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»Vom Wahnsinn befallen«

Unversöhnlich wie verfeindete Nationen tragen Kumpel und Konservative ihren Konflikt um höhere Löhne aus: Die Bergarbeiter beschlossen den totalen Streik und damit Lahmlegung der ohnedies schon nur noch auf halber Kraft laufenden Wirtschaft, die Konservativen riefen zu Neuwahlen in drei Wochen.
aus DER SPIEGEL 7/1974

Diese Krise ist »beinahe so ernst wie der Ausbruch eines Krieges«, warnte Sir Michael Clapham, Präsident des britischen Industrieverbandes CBI: Englands 260 000 Kumpel hatten ihre schwerste Artillerie an die Front gerollt. eine Waffe, die Englands Wirtschaft treffen könnte wie eine »industrielle Atombombe« ("Sunday Mirror"): den totalen Streik.

Es wird ein »kurzes, hartes Gefecht« geben, prophezeite der Boß der Bergleute, Joseph Gormley, 54. Lord Stokes, Chef des Automobilkonzerns »British Leyland« pflichtete dem Bergmann bei: »Sie wissen, daß die Nation Ihnen ausgeliefert ist.«

Nur noch Wahlen, so meinen die Konservativen, könnten den Gewerkschaften demonstrieren, daß die Mehrheit ·der Briten die Arbeiter-Organisationen und nicht etwa die »Maginot-Mentalität« ("New Statesman") des Tory-Premiers Edward Heath für die derzeitige Misere verantwortlich macht.

Und am Donnerstag letzter Woche entschied auch der Premier: Drei Jahre und acht Monate nach seinem Einzug in die Downing Street 10 wird er dem Volk die Vertrauensfrage stellen, obgleich das »Gallup«-Institut seinem Labour-Kontrahenten Harold Wilson in der letzten Woche eine Wählermehrheit von drei Prozent prophezeite.

Der Premier glaubte nicht länger zögern zu dürfen: In dieser Woche noch muß Britanniens Stahlindustrie die Produktion auf 60 Prozent reduzieren. Vier Millionen Arbeitslose bis Ende Februar prophezeiten Wirtschafts-Experten, Stromsperren bis zu neun Stunden täglich sind wahrscheinlich.

»Wollen die etwa kämpfen bis die Regierung oder die Bergleute vor Erschöpfung zusammenbrechen«, fragte der Labour-Abgeordnete Denis Healey im Unterhaus. Der »Daily Mirror«. der noch vor zehn Wochen fragen konnte »Werden alle verrückt?«, bestätigte nunmehr der Nation: »Wir sind alle vom Wahnsinn befallen.«

Zwölf Wochen lang verweigerten die Bergarbeiter nur die Oberstunden, reduzierten sie ihre Förderung (letzte Woche> auf 48 Prozent und zwangen die britische Industrie bereits seit Anfang Januar zur Drei-Tage-Woche. Ihre Forderung: Lohnerhöhung über die von den Konservativen bewilligten 16,5 Prozent hinaus.

Siebeneinhalb Stunden verhandelte Edward Heath in drei Monaten direkt mit den drei Bergarbeiter-Führern, die allesamt Ex-Kumpel sind. Fast 16 Stunden diskutierte er mit den Führern des britischen Gewerkschaftsbundes TUC über Duschdauer der Kumpel und Einfahrzeit in die Gruben.

Nach sechs Meetings der Gewerkschafter mit dem Premier entschied Kumpel-80ß Gormley, ehemals Hauer in Lancashire: »Keine Verhandlungen. bis wir mehr Geld auf dem Tisch sehen.« Arbeitsminister William Whitelaw nach dem Streik-Beschluß der Kumpel, den 81 Prozent unterstützten: »Eine Pistole am Kopf, das ist eine merkwürdige Methode, in diesem Land Meinungsverschiedenheiten zu beheben.«

Den Griff zur Pistole scheuten freilich auch die Konservativen nicht: Im Fernsehen drohte Edward Heath, möglicherweise würden den Streikenden, die von ihrer Gewerkschaft keine finanzielle Unterstützung erhalten, die Sozialzulagen für die Familien (für einen Kumpel mit zwei Kindern etwa 45 Mark pro Woche) gestrichen werden.

»Wir müssen dokumentieren«, beharrte Energie-Minister Lord Carrington, »daß sich Extremismus nicht auszahlt.« Zunächst sollten die Kumpel ihren Überstunden-Boykott aufgeben, dann erst sei die Regierung bereit zu diskutieren, ob die Bergarbeiter als ein »Special Case«, eine Ausnahme, angesehen und über die bewilligte Lohnerhöhung hinaus bezahlt werden könnten.

Gleichgültig, so schien es, war es Konservativen und Kumpeln bei dieser Rangelei um Prozente und Prinzipien, daß die Nation zunehmend »auf die Straße des wirtschaftlichen Zusammenbruchs geriet« ("Guardian").

Abgeordnete wie Michael Foot, aber auch Industrielle waren sich einig: »Edward Heath wird zahlen müssen, und zahlen, was die Bergleute fordern.« Auch der Einsatz von Soldaten, erkannte Gewerkschaftsführer McGahey, einer von sechs Kommunisten im 27 Mitglieder umfassenden Kumpelvorstand, ändere nichts: »Bajonette graben keine Kohle« -- die Hafenarbeiter und Eisenbahner hatten bereits ihre Solidarität erklärt, der Nachschub von außen wird blockiert.

120 der 174 britischen Kraftwerke werden jedoch mit Kohle beheizt, Kohle versorgt die Nation (Jahresproduktion: 130 Millionen Tonnen, geschätzte Reserven: 160 Milliarden Tonnen) mit rund 40 Prozent des Energiebedarfs.

Nur 261 Gruben (1947: 1160) sind heute noch in Betrieb, die meisten davon sind veraltet. In etwa 20 ziehen noch Ponys die Kohle durch den Streb. In anderen arbeiten »nur noch wir Affen«, so ein verbitterter Kumpel -- oft noch vor dem Kohlenstoß bis zur Hüfte im Wasser. 7638 Kumpel verloren seit 1947, dem Jahr der Verstaatlichung britischer Bergwerke, ihr Leben. Voriges Jahr ermittelten Mediziner bei 626 Steigern und Hauern Staublungen.

Wohl wußte auch Edward Heath, der die aufsässigen Bergarbeiter nach Meinung Harold Wilsons mit einer »Politik der kalkulierten Feindschaft« verfolgt, daß »wir jede Tonne Kohle brauchen«. Die von seiner Regierung als außerordentlich großzügig betrachteten 16,5 Prozent Lohnzulage aber bekommen allenfalls die Hauer, und die auch nur, wenn sie in Nachtschicht, an Wochenenden und im Akkord schaffen.

Bis 1957 noch, so argumentieren die Kumpel, verdienten sie 25 Prozent mehr als der Industriearbeiter-Durchschnitt. Die Umstellung auf Ölversorgung drückte ihre Löhne. Heute verdienen sie weniger als die Beschäftigten der Automobil- und der Stahlindustrie. weniger als Elektriker, Eisenbahner, Arbeiter in den Brauereien und Werften.

Ein Hauer (verheiratet, drei Kinder) muß mit netto 193 Mark pro Woche auskommen, etwa der Hälfte dessen, was ein Kumpel in der Bundesrepublik verdient.

Für die Förder-Steiger, die jetzt einen Wochenlohn um 155 Mark erhalten, fordern die Gewerkschaften 210 Mark, Sicherheitssteiger und Fördermaschinisten sollten 240 Mark (derzeit 165 Mark) erhalten, und für die Hauer forderte die Kumpel-Organisation rund 50 Mark mehr -- für die Konservativen übertriebene Forderungen.

James Prior, Stellvertretender Parteivorsitzender der Konservativen, glaubt: »Wir sind in den letzten Wochen so weit gegangen, wie wir konnten.« in diesem Wahlkampf aber, so fürchten nun die Politiker, werde jener Haß und politische Zynismus wiedererweckt, der »die 30er Jahre charakterisierte« (Abgeordneter William Hamling). Enoch Powell. Tory-Rechter und Kontrahent des Premier« entschied, nicht zu kandidieren, weil »diese Wahlen unverantwortlich sind«.

Dahinsiechen könnte im Konflikt zwischen Kumpeln und Konservativen die Jahrhunderte alte Tradition geheiligter britischer Lebensart, die Winston Churchill einst rühmte -- gewonnen werden kann so gut wie nichts. »Was sollen diese Wahlen wohl ändern?«, fragte Bergarbeiter-Chef Joe Gormley: »Das Problem bleibt.«

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