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GEMEINDEN / REVOLUTIONSFEIER Von der Liebe

aus DER SPIEGEL 46/1967

Am 15. Juli 1932 ging bei einer verbotenen Versammlung kommunistischer Erwerbsloser im Saalbau des Lokals »Zum Friedrichseck« in Langenselbold (Kreis Hanau) das Licht aus. Ein Polizist verlor die Nerven; er erschoß zwei Frauen und einen Mann. Es wurde ein schwarzer Tag der Kommune.

Fünfunddreißig Jahre später, am Sonntag vorletzter Woche, gastierten im gleichen Saal elf schwarzgekleidete DDR-Sängerinnen der Städtischen Bühnen Magdeburg. Die festliche Elf trällerte: »Über das Fleisch, das euch in der Küche fehlt, wird nicht in der Küche entschieden.« Es wurde ein roter Tag der Gemeinde.

Mit Brecht-Songs, Tanz und freier Rede feierten in der einstigen KP-Hochburg rund 250 Friedensfreunde, gewärmt von Schnäpsen und zwei bullernden Kanonenöfen, den 50. Jahrestag der russischen Oktoberrevolution. An der Bühnenwand prangte eine Hammer-und-Sichel-Fahne, für die sich kein Staatsanwalt interessierte.

Den Antrag auf Genehmigung der Gedenk-Fete hatte der Langenselbolder Bürger Helmut Röder gestellt. SPD-Bürgermeister Peter Neugebauer sah keinen Grund zur Ablehnung: »Wenn wir die Leute nicht verkraften können, wer soll"s dann?«

Die Bauarbeiter- und Pflasterergemeinde (9500 Einwohner) mußte früher schon Ähnliches verkraften. Nach dem Ersten Weltkrieg gingen die Dörfler zuhauf zu den Roten. Sie waren und blieben jedoch, wie der Leitende Ministerialrat Adolf Gemmer vom Wiesbadener Innenministerium sagt, »honorige Leute -- Edelkommunisten, die dem anderen nie die Wurstscheibe vom Brot geklaut hätten«.

Doch für ihre Klasse warfen sie notfalls Fensterscheiben ein. Noch im März 1933, als Hitler die KPD auflösen ließ, lag Langenselbold mit einem Anteil von 48,8 Prozent NPD-Stimmen (NSDAP 37,2 Prozent) an der Spitze aller hessischen Gemeinden.

Nicht anders nach dem Krieg: Die Dorf-Kommunisten, verwurzelt im vielfältigen Vereinsleben der Kommune, bekamen in der Kommunalwahl 1946 noch 1400 Stimmen (SPD 1254, CDU 1095), zwei Jahre später sogar 1449 (SPD 1243, CDU 967). Nach dem KPD-Verbot beschlagnahmten Polizeibeamte bei dreißig Familien des Ortes kistenweise Material.

Und auch jetzt verschloß sich das Volk in und um Langenselbold nicht dem roten Ruf. Gäste aus dem gesamten Kreisgebiet kamen in die schmucke Großgemeinde, und im »Friedrichseck« drängten sich Minirock-Mädchen mit Langhaar, Familienväter und Opas samt Hörgerät. Sie hörten:

> Harry Winter, 42, einst Mitarbeiter der KPD-Zentrale in Düsseldorf, heute Spitzenfunktionär und Kreistagsabgeordneter der DFU sowie Geschäftsführer des »Landesfriedenskomitees Hessen«;

> Helmut Röder, 55, von 1952 bis 1956 Kreistagsabgeordneter der KPD, heute Gemeindevertreter der DFU;

> August Schanz, 64, der bereits wegen »Zuwiderhandlung gegen das KPD-Verbot« vor Gericht stand und früher Geschäftsführer der »Nationalen Front« war.

Schanz-Thesen wie »Die Sowjet-Union ist für uns heute die führende Kraft zur Verwirklichung der kommunistischen Weltrevolution« wurden mit Bravo-Rufen bedacht.

Beim Revolutions-Tanz aber (Röder: »Das ist schließlich auch in Moskau so") verglomm der revolutionäre Funke. Unter dem Transparent »50 Jahre Sowjet-Union« spielten die vier »St.-Pauli-Jungs« auf: mit »Ganz Paris träumt von der Liebe«.

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