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SPIEGEL Essay Von Christen, Römern und Grünen

von Wilhelm Bittorf
Von Wilhelm Bittorf
aus DER SPIEGEL 15/1980

Der Kirchenvater Augustinus aus Nordafrika führte bis ins Mannesalter hinein ein lustbetontes Leben voller Wißbegier und intellektueller Regsamkeit. Dann ging ihm das Licht des Glaubens auf. Er zog sich aus der Welt der Sinne und der materiellen Zusammenhänge zurück und riet seinen Mitmenschen, es ihm gleichzutun. Er warnte Wissensdurstige:

»Es ist diese krankhafte Neugier ... Sie ist es, die dazu verleitet, das Verborgene der Natur, die außer uns ist, zu erforschen, das zu wissen für nichts gut ist ... In diesem ungeheuerlichen Walde voll lauernder Gefahr, mag ich schon manches aus meinem Herzen hinausgeworfen haben, wozu mir Du, Gott meines Heils, die Kraft gabst; dennoch, wann werde ich sagen dürfen, daß nun nichts dergleichen mich mehr ziehe, es anzuschauen und mit nichtiger Wichtigkeit darauf einzugehen? ... Der Gestirne Lauf zu kennen, kümmert mich nicht.«

Wissenschaft ade. Forschergeist? Nein danke. Statt dessen Rückzug in christliche Innerlichkeit, in fromme Abstinenz. Die Worte des Augustinus waren der Schwanengesang der Antike.

Die technischen Meisterwerke und Lebensadern der römischen Zivilisation, die Aquädukte, verfielen. Über die grandiosen Fernstraßen des Imperiums zogen nurmehr Scharen blonder Barbaren und die barfüßigen Sendboten des Heilands. Als Augustinus im Jahre des Herrn 430 im algerischen Hippo starb, wurde die Stadt gerade von den Wandalen belagert. Das Mittelalter begann, jenes fortschrittsfreie Jahrtausend des Nullwachstums, das dennoch eine neue Kultur hervorbringen sollte.

Frage: Befinden wir uns heute nicht in einer zumindest vergleichbaren Situation? Spielen nicht die Grünen nebst all den anderen zivilisationsverdrossenen Sekten und Kulten heute eine ähnliche Rolle wie in der Spätantike die Christen und all die anderen zoroastrischen und mithrastischen Erlösungskünder aus dem Orient?

Manifestiert und bewirkt die grüne Bewegung nicht eine ähnliche Abkehr von den Werten und Prioritäten der bestehenden Gesellschaft, wie sie sich bei den Römern vollzog, als diese anfingen, sich für okkulte Zeremonien mehr zu interessieren als für Straßenbau, und die Unsterblichkeit ihrer Seele ihnen wichtiger wurde als der Kolonialhandel im Mittelmeerraum? Waren sie nicht auch ihrer lärmenden und übelriechenden Städte so überdrüssig, daß sie nur noch von einem stillen grünen Tuskulum träumten?

Wissenschaftsfeindlichkeit und unterschiedslose Verteufelung der Technik, Sehnsucht nach dem Simplen und pubertäre Träume von der Rückkehr in die Natur -- all das spielt ohne Zweifel ganz erheblich mit bei den Grünen und ihren Wählern.

Gar nicht zu leugnen ist auch der Einfluß des Generationskonflikts: Da geht es gar nicht so sehr um ökologische Sorgen und die Wonnen radelnder Askese. Da liefern Atomkraft und Umweltkrise nur den Anlaß für das trotzige Vergnügen, herumzusägen an all den Errungenschaften der Vätergeneration, herumzusägen an Papas Stolz -- an den Potenzprothesen seiner Technologie, an seinen Kraftmaschinen und Atom-Eiern. Was für ein Spaß für die Jungen, den Alten unter die Nase zu reiben, daß ihre ach so vielgerühmte Tüchtigkeit nur in die totale Sackgasse führt]

Und doch ändern dubiose Motive und Ideen nichts daran, daß die Grünen unserer Gesellschaft einen außerordentlichen Dienst erweisen, einen lebenswichtigen Dienst, zu dem die bestehenden politischen Organe dieser Gesellschaft außerstande wären.

Man muß ja kein hohlwangiger Rohköstler sein, um an einer Bundesregierung zu zweifeln, die zu hasenherzig ist, um längst überfällige Geschwindigkeitsbegrenzungen einzuführen, doch jede Menge Mut zur Kernkraft hat.

Man leidet auch nicht an einem durch makrobiotisches Gemüse und meditative Kopfstände verursachten Verfolgungswahn, wenn man sich an Leib und Leben bedroht fühlt von Politikern wie den SPD/FDP-Regenten Hessens, die zum Bau einer Wiederaufbereitungsanlage für Kernbrennstoff grimmig entschlossen sind, sich aber zugleich als unfähig erweisen, auch nur die giftigen Abwässer der Farbwerke Hoechst unter Kontrolle zu bekommen.

Holger Börner, der Chef dieser famosen Truppe, versteigt sich dazu, seinen hannoverschen Amtskollegen Albrecht im Fernsehen der »Feigheit« zu zeihen, weil er in Gorleben vor dem Protest der Grünen zurückgewichen sei und keinen Bürgerkrieg riskieren wollte. Wie? Betrachtet Börner den Streit um die Atomenergie als eine Art Risikosport, bei dem verliert, wer zuerst Vernunft zeigt? Als einen Showdown, bei dem er den John Wayne mimt?

Er lasse sich das aus Verantwortung für die Zukunft unseres Volkes einmal als notwendig Erkannte nicht von einer Fünf-Prozent-Minderheit kaputtmachen, erklärt der hessische Ministerpräsident und getreue Knappe des Kanzlers. Das hätte auch Bismarck sagen können über die Minderheit von Sozialdemokraten, die ihm seinerzeit so lästig waren, wie es die Grünen den Etablierten heute sind. Börner und seine Gesinnungsgenossen in den eingesessenen Parteien lassen wenig Zweifel, daß sie mit den Grünen am liebsten auch so umspringen würden wie Bismarck 1878 mit den Sozialisten.

Denn eine Furcht, ähnlich wie die damals vor der Arbeiterbewegung, geistert durch die etablierten Parteien, eine Furcht, die nur vordergründig mit dem Durcheinander zu tun hat, das die Grünen bei der Bundestagswahl anrichten könnten. Diese Furcht entspringt in Wahrheit einer vollkommen panischen Vorstellung von dem, was in diesem Land passieren könnte, wenn das wirtschaftliche Wachstum dauerhaft stagnieren oder sogar schrumpfen sollte; wenn die Politiker ihren Wählern nichts mehr schenken können und ihnen womöglich etwas wegnehmen müssen.

Die Bonner Parteien zittern vor einer solchen Situation wie die Herren der DDR bei dem Gedanken an eine Öffnung ihrer Westgrenze. Denn auch die Bonner trauen ihrem Michel nur so weit, wie Aussicht besteht, dieses Volk, den großen Tölpel, reichlich satt, warm und motorisiert zu erhalten. So eingefleischt ist bei uns die Meinung, die Demokratie sei im Grunde doch bloß eine Luxuspflanze, die nur in Üppigkeit gedeihe und im ersten rauhen Anhauch ersterbe, daß ein hypothetischer Rückgang der Realeinkommen auch nur auf das noch immer wirtschaftswunderliche Niveau von 1970 in Bonn (und nicht nur dort) sogleich Visionen eines flammenden Infernos heraufbeschwört.

Das ist die Angstpsychose, die sich hinter der »Verantwortung für die Zukunft unseres Volkes« verbirgt. Sie ist das wahre Motiv, das die Politiker dazu treibt, die atomaren Belastungen und Risiken hinzunehmen -- das Risiko eines höchst realen flammenden Infernos eingeschlossen. Aus ihr erklärt sich die Kernkraft-Kühnheit der Verantwortlichen ebenso wie ihre schlotternde Bänglichkeit, wenn es darum geht, den verschwenderischen Umgang mit Energie in diesem Land zu bremsen.

Die Furcht, daß es mit ihnen und der Demokratie vorbei sein könnte, sobald der materielle Standard nicht weiter steigt oder gar sinkt, sitzt in den Herzen und Hirnen der Bonner Parteien wie ein Starrkrampf. Sie hemmt das Denkvermögen. Sie macht die Etablierten zu Gefangenen einer in ihrer Plattheit kaum mehr erträglichen Technokraten-Mentalität. Sie läßt ihnen auf die grüne Herausforderung hin nichts anderes einfallen als kleinstkarierte Häme S.29 (wenn ausgerechnet Lothar Späth die Grünen eine »Partei der Wohldotierten« nennt), als nervöse Prozentzahl-Knobeleien und stereotype Warnungen vor Strauß. Doch neben der Frage, die von den Grünen und von der Zukunft aufgeworfen wird, wirkt die Entscheidung zwischen Schmidt und Strauß in der Tat beinahe zweitrangig.

Die Zukunft wird uns unweigerlich zwingen, an dem heute erreichten materiellen Standard Abstriche zu machen -- und zwar auch dann, wenn wir mit dem Mut zur Kernkraft dagegen ankämpfen, statt uns zu anderen Methoden zu entschließen, wie man Energie erzeugen und vor allem sorgsamer nutzen kann. Abstriche, wohlgemerkt, und Anlässe zu spürbar mehr Sparsamkeit stehen uns ins Haus -- kein Massenelend wie in der Weltwirtschaftskrise, kein jähes Wiedersehen in der Hungerschlange vor der Suppenküche.

Die Grünen haben das begriffen und sind zu solchen Abstrichen aus freier Einsicht bereit, weil sie es wichtiger finden, ohne Kernenergie auszukommen und die Umwelt in jedem Sinne nicht noch weiter zu verwüsten. Sie sind die ersten und bislang einzigen im Land, die dem Ende des Wachstums gelassen entgegensehen und den kommenden Zwängen sogar eine positive Seite abgewinnen, sie als Chance begreifen.

Das Bonner Kartell der Angst dagegen kommt von dem Trauma nicht los, das der Untergang der Weimarer Republik hinterlassen hat. Man vergißt darüber, daß die gewachsenen und gefestigten Demokratien den gleichen Krisensturm, der Weimar dahinraffte, durchaus bestanden haben. Die Vereinigten Staaten sind sogar mit erneuerten Institutionen und mit mehr Demokratie als vorher aus den Tiefen der Depression hervorgegangen.

Das verzagte Bonner Credo aber besagt, daß die Deutschen noch immer nicht durch Überzeugung, sondern nur durch Überfütterung bei der demokratischen Fahne zu halten seien -- ein herablassend technokratischer, ein paternalistisch bevormundender, ein menschenverachtender, ein viehzüchterischer Standpunkt.

»Wenn die Industriegesellschaft ohne Atomkraft nicht weiterbestehen kann, dann hat sie wirklich ihre Grenzen erreicht, ohne Atomkraft und mit«, meinte Jean Daniel im Pariser »Nouvel Observateur« nach Harrisburg. Und wer glaubt, daß die freiheitliche Gesellschaft nur durch den Bau von immer weiteren Atomanlagen und schließlich nur noch durch Schnelle Brüter aufrechtzuerhalten sei, bekundet im Grunde einen noch schwärzeren und irrationaleren Defätismus als ein antiatomarer Unheilsprophet, der uns alle schon radioaktiv krepieren sieht.

Höchste Zeit deshalb, gegen diese Gesinnung anzugehen. Höchste Zeit zu begreifen, daß es künftig keinesfalls mehr darauf ankommen kann, durch materielle Wohlstandsexpansion um jeden Preis Demokratie zu ermöglichen. Es wird nur noch um die ungleich schwierigere Frage gehen, wie wir Freiheit und Demokratie gerade dann bewahren und beleben können, wenn die materielle Basis der Gesellschaft stagniert und schrumpft, statt zu wachsen.

Gewiß sind dabei die grüngetünchten Roten nicht von Nutzen, die auf diesem Umweg doch noch zu ihrem Ziel zu gelangen hoffen. Ihre Formel, daß kommende Krisen zum Sozialismus führen, ist indes nur das Pendant zu der ebenso einfältigen Bonner Gleichung Wachstum gleich Demokratie -- und mehr Wachstum gleich mehr Demokratie.

Ähnliches gilt für das kulinar-marxistische Eiapopeia vom Himmel-auf-Erden, mit dem sich Rolf Schneider im vorletzten SPIEGEL über die ergrünten Genossen, über die Misere des realen Sozialismus und über die Grenzen der ökonomisch-technischen Expansion hinwegzutrösten versucht. Marxens und Brechts Träume von den Freuden, die bei höchster Entfaltung der Produktivkräfte allen Menschen winken, sind heute ebenso überholt wie die kapitalistische Vision vom endlosen Fortschritt -- oder Hugh Hefners verbrauchsintensive Playboy-Phantasien.

Die Christen im späten Imperium Romanum erregten Anstoß und Spott mit ihren merkwürdigen Heiligen, ihren strengen Diätvorschriften und wunderlichen Wertvorstellungen. Edward Gibbon, der große britische Geschichtsschreiber, hat ihnen deshalb einen Teil der Schuld gegeben am Niedergang des Römischen Reichs -- so wie die Etablierten den Grünen jetzt schon die Schuld geben an den kommenden mageren Jahren.

Es ist wahr, die frühen Christen hatten nur ein Thema, ganz wie die Grünen. Zur imperialen Rüstungspolitik und zur Beseitigung der Lieferschwierigkeiten in den Getreide-Provinzen hatten sie wenig beizutragen. Aber sie waren nicht schuld an der Krise, die viel eher von dem unersättlichen Expansionismus der Herrschenden herrührte und von der nur scheinbar rationellen agrarischen Großwirtschaft der Latifundien, die das Land ausgepowert hatte.

Die Christen ahnten oder sahen die Krise nur voraus und stellten sich beizeiten darauf ein. Sie entwickelten eine Ideologie für bescheidene Leute und für bescheidenere Zeiten, eine Ideologie, die dem Seelenheil einen höheren Wert beimaß als dem kaum mehr erreichbaren äußeren Erfolg des einzelnen. Und siehe da -- die neue Moral, die Selbstbescheidung und der Gemeinschaftsgeist der Gefolgsleute des Erlösers erwiesen sich in der bösen Welt als eine äußerst erfolgreiche Überlebensstrategie. Die Christen waren es und niemand sonst, die aus den Wirren der Übergangsepoche als Sieger auftauchten und ganz Europa geistig eroberten.

Natürlich wirkt ein solcher Vergleich erst einmal sehr weit hergeholt -- fast 2000 Jahre weit. Aber vielleicht eröffnet er doch eine Perspektive, die zu einem besseren Verständnis verhilft für das, was sich nicht nur in diesem Land abspielt.

Die Grünen sind keine spätantiken Christen -- obwohl bei ihnen in dogmatischen Fragen eine beinahe ebenso große Konfusion herrscht wie unter den Kirchenvätern in den Tagen des Augustinus. Sie sind keine Christen, aber sie bereiten unsere Gesellschaft auf große Veränderungen vor, denen die Etablierten noch immer, sie wissen nicht wie, zu entrinnen hoffen.

Vor zehn Jahren traten die »Freunde der Erde« in Amerika erstmals auf und forderten »Zero-Growth« -- Nullwachstum. Sie hielten es nicht für das Ende der Welt, sie hielten es für die einzige Rettung vor den Exzessen des Booms. Reaktion: ein weltweites Schütteln der Köpfe.

Heute stehen wir vor diesem Nullwachstum -- was aber Minister und Müllkutscher gleichermaßen nicht daran hindert, weiterhin die Augen zu verschließen und so zu tun, als könnte diese Gesellschaft vor dem Gespenst des »Verteilungskampfs« und von ihren sozialen Problemen in alle Ewigkeit mit 6,6 Prozent mehr pro Jahr davonlaufen.

Erst die Grünen haben Front gemacht und könnten auch die anderen zwingen, es zu tun. Erst die Grünen haben mit der Besinnung, mit der Umwertung der Werte begonnen, die uns helfen könnte, uns diesen Widersprüchen zu stellen, ohne daß Freiheit und Demokratie zusammen mit der Fettlebe zum Teufel gehen. Die Auseinandersetzung mit den Grünen könnte auch bei ihren Gegnern den geistigen Wandel in Gang setzen, den wir wahrhaftig noch dringender brauchen als alternative Energien und Arbeitsplätze.

»Wieviel Erde braucht der Mensch?« Das war die große Frage im Rußland Tolstois. Für die meisten Bewohner dieses Planeten ist es noch immer eine Frage auf Leben und Tod. Haben wir im Ernst geglaubt, daß ausgerechnet wir auf die Dauer um solche Fragen herumkommen würden?

Wieviel Erdöl braucht der Mensch? Wieviel Atomstrom zu seinem Glück?

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