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JAPAN Vom Stein zum Fels

50. Thronjubiläum des Kaisers Hirohito. Doch viele Japaner mögen nicht feiern.
aus DER SPIEGEL 45/1976

In Tokios riesiger »Kampfsporthalle«, der Budokan, werden mindestens 10 000 Japaner »aus allen Bevölkerungsschichten, auch Vertreter der jüngeren Generation« (so die Regierung>, am 10. November um Punkt 10.30 Uhr ihre Nationalhymne »Kimigayo« anstimmen.

Das musikalische Arrangement stammt von einem schlesischen Kapellmeister, der Text von einem Poeten des Altertums: »Möge Deine friedliche Herrschaft lange dauern! Möge sie Tausende Jahre dauern, bis dieser winzige Stein zu einem großen Felsen geworden ist!«

Der feierliche Lobgesang soll Kaiser Hirohito, 75, gelten, der vor einem halben Jahrhundert als 124. Tenno in ungebrochener Linie den Thron Japans bestiegen hat. Zum Jubiläums-Festival mit besinnlicher Gedenkstunde lädt Tokios konservative Regierung ein.

Die japanische Post gibt aus Anlaß der Tenno-Feier Sondermarken heraus; die staatliche Münze prägt neue 100-Yen-Stücke; die Tabak-Monopolgesellschaft verziert ihre Zigarettenpackungen mit Gedenk-Bildern. Die schuldengeplagte Japanische Staatsbahn gibt farbige Fahrscheine mit dem Bild des alten kaiserlichen Salonwagens, made in Germany, aus.

Doch die Begeisterung für das Thronfest täuscht. Bis vor wenigen Tagen noch war ungewiß, ob überhaupt offiziell gefeiert werden sollte. Jetzt ist sicher, daß Mißtöne die Festivitäten der Regierung begleiten werden.

Hirohito, der seiner Thronzeit den Namen »Showa« (Erleuchteter Friede) verliehen hat, ist der am längsten amtierende Tenno in der etwa 1400 Jahre umfassenden nachprüfbaren Geschichte des japanischen Kaisertums. Seine Stellung definiert die Verfassung als Symbol des Staates und der Einheit des Volkes«. Doch die Verfassung gilt erst seit 1947; zuvor war der Tenno göttlich, Staatsoberhaupt und oberster militärischer Befehlshaber gewesen.

Die Kaiserzeit bis 1945 ist es denn auch vor allem, die vielen Japanern das Feiern verleidet. Ryokichi Minobe. sozialistischer Gouverneur von Tokio, hat bereits eine Teilnahme an allen Jubiläumsfeierlichkeiten abgelehnt.

Zwar habe er gegen den Tenno persönlich nichts, aber es sei ihm einfach unmöglich, dem Kaiser »auch für die zwei Jahrzehnte bis Kriegsende zu gratulieren«. Mehrere Provinzgouverneure haben aus »gesundheitlichen« oder »Termin«-Gründen abgesagt.

Die Sozialistische Partei Japans wird in ihrer Ablehnung jeglicher Feiern noch deutlicher. Der »50jährigen Herrschaft« zu gedenken, erklärte Vorstandsmitglied Shigeru Ito, sei ein Versuch, des Tennos »Verantwortung für den Krieg« zu verdrängen. Die Kommunisten, drittgrößte Fraktion in Japans Unterhaus, lehnen alle Kaiser-Feiern pauschal ab. Selbst den Parlamentseröffnungen durch Hirohito sind sie traditionell stets ferngeblieben. Die Kontroverse um die Jubelfeier hat auch Radikale aller Couleurs aktiviert. Während die »Kyosando RG« (Kommunistische Liga Rote Gewalt) den Versuch unternahm, den Kaiserpalast im Zentrum Tokios mit Molotow-Cocktails anzugreifen, bestürmten Mitglieder der rechtsradikalen Organisation »Kokokusha« Gouverneur Minobes Büro mit Rauchbomben.

Die heftige Reaktion hat Premier Miki erschreckt. Verzichten aber auf die Thron-Fete mochte er auch nicht. vor allem, weil knapp einen Monat später Parlamentswahlen stattfinden müssen, bei denen sich die Konservativen durch die Tenno-Ehrung Pluspunkte erhoffen.

Mikis Kompromiß befriedigt aber weder seine Parteifreunde, noch besänftigt er die linken Kritiker: Nun also ist zwar der 10. November Gedenktag, aber nur ein halber. Bis Mittag wird überall gearbeitet.

Und ob auch nur der Nachmittag -- mit obligatorischem Fahnenhissen im ganzen Land -- frei bleibt ist zu entscheiden den einzelnen Gemeinden überlassen. Die Regierung konzentriert sich nur noch auf die einstündige Feier mit Hymne in der Budokan.

Die Kaiserfamilie selbst wird mit über 2000 Gästen feiern -- mit einer traditionellen Teezeremonie.

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