Zur Ausgabe
Artikel 74 / 124
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Von der Lüge vergiftet

aus DER SPIEGEL 14/1995

Pamuk, 43, ist einer der meistgelesenen Autoren der Türkei. Von seinen in 14 Sprachen übersetzten Werken liegen die Romane »Die weiße Festung« und »Das schwarze Buch« auf deutsch vor.

Die anatolischen Mystiker haben eine uralte Erzählung überliefert: Ein aufgeweckter Jüngling erfährt durch die Prophezeiung eines Weisen von einem Verhängnis. Im Brunnenwasser seines Dorfes befinde sich ein Gift, und wer es trinke, verliere den Verstand und rede irre.

Wie sehr der Junge sich auch bemüht, seine Brüder und Freunde zu warnen, überzeugen kann er niemanden. Um sich selbst zu retten, bleibt ihm schließlich nichts anderes übrig, als das Dorf zu verlassen. Als er nach geraumer Zeit aus Neugier heimkehrt, muß er feststellen, daß alle von dem Wasser getrunken und den Verstand verloren haben.

Obwohl jedermann nur wirres Zeug redet, versucht er, sich wieder an das Dorfleben zu gewöhnen. Aber zu seinem großen Kummer sind jetzt alle der Meinung, daß er verrückt geworden sei, und behandeln ihn wie einen Schwachsinnigen. Dieser Zustand wird ihm so unerträglich, daß er zum Brunnen geht und in vollen Zügen von dem Wasser trinkt, das Geist und Sprache verwirrt.

Was in der türkischen Öffentlichkeit über das Kurdenproblem und den Einmarsch in den Nordirak zu hören ist, erinnert mich an diese alte, liebenswerte wie erschreckende Erzählung. Nicht, daß ich mich einsam fühlte; denn ungeachtet der geballten Medienmacht gibt es eine - wenn auch kleine - vernünftige Opposition, die dafür einsteht, daß das Kurdenproblem nicht mit Panzern, Bomben und Blut zu lösen ist.

Aber da die Regierung keinen anderen Weg kennt als den der Gewalt und des Niederwalzens, wird die gesamte Türkei nach und nach vergiftet; ihre Bürger verlieren den Verstand. Die Wirkung dieses aus staatlichen Quellen träufelnden Giftes breitet sich auf beängstigende Weise in unserer gesprochenen und geschriebenen Sprache aus.

Daß die Invasion im Nordirak weder das Kurdenproblem in der Türkei lösen noch die PKK ausschalten wird, weiß jedermann. Und dennoch will die Lüge nicht weichen; gemeinsam ist es Regierung, Militär und Medien gelungen, der türkischen Öffentlichkeit die Zustimmung zur Invasion als Vaterlandsliebe aufzuschwatzen.

Dabei ist in den vergangenen zehn Jahren, jedesmal im Frühling, der angeblich »letzte Sturmangriff« der Armee gegen die PKK zu einem regelmäßig wiederkehrenden Ereignis geworden wie der flüchtige Frühling selbst. Die Befürworter einer militärischen Lösung wollen nicht begreifen, daß das Kurdenproblem ein Demokratieproblem ist, daß es den Kurden erlaubt sein muß, ihre Sprache, ihre Kultur, ihre Identität nach eigenem Ermessen zu bewahren und zu entwickeln.

Statt dessen setzen sie voller Hoffnung darauf, daß ein schwerer Bombenangriff, ein grenzüberschreitender Feldzug oder die Besetzung strategisch wichtiger Punkte in den Bergen das Problem endgültig aus der Welt schaffen werde.

Heute hat sich die ganze Türkei nicht nur mitschuldig an diesem Mythos der militärischen Lösung gemacht; sie ist auch dessen leidendes Opfer geworden. Ein Beispiel nur, wie Lügen sich unbekümmert in Denkgewohnheiten eingeschlichen und der Türkei ihre Würde geraubt haben (was das Land beileibe nicht verdient): Bis hin zum letzten Stammeshäuptling weiß heute die ganze Welt, daß die aus der Türkei in den Norden des Irak eingewanderten Kurden nicht vor der PKK, sondern vor den Maßnahmen der türkischen Armee geflohen sind - vor allem vor dem Zwang, zum Dorfschützer ernannt zu werden.

Wären sie vor der PKK geflohen, hätten sich diese Kurden bestimmt nicht in den Norden Iraks abgesetzt, der von der PKK kontrolliert wird, sondern in das Landesinnere der Türkei. Aber trotz dieser einfachen Logik, die auch einem zwölfjährigen Kind einleuchten würde, nennen die türkischen Medien gleichlautend mit den Regierungssprechern diese Kurden »Einwanderer, die vor der PKK geflüchtet sind«.

Was wäre, wenn die gewohnheitsmäßigen Lügner die Wahrheit sagten? Käme das einem Sieg der PKK gleich, einem Scheitern der »letzten militärischen Aktion« oder gar dem Untergang des Staates?

Dieser seit zehn Jahren andauernde und alltäglich gewordene schmutzige Krieg hat nicht nur die türkische Öffentlichkeit vergiftet, indem er sie an die Lüge gewöhnt hat. Er hat auch Werte wie Mitleid, Güte, Brüderlichkeit - Grundsteine tausendjähriger Kultur - in kurzer Zeit zerfressen und zerstört. An den Anblick von Leichen im Fernsehen wurde die türkische Öffentlichkeit bereits gewöhnt. Niemandem kam in den Sinn, daß es sich bei den Getöteten um Landsleute handelte. Niemand wagte mehr zu fragen, ja zu überlegen, warum diese jungen Menschen eine Waffe in die Hand nahmen und in die Berge zogen.

Mit einer Einstellung, die dem Mittelalter alle Ehre gemacht hätte, wurde behauptet, daß es sich bei ihnen um »Teufel« handle. Warum sie sich aber mit dem Teufel verbündet hatten, durfte nicht gefragt werden, weil allein diese Frage schon den Zweifelnden vielleicht selbst zum Teufel machte.

Und? Was ist das Ergebnis der militärischen Operation im Norden des Irak? Nicht Trauer über die im Fernsehen gezeigten Toten herrscht vor, sondern tiefes Bedauern, wenn keine Leichen gezeigt werden. So mancher, dessen Bewußtsein durch die Wiederholung der Lüge benebelt wurde, beginnt den Erfolg dieser militärischen Operation anzuzweifeln, weil er nicht genug Leichen gezeigt bekommt; er grämt sich, teilt seine Trauer einer Öffentlichkeit mit, die zusehends die Nerven verliert, beginnt Fragen zu stellen: Ob die PKK etwa vorgewarnt gewesen sei?

Die Armee hat 35 000 Soldaten in Marsch gesetzt, eine Streitmacht, größer noch als die Invasionstruppen auf Zypern im Jahre 1974, und wenn es nach der Ministerpräsidentin Ciller ginge, die mit Geschichtsdaten auf Kriegsfuß steht, könnte man die Invasion im Irak allenfalls mit dem Heldentum der osmanischen Heere im russisch-türkischen Krieg von 1877/78 vergleichen. Doch wo bleiben die erlegten Freischärler, deren Anblick unsere Öffentlichkeit beruhigen soll? Wird die geflüchtete PKK sich nach Abzug der Streitmacht nicht sofort wieder im Nordirak niederlassen, wenn keine Leichen anfallen?

Niemand macht sich Gedanken darüber, daß jeder gefallene Soldat, jeder getötete Jüngling, mag er von der türkischen Armee oder von der PKK erschossen worden sein, die Türkei ein Stückchen weiter von einem dauerhaften Frieden abdrängt. Die PKK-nahen Zeitungen und Zeitschriften standen - als sie noch erscheinen durften - dem nicht nach. Genüßlich berichteten sie von militärischen Erfolgen der Kämpfer der Arbeiterpartei Kurdistans und nannten die Zahlen getöteter Soldaten.

Das Gift des Krieges, das in unsere Seelen eingesickert ist, hat nicht nur die nationalistischen Gefühle beider Seiten angeheizt, es fördert zusehends auch den Zwillingsbruder des türkischen Nationalismus - das Minderwertigkeitsgefühl. Beides zusammen weckt die Sehnsucht nach einer starken Hand.

Eine Ministerpräsidentin, die Proteste des Westens gegen Menschenrechtsverletzungen und die Besetzung fremden Staatsgebiets mit einem Faustschlag auf ihre Schreibtischplatte abschmettert, schmeichelt den Empfindungen breiter Schichten, selbst wenn sie ahnen, daß sie getäuscht werden. Soll Europa uns doch nicht so überheblich mit seinen Menschenrechten die Ohren vollblasen!

Die Eroberung des Nordirak hat die türkischen Medien zu einer schamlosen Wiederaufführung der Golfkriegsspiele inspiriert. Das Fernsehen vergleicht die Piloten mit Tom Cruise aus dem Film »Top Gun« und die Kommandeure mit General Schwarzkopf; es zeigt die Bombardierung von PKK-Stellungen, als handelte es sich um Videogames. Aber am Ende dieser traurigen, postmodernen Walpurgisnacht, dieser Anbetung von Panzern und Gewehren, wird der notleidende türkische Mensch noch ärmer und unglücklicher dastehen.

Während Türken und Kurden, die ein Jahrtausend friedlich nebeneinander gelebt haben, hinterhältig in einen Bruderkrieg getrieben werden, ist die Wirtschaft des Landes zu einem Schweinestall verkommen. Ich weiß nicht, wie lange die Armee trotz westlichen Drucks im Irak bleiben wird. Ob das Abkommen über eine Zollunion mit der Europäischen Union bestätigt werden wird oder nicht, steht dahin.

In alten Zeiten gefiel es den Dichtern der anatolischen Mystik, mehr anzudeuten statt zu erklären. Bezweifelten sie aber, daß ihre Allegorien verstanden wurden, sprachen sie ihre Leser unmittelbar an.

Wenn die Türkei ein Teil Europas werden will, muß sie sich erst einmal wie ein Europäer benehmen. Y

Orhan Pamuk
Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 74 / 124
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.