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PERSIEN Von Bett zu Bett

aus DER SPIEGEL 1/1952

Persien war in der letzten Woche - nach den Worten eines schadenfrohen britischen Korrespondenten - »ein Irrenhaus in Brand«. Der Irrsinn konzentrierte sich am dichtesten im Majlis, dem Unterhaus des persischen Parlaments, dessen Gänge und Zimmer von einer Art hysterischem Nachtlager von Granada erfüllt war. Dort, in den sakrosankten Räumen, haben die Oppositionellen der Rechten und Linken vor dem randalierend durch die Straßen Teherans ziehenden Mob der extremen Mitte, der Nationalen Front Mohammed Mossadeqs, Zuflucht genommen.

Schauspieler probten auf einem Gang, aus ihren Büros vertriebene oppositionelle Redakteure schrieben, in einem Zimmer zusammengedrängt, feurige Leitartikel gegen die »Mißwirtschaft« und die »betrügerischen Wahlmanöver« der Mossadeqelique. Sie verkündeten letzte Woche zusammen mit dem auf einem Feldbett auf dem Gang hockenden Oppositionsführer Imami, daß sie den »Majlis nicht verlassen, ehe nicht das Mossadeq-Regime fällt«.

Hin und wieder trafen sich sämtliche Bewohner des Hauses (etwa 500) im Sitzungssaal, um sich gemeinsam mit den Abgeordneten gegenseitig zu beschimpfen und zu prügeln, während der Straßenmob, nach dem Blut der Mossadeq-Gegner schreiend, an den Toren des Parlaments rüttelte.

Trotz der Angst vor den Nationalisten wächst die Zahl der Mossadeq-Gegner. Grund: der Westen braucht das persische Oel nicht mehr. Die Anglo-Iranische Oelgesellschaft hat durch Ausbau ihrer Kuweit-Produktion ohne die Abadan-Raffinerie bereits zwei Drittel ihrer früheren Produktion wieder erreicht. Alle früheren Kunden haben das persische Ultimatum, sofort wieder Oel zu kaufen oder alles an den Ostblock verkauft zu sehen, gänzlich ignoriert, denn die Ostblock-Staaten können sich das Oel nur per Schiff holen (eine Oelleitung über das nordpersische Gebirge ist sehr schwer zu bauen). Sie besitzen aber von den 1955 Oeltankschiffen der Weltflotte nur 23.

Persien ist pleite. Auch die USA haben keine Anleihe gewährt. Eine Not-Staatsanleihe innerhalb Persiens schlug fehl - aus Geldmangel. Das einzige flüssige Geld in der Staatskasse war letzte Woche eine eben gewährte persönliche Anleihe des Schahs von kümmerlichen 1,2 Millionen DM.

In dieser katastrophalen Lage bereut Premier Mossadeq den Entschluß, den er faßte, als er voller Selbstvertrauen aus USA zurückkam: allgemeine Parlamentswahlen abzuhalten. Jetzt versucht er raffiniert, die Wahlen hinauszuzögern, bis sich die Situation irgendwie geklärt hat. Er verbot der Opposition, den Rundfunk zur Wahlpropaganda zu benutzen.

Durch Vergrößerung der lokalen Wahlkomitees von 36 auf 108 Delegierte will er eine absolute Mehrheit seiner Parteigänger

in den Ausschüssen erzielen, um so die in Persien üblichen Wahlbetrügereien decken zu können. Deshalb trat der Generalgouverneur von Teheran zurück, deshalb kam es zu blutigen Zusammenstößen zwischen Opposition und Nationaler Front in Orten der Nordprovinz (am Kaspischen Meer), wo der Wahlakt langsam anläuft. Doch Verzögerungen, Verwirrungen treten ein, niemand sieht mehr durch.

Schah Reza Pahlevi hat dem terroristischen Treiben Mossadeqs bisher nur ängstlich zugeschaut, aber die energische Königinmutter ergriff Partei. Sie schickte den oppositionellen Redakteuren und Politikern vorletzte Woche eine Trostbotschaft, Körbe mit Geflügelbraten und Pasteten ins Parlament. Als Mossadeq davon hörte, versuchte er erregt, eine Entscheidung über die Stellung des Hofes zu erzwingen. In einer Note protestierte er beim Schah ultimativ gegen die »Einmischung« der Königinmutter, andernfalls er zurücktreten werde. Die Königinmutter solle Teheran verlassen.

Der Schah, der noch nie wegen seiner Willensstärke aufgefallen ist, zuckte vor Mossadeqs Drohung zurück. Mit Erkältung bettlägerig, schickte der Schah seinen Hofminister Ala zum vor Erschöpfung bettlägerigen Mossadeq, um ihn der vollen Unterstützung des Schahs zu versichern. Doch die Königinmutter weigerte sich, Teheran zu verlassen, und warnte ihren Sohn - Berichten aus Teheran zufolge - , daß es Mossadeqs Ziel sei, ein Mitglied des Hofes nach dem anderen zu exilieren, bis auch der Schah selbst an der Reihe sei.

Des Schahs einziger Schutz und Trost vor den rabiaten Nationalisten: seine bisher noch treue, disziplinierte Armee. Der hitzköpfige Mossadeq aber scheint sich halb bewußt zu sein, daß er schon im Rachen seiner eigenen Revolution steckt. Letzte Woche rief er überschnappend im Parlament: »Der letzte Wunsch am Ende dieses meines Lebens ist der Wunsch nach Wahlen in Freiheit ...«

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