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TSCHECHIEN Vom Primus zum Klassenletzten

Die Wirtschaft auf Talfahrt, zehn Prozent Inflation, immer mehr Arbeitslose - das tschechische Modell ist am Ende. Der Thatcherist Václav Klaus hat sein eigenes Wirtschaftswunder auf Grund gesetzt. Von Erich Wiedemann
Von Erich Wiedemann
aus DER SPIEGEL 16/1998

Frantisek Stastny hat es geschafft. Er macht mit seinem Ein-Mann-Betrieb 11 000 Kronen (600 Mark) im Monat. Soviel verdient sonst ein Krankenhausarzt oder ein Literaturprofessor kurz vor der Emeritierung. Marktwirtschaft, sagt Stastny, habe Tschechien aus dem kommunistischen Elend herausgeholfen. Freie Bahn dem Tüchtigen.

Natürlich muß der Umsatz stimmen. Stastny liefert werktäglich 35 Kilogramm Hundekot beim Stadtreinigungsamt ab, die von den Straßen in der Altstadt aufzusammeln sind. Das sind zwei große Säcke voll. Aber mit dem Zweitakt-Patentkotgreifgerät, das er auf seinem Fahrrad montiert hat, ist es gut zu schaffen, wenn nicht Sommerhitze oder Dauerregen die Exkremente in einen für den Greifer unvorteilhaften Aggregatzustand versetzen.

Frantisek Stastny trägt zur Arbeit eine schafwollene Ganzkopfmaske, die nur ein Oval zwischen Augenbrauen und Schnurrbartspitze freiläßt. Sie sei gut gegen die Kälte und gegen die Gerüche, sagt er. Natürlich hilft sie auch gegen die herablassenden Blicke von Mitbürgern, von denen er nicht erkannt werden möchte.

Stastny weiß, daß die Prager seinen Beruf geringschätzen. Damit steht er in der Tradition des Hundekotsammlers Ferdinand Kokoschka, der es in Jaroslav Haseks »Abenteuern des braven Soldaten Schwejk« zu literarischem Rang gebracht hat. Um den Kokoschka, so sagte Schwejk, wäre es »kein Schad« gewesen, wenn er draufgegangen wäre. Er wollte damit ausdrücken, daß es sich nicht lohnte, um Angehörige eines derart niederen Standes zu trauern.

Aber andere wären froh, wenn sie eine Umsatzrendite hätten wie Frantisek Stastny. Viele Unternehmer haben bei der Wende rückwärts vom Boom zur Baisse die Balance verloren.

Die tschechische Wirtschaft ist auf Talfahrt. Stagnierendes Wachstum, galoppierende Inflation, sechs Prozent Arbeitslosigkeit. Sechs Prozent sind für westeuropäische Verhältnisse nicht viel. Aber bei dem Tempo, mit dem die Quoten steigen, müsse man für Weihnachten mit doppelt so vielen Arbeitslosen rechnen, meint Karl Fürst Schwarzenberg, der ehemalige Chef

* In Nordböhmen.

der Präsidialkanzlei von Dichterpräsident Václav Havel.

Anders als der langjährige Premierminister Václav Klaus hat Schwarzenberg das Elend kommen sehen. Es ist noch nicht lange her, da prahlte Klaus, der tschechische Patient habe sich zum Kraftsport ins Fitneßstudio begeben, während die anderen Patienten aus dem ehemals sozialistischen Lager noch in ihren Krankenbetten lägen - was von Polen, Ungarn und Slowaken aus verständlichen Gründen als Frechheit empfunden wurde.

Die flächendeckende Arroganz ihres Ministerpräsidenten wurde für die Tschechische Republik ein außenpolitisches Problem. Er war, wie es in einem böhmischen Sprichwort heißt, einer, der die Frösche das Quaken lehren will. Václav Klaus fand sich kompetent genug - wie noch im Januar auf dem Wirtschaftsgipfel in Davos -, selbst gestandene Thatcheristen ins Repetitorium zu nehmen. Seine lakonische Botschaft: mehr Marktwirtschaft, weniger Sozialballast, am besten ganz weg mit dem Staat aus der Wirtschaft. Frei nach Wirtschaftsprofessor Milton Friedman, den er bis zur Gesinnungslosigkeit verehrt.

Nun naht für die Nachbarn die Stunde der Süffisanz. Ein tschechisches Sprichwort sagt: Nichts freut den frommen Bauern so sehr, wie wenn dem reichen Nachbarn das Schwein stirbt. Die Tschechen müssen sich auf sieben magere Jahre einrichten, und es können leicht auch ein paar mehr werden. Wenn der kränkelnde Kraftprotz seine Muskelinsuffizienzen nicht schnell überwindet, dann wird man ihn wohl ins Krankenrevier zurückverlegen müssen.

Jetzt zeigt sich, daß die Sanierung den maroden Kern der tschechischen Wirtschaft nicht berührt hat. Die übertünchte Fassade wirft Blasen. Die Sanierer haben nämlich vergessen, den Rost abzuklopfen, bevor sie frische Farbe auftrugen.

Präsident Havel will die Ökonomie zur Chefsache machen. Aber er ist ein Dichter und Denker. Und die tschechische Wirtschaft braucht jetzt Macher.

Schwarzenberg sagt: »Wir wollten auf dem Weg zum Weststandard eine Abkürzung durch rauhes Terrain nehmen, dabei haben wir uns festgefahren.« Was der Brachialmonetarist Klaus nach Schwarzenbergs Auffassung nicht begriffen hat: »Die wichtigste Grundlage für die neue Ordnung ist ein gut funktionierendes Rechtssystem.«

Daran fehlt es in Tschechien. Klaus hat aus gegebenem Anlaß erklärt, für ihn mache es keinen Unterschied, ob investiertes Geld sauber oder schmutzig sei. Unter einem Premier mit solchen Moralvorstellungen, sagt Schwarzenberg, müsse eine Nation aber Schaden an ihrer Seele nehmen.

Es stand im Einklang mit seinem Credo, daß Václav Klaus im November wegen einer Parteispendenaffäre zurücktreten mußte. Die seelischen Schäden sind nicht quantifizierbar. Die materiellen schon eher:

In Kladno, einer Industriestadt von 70 000 Einwohnern 35 Kilometer westlich von Prag, hat der Neoliberalismus grausame soziale Verwüstungen hinterlassen: Das Poldi-Stahlkombinat hat letzten Herbst Bankrott gemacht, nachdem der staatliche Kredit zum Erwerb des Werks beim Spekulieren größtenteils anderswo abhanden gekommen war. Mehr als die Hälfte der 20 000 Mann starken Belegschaft wurde entlassen. Der geringere Teil kam bei Auffanggesellschaften unter. Die letzten 50 Mann passen auf, daß nicht zuviel geklaut wird und daß die Keller nicht voll Wasser laufen.

Das Kombinat von Kladno ist eine monströse synthetische Landschaft aus verwittertem Backstein, rostigem Eisen und schmierigem Glas. Unter Masaryk, Hitler und Stalin hat es als Waffenschmiede gedient. Heute logieren hier Mäuse und Schwalben.

»Sehen Sie die Katastrophe«, sagt Vladimír Lyntimer, ein ehemaliger Disponent aus der Geschäftsleitung. »Der größte nationale Schrotthaufen des Jahrhunderts, das haben Klaus und der Kapitalismus fein hingekriegt. Es fehlte nicht viel, und sie hätten ihm dafür sogar noch den Nobelpreis gegeben.«

Geld gibt es für die Restmannschaft nur, wenn Geld da ist. Meistens ist nichts da. Die Gießerei-Arbeiter Josef Velísek und Josef Orbal haben gerade eben 3000 Kronen Vorschuß bekommen. Das muß für die nächsten Monate reichen.

Vladimír Lyntimer hält hier die Stellung ganz umsonst. Er begibt sich jeden Morgen zur gewohnten Zeit mit Aktentasche und Thermosflasche in sein ungeheiztes Büro in der Geisterfabrik und macht Pläne. Acht Stunden lang. Er lebt für die Hoffnung, daß irgendwann ein Investor kommt, der Funken aus dem Schrotthaufen schlägt. Am besten, meint er, wäre es, wenn Kladno wieder verstaatlicht würde.

Doch daran glaubt er natürlich selbst nicht. Rostfraß ist eine normative Kraft. Die Anlagen sind verrottet. Eine Walzstraße, die ein Dreivierteljahr stillgelegen hat, kann man nicht wieder in Betrieb nehmen wie ein langzeitgeparktes Automobil. Und selbst wenn das ginge - der Staat hätte gar nicht die Mittel dazu.

Die Entzauberung ihres Erfolgskatechismus ist für den seelischen Hausfrieden der Tschechen auch deshalb so fatal, weil ausgerechnet die als eher trottelig beleumundeten Polen und Slowaken so viel erfolgreicher sind. Polen hat seit Jahren Zuwachsraten zwischen sechs und sieben Prozent. Tschechien wird dieses Jahr wohl mit knapp über einem Prozent abschließen. Es ist bitter, vom Primus zum Klassenletzten abzusteigen - selbst die Slowakei, der andere und ärmere Teil der alten CSFR, wirtschaftet besser.

Jetzt wissen plötzlich alle: Václav Klaus ist ein Versager. Seine »Marktwirtschaft ohne Adjektiv« sei nicht konsequent genug gewesen. Früher wurde ihm von denselben Kritikern das Gegenteil vorgeworfen. Richtig ist: Klaus war nie der gefühlskalte Markt-Korporal, der sein Volk in gnadenlose Wettbewerbsschlachten prügelte. Die Löhne und Gehälter stiegen in seiner Regierungszeit dreimal so schnell wie die Produktivität, Mieten und Kündigungen blieben streng reguliert. Kuschelkapitalismus nannten das seine deutschsprachigen Verächter.

Daß das Modell nicht wettbewerbsfähig gewesen sei, so heißt es heute bei den Erzkonservativen, das habe vor allem an den sozialdemokratischen Elementen gelegen. Das sei so wie Vollgas mit angezogener Handbremse.

Richtig ist: Die Entstaatlichung der Industrie war propagandistisch aufgedonnertes Blendwerk. Die Staatsbetriebe wurden zwar privatisiert, doch die staatlichen Großbanken hatten nichts Eiligeres zu tun, als über ihre eigenen Investmentgesellschaften die Anteilsscheine schnell wieder einzusammeln. Mit dem Ergebnis, daß die Privatwirtschaft, vor allem die Schwerindustrie, heute wieder unter der Kontrolle der alten Genossen mit den eisernen Hinterteilen ist, die noch überall in den Kommandoständen der Staatsbanken sitzen.

Deshalb hat sich auch an der alten Filz- und Schluderwirtschaft nicht viel geändert. Unfähiges Management, frisierte Kosten-/ Ertragsmodelle, veraltete Produktionsmittel - alles wie gehabt. Ganz Pleite machen kann keiner, einfach weil Konkursrecht nicht konsequent angewendet wird. Der Staat soll sich in nichts einmischen. Auch dann nicht, wenn die regulierenden Kräfte des Marktes aus dem Ruder laufen.

»In diesem Land kann man alles machen«, sagt Rechtsanwalt Robert Pergl. »Selten, daß hier jemand für Wirtschaftskriminalität strafrechtlich verfolgt wird.« Die 10 000 entlassenen Arbeiter des Kladno-Kombinats müssen sich damit abfinden, daß der Investor heute unbehelligt bei Skoda in Pilsen als Direktionsassistent arbeitet.

Die Kreditwürdigkeit tschechischer Unternehmen wird durch solche Schmuddelaffären nicht eben beflügelt. Die Prager Investmentszene ist ausgetrocknet. Die smarten jungen Broker und Trader in der hochmodernen High-Tech-Börse am Pulverturm hocken in Designer-Jeans und schwarzen Rollkragenpullis vor mattschimmernden großen Leuchttafeln und warten darauf, daß Kapital fließen möge.

Aber es fließt nicht. Die Ost-Anleger aus dem Westen haben ihr Vertrauen verloren. Sie investieren lieber in Warschau, Bratislava und Budapest, wo der Aufschwung langlebiger ist. Vielleicht hat das Siechtum des Prager Kapitalmarktes auch damit zu tun, daß 60 Banken und 200 Investmentfonds ein bißchen viel sind für ein Zehn-Millionen-Volk ohne Kapitalismus-Erfahrung.

Die Tschechen lasten es Václav Klaus nicht so sehr an, daß er sein Wirtschaftswunder auf Grund gesetzt hat. Schlimmer ist: Seine Laissez-faire-Politik hat das Gleichheitsprinzip ausgehöhlt, das die tschechische Gesellschaft seit dem Ende des österreichischen Kaiserreichs in bürgerlichen und kommunistischen Zeiten zusammenhielt.

Es ist vor allem der häßliche Exhibitionismus der Superreichen, der die Reformen in Verruf gebracht hat. Kurz vor Weihnachten berichteten die Prager Zeitungen, der Investmentbanker Viktor Kozený, der mit faulen Fonds Hunderttausende von Kleinanlegern um ihre Ersparnisse gebracht hatte, habe im »Gavroche« in London für ein Abendessen zu dritt umgerechnet 40 000 Mark ausgegeben. Solche Eskapaden nehmen die Tschechen Václav Klaus selbst übel, obwohl er persönlich nie durch Prunk und Protz aufgefallen ist.

Daß man mit redlichem Unternehmergeist in Prag Profit machen kann, haben die Ärzte des »Fürsorge-Instituts Mutter und Kind« im Stadtteil Podolí bewiesen. Hier werden jedes Jahr 3500 Kinder entbunden. Das Fürsorgeinstitut gilt als die größte Geburtenklinik Tschechiens. Und die schönste. Der Lichthof, um den sich Büros, Kreißsäle und Krankenzimmer gruppieren, ist ein Schmuckstück von erlesener Jugendstilarchitektur: opulenter italienischer Marmor, geschliffenes Mosaikglas, ein prachtvolles Ensemble von weißen Säulen.

Viel zu schön für eine Geburtenklinik, fand der Gesundheitsminister. Deshalb sollte der Klinikbetrieb ausgelagert und das Haus verkauft werden. Man hätte aus Amortisationsgründen wenig dagegen sagen können. Der Verdacht war aber nicht zu entkräften, daß ausgerechnet die Schweizer Bank, bei der die Opposition ein schwarzes Konto der Regierungspartei ODS geortet hatte, den Zuschlag erhalten sollte. Weil Klinikdirektor Vladimír Wollmuth und seine 52 Ärzte mit Veröffentlichungen und Demonstrationen dagegen mobil machten, wurde nichts aus der Nutzungsänderung.

Allerdings, das Institut muß sich heute weitgehend selbst finanzieren. Deshalb wird sein Service neuerdings auch im Internet angeboten. Mit ordentlichem Erfolg. Weil es in Prag erheblich billiger ist, Kinder zu kriegen, kommen auch Patientinnen aus dem Westen hierher zur Entbindung. Mit im Angebot sind jetzt auch Abtreibungen und Geschlechtsumwandlungen.

Der Schwejk würde sagen, die Ärzte haben diese Art von Marktwirtschaft so gern wie einen Strohhalm im Hintern. Aber für das Fürsorgeinstitut gilt das gleiche wie für den Kotsammler Frantisek Stastny : Der Umsatz muß stimmen.

* In Nordböhmen.

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