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Von der Gosse in den Himmel

aus DER SPIEGEL 29/1949

In den Rathauslichtspielen, Münchens 62. Nachkriegskino, wurden ehrliche Tränen und ebenso ehrliches Gelächter diskret hinter Taschentüchern unterdrückt. Arthur Maria Rabenalts Comedia-Film »Martina«, eine filmische Deutung der Amateur-Prostitution, wurde in der Uraufführung geteilt aufgenommen.

Die Flakhelferin Martina landet in den letzten Kriegstagen bei einem Zuhälter. Aus Martina Rieß wird Tiny Kuczinsky, die eines Tages vor dem Jugendgericht steht. Auf dem Gerichtsflur begegnet ihr die ältere Schwester Irene, die sich mit psychoanalytischer Arbeit und 300 DM Monatsgehalt in der Sphäre bürgerlicher Anständigkeit bei vollem Film-Wohnungskomfort gehalten hat.

Der Konflikt ist da, als Martina-Tiny, aus der Fürsorgeanstalt entflohen, der Schwester den schwedischen Freund entführt. Nach ihrer düsteren Lebensbeichte kehrt Martina-Tiny in einem unmotivierten Anfall von Großmut in die Fürsorge zurück. Sie will das schwesterliche Glück nicht weiter zerstören.

In einem noch unmotivierteren Rückfall wendet sich das Mädchen nach ihrer Fürsorgeentlassung wieder ihrem früheren Gewerbe zu. Als ihr Stamm-Ganove Donny einem nicht willfährigen Geldfälscher vor ihren Augen den Garaus macht, flieht Martina-Tiny angstgepeitscht unter die Räder eines Lastwagens. In rasendem Tempo geht es auf den Operationstisch, unter das Messer des Chefarztes (Werner Hinz), der inzwischen die Aerztin Irene beruflich und privat betreut.

Die Narkose enthüllt Martinas letztes Geheimnis: Sie leidet unter dem neurotischen Angstkomplex, sie habe einen Mann getötet. Die schwesterliche Psychoanalyse löst das Geheimnis: während Martina-Tiny sich einst durch Würgegriffe eines stürmischen Liebhabers erwehrte, ließ Donny, ihr späterer Zuhälter, den tödlichen Bleistab niedersausen. Er hielt Martina in dem Glauben, sie habe den Mann getötet.

Martina wird seelisch geheilt. Das happy end ist zweifach: Irene und der Chefarzt, Martina und der schwedische Reporter Volker finden sich fürs Leben.

Als die Comedia im vergangenen Jahr in der Presse verkündete, ein Mädchen werde für die Rolle der Martina gesucht, schickten zweitausend deutsche und ausländische Mädchen ihre Bilder. Martinas Radius sollte »von der Gosse bis in den Himmel« reichen. Einige Gesichter verhießen diesen Radius, doch vor der Kamera versagten sie. Jeanette Schultze versagte nicht. Sie heiratete inzwischen Albert Hehn, ihren Ganoven-Partner Donny.

Die Drehbuchautorin Grete Illing und Regisseur Rabenalt wollten mit der Titelgestalt den »Vamp 1949« kreieren. Martina sollte der Vamp werden mit bürgerlicher Vergangenheit, mit der sentimentalen Sehnsucht nach Eltern und dem hübschen Haus. Durch Jeanette Schultzes photogenes, unverbrauchtes Gesicht blieb die Absicht erkennbar.

Der Starentdecker Rabenalt brachte noch ein neues Gesicht auf die Leinwand: Cornell Borchers, einen blonden Irene-von-Meyendorff-Typ. Der Gegensatz zwischen der feurigen Jeanette und der kühlen Cornell wirkte reizvoll.

Noch ein Plus konnte der Film für sich verbuchen. Er wurde als einziger Comedia-Film im blockierten West-Berlin gedreht. Die Tatsache wird im Vorspann gebührend gewürdigt.

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