Zur Ausgabe
Artikel 11 / 89
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

AUSSENPOLITIK Von 11 bis 15

Hans-Jochen Vogel zog mit Amtsvorgänger Brandt gleich: Gorbatschow nahm sich vier Stunden Zeit für ihn. *
aus DER SPIEGEL 20/1988

Als Hans-Jochen Vogel am Mittwoch nachmittag letzter Woche, vom Kreml kommend, in der westdeutschen Botschaft zur Pressekonferenz erschien, konnte er eine gewisse Genugtuung nicht verbergen. Gleich viermal streute er ein, daß sein Gespräch mit dem Generalsekretär Michail Gorbatschow vier Stunden gedauert habe: »von 11 bis 15 Uhr«.

Die Angabe war verständlich. Denn der SPD-Vorsitzende wußte, daß sein Termin beim Sowjet-Boß an dem seines Amtsvorgängers gemessen werden würde. Willy Brandt hatte im April mit einem vierstündigen Gorbatschow-Gespräch einen Maßstab für bundesdeutsche Moskau-Reisende gesetzt.

Daß er mit dem Weltpolitiker Brandt gleichziehen konnte, freute Vogel um so mehr, als vor der Abreise noch offen gewesen war, ob er den Generalsekretär gleich zu Beginn seiner Visite oder erst - fürs Medienecho weniger günstig - am Freitag treffen würde. Doch schon bei der Ankunft löste sich die Spannung. Wie bei Brandt war zur Begrüßung auf dem Flughafen der fürs Internationale zuständige ZK-Sekretär Anatolij Dobrynin erschienen. Der langjährige Sowjet-Botschafter in Washington und Gorbatschow-Vertraute teilte Vogel mit, der Generalsekretär freue sich auf die Begegnung am Mittwoch morgen.

In seinem Arbeitszimmer im Kreml begrüßte dann ein sichtlich aufgeräumter Gorbatschow den deutschen Chef-Sozi und seine Begleiter. Nach einigen Artigkeiten über die guten Beziehungen zwischen SPD und KPdSU brachte Vogel das Gespräch rasch auf den Umbruch in der Sowjet-Union selbst.

Gorbatschow machte auch diesmal keinen Hehl aus den Problemen seiner Reformpolitik. Gewiß stehe die »ganz breite Mehrheit des Volkes« hinter Perestroika; sie sehe ein, daß eine »kardinale Umgestaltung und nicht nur kosmetische Veränderungen« nötig seien. Doch müsse man verstehen, daß der »Prozeß der Umsetzung« die Gesellschaft »besonders stark beansprucht«, zumal viele Elemente dieser »Revolution« (Vogel: »Der Begriff ist nicht zu hochgegriffen") parallel vorangetrieben werden müßten: der Abbau der bürokratischen »Kommandowirtschaft«, Preisreform, Wirtschaftlichkeitsrechnung und Qualitätsprüfung ebenso wie die Schaffung eines »sozialen Rechtsstaats«, die offene Diskussion unter dem Zeichen »Glasnost« und die Auseinandersetzung mit der jüngeren Geschichte.

Gorbatschows Lagebeurteilung: »Wir treten jetzt ein in die wohl schwierigste Etappe.« Und mit seinem beliebten rhetorischen Mittel, der selbstgestellten Frage, machte er gleich klar, daß er sich nicht unterdrücken lassen will: »Haben wir nun Angst in der Führung?« Antwort: »Nein, wir wissen, es wird nicht einfach, aber das Volk ist dafür.«

Nicht minder selbstbewußt kommentierte der Sowjet-Führer westliche Stimmen zum Perestroika-Prozeß. Die einen meinten, es müsse noch viel schneller reformiert werden, weil das überkommene System zusammenzubrechen drohe: »Wir beurteilen das besser.« Andere würden plötzlich unruhig, weil sie den Erfolg von Perestroika fürchteten. Aber so wie die Sowjet-Union sich demokratisiere und eine neue Dynamik entwickle, werde auch »Amerika sich verändern«.

Bei allen erzielten Fortschritten in der Abrüstung, so Gorbatschow weiter, suchten die USA noch immer nach »Schleichwegen«; sie bestünden »hartnäckig auf Abschreckung« und einer »Politik der Stärke«. Vor allem eine Verwirklichung der US-Weltraumrüstung würde »eine sehr ernsthafte Destabilisierung« bedeuten. Gorbatschow: »Wir sind nicht dagegen, weil wir keine Antwort wüßten, sondern wegen der unabsehbaren Folgen.«

Vogel entgegnete, er habe bei seinem jüngsten USA-Besuch seine Überzeugung bestätigt gefunden, daß dort - ebenso wie im übrigen Westen - der feste Wille zur Abrüstung bestehe. Nur müsse man für die Amerikaner ein »gewisses Maß an Geduld« aufbringen, weil deren Politik derzeit stark von der bevorstehenden Präsidentenwahl geprägt werde. Vogel: »Ich lade zum Optimismus ein, der Abrüstungsprozeß ist nicht mehr umkehrbar.« Gorbatschow: »Ich sehe, der SPD-Vorsitzende ist Optimist und Realist zugleich.«

Einen anderen deutschen Realisten hatte der Russe schon vorher gewürdigt: Franz Josef Strauß sei ein »sehr interessanter Gesprächspartner«. Er erinnere sich noch gut, so Gorbatschow, wie der CSU-Chef und seine Freunde einst mit Worten wie »Verrat« gegen Brandts Ostpolitik angerannt seien. Jetzt aber sehe Strauß, der dabei an seinen »konservativen Wertvorstellungen« festhalte, die »Friedenssicherung in nüchterner und realistischer Weise": »So kann man miteinander reden, so kann man die Welt verändern.«

Katholik Vogel ergänzte die Einschätzung seines atheistischen Gegenüber mit dem Bibelwort vom bußfertigen Sünder, der dem Herrgott lieber sei als 99 Gerechte. Und als Gorbatschow später noch einmal Zweifel an der Ernsthaftigkeit westlicher Politiker in Sachen Abrüstung anmeldete, kam der Obersozi auf den Oberbayern zurück: »Aber Herr Generalsekretär, Herrn Strauß haben wir doch gerade in eine andere Kategorie eingereiht.«

Der nächste Deutsche steht schon vor dem Kreml-Tor. Wirtschaftsminister Martin Bangemann, erst letzte Woche zur 16. Gesprächsrunde der deutschsowjetischen Wirtschaftskommission in Moskau, kreuzt an diesem Montag erneut in der roten Metropole zu einem seit langem verabredeten Gespräch mit Ministerpräsident Nikolai Ryschkow auf. Und bei der Gelegenheit will auch Gorbatschow dem FDP-Vorsitzenden die Ehre geben.

Es darf wieder auf die Uhr geschaut werden.

Zur Ausgabe
Artikel 11 / 89
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.