr 1993 privatisierte Hagens die universitäre Verwertung von Leichen und gründete sein Heidelberger Institut für Plastination.

Den großen Durchbruch schaffte er mit der ersten deutschen »Körperwelten«-Ausstellung 1997 in Mannheim. Das Besucherinteresse überstieg alle Erwartungen. 774 000 Menschen kamen Leichen gucken. Hagens, der inzwischen Kooperationen mit anatomischen Instituten der medizinischen Universitäten in Bischkek (Kirgisien) und Dalian (China) geschlossen hatte, wandelte sich nun vom Mediziner zum Künstler.

War die Ausstellung in Mannheim noch eher von wissenschaftlichen Interessen geleitet, wurden die Exponate für die folgenden Ausstellungen immer stärker inszeniert. Die Verfremdung anatomischer Präparate stieß aber bei Hagens'' Ex-Kollegen auf zunehmende Kritik. Dem Publikumsinteresse tat das jedoch keinen Abbruch.

Mit den Millionen aus den Ausstellungen und dem Verkauf von Plastinaten konnte Hagens expandieren. Er gründete ein eigenes Institut in Bischkek und errichtete die Plastinationsfabrik in Dalian. Im Nordosten Chinas verbringt der Plastinator mittlerweile auch den größten Teil des Jahres. In Deutschland hat er sich im Jahr 2001 steuerlich abgemeldet.

* Auf der Love Parade am 21. Juli 2001.

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