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Vom strafbaren Gebrauch des Gesäßes

SPIEGEL-Autor Wilhelm Bittorf über den zivilen Ungehorsam in Mutlangen und die Wirren in der Justiz *
Von Wilhelm Bittorf
aus DER SPIEGEL 5/1987

Die Stacheldrahtschlangen, die sich vier- und fünffach übereinander rund um den Stützpunkt winden. Der hohe Doppelzaun mit den Schildern, die zweisprachig vor Wachhunden ("military working dogs") und Schußwaffengebrauch warnen. Die behelmten Schemen der amerikanischen Soldaten hinter den Fenstern der Wachtürme. Das Dröhnen der Elektrogeneratoren, das anzeigt, daß die Raketen unter Strom stehen.

Alarmhörner belfern, und Lautsprecherstimmen röhren aus der Abschußstellung, wenn eine Bereitschaftsübung beginnt. Dann dauert es nicht mehr lange bis zu dem beklemmenden Augenblick, wenn Pershing-Raketen sich mit jaulender Hydraulik plötzlich aufrichten und in voller Größe, Atomsprengkopf eingeschlossen, emporragen über die grün-braune Metallwand, hinter der sie sich sonst verbergen.

»Es geht doch net um Freisprüch''«, sagt Matthias Thomas in sanftem Mannheimerisch. Er steht in seinem fast knielangen Norwegerpullover auf der Hornbergstraße, die aus dem Ort Mutlangen an Siedlungshäusern, einer Schule und Schrebergärten vorbei zur nahen Raketenbasis der US-Armee führt. Es ist die Straße des Ungehorsams, die so oft von niedersitzenden Frauen und Männern versperrt worden ist, wenn Militärkonvois und Raketenlafetten anrollten.

»Es geht net um Freisprüch'', es geht um die Raketen«, sagt Matthias Thomas, dessen hageres Gesäß schon häufig mit der rissigen Bitumendecke der Hornbergstraße Kontakt hatte. »Die Raketen sind aber immer noch da. Was nützen da Freisprüch''?«

Doch solcher Skepsis ungeachtet, geht seit vorletztem Wochenende ein Staunen und Frohlocken durch die bedrängte Friedensbewegung, fast als sei über Nacht die Null-Lösung in Kran getreten und als habe die Army begonnen, ihre Pershings, statt sie drohend in Abschußposition zu bringen, einzupacken und heim in die USA zu verfrachten. Dabei erscheint der Anlaß der jähen Freude auf den ersten Blick ganz unüberwältigend: Ein Strafrichter des Amtsgerichts Schwäbisch Gmünd, einer von sechs, hat seine Meinung geändert.

Über drei Jahre hin hat dieser Mann Sitzdemonstranten reihenweise wegen »gemeinschaftlicher Nötigung mit Gewalt« verurteilt. Seit Donnerstag vorletzter Woche spricht er die Angeklagten von diesem strafrechtlichen Vorwurf frei, weil er im zeitweiligen Sperren der Zufahrtsstraße zur Raketenbasis nur noch eine Ordnungswidrigkeit zu erkennen vermag, nicht aber ein Kriminaldelikt.

Knapp eintausend Menschen vom Tatort Mutlangen sind insgesamt bisher in Schwäbisch Gmünd wegen Nötigung verurteilt worden, mehr als hundert davon durch Wolfgang Krumhard, den Richter, der nicht mehr mitmacht. Mehr als 1400 Anzeigen und Anklagen wegen Nötigung stehen derzeit noch an. 1150 sind allein seit Frühjahr 1986 neu hinzugekommen. Denn mag auch der Rest der Republik in Apathie und Fatalismus versinken, die Protestblockaden der Friedensgruppen haben in einer Kampagne »Ziviler Ungehorsam bis zur Abrüstung« enorm zugenommen: Allein zwischen 13. September und 10. Oktober kamen 70 Gruppen auf die Hornbergstraße, blockierten Frauen und Männer im Seniorenalter ebenso wie junge Musiker, die vor der Raketenbasis Mozarts Klarinettenquintett und »Der Tod und das Mädchen« spielten.

Schon deshalb hielt niemand in der Friedensbewegung den Sinneswandel des Amtsrichters Krumhard für möglich, zumal auch das Bundesverfassungsgericht in der Nötigungsfrage keinerlei Hoffnung zu bieten schien. Am wenigsten waren die Leute darauf gefaßt, die den Richter bei seinen Verhandlungen erlebt hatten - einen 1,96 Meter hohen Hünen von 46 Jahren, der, mit seinen Pranken voran, ungelenk über dem Richtertisch lehnte und im polternden Dialekt der Ostalb rasch ruppig werden konnte. »Wer vor mich kommt, wird so oder so verurteilt«, war einer der Sprüche, die Zuhörer von ihm überliefern.

Deshalb neigen die Friedensbewegten dazu, ein Saulus-Wunder mit oder ohne göttliche Intervention zu vermuten - vom Verfolger zum Erretter aus der Kriminalisierung. Noch verblüffter aber und wie vor den Kopf geschlagen sind die gehorsam-rechtgläubigen Bürger, die _(In Abschußposition, während einer ) _(Bereitschafts übung im Dezember 1986. )

regierende CDU und die baden-württembergische Justiz vom Wandel des CDU-Wählers Krumhard. Verstört und empört meinen sie zu sehen, wie sich der brave, verläßliche Amtsrichter, ein wahrer Dr. Jekyll, vor ihren Augen in einen verräterischen Mr. Hyde verkehrt, der Gesetz und Ordnung in den Rücken fällt und die Anarchie ermutigt.

»Ja, schpinnscht denn du?« Diese Frage, begleitet von Grimassen wütender Verständnislosigkeit, sei die häufigste Reaktion seiner Kollegen aus der Justiz gewesen, berichtet Wolfgang Krumhard mit einem schiefen Lächeln, denn sehr behaglich fühlt er sich nicht als Abweichler und staksiger Aus-der-Reihe-Tänzer.

Nicht nur seine Amtsbrüder vor Ort sind zornig. Überall in der Hierarchie der Gerichte, von den Justizministerien in Stuttgart und Bonn zu schweigen, verwünscht man Krumhards Abfall von der wahren Lehre. Denn keiner der Richter an anderen Orten, die von vornherein gegen Nötigungsurteile bei Sitzdemos waren, hätte eine ähnliche tiefe Lücke in die Glaubwürdigkeit der Verurteilungspraxis reißen können wie der bekehrte stramme Strafer von ehedem.

Doch Wolfgang Krumhard fühlt sich mißverstanden und verkannt, wenn seine Mitbürger ihm hitzig vorwerfen, er wolle Rechtsbrecher »ogschtraaft« (ungestraft) davonkommen lassen. Noch bitterer kränkt ihn der Verdacht, er sei ein biedermännisch verkappter Linker. »Ich zähle mich zum konservativen Flügel des demokratischen Spektrums«, erklärt er in feierlichem Hochdeutsch.

Er wundert sich allerdings, daß er in seinem konservativen Milieu in den Ruch der Rebellion kommen konnte obwohl er sich doch nur bemüht habe, die Anschauungen der höchsten deutschen Richter in Karlsruhe zu verstehen und in die Rechtspflege umzusetzen. Denn in der Tat hat sich die seltsame und beinahe tragische Geschichte von der Erweckung und Bekehrung des Wolfgang Krumhard aus seinem rechtschaffenen Versuch entwickelt, den Bundesgerichtshof und das Bundesverfassungsgericht zu Richtpfeilern seiner Entscheidungen zu machen.

Nicht Richter Krumhard nämlich hat den rechtlichen Boden erschüttert, auf dem er und seine Amtsbrüder ruhigen Gewissens zu stehen meinten, als sie Sitzdemonstranten der Nötigung überführten. Kein geringeres Gremium als der Bundesgerichtshof für Strafsachen hat das, von der Öffentlichkeit wenig wahrgenommen, schon im April vergangenen Jahres getan. Doch um diesen Stoß gegen eine »gefestigte Rechtsprechung« (wie es die Untergerichte nannten) zu durchschauen, bedarf es eines raschen Rückblicks in ausgelassenere Zeiten.

Sämtliche Schuldsprüche gegen Blockierer fußen nämlich auf dem kuriosen Fall eines Mannes namens Laepple, der als Asta-Vorsitzender an der Universität Köln 1966 aus Protest gegen eine Fahrpreiserhöhung der Kölner Verkehrsbetriebe einen Sitzstreik organisierte: Studenten und Schüler, noch unerfahren im Ordnungstören, hockten sich feixend auf zwei wichtige Straßenbahnkreuzungen der Kölner Innenstadt und erzeugten binnen kurzem beträchtliches Chaos.

Anstifter Laepple wurde nach dem vieldeutigen Paragraphen 240 des Strafgesetzbuchs angeklagt. Dieser droht Geld- oder Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren einem jeden an, der »einen anderen rechtswidrig mit Gewalt oder durch Drohung mit einem empfindlichen Übel zu einer Handlung, Duldung oder Unterlassung nötigt«. Opfer der Tat waren danach die Straßenbahnführer, die zum Anhalten »genötigt« wurden, wenn sie die auf den Gleisen lagernde Jugend nicht überfahren wollten.

Aber wie konnte der passive Gebrauch des menschlichen Gesäßes »Gewalt« sein? Nach einigem Hin und Her fällte der 2. Strafsenat des Bundesgerichtshofs 1969 seine Entscheidung, eben das »Laepple-Urteil«, das freilich eher in die Annalen des Okkultismus einzugehen verdiente als in die des Rechts.

Denn um eine Waffe gegen neue Protest- und Demonstrationsformen in die Hand zu bekommen, beschlossen die Bundesrichter, den passiven Widerstand einer gewaltlosen Verkehrsbehinderung in Gewalt zu verzaubern: »Gewalt« definiert als »unwiderstehlicher Zwang«

zum Anhalten, der von den Leuten auf den Schienen auf die Straßenbahnführer ausgeübt worden sei. Solche »Gewalt«, die gar nicht gewalttätig zu sein brauche, sei gleichwohl »verwerflich«, wenn »militante Minderheiten« sich ihrer bedienten, um Gruppeninteressen durchzusetzen und unbeteiligten Mitmenschen ihren Willen aufzuzwingen.

Also sprach der 2. Strafsenat. Alle Urteile gegen Sitzblockierer der Friedensbewegung, auch die Sprüche der Oberlandesgerichte (OLG) als Revisionsinstanz haben sich bis 1985 einhellig auf dieses gestrenge Verdikt berufen. »Das OLG Stuttgart hat uns zweimal ohne Wenn und Aber vorgegeben, daß Laepple auch für Sitzaktionen vor Militäranlagen zu gelten habe«, sagt Wolfgang Krumhard, dem diese scheinbar so klare Linie nach wie vor sympathisch ist: Auch die Friedensbewegung dürfe ihre Ziele, so wohlmeinend auch immer, nur mit erlaubten Mitteln verfolgen.

Andere Richter bezweifelten dagegen von Anfang an, daß das Laepple-Urteil auf die Sitzdemos der Friedensbewegung anwendbar sei. Ein Beispiel ist der Fall eines rheinischen Rüstungsgegners, der im Oktober 1983 gemeinsam mit anderen nahe Waldbröl die Zufahrt zu den Abschußstellungen eines Flugabwehr-Raketenbataillons der Bundeswehr hockenderweise versperrt und eine Fahrzeugkolonne 30 Minuten aufgehalten hatte. Der Amtsrichter in Waldbröl verurteilte ihn wegen verwerflicher Nötigung mit Gewalt zu einer Geldstrafe. Doch das Landgericht Bonn als Berufungsinstanz zog da nicht mit.

Die Bonner Richter hatten Schwierigkeiten, die Sitzaktion als »Nötigung mit Gewalt« anzusehen. Selbst wenn es das sei, argumentierten sie, könnten sie die Tat keinesfalls als »verwerflich« einstufen. Das aber ist für eine Verurteilung notwendig; denn der Absatz 2 des Paragraphen 240 legt bei aller Schwammigkeit fest, daß die Tat nur dann »rechtswidrig« und zu bestrafen sei, »wenn die Anwendung der Gewalt ... zu dem angestrebten Zweck als verwerflich anzusehen ist«. Anders herum: Ist die nicht gewalttätige Gewaltanwendung nicht verwerflich, läßt sich der ganze Nötigungsvorwurf nicht halten.

Mit der überaus sanften Gewalt des Hosenbodens Militär aufzuhalten, um auf die Gefahren des Wettrüstens aufmerksam zu machen, rechtfertige nicht das schwere sittliche Verdammungsurteil »verwerflich«, folgerten die Bonner Richter. Sie verurteilten den Angeklagten nur wegen einer Ordnungswidrigkeit nach dem Versammlungsgesetz zu einer Geldbuße von 100 Mark.

Das Oberlandesgericht Köln, zu dem der Staatsanwalt in Revision ging, war derselben Ansicht wie die Bonner. Deshalb richtete es eine Anfrage an den Bundesgerichtshof (BGH), um den kardinalen Streitpunkt zu klären: Hat das Laepple-Urteil bei allen Sitzblockaden gleich welcher Art ehern zu gelten? Oder, so das OLG, »kann auf Grund besonderer Umstände des Einzelfalles die Verwerflichkeit entfallen?«

Die fünf Richter des 2. Senats, Nachfolger der Schöpfer des Laepple-Urteils, sahen sich nach Studium der Sachlage veranlaßt, die offenkundig zu weit getriebene Auslegung dieses Urteils einzuschränken. Mit Datum vom 24. April 1986 ließen sie ihre Kollegen in Köln wissen, daß deren Entscheidung im Falle Waldbröl durch das Laepple-Urteil keineswegs »präjudiziert« und vorweggenommen werde denn die Sachverhalte bei der Straßenbahn- und bei der Militärblockade, so der Senat, »weichen in wesentlichen Punkten voneinander ab": _____« Der Sitzstreik«, mit dem es (das Laepp le-Urteil) zu » _____« tun habe, wies andere Dimen sionen auf als die Blockade, » _____« mit der das OLG Köln befaßt ist. Die Beweggründe der an » _____« den Aktionen in der Innenstadt von Köln und vor dem » _____« Kasernentor (in Wald bröl) beteiligten Demonstranten, die » _____« von ihnen verfolgten Zwecke, ihr Verhalten und das Ausmaß » _____« ihres Eingriffs in die Rechte anderer sind nicht » _____« »gleichgela gert«. »

Deutlicher konnten die BGH-Richter ihren Amtsbrüdern in Köln und anderwärts kaum zu verstehen geben, daß das Laepple-Urteil auf die Sitzdemo vor der Militäranlage nicht passe. Sogar der Generalbundesanwalt Rebmann, kein liberaler Weichling, unterstrich in seiner Stellungnahme zu der OLG-Anfrage die unterschiedlichen Motive der Täter: Bei der Straßenbahnblockade, die den Kölner Innenstadtverkehr lahmlegte und Tausende von Unbeteiligten in Mitleidenschaft zog, sei es den Studenten »allein um die Durchsetzung eigener Interessen«, zudem »um ein ausschließlich materielles Interesse... gegen die Preiserhöhung« gegangen. Die Sitzdemonstranten von Waldbröl dagegen seien in ihrem Tun durch die »Sorge wegen

der fortschreitenden Bedrohung der Menschheit bestimmt worden.

Das Oberlandesgericht Köln, in seinen Überlegungen bestätigt, verkündete seine Entscheidung im vergangenen Juli. Zwar behielt es den überdehnt-okkulten Gewaltbegriff des Laepple-Urteils bei. Aber es verneinte, daß eine solche nicht gewalttätige Gewaltanwendung zum Zwecke des Protests in einer lebenswichtigen Angelegenheit ("Bedrohung der Menschheit") verwerflich sei, und bestätigte den Nötigungs-Freispruch des Landgerichts Bonn.

Der April-Beschluß des BGH, das hebt Wolfgang Krumhard kategorisch hervor, sei der »entscheidende Auslöser« für sein Umdenken gewesen. Nein, nicht die Anwälte der Beschuldigten, die ihm die gleichen Argumente über Jahre vorhielten, haben ihn beeinflußt. Höchste Rechtshüter dieses Staates sind schuld, daß der riesengroße kleine Amtsrichter vom Schwäbisch Gmünder Pfad der Tugend abzuweichen begann. Kein anderer als Kurt Rebmann, oberster Strafverfolger der Republik, säte bei Wolfgang Krumhard den Zweifel an der eigenen Rechtsprechung.

Als das OLG Köln mit seinem »Nicht verwerflich« in offenen Gegensatz zum OLG Stuttgart trat, wußte Krumhard Ende Juli nicht mehr weiter. Er vertagte die bei ihm anstehenden Blockadefälle bis zur Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, das von verurteilten Sitzdemonstranten auch wegen der widersprüchlichen Gerichtsaussagen angerufen worden war. Denn die Verfassungsrichter können im Namen des Grundgesetzes (Artikel 103) einschreiten, wenn Strafvorschriften wie der Nötigungsparagraph so unbestimmt und verschwommen formuliert sind, daß Laien wie Justizpersonen nicht mehr erkennen können, was strafbar ist und was nicht.

Am 11. November traten die acht Richter des Ersten Senats in ihren roten Roben vors überfüllte Karlsruher Auditorium. Bald darauf herrschte bei Krumhards Amtskollegen strahlende Genugtuung: Mit einer Ausnahme (einem Fall in Neu-Ulm) waren alle Verfassungsbeschwerden abgewiesen worden. Damit fühlten sich die Kollegen in ihrer Verurteilungspraxis »vollauf bestätigt«.

Nicht anders die politischen Vorsteher der Justiz in Stuttgart und Bonn. Bundesjustizminister Engelhard behauptete sogar, das Verfassungsgericht habe »ganz klar entschieden, daß Sitzblockaden in der Regel als Nötigung zu bewerten sind«. Wolfgang Krumhard wiegt noch immer befremdet sein Haupt, wenn er bedenkt, wie verkürzend, tendenziös und irreführend, ja wie »verfälscht« in der Öffentlichkeit wiedergegeben worden ist, was sich im Senat der allerhöchsten Richter abgespielt hat.

Denn die Beschwerden mußten deshalb formal abgewiesen werden, weil die Verfassungsrichter sich weder »ganz klar« noch überhaupt entscheiden konnten. Vier von den acht Senatsmitgliedern wollten den Beschwerden stattgeben; wollten alle angefochtenen Nötigungsurteile aufheben wollten auf ihre Kappe nehmen, daß damit mehrere tausend weitere solche Urteile in der ganzen Republik hinfällig werden.

Diese vier Richter sind sogar überzeugt, daß der überdehnte Gewaltbegriff des Nötigungsparagraphen gegen das Grundgesetz verstößt (nämlich gegen das »Analogieverbot«, das untersagt, Begriffe wie »Gewalt« strafrechtlich in einer übertragenen oder bloß symbolischen Bedeutung zu verwenden). Und diese vier kommen ganz im Gegensatz zum Bundesjustizminister zu dem Schluß, daß die Gerichte friedliche Sitzdemonstrationen »in der Regel nicht als verwerfliche Nötigung qualifizieren dürfen« - wohl aber als Ordnungswidrigkeit, wie beim Landgericht Bonn geschehen.

Vier von acht. Die anderen vier Richter waren in diesen Fragen entgegengesetzter Ansicht. Daher die Patt-Situation, die automatisch zur Abweisung der Beschwerden führte; denn einen Verfassungsverstoß kann das Gericht nur mit einer Mehrheit der Stimmen feststellen.

Fasziniert vertiefte sich Wolfgang Krumhard in das 57seitige Dokument der Zerrissenheit, das der Erste Senat als »Urteil« vorlegte. Die Spaltung des Bundesvolkes durch die Atomrüstung und den Protest dagegen war offenkundig bis in das erlauchte Richterkollegium durchgeschlagen und hatte es genauso tief geteilt wie den Rest der Bürger. Der Senat, der als ein oberster Schiedsrichter des Bundes fungieren, Klarheit schaffen und Rechtssicherheit stiften soll, war selbst zum Spiegel der Zwietracht und Ungewißheit geworden.

Den Amtsrichter Krumhard bekümmert das. Aber gerade dieser klaffende Dissens hat ihn dazu bewogen, seine alte Position endgültig aufzugeben.

Verwerflichkeit bedeutet laut OLG Köln, daß eine Handlung »nach allgemeinem Urteil sittlich zu mißbilligen ist« und laut OLG Stuttgart, daß sie einem »erhöhten Grad sittlicher Mißbilligung unterliegt, also das Zusammenleben der Menschen unerträglich stört«, argumentiert Wolfgang Krumhard. Aber wenn die Hälfte der Verfassungsrichter des Ersten Senats Blockaden vor Militäranlagen nicht für verwerflich und nicht einmal für Gewalt hält, dann kann doch von einem »allgemeinen Urteil« und von einem »erhöhten Grad sittlicher Mißbilligung« nicht mehr die Rede sein.«

Auch sonst fehle es an einhelliger Indignation. Die Medien betrachteten diese Aktionen »zu einem großen Teil mit Sympathie«. Und um zu begreifen, woran das liegt, brauchte Wolfgang Krumhard sich nur die Menschen vor Augen zu halten, denen er so oft im Gerichtssaal gegenübersaß und die bei ihm, auch wenn er etliche für Spinner hielt, dennoch Spuren hinterlassen haben. In dem Urteilstext, der seinen Sinneswandel begründen soll, skizziert er sie: _____« Nicht nur einige Hundert, sondern Tau sende - in » _____« aller Regel unbescholtene - Bürger mit weit überwiegend » _____« gewichtigen und ernsthaften Argumenten nehmen an » _____« derartigen Blockaden teil und wollen we gen ihrer Tat vor » _____« Gericht gestellt werden, um den Vorwurf verwerflichen » _____« Tuns zu entkräften; ein, soweit ersichtlich, einmali ger » _____« Vorgang der Rechtsgeschichte. »

»Die Kollegen beklagen sich, weil ich ihnen das Leben noch schwerer mache«, sagt der Dissident Krumhard in seiner kargen Amtsstube und hebt die suppentellergroßen

Hände zu einer Geste des Bedauerns. Denn die Kollegen werden Mühe haben, sich der Angeklagten zu erwehren, die nicht verstehen können, warum in demselben kleinen Amtsgericht zweierlei Recht gesprochen wird: gespaltene Justiz unter einem Dach, auch dies ein zumindest seltener »Vorgang der Rechtsgeschichte«.

Gleichwohl wollen die fünf anderen Schwäbisch Gmünder Richter, Amtsgerichtsdirektor Röhrle eingeschlossen, weiterhin wegen verwerflicher Nötigung verurteilen. Sie berufen sich auf die vier konservativen Verfassungsrichter, die die Beschwerden gegen Schwäbisch Gmünder Urteile für unbegründet gehalten haben (und die der unnachgiebigste Richter vor Ort, Werner Offenloch, gern als »obsiegende Hälfte« oder gar »Mehrheit« bezeichnet). Sie berufen sich auf die Instanzen über ihnen, das Landgericht Ellwangen und das Oberlandesgericht Stuttgart.

Und sie berufen sich, wie Wolfgang Krumhard, auf die richterliche Unabhängigkeit. Denn trotz aller Einwände, die sie gegen Nötigungsurteile bei gewaltfreien Blockaden durch Rüstungsgegner vorgebracht haben, schreiben sowohl der Bundesgerichtshof als auch das Bundesverfassungsgericht den Strafrichtern nicht zwingend vor, wie sie zu entscheiden haben. Am Ende überlassen es die beiden höchsten zuständigen Instanzen den Richtern vor Ort, »alle Umstände« eines jeden Einzelfalls zu prüfen und danach abzuwägen, ob die Tat verwerflich zu nennen sei oder nicht.

»Aber woher nehme ich nach alledem noch die Gewißheit, die es braucht, um unbescholtenen Leuten eine Verwerflichkeit anzulasten?« fragt Wolfgang Krumhard. Wie es weitergeht, hängt auch nach seiner Meinung davon ab, ob die Bresche, die er am Hauptschauplatz des Rüstungsprotests geöffnet hat, gleich wieder zugeschüttet wird - oder ob es auch in den nächsten baden-württembergischen Instanzen Richter gibt, denen es wie ihm ergeht und die seine Freisprüche vom Nötigungsvorwurf akzeptieren.

»Es wird eine Zeit der Ungewißheit geben«, sagt Wolfgang Krumhard mit Blick auf seine Mitkonservativen, die der verlorenen Rechtssicherheit nachweinen. Denn wenn alte Gewißheiten nicht ungewiß würden, bis eine neue Gewißheit erreicht sei, »dann wären Veränderungen gar nicht möglich«. Und weil ihm drückend bewußt ist, wie viel auf einmal von ihm abhängen könnte, feilt er bis zuletzt an seiner schriftlichen Urteilsbegründung, mit zierlicher Schrift und einem Kugelschreiber, der zwischen seinen Fingern winzig wie ein Zahnstocher wirkt.

Da müsse alles hieb- und stichfest sein, meint er. Denn dieser Text gehe hinaus aus dem Remstal und werde herumkommen in der Welt der Jurisprudenz. Oder wie er es ausdrückt: »Des gaaht naus und nomm.«

In Abschußposition, während einer Bereitschafts übung im Dezember1986.

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